„Das tu ich nicht!“ Praktiken der Negation in Gegenwart und Geschichte

„Das tu ich nicht!“ Praktiken der Negation in Gegenwart und Geschichte

Organisatoren
Norman Aselmeyer / Veronika Settele, Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bremen; Paul Nolte, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
PLZ
28195
Ort
Siggen
Land
Deutschland
Vom - Bis
10.10.2022 - 14.10.2022
Von
Veronika Settele / Norman Aselmeyer, Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bremen; Paul Nolte, Freie Universität Berlin

„Praktiken der Negation“ haben sich als gegenwärtige Protest- und Widerstandsform fest etabliert. Sich nicht impfen lassen, auf Fleisch verzichten, nicht mehr fliegen – alle Entsagungen richten sich gegen gängige oder vermeintliche Normen mit dem Ziel, diese zu verändern. Wann haben sich Praktiken der Negation als Handlungs- und Protestform durchgesetzt, wie konnten sie soziale Geltung und ihre heutige Sprengkraft entwickeln? Um solche Fragen zu erörtern und die Praktiken der Negation als Analyserahmen zu testen, luden die Veranstalter:innen unter der Überschrift „‚Das tu ich nicht!‘ Praktiken der Negation in Gegenwart und Geschichte“ vom 10. bis 14. Oktober 2022 ins Seminarzentrum Gut Siggen in Ostholstein an der Ostsee ein. Die Tagung wurde im Format „Eine Woche Zeit“ der Alfred Toepfer Stiftung F. V. S. in Zusammenarbeit mit dem MERKUR gefördert.

Der Einführungsvortrag von PAUL NOLTE (Berlin) „Praktiken der Negation als Widerstand gegen die Hochmoderne: Ein zeithistorischer Deutungsversuch“ setzte den Rahmen der Diskussion. Nolte grenzte Negation als anthropologische Konstante in vormodernen Gesellschaften von jener in der hochmodernen und post-hochmodernen Konstellation ab. Der soziokulturelle Umbruch in den Jahrzehnten um 1900 habe durch den Einfluss der Wissenschaften, die Verdichtung von Ordnungsansprüchen und den Anspruch auf rationale Machbarkeit ein „stahlhartes Gehäuse“ (Max Weber) produziert, das neue Widerständigkeiten provozierte wie den Vegetarismus oder die Landkommunen der vorletzten Jahrhundertwende. In der post-hochmodernen Konstellation seit den 1960er-Jahren, in der die Machbarkeitseuphorie homogenerer Gesellschaften von pluralistischer Fortschrittsskepsis abgelöst worden sei, habe sich das „ökologische Paradigma“ Bahn gebrochen. Das Spektrum von „Praktiken der Negation“, die unter einer Ablehnung der menschlichen Herrschaft über die Natur subsumiert werden können, reiche von „Atomkraft – Nein danke“ bis zum Klimastreik oder zur Verweigerung von Flugreisen. Diese Praktiken seien zum einen Ausdruck einer „Revolution der radikalen Subjektivierung“ geworden, nach der sich in den letzten fünfzig Jahren immer mehr Individuen kollektiver Normierung verweigerten und dabei ihre spezifische Lebensführung zum Ausdruck von Persönlichkeit und Identität machten. Zum anderen markierten sie, dass die Hochmoderne keineswegs vollständig gebrochen sei. Die westliche, wissenschaftliche, staatliche, kapitalistische Weltordnung habe sich gerade nicht aufgelöst, wodurch der Konflikt mit subjektivierten Autonomieansprüchen stärker als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts empfunden werde. In den Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts setzten sich Handlungsmotive der Bewegungen der 1960er/70er-Jahre fort. Für alle Praktiken der Negation gelte, dass sie erst durch öffentliche Sichtbarkeit gesellschaftliche Relevanz entfalteten. Diese zu generieren sei in einer pluralistischen Demokratie nicht einfach, da in ihnen Abweichungen weniger stark als in autoritären oder totalitären Systemen sanktioniert werden. In dem Maße allerdings, indem Zukunftsentwürfe weniger von Paradigmen wie „Wachstum“ oder „Universalisierung“, sondern von jenen des Verzichts und der Reduzierung geprägt sind, gewännen Negationspraktiken gesamtgesellschaftlich an Bedeutung.

CLAUDIA SCHMIDT (Düsseldorf) eröffnete das erste Panel „Körper“ mit einer Untersuchung sogenannter „extremer Tätowierungen“ im Strafvollzug der DDR, die mit faschistischem, militaristischem oder anderem Inhalt die öffentliche Ordnung angriffen und als „Staatsfeindliche Hetze“ (§ 106) oder „Öffentliche Herabwürdigung“ (§ 220) geahndet wurden, wenn sich die Tätowierten einer Entfernung oder Veränderung widersetzten. Sich im Strafvollzug der DDR und damit in einer totalen Institution „extrem“ zu tätowieren, könne als Widerstandspraktik und bewusster Selbstausschluss gelesen werden. „Extrem“ Tätowierten wurde die Übersiedlung ins westliche Ausland untersagt, selbst bei zuvor beschlossener Ausweisung. Aufgrund der unterschiedlichen Motive, die von klassischen Tattoos der Gefängnis- und Lagerkultur hin zu zahlreichen Motiven mit NS-Bezug reichten, seien die Tätowierungen nicht nur als gezielter Widerstand zu verstehen, sondern breiter als Ausdruck von Individualisierung, politischer (rechtsradikaler) Überzeugungen, aber auch als Möglichkeit zur Abwechslung im monotonen Gefängnisalltag und zur dortigen Vertiefung persönlicher Beziehungen.

VERONIKA SETTELE (Bremen) lotete anhand der Negationspraktiken „Nicht-Sex“, „Nicht-Gebären“ und „Nicht-Heiraten“ das Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Bevölkerungspolitik aus, in dem sich Frauenkörper in Deutschland und den USA im 19. und frühen 20. Jahrhundert befanden. Aktivistinnen und Aktivisten, wie die 1848er-Publizistin Louise Dittmar und die Frauenrechtlerin Anita Augspurg in Deutschland sowie die sogenannten sex radicals um Moses Harman in den USA hätten die Möglichkeit zur Verweigerung der Ehe, von Sex und davon, Kinder zu gebären ins Zentrum einer politischen Agenda weiblicher Selbstbestimmung gerückt, durch die die gesamte Gesellschaft verbessert werden sollte. Während die emanzipatorisch verstandene Negation von Ehe und Sex Nischenthemen geblieben seien, die von der gesellschaftlichen Stigmatisierung unverheirateter Frauen und Mütter überlagert worden seien, habe die Negation von Fortpflanzung um die Jahrhundertwende politische Sprengkraft entfaltet. Bevölkerungspolitik als social engineering, um möglichst viele, aber zugleich möglichst gesunde und leistungsfähige Nachkommen hervorzubringen, sei zur Leitdoktrin dies- und jenseits des Atlantiks geworden, die Frauenkörper als Durchgangsmedium für künftige Generationen imaginierte. Settele argumentierte, dass liberale und sozialistische Ideen über Frauenkörper von einer die öffentliche Meinung und Strafgesetzgebung bestimmenden Eugenik überlagert worden seien, was die innerparteiliche SPD-Debatte um einen „Gebär-Streik“ von Arbeiterfrauen seit 1912 gezeigt habe. Das individuelle Körpererleben jedoch habe sich von der öffentlichen Meinung unterschieden, was die trotz zunehmender Tabuisierung und Kriminalisierung von Verhütung und Schwangerschaftsabbruch seit den 1880er-Jahren ebenfalls zunehmende Praxis von Geburtenbeschränkung gezeigt habe.

Der Beitrag von CHRISTOPH CONRAD (Genf) „‚BirthStrike‘ für das Klima. Demographische Argumente im Zeichen des Anthropozän“ wandte sich einer gegenwärtigen Bewegung zu, die die Negation der Fortpflanzung zur Bekämpfung des Klimawandels nutzen wollte. 2018 habe die britische Sängerin Blythe Pepino das Kollektiv „BirthStrike“ gegründet, das mit einer internationalen Medienkampagne dazu aufrief, auf Nachwuchs zu verzichten, um nicht nur Kindern eine dystopische Existenz zu ersparen, sondern mit dieser Entscheidung dem Klimawandel auch unmittelbar Einhalt zu gebieten. Per sinkenden Geburtenraten sollte Druck auf Politiker:innen ausgeübt werden, Zukunftsorientierung anstelle gegenwärtiger Profite zu priorisieren. Die Bewegung habe sich in konkurrierende Debatten um individuelle Motive für Kinderlosigkeit und radikalere Programme des Antinatalismus zur Beschränkung menschlicher Auswirkungen auf den Planeten eingereiht. Gewollte und ungewollte Kinderlosigkeit sei zudem ein in der Demografie des globalen Nordens intensiv beforschtes Phänomen, dessen quantitative Relevanz zunehme. Die „BirthStrike“-Bewegung sei jedoch bereits kurz nach ihrer Gründung mit Vorwürfen konfrontiert worden, dass sie neo-malthusianische und rassistische Positionen befördere, weil sie eine Verbindung zwischen „Überbevölkerung“ und Klimakrise suggeriert habe. Angesichts dieser Kritik sei sie schnell verstummt.

YVES MÜLLER (Hamburg) eröffnete das zweite Panel „Politik“ mit einem Beitrag über den Kreislauf integrativer Praktiken der Negation von den Spontis über die Hausbesetzerszene bis zu den Autonomen. Auf dem „Treffen in TUNIX“ Ende Januar 1978 an der Technischen Universität Berlin in Charlottenburg, einem der bedeutendsten Ereignisse der linksradikalen und Alternativszene der Bundesrepublik, bei dem auch Félix Guattari, André Glucksmann und Michel Foucault zugegen waren, habe der gesellschaftliche Ausstieg – die beschworene „Reise zum Strand von TUNIX“ – und zugleich die politische Praxis alternativer Lebens-, Arbeits- und Wohnformen im Vordergrund gestanden. Drei Jahre darauf war die Enttäuschung der „Szene“ unübersehbar. Im Sommer des Jahres 1981 erregte eine weitere Westberliner Veranstaltung, das „TUWAT-Spektakel“, Aufmerksamkeit und hielt die geteilte Stadt einen Monat lang in Atem. Die Hausbesetzerszene brandmarkte die Stadtsanierung als „Kahlschlagpolitik“ und nutzte die zeitgleich im Martin-Gropius-Bau zu sehende Preußen-Ausstellung wiederholt als Bühne für ihre Aktionen. Müller entwickelte die These, dass die Praktiken der Negation der westdeutschen Alternativszene integrative Kraft entfalteten, sowohl innerhalb der Bewegung als auch nach außen, indem sich die Stadtentwicklungspolitik vom Abbruch ganzer Altbauviertel zugunsten einer „behutsamen Stadterneuerung“ abwandte.

LOTHAR PROBST (Bremen) widmete sich der Wahlenthaltung als „Exit-Option“ aus dem demokratischen Wahlgeschehen. Während ein Teil der sozialwissenschaftlichen Forschung den Grund für diese Entwicklung in der Abnahme von Parteibindungen infolge gesellschaftlicher Individualisierung sehe, würden andere Nicht-Wählen als moderne Form des Protestes gegenüber den bestehenden demokratischen Normen interpretieren. In den 2010er-Jahren habe sich die Diskussion um eine Krise der repräsentativen Demokratie aufgrund von Wahlenthaltung verschärft, weil die Wahlbeteiligung in Deutschland vor allem auf Landesebene auf präzedenzlos niedrige Werte gesunken sei, etwa auf 50,2 Prozent bei der Bremer Bürgerschaftswahl 2015. Damit reihte sich die Wahlbeteiligung in Deutschland in einen internationalen Negativtrend vieler etablierter Demokratien ein. Jedoch sei seit 2016 vor dem Hintergrund innergesellschaftlicher Auseinandersetzungen (Flüchtlingskrise, Querdenkerbewegung) und einer Politisierung durch internationale Entwicklungen (u.a. Trump-Präsidentschaft in den USA, Brexit) die Wahlbeteiligung auf Ebene der Bundesländer auch wieder signifikant gestiegen, sodass der Trend nicht immer eindeutig sei und auch ein Auf und Ab beobachtet werden könne (ähnlich bei den Präsidentschaftswahlen in den USA). Aus der Perspektive der Wahlforschung stelle sich die Frage, ob Nicht-Wählen überhaupt als Phänomen einer „Ohne-Mich-Haltung“ gewertet werden kann. Nicht zu wählen könne zwar Ausdruck einer politischen Protesthaltung sein, entspreche aber nicht zwingend einer Demokratieabkehr in der politischen Grundsatzhaltung. Wahlenthaltungen würden zwar kollektiv sichtbar, entsprängen jedoch keiner kollektiven Mobilisierung. Interessant wäre es für die weitere Forschung zu diesem Phänomen, die Exit-Option in Wahldemokratien mit Wahlpflicht näher zu untersuchen.

DAGMAR ELLERBROCK (Dresden) stellte ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum „gewollten Nicht-Wissen“ in Form der Nicht-Einsichtnahme in die eigenen Stasi-Akten vor. Gemeinsam mit dem Kognitionspsychologen Ralph Hertwig (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) kombinierte Ellerbrock Befragungsmethoden aus der Psychologie mit Oral History. Strategisches Nicht-Wissen sei ein bisher übersehenes Element von Erinnerung, Transformation und Demokratisierung. Die Nicht-Einsichtnahme in die eigenen Stasi-Akten könne dabei zum einen als Strategie des Emotionsmanagements fungieren, zum anderen soziale Nahbeziehungen in Familie, Freundeskreis und am Arbeitsort schützen, oder auch als Protest gegen die Diskursdominanz westdeutscher Medien in der Nachwendegesellschaft gedeutet werden. Historische Transformationen seien immer zugleich grundlegende Refigurationen von Wissensordnungen. Die Nicht-Anerkennung und Nicht-Partizipation an der neuen Wissensordnung der 1990er-Jahre könne laut Ellerbrock Ausdruck einer nachgeholten DDR-Identität sein. Entscheidend für oder gegen die Entscheidung zur Einsichtnahme sei der Grad der persönlichen Gewalterfahrung zu DDR-Zeiten gewesen.

Der Berliner Soziologe HERMANN PFÜTZE (Berlin) eröffnete das Panel „Kultur/Ästhetik“. Ausgehend von den Überlegungen des Religionswissenschaftlers Klaus Heinrich in dessen „Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen“ begriff er schweigendes Mittun als Ausdruck einer Angst vor dem Identitätsverlust; als Angst davor, nichts und niemand zu sein. Nein sei das erste Wort der Sprache, weil es dem Gegenüber traut. Pfütze bezog sich weiter auf Judith Shklars „Liberalism of Fear“ mit ihrem Akzent auf „primärer Freiheit von Furcht“ sowie auf Hannah Arendts Betonung einer elementaren Atem- und Bewegungsfreiheit. Von dort aus entwickelte er sein Konzept des ästhetischen Widerstands als einer nicht-antagonistischen Form „schönen“ Handelns, das einem inneren Antrieb von Menschen und Dingen entspringe, Zerstörung und Selbstzerstörung Schönheit entgegenzusetzen und insofern von einer „Ästhetik des Widerstands“ (Peter Weiss) zu unterscheiden sei.

Die Anglistin und Komparatistin CLAUDIA OLK (München) verwies darauf, dass Nichtstun, Apathie und Indolenz in der Weltliteratur variantenreich exponiert werden. Exzessive Untätigkeit, wie sie in Antihelden, z.B. in Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ (1823) oder Ivan Goncharov „Oblomow“ (1859), dargestellt wird, oder natürlich in Hermann Melvilles „Bartleby the Scrivener“, ist nicht nur hinsichtlich ihrer komischen Wirkung oder Sympathielenkung relevant, sondern wird als Negation, als Ausweis einer Unmöglichen Möglichkeit zu einem Strukturprinzip poetischer Entwürfe. Exemplarisch hierfür analysierte sie Samuel Becketts Kurzgeschichte „Dante and the Lobster“ von 1934. Darin begleiten wir den Helden Belacqua Shua, einen Italienischstudenten, benannt nach einer Figur aus Dantes Divina Commedia, auf einer Reise, die analog zu dem Weltepos, wenngleich in weitaus profaneren Versionen von Paradies, Hölle und Fegefeuer verläuft und in einem Paradox endet. Dante und der Hummer, das Heilige und das Profane, Gesetz und Gnade, Ja und Nein, Mensch und Tier begegnen sich in einem Bereich der Möglichkeit, der in der Geschichte selbst geschaffen wird. Die Negation werde darin bis zur narrativen Selbstauflösung betrieben. Die Erzählung beschreibe eine Dialektik ohne Synthese und ließe einen Möglichkeitsraum entstehen, der durch keine sich ausschießenden Dualismen beherrscht wird, sondern das Unvereinbare zusammenbringt. Eine Poetik der Negation erzeuge mit diesen Verfahren und Vexierphänomenen den Aufbau imaginärer Gegenstände. Die Literatur liefere mithin Einsichten in die Heuristiken der Weltdeutung selbst.

MAXIMILIAN BUSCHMANN (München) beleuchtete als erster Vortragender des Panels „Konsum/Produktion“ die Taktiken amerikanischer Kriegsdienstverweigerer im Ersten Weltkrieg. Radikale Pazifisten hätten versucht, sich jeder individuellen Beteiligung am Krieg zu entziehen, in dem sie sich in Ausbildungslagern der Armee und in Militärgefängnissen nicht nur zu kämpfen, sondern auch zu arbeiten oder gar zu essen verweigerten. Das Spektrum der Akteure reichte von liberalen Progressiven über Anarchisten und Sozialisten zu tiefreligiösen Methodisten. Sie lehnten aufgrund unterschiedlicher Glaubenssätze nicht nur den Kampfeinsatz, sondern auch jegliche Ersatztätigkeit, die der Armee dienen würde, ab. Sie alle hätten sich als Individuen zum Fluchtpunkt der politischen Auseinandersetzung gemacht, bis hin zu einem Nein zum eigenen Überleben. Durch mehrwöchige Hungerstreiks hätten sie sich einer Verordnung im Sommer 1918 widersetzt, wonach jeder potentielle Rekrut seinen Körper eigenständig gesund, sauber und fit halten müsse und ebenso dem Aufruf von Präsident Woodrow Wilson, wonach Kriegsdienstverweigerer eine verpflichtende Tätigkeit innerhalb des Militärs übernehmen müssten. Buschmann schloss seine Überlegungen mit dem Modus politischer Subjektivierung, den die Aktivisten verstärkt hätten, indem die Macht des Staates die Pazifisten ebenfalls als Einzelne adressierte.

YVONNE ROBEL (Hamburg) stellte Überlegungen aus ihrem kürzlich abgeschlossenes Habilitationsprojekt zur öffentlichen Wahrnehmung von Nichts-Tun vor. Die von ihr untersuchten Diskurse über Nichts-Tun und Konsum legten eine enge wechselseitige Verschränkung seit den 1950er-Jahren nahe. Aus der um 1950 positiv betonten Fähigkeit zur Muße wurde in den 1960er-Jahren ein Lob der Faulheit, das sich während der 1980er-Jahre zu einem Recht auf Faulheit radikalisierte. Verweisen auf Konsum sei dabei die Funktion zugekommen, Nichts-Tun sichtbar(er) zu machen und als legitime Protestform einzuordnen. Eine Umwertung von Werten habe aber nur eingeschränkt stattgefunden. Zielloses Nichts-Tun, etwa passives, langes Fernsehen, blieb problematisch; als legitim galt aktives, selbstbestimmtes Nichts-Tun, das auch über konsumkritische Beschränkungen zum Ausdruck gebracht werden sollte. Selbst die Hinwendung vom Verzicht zum Genuss innerhalb von Debatten über das Nichts-Tun in den 1990er-Jahren implizierte, dass legitimes Nichts-Tun eine aktive und verantwortungsvolle Entscheidung voraussetze. Nichts-Tun habe zu jedem Zeitpunkt permanent in Szene gesetzt werden müssen, um gesellschaftlich wirkmächtig zu werden.

MASSIMILIANO LIVI (Trier) ging der Negation der geregelten Arbeit im Italien der 1970er-Jahre als „Emanzipationsmoment vom Fließband“ nach. Eine junge Arbeitergeneration habe die Ablehnung der regulierten Arbeit durch Fernbleiben am Arbeitsplatz und Streiks seit den 1970er-Jahre in Italien als Befreiung von der „Fließbandgesellschaft“ idealisiert, um durch die Befreiung der Arbeit aus dem starren Lohnarbeitssystem das Leben selbst von der Arbeit zu befreien. Die Ablehnung kontrollierter und regulierter Arbeit habe zu einer Verlagerung der Kapitalismuskritik hin zum politischen Anspruch auf die Befriedigung von Bedürfnissen geführt. Anstelle der Fabrik sei die Stadt mit ihren Räumen in den Mittelpunkt des Diskurses um eine Verbesserung der Arbeit gerückt. Die Akteure dieser Bewegung hätten einen Widerspruch zwischen der Produktion des Reichtums durch Arbeit und der mangelnden Möglichkeit, ihn zu genießen, ausgemacht, weshalb sie mit neuen Tätigkeitsformen informeller oder nicht-angemeldeter Nebenbeschäftigung, die mehr Raum für Kreativität und Freiheit bot, experimentierten. Die Versuche zur Befreiung von der Arbeit durch Sabotage und Absentismus der 1970er-Jahre hätten der nachfolgenden Generation jedoch gezeigt, dass die Suche nach dem vom Kapitalismus versprochenen Glück außerhalb der Arbeit schwer zu erreichen sei, weshalb sich die Jugendlichen der 1980er-Jahre zunehmend um Freiheit in der Arbeit bemüht hätten. Im weiteren Verlauf der 1980er- und 1990er-Jahre sei die Suche nach Glück und Freiheit in der Arbeit zum Mainstream geworden.

JULIA HAUSER (Kassel) eröffnete das abschließende Panel „Kulturkonfrontation“ mit Überlegungen zu Missverständnissen zwischen dem deutschen Vegetarier, Tierschützer und Antifaschisten Magnus Schwantje und dem Brahmanen und militanten Hindu-Nationalisten Ram Chandra Sharma Ende der 1930er-Jahre. Der Briefwechsel der beiden sei einzuordnen in eine Tradition des Austauschs zwischen Vegetarier:innen in Europa und Nordamerika mit jenen in Indien im 19. Jahrhundert, indem indische Vegetarier:innen als vermeintliche Gesinnungsgenossen imaginiert wurden. Schwantje habe 1935, aufgrund politischer Verfolgung durch die Nationalsozialisten bereits im Schweizer Exil lebend, von den Aktivitäten Sharmas erfahren, der per Hungerstreik im britisch beherrschten Indien gegen religiöse Tieropfer kämpfte. Voller Bewunderung und auf eigene Kosten habe Schwantje den indischen Aktivisten in mehreren anti-vivisektionistischen und Lebensreform-Zeitschriften und einer eigenen Broschüre bekannt gemacht, weil in Europa niemand bereit sei, sein Leben für die Sache der Tiere zu opfern. Sharmas Engagement habe im Zeichen des Antikolonialismus gestanden, jedoch auf militant Hindu-nationalistische Weise. Er habe die nationalsozialistische Verfolgung von Juden und Jüdinnen als Vorbild für den Umgang mit Muslimen in Indien gesehen. Vegetarisch lebende Hindu-Nationalisten sahen Muslime in Indien als Nachkommen der Moguln, die sie als erste gewaltsame Kolonisatoren des Subkontinents darstellten. Zudem galten sie ihnen aufgrund ihres vermeintlichen Rindfleischkonsums als Feinde der Kuh, die im hindunationalistischen Diskurs die anzustrebende Nation symbolisierte. Diese gravierenden ideologischen Divergenzen blendeten Schwantje und Chandra jedoch aus; aus Furch vor Zensur durch den NS-Überwachungsapparat und das britische Kolonialregime, aber auch als bewusste Strategie vor allem seitens Chandras, der Schwantjes Kampagne für ihn nicht gefährden wollte.

NORMAN ASELMEYER (Bremen) stellte Zuschreibungen an die ostafrikanischen Maasai vor, nicht modern zu sein. Bereits in der frühen Kolonialzeit waren die Maasai in den Schriften kolonialer Administratoren zur vermeintlich rückständigen und „modernisierungsunwilligen“ Gruppe erklärt worden, was frühzeitig die sozialdarwinistisch angehauchte Literatur über „die letzten Maasai“ begründet habe. Die Erzählung vom „Entwicklungsdefizit“ der Maasai setzte sich nach der Unabhängigkeit Kenias und Tansanias fort. Politische Initiativen hätten die traditionelle Kleidung in der „Operation Dress-Up“, als deren Resultat ein traditionell gekleideter Maasai von der tansanischen 100-Shilling-Banknote zugunsten zweier Löwen verschwand, als unmodern, unzivilisiert diffamiert. Bis heute sei die Frage nach der Zukunft der Maasai Gegenstand von ethnografischen, ökologischen und entwicklungspolitischen Untersuchungen. Für die Maasai hingegen sei Modern-Sein und Europäisch-Sein semantisch dasselbe; sie hätten seit der frühen Kolonialzeit „moderne“ Maasai-Männer pejorativ als „Person ohne Kultur“ benannt. Sie werteten, so Aselmeyers Oral-History-Ergebnisse, frühere Widerstände gegen Steuerleistung, koloniale Grenzziehungen, gegen Kirche, Schule, Militär, westliche Kleidungs-, Hygiene- und Wohnnormen als intentionale Protestpraktik, wohingegen sie heute westlicher Bildung Wertschätzung entgegenbrächten. Analytisch sei die Weigerung der Maasai, sich an koloniale, europäische Normen anzupassen, weniger als intentionaler Widerstand zu begreifen denn als Praktik des Eigensinns und des Ausstiegs.

NELE GUINAND (Düsseldorf) schloss das letzte Panel mit theoretischen Überlegungen zu irregulären Grenzübertritten als Negation nationalstaatlicher Ordnungsprinzipien ab. Entlang der Leitfrage, welche Bedeutung der Entscheidung von Migrant:innen zukommt, sich der eigenen Identitätspapiere zu entledigen, leuchtete sie das Verhältnis zwischen staatlichen Grenzziehungen und subjektiviertem Umgang damit aus. Die bewusste Verunmöglichung eines staatsbürgerlichen Identitätsnachweises negierten territoriale Rechtsordnungen. Irreguläre Grenzübertritte seien daher als Wechselspiel zwischen nationalstaatlichen Grenzregimen und handelnden Migrant:innen zu verstehen, die einander gegenseitig erst hervorbrächten. Solange die Migrant:innen undokumentiert und papierlos blieben, befänden sie sich in einem offenen Aushandlungsraum, in dem Zusammenhänge von Gestaltungsmacht und Anerkennung neu verhandelt werden können.

In einer abschließenden Diskussion loteten die Teilnehmer:innen die Tragfähigkeit des Konzepts „Praktiken der Negation“ aus. Der weite kulturwissenschaftliche und praxeologische Ansatz ermögliche, so das Fazit, ungewöhnliche interdisziplinäre Brückenschläge und eine erhellende Zusammenschau von Handlungsformen, die üblicherweise in unterschiedlichen Kontexten oder von verschiedenen Fächern behandelt werden. Ein weiter anthropologischer Blick auf Muster der Negation müsse jedoch möglichst präzise in historisch situierte Konstellationsanalysen überführt werden. Dabei sollen, auch bei der ins Auge gefassten weiteren Beschäftigung mit dem Thema, moderne soziale Bewegungen mit einer negierenden Agenda und die ihnen zugrunde liegenden Konfliktlagen im Zentrum stehen. Negation und ihre vielfältigen Ausdrucksformen kristallisierten sich immer wieder als Impuls „von unten“ gegen eine als hegemonial wahrgenommene Ordnung heraus. Umstritten blieb, ob man, aus der Perspektive des Protests, diese Ordnung als die primäre Negation (zum Beispiel: der Möglichkeit nachhaltiger Lebensführung auf dem Planeten) verstehen solle. Der Blick auf Konstellationen, in denen Negationspraktiken Resonanz erfuhren, eignete sich jedenfalls, historische Strukturbrüche und Transformationsprozesse handlungstheoretisch und akteurszentriert greifen zu können.

Konferenzübersicht:

Paul Nolte (Berlin): Praktiken der Negation als Widerstand gegen die Hochmoderne: Ein zeithistorischer Deutungsversuch

Claudia Schmidt (Düsseldorf): Haut als Widerstandsfläche: „Extreme Tätowierungen“ im Strafvollzug der DDR

Christoph Conrad (Genf): „BirthStrike“ für das Klima: Demographische Argumente im Zeichen des Anthropozän

Veronika Settele (Bremen): Nicht-Sex, Nicht-Gebären, Nicht-Heiraten: Frauenkörper zwischen Selbstermächtigung durch Negation und Bevölkerungspolitik. Deutschland und USA, 1880–1930

Yves Müller (Hamburg): Eine Reise von TUNIX nach TUWAT: Integrative Praktiken der Negation von den Spontis zu den Autonomen

Lothar Probst (Bremen): Kein Bock auf Wählen: Wahlenthaltung als Exit-Option?

Dagmar Ellerbrock (Dresden): Gewolltes Nicht-Wissen als konstitutives Element von Erinnerungskultur: Nicht-Einsichtnahme in die eigenen Stasiakten als gesellschaftliche Praktik des Protestes und Emotionsmanagements

Hermann Pfütze (Berlin): Nein sagen, Unversehrtheit, ästhetischer Widerstand

Claudia Olk (München): „I prefer not to“: Poetiken der Negation

Maximilian Buschmann (München): Nicht kämpfen, nicht arbeiten, nicht essen: Hungerstreiks amerikanischer Kriegsdienstverweigerer und die Taktiken der Negation

Yvonne Robel (Hamburg): Nichts-Tun und Konsum: Beobachtungen zu einem wechselhaften Verhältnis seit den 1950er-Jahren

Massimiliano Livi (Trier): Prekär ist schön! Die Negation der geregelten Arbeit in Italien der 1970er-Jahre als Emanzipationsmoment vom Fließband

Julia Hauser (Kassel): Warum auf Fleisch verzichten? Missverständnisse im Austausch eines deutschen Antifaschisten mit einem militanten Hindu-Nationalisten (1937/38)

Norman Aselmeyer (Bremen): Nicht modern sein, nicht europäisch sein: Die Maasai zwischen Selbst- und Fremdzuschreibung in der frühen Kolonialzeit Ostafrikas

Nele Guinand (Düsseldorf): Taktiken der Migration: Der irreguläre Grenzübertritt als Negation nationalstaatlicher Ordnungsprinzipien