Modernisierung und Internationalisierung? Landesgeschichtliche Perspektiven auf rheinische Kommunen im regionalen und internationalen Umbruch 1918–1933

Modernisierung und Internationalisierung? Landesgeschichtliche Perspektiven auf rheinische Kommunen im regionalen und internationalen Umbruch 1918–1933

Organisatoren
LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte; Jülicher Geschichtsverein 1923 e.V.; Opladener Geschichtsverein von 1979 e.V. Leverkusen; Kooperationspartner: Portal Rheinische Geschichte; Volkshochschule KulturStadtLev
PLZ
51371
Ort
Leverkusen
Land
Deutschland
Vom - Bis
13.08.2022 -
Von
Anna Maria Ramm, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Als Teil des europäischen Kooperationsprojekts „Stadtentwicklung in der Zwischenkriegszeit in Europa (1918–1939)“ (SEiZiE) veranstalteten die teilnehmenden Geschichtsvereine aus Leverkusen-Opladen und Jülich in Zusammenarbeit mit dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte einen Studientag zu den Trends der Modernisierung und Internationalisierung im landesgeschichtlichen Kontext. Das SEiZiE-Projekt, an dem acht europäische Städte mitwirken[1], untersucht die Stadtentwicklung in der Zwischenkriegszeit. Es will Gemeinsamkeiten und Unterschiede in deren äußerlichen Entwicklung nachzeichnen sowie die Entwicklung des städtischen (Geschichts-)Bewusstseins erkunden. Der Studientag greift diesen Ansatz für das Rheinland auf und bildet zugleich den Abschluss der Online-Vortragsreihe „StadtRäume – Weimar in der Region“, die im Zuge des Projekts von den drei Veranstaltern durchgeführt wurde.

Die Ergebnisse von beiden Veranstaltungsformaten sollen in Form eines Sammelbandes sowie im Rahmen des Internetportals Rheinische Geschichte veröffentlicht werden, wie HELMUT RÖNZ (Bonn) in seiner Begrüßung ankündigte. Nach einem kurzen Exkurs in die Entstehungsgeschichte des Projekts übergab er das Wort an MICHAEL D. GUTBIER (Leverkusen). Dessen inhaltliche Einführung thematisierte die Vielschichtigkeit hinter dem Begriffspaar Modernisierung und Internationalisierung. Das zusammengestellte Studientags-Programm veranschauliche die große Zahl an verschiedenen Blickwinkeln und Zugangsweisen.

Die erste Sektion, die von WOLFGANG HASBERG (Köln) moderiert wurde, befasste sich mit Städten als Kulturräume der Modernisierung. In seinem Impulsvortrag über das Thema „Stadt und Moderne als Narrativ“ am Beispiel der rheinischen Städte in der Zeit nach 1918 stellte GEORG MÖLICH (Bonn) die These auf, dass „Moderne“ ohne die Verortung im städtischen Raum nicht denkbar sei. Denn in der Weimarer Republik sei es zu einem regelrechten Modernisierungsschub in (fast) allen deutschen Großstädten gekommen. Um dies zu belegen, führte er diverse Beispiele aus dem Städtebau, dem Verkehrswesen, dem neuen Angebot von Großveranstaltungen im Kultur- und Sportbereich an, die das neue Selbstbild der Städte nach außen tragen sollten. Die an den Vortrag anschließende Diskussion befasste sich insbesondere mit dem Aspekt der Finanzpolitik im inter-kommunalen Vergleich[2], und der Zeit der Weimarer Republik als einem Zeitfenster der (verpassten) Modernisierungs-Möglichkeiten.

BRITTA MARZI (Frankfurt am Main) fokussierte ihren Vortrag auf das Beispiel des Krefelder Stadttheaters. Sie stellte heraus, dass sich städtebauliche Modernisierungstendenzen in Krefeld in der Neubauplanung für das Stadttheater und in der inhaltlichen und ästhetischen Ausrichtung seines Programms widerspiegelten. Mit der Auswertung der Beziehungen des Theaters zu überregionalen und ausländischen Theatergruppen verwies Marzi auf die zunehmende Internationalisierung des Krefelder Stadttheaters. Die hohe Zahl regionaler Kulturinstitutionen habe wiederum ein planwirtschaftliches Steuerungsmodell populär gemacht, welches in den Rathäusern der ersten deutschen Republik Theaterfusionen gedanklich vorbereitete.

ALEXANDER OLENIK (Bonn) beschäftigte sich mit der Rhein- und Ruhr-Stadt Duisburg als Raum der Modernisierung. Er stellte die These auf, dass die durch die Transformationen des Ersten Weltkrieges und dessen Folgeerscheinungen angestoßene Modernisierungspolitik der Stadt Duisburg zu einem Imagewandel verhelfen sollte, um Duisburg auf eine Ebene mit anderen rheinischen Großstädten, wie Köln und Düsseldorf, zu heben. Olenik ging auf die Möglichkeiten und Grenzen der Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Karl Jarres anhand von Maßnahmen im Städtebau, der Infrastruktur, der kommunalen Neugliederung sowie der Kultur- und Freizeitangebote ein. Mit diesen Modernisierungsversuchen holte die Stadt Duisburg Urbanisierungsschritte nach, überholte ihre Konkurrenz jedoch nicht. Nur Karl Jarres selbst genoss den deutschlandweiten Ruf als Modernisierer, die Stadt erlangte diese Bekanntheit nicht.

Die Diskussion, die die erste Sektion beschloss, rückte Aspekte der Finanzier- und Planbarkeit sowie die „Verstadtlichung“ als zentrale Erscheinungen von Modernisierung ins Zentrum. Darüber hinaus wurde diskutiert, ob der Zweck der in den Beispielen genannten Maßnahmen richtungsweisend für die Handelnden war oder ob das Prestige der Städte und deren Selbstbild die Aktionen dominiert habe.

Unter der Moderation von GUIDO VON BÜREN (Jülich) begann die zweite Sektion, in der es um die Stadtentwicklung im Rheinland und den Einfluss des Internationalen auf die Region ging. CHRISTINE G. KRÜGER (Bonn) führte mit einem Impulsvortrag zum Thema Urbanisierung als transnationale Herausforderung in die Sektion ein. Die Industrialisierung habe die rasch anwachsenden Städte vor bis dahin ungekannte Hürden, wie steigende Kriminalität und die Verbreitung von Krankheiten, gestellt, deren Bekämpfung durch den internationalen Gedanken- und Expertenaustausch erleichtert worden sei. Gleichzeitig stieg die Konkurrenz unter den Ländern durch den zunehmenden Nationalismus an. Die auf den Vortrag folgende Diskussion betonte die wechselseitige Beziehung zwischen Internationalisierung und Städtewachstum. Die Städte dienten zum einen als Motor der Globalisierung, zum anderen waren sie auf transnationale Zusammenarbeit angewiesen, um den zunehmenden Herausforderungen, die durch das Städtewachstum entstanden, Herr zu werden.

Der Vortrag von BENEDIKT NEUWÖHNER (Duisburg-Essen) fragte nach dem Phänomen der Besatzung als eigenständiger Herrschaftsform am Beispiel der Rheinlandbesetzung. Dazu wählte er den Zugang des neueren Forschungsfelds der „occupation studies“.[3] Systematisch erläuterte er die Kriterien der Besatzungsherrschaft und untersuchte diese anhand der alliierten Rheinlandbesetzung 1918–1930. Der internationale Einfluss brachte punktuell neue Umgangsweisen, und politische Herausforderungen mit sich, für die beide Seiten, Besetzende und Besetzte, einen Modus vivendi zu finden hatten.

HELMUT RÖNZ (Bonn) widmete sich dem Sport im Rheinland. Die Institutionalisierung des Sportes und die Etablierung bestimmter Sportarten können als Folge der internationalen Einflüsse, beispielsweise der Besatzung im Rheinland gedeutet werden. Aufgrund seiner regionalen Vielfalt eigne sich der Untersuchungsraum Rheinland, um allgemeine Erkenntnisse über die Sportentwicklung in der Zwischenkriegszeit zu gewinnen. Das Sporttreiben und -schauen habe sich damals über alle sozialen Gruppen hinweg, unabhängig von Geschlecht, sozioökonomischen Status und Religion verbreitet. Der daraus resultierende Modernisierungsdruck in der Bürgerschaft führte in den Städten zu einer weitreichenden Sportförderung, die sich in einer Angebotserweiterung durch Großveranstaltungen, Vereinsgründungen und Stadionbauten niederschlug.

Zum Abschluss der zweiten Sektion wurde auf das ambivalente Bild der Besatzung eingegangen, die einerseits als modernisierungshemmend beschrieben wurde, andererseits als Impulsgeberin für Modernisierung und Internationalisierung diente. Der Sport wurde zudem als eine Möglichkeit diskutiert, um den Fokus von den Städten in die ländlichen Regionen zu verlegen und auch dort Modernisierungstendenzen zu identifizieren.

Die dritte und letzte Sektion des Tages weitete den Betrachtungshorizont unter der Moderation von KEYWAN KLAUS MÜNSTER (Bonn) vom städtischen Gebiet hin zu umkämpften (Groß-)Räumen und neuen Raumverständnissen aus. Ein Beispiel für umkämpfte Räume lieferten PHILIPP SCHAEFER (Köln) und MICHAEL D. GUTBIER (Leverkusen) in ihrem Vortrag über kommunale Neuordnungen an der Niederwupper. Sie vertraten die These, dass Urbanisierung und Modernisierungsschübe aufgrund neu entstehender Anforderungen an die Städte zu massiven Veränderungen des sie umgebenden ländlich-suburbanen Raumes führten. Die Folge seien kommunale Neuordnungen gewesen, wie sie sich an der Niederwupper, genauer in Leverkusen und Solingen-Lennep Ende der 1920er-Jahre vollzogen haben.

AXEL HEIMSOTH (Essen) befasste sich mit dem Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (SVR), der zu einem neuen Raumverständnis in der Weimarer Republik beitrug. Die Gründung des SVR 1920 sei eine Reaktion auf die ungebremsten industriellen Entwicklungen vor dem Ersten Weltkrieg gewesen. Der SVR widmete sich den dadurch entstandenen Problemen im Ruhrgebiet, wie der unzulänglichen Infrastruktur und den fehlenden Freizeitangeboten und schuf so ein neues Raumbewusstsein, das nicht mehr nur auf das Kerngebiet einzelner Städte beschränkt war. Als überregionaler Verband zur regionalen Raumplanung diente der SVR als internationales Vorbild.

Beiden Herangehensweisen können als „moderne“ Reaktion auf Strukturdefizite begriffen werden. In der Diskussion wurde die Bedeutung der Perspektive der betroffenen Akteure hervorgehoben. Aus der städtischen Binnensicht griff man auf das Mittel der kommunalen Neuordnung zurück. Eine geweitete, überregionale Außensicht konnte hingegen schon vor 100 Jahren dem Verbandsmodell und der Regionalisierung von Aufgabenbereichen etwas abgewinnen.

In einem abschließenden Fazit und aus den Ergebnissen der Diskussionen heraus wurde betont, dass die Weimarer Zeit im Rheinland hinsichtlich der Modernisierung und Internationalisierung von Wechselwirkungen und Ambivalenzen geprägt war, die in Zukunft noch stärker bearbeitet und erforscht werden sollten. Dieses Doppelphänomen fand sich in allen Bereichen der kommunalen Leistungsverwaltung: von der Stadtentwicklung, dem Städtebau und der Infrastruktur über Freizeit- und Kulturangebote bis hin zur regionalen Kooperation und dem Umgang mit externen Akteuren. Für den weiteren Verlauf des Projekts „StadtRäume – Weimar in der Region“ und das SeiZiE-Mutterprojekt sind zahlreiche Anregung gegeben worden, die den Weg ins Gedenkjahr 1923 weisen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung

Helmut Rönz (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte) und Michael D. Gutbier (Opladener Geschichtsverein von 1979 e.V. Leverkusen)

Sektion 1: Städte als KulturRäume der Modernisierung?
Moderation: Wolfgang Hasberg (Köln)

Georg Mölich (Bonn): Stadt und Moderne als Narrativ - Rheinische Städte als Orte der Modernisierung nach 1918

Britta Marzi (Frankfurt am Main): Neubauträume, Theaterplanwirtschaft und der „Blaue Vogel“ - Aspekte von Modernisierung und Internationalisierung in der Krefelder Bühnengeschichte (1918–1933)

Alexander Olenik (Bonn): Die Rhein- und Ruhr-Stadt. Duisburg als Raum der Modernisierung

Sektion 2: Stadtentwicklung im Rheinland. Der Einfluss des Internationalen auf die Region
Moderation: Guido von Büren (Jülich)

Christine G. Krüger (Bonn): Urbanisierung als transnationale Herausforderung, ca. 1850–1933

Benedikt Neuwöhner (Duisburg-Essen): Eine eigenständige Herrschaftsform? Überlegungen zu den Eigenarten des Phänomens „Besatzung“

Helmut Rönz (Bonn): Von Transfer und Transformation - Sport im Rheinland der Zwischenkriegszeit

Sektion 3: Zwischen Kooperation und Konfrontation. Umkämpfte Räume und konkurrierendes Raumverständnis
Moderation: Keywan Klaus Münster (Bonn)

Philipp Schaefer (Köln)/ Michael D. Gutbier (Leverkusen): Leverkusen und Solingen-Lennep: Kommunale Neugliederung an der Niederwupper in der Zwischenkriegszeit

Axel Heimsoth (Essen): Der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (SVR). Ein neues Raumverständnis in der Weimarer Republik

Anmerkungen:
[1] Bei den beteiligten Städten handelt es sich um die deutschen Städte Jülich, Leverkusen und Schwedt (Oder) sowie Bracknell (UK), Oulu (Finnland), Ljubljana (Slowenien), Raciborz (Polen) und Villeneuve d’Ascq (Frankreich).
[2] Für die 1920er-Jahre fehlt eine Studie. Vergleichbar wäre allerdings die Studie von Lothar Weiss, die sich mit der Finanzpolitik in der krisenhaften Zeit der beginnenden 1930er-Jahre befasst: Lothar Weiss, Rheinische Großstädte während der Weltwirtschaftskrise (1929–1933). Kommunale Finanz- und Sozialpolitik im Vergleich, Köln 1999.
[3] Siehe den Internetauftritt des The Occupation Studies Research Network, abrufbar unter: https://fasos-research.nl/occupationstudies/ (19.08.2022).

Redaktion
Veröffentlicht am
21.11.2022
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Land Veranstaltung
Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
Sprache des Berichts