Georg Kronawitter – eine Ära in München

Georg Kronawitter – eine Ära in München

Organisatoren
Stadtarchiv München; Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur München; in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und dem Lehrstuhl für Europäische Regionalgeschichte sowie Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte der Universität Augsburg
PLZ
80331
Ort
München
Land
Deutschland
Vom - Bis
12.10.2022 -
Von
Jörn Retterath, Historisches Kolleg, Stiftung zur Förderung der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und des Historischen Kollegs

1972 ging in die Münchner Stadtgeschichte nicht nur als das Jahr der Olympischen Sommerspiele, sondern auch als das der Amtseinführung eines neuen Oberbürgermeisters ein. Georg Kronawitter wurde als Nachfolger von Hans-Jochen Vogel an die Spitze der bayerischen Landeshauptstadt gewählt, an der er – mit Ausnahme der Jahre 1978 bis 1984 – bis 1993 stand. In seine Amtszeit fielen u.a. wichtige kommunalpolitische und städteplanerische Entscheidungen wie der Ausbau des U- und S-Bahn-Netzes, die Errichtung von Parks und Naherholungsgebieten, der Umzug der Messe, die Ansiedlung des Europäischen Patentamtes, der Bau des Kulturzentrums Gasteig sowie die Fertigstellung von nicht weniger als 120.000 neuen Wohnungen.

Mit dem Leben und Wirken des Sozialdemokraten Georg Kronawitter (1928–2016) beschäftigte sich nun ein geschichtswissenschaftliches Symposium, das vom Stadtarchiv München sowie vom Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur München in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und dem Lehrstuhl für Europäische Regionalgeschichte sowie Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte der Universität Augsburg ausgerichtet wurde. In zwei Sektionen widmeten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darin der Identifizierung relevanter Archivbestände sowie dem Stand und den Perspektiven der Forschung zu Kronawitter und der Münchner Stadtgeschichte in der Phase nach den Olympischen Spielen.

Mitveranstalter MANFRED HEIMERS (München) charakterisierte in seiner Begrüßung die Phase nach Olympia 1972 als „Zeit der Konsolidierung und Weichenstellung“. Kronawitter habe München in seinen beiden Amtsperioden durch das Setzen eigener Akzente geprägt. Die unter ihm betroffenen Entscheidungen würden die Stadt teilweise bis in die Gegenwart hinein beeinflussen. Zudem sei die zeitgenössische politische Konstellation signifikant gewesen und daher von besonderem historiografischen Interesse: der Streit zwischen Kronawitter und dem linken Flügel seiner Partei, der schließlich dazu führte, dass Kronawitter 1978 auf die Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters verzichtete, das Regieren gegen eine CSU-Mehrheit im Stadtrat in seiner zweiten Amtsperiode ab 1984 sowie das 1990 eingegangene Bündnis mit den Grünen. Angesichts dieser Besonderheiten und der großen Bedeutung der Ära Kronawitter für die Entwicklung Münchens sei es unverständlich, warum die Zeit nach 1972 von der stadtgeschichtlichen Forschung bislang keine größere Aufmerksamkeit erfahren habe.

In der ersten Sektion des Symposiums berichteten Archivarinnen und Archivare über die in ihren Häusern verwahrten relevanten Bestände zur Ära Kronawitter. GERHARD FÜRMETZ (München) verwies auf zahlreiche, wenn auch disparate Überlieferungen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München zur Person Kronawitters. So fänden sich in den staatlichen Archiven etwa Kronawitters Zulassungsarbeit sowie dessen Lehrerpersonalakt aus den 1950er-Jahren, ebenso wie zahlreiche parlamentarische Anfragen aus dessen Zeit als Landtagsabgeordneter (1966–1972), die ihren Niederschlag in den Ministerialakten gefunden hätten. Und auch zu Großprojekten aus Kronawitters Oberbürgermeisterzeit wie der Verstaatlichung der Stadtpolizei, der Frage der Nachnutzung der Olympiaanlagen, dem Streit um den Bau der Staatskanzlei und den Vorbereitungen zur Verlagerung des Flughafens seien staatliche Akten überliefert, die sich vermutlich perfekt mit Unterlagen aus anderen Archiven ergänzen würden. Zudem rechnete Fürmetz damit, dass in den kommenden Jahren noch weitere relevante Dokumente den staatlichen Archiven abgegeben werden würden – insbesondere aus dem Zeitraum von Kronawitters zweiter Amtsperiode.

Auf umfangreiche Bestände in seinem Haus zur Geschichte der Münchner Sozialdemokratie und deren Gliederungen wies MICHAEL SCHWAB (München) hin. Das von ihm verantwortete Archiv der Münchner Arbeiterbewegung verfüge insbesondere im Hinblick auf den SPD-Unterbezirk in den 1970er-Jahren über eine „sehr dichte Überlieferung“ – hier seien Protokolle, Wahlkampfmaterialien, Parteitagsakten sowie Unterlagen zu Parteiordnungsverfahren vorhanden. Diese Quellen sowie Dokumente aus den im Archiv vorhandenen privaten Nachlässen zeigten gut die innerparteilichen Konflikte in der Ära Kronawitter zwischen dem linken und rechten Flügel der SPD, so Schwab. Darüber hinaus lohne sich die Recherche in der Bild- und Plakatsammlung des Archivs.

Disparater, aber gleichwohl für die Forschung hochrelevant scheinen die Überlieferungen im Archiv der sozialen Demokratie zu sein. KIM KNOTT (Bonn) berichtete von Akten des SPD-Parteivorstands, in denen sich die Reaktionen der Bundespartei auf die innerparteilichen Auseinandersetzungen in München niederschlügen. Zudem würden in Bonn u.a. die zur Erforschung der Ära Kronawitter unerlässlichen Nachlässe Hans-Jochen Vogels und Bruno Friedrichs lagern. Darüber hinaus verfüge das Archiv über zahlreiche Unterlagen zu Korrespondenzen sowie über Sammlungen von Zeitungsausschnitten, Fotos und Plakaten sowie graue Literatur.

Über die meisten Quellen zu Georg Kronawitter und der Münchner Stadtgeschichte nach 1972 verfügt wohl das Münchner Stadtarchiv. ANTON LÖFFELMEIER (München) gab eine knappe Übersicht über die hierbei besonders relevanten Bestände. Zu diesen zählten in der kommunalen Überlieferung insbesondere die Ratssitzungsprotokolle und die Akten „Direktorium/Zentrale Registratur“ sowie darüber hinaus zahlreiche Bestände nichtamtlicher Provenienz wie die Nachlässe Georg Kronawitters, Helmut Gittels oder Siegfried Hummels und die Überlieferungen von Vereinen wie dem Presseclub München oder dem Münchner Forum. Darüber hinaus gebe es im Stadtarchiv eine umfangreiche Foto- und eine Zeitungsausschnittsammlung. Den Nachlass Kronawitter bezeichnete Löffelmeier als „sehr umfangreich“, unter anderem seien darin Tagebücher enthalten.

Abschließend wies die Moderatorin, MARITA KRAUSS (Augsburg), noch auf das Schallarchiv des Bayerischen Rundfunks hin. Dieses sei für Forschungszwecke über Anfragen nutzbar. Den Forschenden würden dann Audiofiles zur Verfügung gestellt werden. Eine Suche nach Kronawitter habe dort über 400 Treffer ergeben.

Die zweite Sektion des Symposiums widmete sich dem Stand und den Perspektiven der Forschung zu Kronawitter und der Münchner Stadtgeschichte nach 1972. Eingangs stellte Moderator THOMAS SCHLEMMER (München) heraus, dass die Biografien der Münchner Oberbürgermeister, die Geschichte Münchens nach 1945, die Geschichte der bayerischen Sozialdemokratie in der Nachkriegszeit sowie die gegenwartsnahe Zeitgeschichte des Freistaats im Allgemeinen weitgehende Forschungsdesiderate seien. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der politischen Biografie Georg Kronawitters könne daher als „Sonde“ zur Untersuchung aller genannten vier Felder dienen.

Auf Kronawitters agrarpolitische Vorstellungen und Positionen im Bayerischen Landtag ging JOHANN KIRCHINGER (Regensburg) in seinem Vortrag ein. Mit dem Feld der Agrarpolitik habe Kronawitter, der auf dem elterlichen Bauernhof aufgewachsen war und später zunächst eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert hatte, innerhalb seiner Partei eine „Nische“ gefunden. Im Landtag habe er die „agrarpolitischen Phrasen der CSU“ regelmäßig heftig kritisiert und deren Landwirtschaftsminister ungewöhnlich scharf angegriffen. Im Vergleich zu anderen bayerischen SPD-Politikern, die das Feld der Agrarpolitik beackerten, habe Kronawitter, so Kirchinger, über eine außergewöhnliche „hohe agrarpolitische Expertise“ („Der Spiegel“ bezeichnete ihn anerkennend als den „Bauernfänger der SPD“), über eine Karriereerwartung (er galt zwischenzeitlich als künftiger bayerischer Landschaftsminister) sowie über ein besonderes Maß an Aggressivität verfügt. Was ihn jedoch mit seinen Parteikollegen einte, so Kirchinger, sei die Erfolglosigkeit gewesen.

Dem Verhältnis Kronawitters zu seiner Partei sowie den als „Münchner Verhältnissen“ bezeichneten parteiinternen Konflikten widmete sich DIETMAR SÜß (Augsburg). Die Ende der 1970er-Jahre eskalierenden Spannungen zwischen den verschiedenen Flügeln der SPD wertete Süß als einen „generationellen und programmatischen Konflikt“. Vor allem die Eintrittswelle in der Ära Brandt habe zu einem „generationellen Bruch“ geführt, der Beitritt vieler junger Menschen in die SPD habe die Ortsvereine und die Führungsstrukturen innerhalb der Partei verändert. Viele Neumitglieder, so Süß, hätten aber keineswegs nur Theoriediskussionen geführt, sondern sich für die Umsetzung ihrer politischen Ideen vor Ort eingesetzt – etwa indem sie mehr Demokratie, mehr Öffentlichkeit, eine kostenlose Daseinsvorsorge und die Kommunalisierung des Bodens forderten. Das Kommunale sei von ihnen „als eigenständiges Politikfeld“ entdeckt worden. Kronawitter habe durchaus mit einigen der vorgebrachten Ideen sympathisiert, konnte aber mit dem Auftreten der Jusos „habituell wenig anfangen“. Persönliche Angriffe und gegenseitige Vorwürfe sowie die Einleitung zahlreicher Parteiausschlussverfahren hätten zu schweren Verwerfungen und zu Wunden bei allen Beteiligten geführt.

Auf die Münchner Stadtentwicklungspolitik unter Kronawitter blickte BEATRICE WICHMANN (München). In entsprechenden Planungen, die etwa 1975 in den Zweiten Stadtentwicklungsplan mündeten, seien alle Politikbereiche zusammengeflossen. Im Anschluss an die Phase der aufgrund des Olympia-Zuschlags erfolgten „beschleunigten Umsetzung“ der Pläne aus den 1960er-Jahren habe Kronawitter in München nach 1972 stärker auf „Polyzentren“ und die Einbeziehung des Umlandes in Planungen gesetzt. Bereits in seiner Antrittsrede habe er vor „ungesteuertem Wachstum“ gewarnt. Die Errichtung von Parkanlagen sowie der Bau von Stadtteilzentren mit vielfältigen kulturellen und sozialen Nutzungsmöglichkeiten seien stärker auf die politische Agenda getreten. Gleichwohl seien ambitionierte Pläne wie die für ein Bürgerhaus in Neuperlach gescheitert. Hingegen habe der Gasteig als zentrales Kulturzentrum der Stadt ab Ende der 1970er-Jahre realisiert werden können.

In einem abschließenden Kommentar ging FERDINAND KRAMER (München) sowohl auf die vorausgegangenen Vorträge als auch auf weitere relevante Forschungsfragen zur Ära Kronawitter ein. Am Beispiel Kronawitters und der innerparteilichen Konflikte könne beispielsweise herausgearbeitet werden, ob und wie die Einbettung der 68er-Generation in die Institutionen gelungen sei. Spannend sei zudem, dass es Kronawitter verstanden habe, in der Phase nach 1972 „Mäßigung zu organisieren“ und die zuvor auf „Wachstum“ stehenden Stellschrauben der Stadtplanung in Richtung „Humanisierung“ zu drehen. Aber auch Fragen etwa zu Kronawitters bildungs- und sozialpolitischen Vorstellungen, seinem Konzept von Erinnerungspolitik, seinen Beziehungen zu den Kirchen oder seinem Verhältnis zur CSU-geführten bayerischen Staatsregierung seien von geschichtswissenschaftlichem Interesse.

Eine öffentliche Podiumsdiskussion, bei der – neben dem Journalisten Peter Fahrenholz und dem Historiker Thomas Schlemmer – mit Sabine Csampai, Peter Gauweiler und Christian Ude politische Wegbegleiter Kronawitters unterschiedlichster Couleur zu Wort kamen, schloss das Programm der Veranstaltung ab und ließ deutlich werden, dass die Geschichtswissenschaft bei der Erforschung der Ära Kronawitter auch auf die Befragung von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nicht verzichten sollte.

Das Symposium „Georg Kronawitter – eine Ära in München“ hat eindrücklich vor Augen geführt, dass die Münchner Stadtgeschichte für die Zeit nach den Olympischen Spielen eine bedauerliche historiografische Leerstelle bildet. Die Beschäftigung mit dieser Phase erscheint auch deshalb als ein äußerst lohnenswertes Unterfangen, weil sich zahlreiche Anknüpfungspunkte zu Fragen und Themen der allgemeinen Zeitgeschichtsforschung wie auch zur – teilweise bereits erforschten – Geschichte anderer Städte finden. Es wäre zu hoffen, dass das wissenschaftliche Symposium im Stadtarchiv München den Ausgangspunkt für entsprechende Untersuchungen bildet. Welche beträchtliches Potenzial für die Zeit- und Stadtgeschichtsforschung darin steckt, ist jedenfalls mehr als deutlich geworden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Manfred Heimers (Stadtarchiv München)

Sektion 1: Die Quellen in den Archiven
Moderation: Marita Krauss (Universität Augsburg)

Gerhard Fürmetz (Bayerisches Hauptstaatsarchiv)
Anton Löffelmeier (Stadtarchiv München)
Kim Knott (Archiv der sozialen Demokratie Bonn)
Michael Schwab (Archiv der Münchner Arbeiterbewegung)

Sektion 2: Georg Kronawitter – Stand und Perspektiven der Forschung
Moderation: Thomas Schlemmer (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin)

Johann Kirchinger (Universität Regensburg): Der geplatzte Traum vom Landwirtschaftsministerium. Georg Kronawitter – der einzige Agrarexperte der Bayern-SPD

Beatrice Wichmann (Universität München): Stadtentwicklungsplanung in München ab 1972

Dietmar Süß (Universität Augsburg): Kronawitters SPD

Ferdinand Kramer (Universität München): Kommentar

Georg Kronawitter – eine Ära in München. Podiumsdiskussion

Einführung: Marita Krauss (Universität Augsburg): Die Ära Kronawitter – zur Biografie

Podium:
Christian Ude, 1993 bis 2014 Oberbürgermeister, Ehrenbürger der Stadt München
Peter Gauweiler, 1982 bis 1986 Leiter des Münchner Kreisverwaltungsreferats, Staatssekretär im Innenministerium, Landtags- und Bundestagsabgeordneter
Sabine Csampai, 1990 bis 1996 dritte Bürgermeisterin der Stadt München
Thomas Schlemmer, Institut für Zeitgeschichte München-Berlin
Peter Fahrenholz, Süddeutsche Zeitung (Moderation)

Redaktion
Veröffentlicht am
25.11.2022
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