Im Schatten der Großen? Fürstliche Nebenlinien im spätmittelalterlichen Südwesten

Im Schatten der Großen? Fürstliche Nebenlinien im spätmittelalterlichen Südwesten

Organisatoren
Institut für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
PLZ
69117
Ort
Heidelberg
Land
Deutschland
Vom - Bis
16.09.2022 - 17.09.2022
Von
Nicolai Hillmus, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Wie konnten sich die fürstlichen Nebenlinien des Spätmittelalters mit ihren reduzierten herrschaftlichen und finanziellen Ressourcen im Reich und gegenüber ihren teilweise potenteren Hauptlinien standesgemäß behaupten? Um diese Frage zu beantworten, wurden im Rahmen der Tagung verschiedene durch Landesteilungen entstandene Familienzweige im Südwesten des Reiches mithilfe von sozial-, kultur- und kunstgeschichtlichen Ansätzen untersucht. Nach einer Begrüßung durch Jörg Peltzer (Heidelberg) und Karin Zimmermann (Heidelberg) leitete BENJAMIN MÜSEGADES (Heidelberg) die Tagung thematisch ein. Im Zuge einer kurzen Vorstellung der pfalzgräflichen Nebenlinien Pfalz-Mosbach, Pfalz-Neumarkt, Pfalz-Simmern sowie Pfalz-Zweibrücken betonte er das Potenzial, das in den Betrachtungen solcher Familienzweige liegt. In Abgrenzung zu älteren Bewertungen von Landesteilungen und der aus ihnen angeblich resultierenden „Opferung“ der „Landeseinheit“ werden die neu entstandenen Linien in der Forschung mittlerweile auch als wichtige Akteure für das Fortbestehen der verschiedenen adligen Familien betrachtet. Die Erforschung ihrer Handlungsspielräume und ihres Rangs, etwa mit Blick auf Konnubium, Abschichtungen von Nachkommen in geistliche Laufbahnen sowie ihre Repräsentation laden zu einer eingehenden Beschäftigung mit der Thematik ein, so Müsegades.

Wie und warum eine Landesteilung zustande kam, verdeutlichte ALEXANDER SEMBDNER (Leipzig) zu Beginn der ersten Sektion anhand mitteldeutscher Beispiele wie der Chemnitzer Teilung von 1382 und der Leipziger Teilung von 1485. Dabei verwies er zunächst auf die vernichtenden Urteile der Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts, laut derer diese Entscheidungen den Aufstieg der Wettiner zu einer Großmacht behindert hätten. Aber auch mittelalterliche Autoren sahen die Landesteilungen und die daraus angeblich resultierenden Schäden für Land und Leute ähnlich kritisch. Die Grundlage entsprechender Teilungen waren das Landrecht sowie das Römische Recht, nach dem alle Söhne als gleichberechtigte Erben galten. Teilungen waren somit eine Strategie zur Verhinderung innerdynastischer Konflikte, da gemeinsame brüderliche Regierungen kaum langfristigen Erfolg hatten. Dabei stellte Sembdner heraus, dass entsprechende Akte nicht nur eine produktive kulturelle Konkurrenz der in den Teilungskontexten neu entstandenen Residenzen zur Folge hatte, sondern zudem fürstliche Verwaltungen aufgrund ihrer Aufgabe, die Lande möglichst gleichwertig zu teilen, expandierten. Gleichwohl bildete sich erst im 15. Jahrhundert allmählich ein transpersonales Dynastieverständnis heraus. Auf das gesamte Spätmittelalter gesehen waren Landesteilungen situative Problemlösungen, die von Faktoren wie dem biologischen Zufall, dem Eigeninteresse beteiligter Räte und der Macht der Landstände beeinflusst wurden.

Über das Ende einer Nebenlinie referierte anschließend STEFAN HOLZ (Stuttgart) anhand des Beispiels Pfalz-Mosbach-Neumarkt. Im Zentrum seiner Betrachtung stand der Vertrag zwischen dem pfälzischen Kurfürsten Philipp dem Aufrichtigen (1448–1508) und dem erbenlosen Otto II. von Pfalz-Mosbach-Neumarkt (1435–1499) aus dem Jahr 1490. Otto hatte im Gegenzug für eine vollständige Schuldenübernahme seinem Heidelberger Verwandten sein Herrschaftsgebiet als Erbe versprochen. Im Gegensatz zu älteren Interpretationen sah Holz in dieser Vereinbarung kein Versagen Ottos, sondern einen klugen Schritt, trat der Mosbacher doch nach der Abmachung weiterhin aktiv in seinem Herrschaftsbereich und im Reich auf. Holz beleuchtete die verschiedenen dynastischen, politischen und finanziellen Gründe, die hinter diesem Vertrag standen. Sein Augenmerk legte er auf die finanzielle Notlage des Herzogs, die er anhand von Rechnungsbüchern herausarbeitete. Die dynastisch-politischen Gründe für den Erbvertrag erkannte er in der kurz vor dem Vertrag geschlossenen Amberger Einung, in der sich der ehemals mit dem Pfalzgrafen Philipp zerstrittene Otto II. mit anderen Mitgliedern des Hauses Bayern zu einem gegenseitigen Beistandspakt zusammengeschlossen hatte.

Die zweite Sektion der Tagung war Württemberg und Baden gewidmet, um die Beobachtungen zu den pfälzischen Nebenlinien zu kontrastieren. KONRAD KRIMM (Karlsruhe) sprach über die Hachberg-Sausenberger Linie der Badener Markgrafen. Er arbeitete heraus, dass sie im 15. Jahrhundert sowohl in ihrem Konnubium, das sie etwa mit den Grafen von Montfort und Vienne sowie sogar mit dem Herzogshaus von Savoyen in Verbindung brachte, als auch mit ihren im Laufe des Jahrhunderts zunehmend prunkvolleren Grablegen, etwa in Neuchâtel, der badischen Hauptlinie keinesfalls nachstanden. Auch mit ihren intensiven Dienstbindungen an den königsähnlichen Hof der Burgunder Herzöge bis zum Tod Karls des Kühnen (1433–1477) bewiesen sie ihre beachtliche Stellung im fürstlichen Ranggefüge. Somit stellte Krimm die Deutung der älteren badischen Geschichtsschreibung, die die Hachberg-Sausenberger eher als eine Nebenlinie sah, nicht nur in Frage, sondern erwog sogar, dass 1503 nicht die Hauptlinie einen Nebenstamm beerbte, sondern das Gegenteil der Fall war.

NINA GALLION (Mainz) widmete ihren Vortrag der württembergischen Landesteilung zwischen Ludwig I. (1412–1450) und seinem Bruder Ulrich V. (1413–1480) im Jahre 1442. Ihren Fokus legte sie dabei auf die Herausforderungen, die mit der Teilung einhergingen. Besonders die hierdurch gestiegenen Kosten waren eine starke Belastung. Auch innerfamiliäre Probleme traten immer wieder auf. Zwischen Ulrich V. und seinem Sohn Eberhard VI. kam es etwa zu einem Zwist, der erst durch die Intervention ihres Uracher Verwandten Eberhard V. (1445–1496) beendet wurde. Eine besondere Herausforderung stellte das Verhindern weiterer Teilungen dar, die sich beispielsweise wegen Ulrichs zweitem Sohn Heinrich (nach 1446–1519) anbahnten. Wiederum war es Eberhard V., der diesen Vater-Sohn-Konflikt besänftigte, indem er Heinrich im Uracher Vertrag von 1473 mit seinen eigenen linksrheinischen Besitzungen um Mömpelgard abfand. Im Engagement Eberhards für seine Stuttgarter Verwandten sah Gallion auch die Grundlagen für die Wiedervereinigung der beiden Linien durch den Münsinger Vertrag von 1482.

In der dritten Sektion, die den Kindern der fürstlichen Nebenlinien gewidmet war, behandelte BENJAMIN MÜSEGADES die Abschichtung der Söhne aus pfälzischen Nebenlinien in den geistlichen Stand. Für die Linien Mosbach, Simmern und Zweibrücken arbeitete er heraus, dass 17 von 24 erwachsenen Mitgliedern Domherren und teils sogar Bischöfe wurden. Dies geschah vor allem, um weitere Landesteilungen zu verhindern. Bepfründet waren die Pfalzgrafen vor allem an Domkapiteln und Kollegiatstiften entlang des Rheins und im Südwesten, wobei die Domstifte in Straßburg und Köln aufgrund ihrer exklusiven Aufnahme hochadliger Söhne besonders beliebt waren. Einige Familienmitglieder, wie etwa Albrecht von Pfalz-Mosbach (1440–1506) 1478 in Straßburg oder der Pfalz-Simmerner Johann (1429–1475) 1458 in Münster, erreichten sogar Bischofsämter. Ihre Erfolge auf dieser Ebene führte Müsegades auf ihre Initiativbereitschaft im Fall strittiger Bischofswahlen und auf ihre ausgeprägten familiären Netzwerke zurück.

In der vierten und letzten Sektion wurde die Frage behandelt, wie sich die pfälzischen Familienzweige trotz ihrer reduzierten wirtschaftlichen Grundlagen nach außen präsentierten. Eine erste Antwort lieferte THORSTEN HUTHWELKER (Heidelberg) in seinem Vortrag über die Rangdarstellung der Pfalz-Mosbacher Linie. Dabei betonte er die Herausforderung, einerseits dem Repräsentationsanspruch eines Mitglieds des Hauses Bayern zu genügen, das zu den vornehmsten Häusern des Reiches zählte, andererseits aber nur über begrenzte finanzielle Möglichkeiten zu verfügen. Wie die Mosbacher Pfalzgrafen ihren Rang zu repräsentieren suchten, zeigte er etwa anhand ihres Auftretens und der Größe ihres Gefolges auf Reichstagen sowie ihrer Grabdenkmäler. Als Beispiele ihrer Selbstdarstellung zeigte er etwa die kunstvolle Transi-Grabplatte des Augsburger Dompropsts Johann von Pfalz-Mosbach und das aufwändige Wappenprogramm des Grabmals für seinen Bruder Otto II. Dabei konnte er herausarbeiten, dass letzterer, um sich in den abgebildeten Wappen auf seine königlichen Vorfahren aus Frankreich und England berufen zu können, seinen Stammbaum aufs Äußerste ausreizen musste. Ebenso verwies er auf die finanziellen Grenzen des Handlungsspielraums der Mosbacher. Dieser äußerte sich etwa in der Höhe der Mitgiften für die Töchter dieser Linie, die mit 5.000 Gulden knapp über dem Schnitt von Grafen- und Herrenfamilien lag, und ihrer Position in den Reichsmatrikeln, in denen sie in der Größenordnung von Grafen taxiert wurden.

MARGIT KRENN (Heidelberg) rundete die Tagung mit ihrem Beitrag zu den Kunstwerken aus dem Umfeld Ludwigs I. von Pfalz-Zweibrücken (1424–1489) ab. Dabei stellte sie die Frage, ob sich Ludwig neben der Festigung seines Herzogtums in steter Konkurrenz zu Friedrich dem Siegreichen auch als kunstverständiger Mäzen zu inszenieren versuchte. Hierfür zog sie den Münchner Belial heran, der den Pfalzgrafen auf der Titelminiatur in silberner Rüstung auf einem Schimmel zeigt. Dabei suchte sie diese Buchmalerei mittels verschiedener stilistischer Vergleiche anhand der Schmuckelemente und der Plastizität der Miniaturen auf den Hausbuchmeister zurückzuführen, der im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts am Mittelrhein aktiv war. Somit hätte Ludwig nicht nur eine äußerst kunstfertige Handschrift mit kostspieligen Gold- und Deckfarbenminiaturen auf Pergament anfertigen lassen, sondern darüber hinaus auch auf Kunsthandwerker von besonderer Qualität zurückgegriffen. Ebenso ordnete sie weitere Kunstwerke dem Umfeld des Pfalzgrafen zu. Im Kasseler Totentanz erkannte sie einen Bezug auf Ludwigs Herrschaftsbereich etwa in der Figur eines Wappenträgers, der neben den wittelsbachischen Rauten und dem Pfälzer Löwen auch durch das Veldenzer Wappen geschmückt war. Weitere Indizien legten eine Verbindung des Werks zu Ludwigs Umfeld nahe. Dieser hatte durch die Familie seiner Frau bis in die 1460er-Jahre in einer engen Beziehung zum burgundischen Hof gestanden.

STEFAN HOLZ (Stuttgart) verband die Fäden der einzelnen Vorträge in seiner Zusammenfassung, indem er die wichtigsten Aspekte Revue passieren ließ. So betonte er die Herausforderung der dem Rang entsprechenden Repräsentation, mit der eine Nebenlinie aufgrund ihrer reduzierten Verfügungsmasse zu kämpfen hatte. Dabei griff er noch einmal potentielle Lösungsstrategien auf, die die rege Abschichtung nachgeborener Söhne und Töchter in geistliche Institutionen sowie den Dienst an Königs- und Fürstenhöfen umfassten. Ebenso schilderte er auch die Chancen, die eine Landesteilung mit sich bringen konnte.

Die abschließende Diskussion konnte noch einmal das Verständnis des zentralen Begriffs der Tagung, dem der „Neben“-Linien, schärfen. So wurde im Vergleich der wittelsbachischen, badischen und württembergischen Landesteilungen festgestellt, dass es nicht immer zur Bildung einer klaren Haupt- sowie einer oder mehrerer Nebenlinien kam. In Württemberg standen sich zwei gleichberechtigte Linien gegenüber, während der Fall Baden-Hachberg zu einer Neuinterpretation, wer nun die mächtigere Linie war, einlud. Auch der Hinweis, dass der selektive Dienst an königlichen und herzoglichen Höfen Herrschaftspartizipation ermöglichte und den Aufbau von Netzwerken förderte, half, diesen Aspekt von „Verfallserscheinung“ zu scheiden.

Die Vorträge der Tagung zeigten, dass sogenannte „Nebenlinien“ nicht immer nur handlungsschwache Störungsfaktoren in teleologisch erzählten Staatsbildungsgeschichten sein müssen. Als eigenständige Akteure standen diese in der besonderen Position, mit verringerter Herrschafts- und Finanzgrundlage dennoch ihrem Repräsentationsanspruch nachzukommen und waren dabei teilweise zentral für das Überleben ihrer Dynastien. Somit bleibt zu hoffen, dass diese Einblicke zu weiteren Detailstudien anregen können, die für die vergleichende Landesgeschichte von großem Wert sein dürften.

Konferenzübersicht:

Jörg Peltzer (Heidelberg) / Karin Zimmermann (Heidelberg): Begrüßung

Benjamin Müsegades (Heidelberg): Einführung

Sektion I: Teile und herrsche
Moderation : Romedio Schmitz-Esser (Heidelberg)

Alexander Sembdner (Leipzig): Die Wurzel allen Übels? Zur Problematik spätmittelalterlicher Landesteilungen

Stefan Holz (Stuttgart): Vom Ende einer Nebenlinie. Der Übergang des Herzogtums Pfalz-Mosbach-Neumarkt an die Kurpfalz am Ende des 15. Jahrhunderts

Sektion II: Baden und Württemberg
Moderation: Michel Summer (Heidelberg)

Konrad Krimm (Karlsruhe): Markgraf von Hochberg? Marquis de Rothelin? Die Sausenberger Linie der Markgrafen von Baden

Nina Gallion (Mainz): Württemberg am Scheideweg. Die Landesteilung von 1442 und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung der Grafschaft

Sektion III: Töchter und Söhne
Moderation: Matthias Kuhn (Heidelberg)

Benjamin Müsegades (Heidelberg): Erfolgreiche Familienunternehmungen? Geistliche Söhne der pfälzischen Nebenlinien

Sektion IV: Kunst und Repräsentation
Moderation: Lena von den Driesch (Heidelberg)

Thorsten Huthwelker (Heidelberg): Darstellung und Wahrnehmung des Rangs der Nebenlinie Pfalz-Mosbach

Margit Krenn (Heidelberg): Fundstücke zur Kunst unter Ludwig I. von Pfalz-Zweibrücken

Stefan Holz (Stuttgart): Zusammenfassung

Redaktion
Veröffentlicht am
18.11.2022
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