Päpstliche Autorität in Lotharingien

Päpstliche Autorität in Lotharingien. Wahrnehmung – Konstruktion – Instrumentalisierung (11.-13. Jahrhundert)

Organisatoren
Universität Luxemburg
Ort
Esch-sur-Alzette
Land
Luxembourg
Vom - Bis
26.10.2022 - 28.10.2022
Von
Marina Hoffmann, Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

In Bezug auf das Papsttum im Hochmittelalter werden Begriffe wie Macht, Einfluss und Autorität geradezu inflationär gebraucht. Welche Wirkung der päpstliche Führungsanspruch aber außerhalb Roms auf den Klerus oder weltliche Akteure hatte und wie er überhaupt wahrgenommen wurde, ist seltener im Fokus der Forschung. Doch genau diesem Untersuchungsschwerpunkt widmete sich die 22. Lotharingische Tagung. Veranstaltet wurde sie im Rahmen des DFG-FNR-Projekts INTERLOR, in dessen Zentrum die Analyse der Interaktionen von Akteuren aus dem lotharingischen Raum mit dem Papsttum von der Mitte des 11. bis zum Beginn des 13. Jahrhundert stehen. Ziel der Tagung war es, den Umgang mit und die Wahrnehmung von päpstlicher Autorität in der Lotharingia zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Durch die Einbeziehung eines breitgefächerten Quellenkorpus, bestehend aus verschiedenen Formen regional produzierten Schriftguts, und unterschiedlich gewichtete Untersuchungsschwerpunkte wurden die Folgen, Funktionen und Wirkmächtigkeit päpstlicher Autorität in diesem Raum untersucht, einander gegenübergestellt und Besonderheiten ebenso wie Konformitäten herausgestellt.

Der Tagungsauftakt erfolgte durch KLAUS HERBERS (Erlangen-Nürnberg), der mit Blick auf wiederkehrende Bezüge zu Rom, beispielsweise durch die Gründungsgeschichte mancher Städte oder ihrer vermeintlichen Erbauung auf sieben Hügeln, die Frage entwickelte, woher diese fast schon vorausgesetzte Autorität rührte. Er stellt die Frage an, ob bei dem Begriff der „Autorität“ überhaupt von einem identischen Verständnis ausgegangen werden kann. Im Zuge dessen hob er verschiedene Autorität vermittelnde Medien hervor, indem er u.a. auf Urkunden, Briefe, Konzilsbeschlüsse sowie Legaten und ihre jeweilige Bedeutung für die päpstliche Autorität einging. Anschließend führte er aus, dass es sich bei päpstlicher Autorität um ein wechselseitiges Phänomen handle, bei dem auch das Zusammenspiel lokaler Interessen, der Überlieferung und Legaten betrachtet werden müsse.

Im Zuge der ersten Sektion, die sich den Reproduktionslogiken von Papsturkunden widmete, gab LAURENT MORELLE (Paris) einen Einblick in Chartulare des lotharingischen Raumes, wobei er sich insbesondere deren inhaltlicher Struktur widmete. Durch die Vorstellung einzelner Exemplare, der in ihnen kopierten Urkunden und deren Positionierung im „espace du cartulaire“ verwies er zum einen auf die anscheinende Bedeutung für Empfänger und zum anderen auf die Fernwirkung der päpstlichen Autorität.

Auch HANNES ENGL (Aachen) fokussierte sich auf die Quellengattung der Kopialbücher, wobei er das Chartular „B“ des Domkapitels von Toul in Augenschein nahm. Die dominierende Anzahl der Papsturkunden in dem eigentlich recht überschaubaren Schriftstück sowie fehlende Informationen zur Quelle und ihrem Kontext führten dazu, dass er die Frage nach dem Grund dieser Dominanz stellte, über die Kriterien der Auswahl nachdachte und einen Zweck des Chartulars ausfindig zu machen versuchte. Ein detaillierter Blick auf die 20 überlieferten Papsturkunden erlaubte es ihm, Aussagen über deren Klassifizierung, Kohärenz, Vergleiche mit überlieferten Originalen, einzelne Gründe der Reproduktion sowie über den möglichen Entstehungskontext des Chartulars zu tätigen und so auf die Bedeutung und den Umgang mit päpstlicher Autorität anhand eines speziellen Einzelfalls näher zu beleuchten.

Auch HARALD MÜLLER (Aachen) untersuchte den Umgang mit Papsturkunden in Chartularen, setzte allerdings den Fokus auf die Urkunden sogenannter Gegenpäpste. Während er eine grundsätzlich geringe Überlieferungsquote derartiger Urkunden vor 1200 feststellte und diese auf mögliche Archivsäuberungen infolge einer damnatio memoriae zurückführte, veranschaulichte er am Beispiel der Diözese Lüttich eine gegenteilige Verfahrensweise, bei der gegenpäpstliche Urkunden bewusst gesichert worden sind. Anhand von vier Chartularen, die unterschiedliche Umgangsweisen sichtbar machen, erarbeitete Müller mögliche Logiken des Bewahrens derartiger Dokumente, wobei er auf den hohen rechtlichen und symbolischen Wert und den nicht unerheblichen Faktor Zeit bzw. den zeitlichen Abstand zu Schismen verwies.

In der zweiten Sektion der Tagung wurden weitere Schriftstücke in Augenschein genommen: narrative Quellen. So zeigte BRIGITTE MEIJNS (Löwen) anhand zweier Berichte über die Wirkung einer Urkunde Gregors VII. nicht nur die unterschiedliche Interpretation beider Quellenautoren auf, sondern verwies auch auf eine Instrumentalisierung päpstlicher Autorität zur Lösung zeitgenössischer Probleme bzw. Anliegen. Die regionale Bedeutung päpstlicher Autorität illustrierte sie darüber hinaus auch anhand fiktiver Papstkontakte und diskutierte dabei u.a. deren Niederschlag in narrativen Quellen.

KEVIN SCHMIDT (Lüttich) präsentierte seine Überlegungen zur Wahrnehmung päpstlicher Autorität anhand des Beispiels der Abtei Saint-Trond, indem er die Passagen der Gesta abbatum Trudonensium näher in den Blick nahm, die über den Erwerb dreier päpstlicher Urkunden aus dem 12. Jahrhundert berichten. Im Fokus stand sowohl die detaillierte Untersuchung der drei Urkunden als auch deren Wirkung bzw. die Reaktionen geistlicher Akteure auf die Eingriffe Roms.

SCOTT KUTTING (Luxemburg) stellte bei seiner Analyse des Papstbildes in den Trierer Gesta Alberonis archiepiscopi die rhetorischen Mittel des Autors in den Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei untersuchte er insbesondere die narrativen Herausforderungen und Kniffe des bekennend romfreundlichen Autors anhand der Darstellung einer Auseinandersetzung zwischen dem hauptsächlichen Protagonisten, Erzbischof Albero von Trier, und dem römischen Bischof. Dabei stellte Kutting heraus, dass die Thematisierung päpstlicher Autorität in den Gesta Alberonis archiepiscopi unter anderem dazu diente, das Ansehen des Alberos zu steigern.

Eine äußerst positive Reputation Roms und seiner Autorität konnte auch ROBIN MOENS (Aachen / Namur) in der Stadt Lüttich feststellen. Dabei arbeitete er eine (Pseudo-)Tradition der Kontaktnahme zwischen Lütticher Klerikern und Rom heraus, die eine große Affinität des Bürgertums zum Papsttum entstehen ließ und schließlich in der Bezeichnung der Stadt als Romane ecclesie filia mündete. Neben verschiedenen Referenzen zu Rom betonte er das aktive Bemühen um Zusammengehörigkeit und ging dabei auch auf die Bedeutung einzelner Reliquien der Stadt ein.

GORDON BLENNEMANN (Montreal) ging sozialen und politischen Hinweisen auf die Beziehung zum Papsttum und dessen Wahrnehmung in narrativen Quellen aus den Klöstern von Metz nach. Mithilfe dreier ausgewählter Quellenbeispiele konnte er ein Verständnis vom Papsttum als maßgebliche Autoritätsreferenz nachweisen und veranschaulichte überdies die intertextuellen Bezüge und wechselseitige Abhängigkeit unterschiedlicher Quellen aus dem Umfeld der Stadt Metz.

Im passenden Ambiente des Echternacher Spiegelsaals widmete sich MICHEL MARGUE (Luxemburg) den Papstbeziehungen der beiden Abteien Echternach und Altmünster in Luxemburg. Nach einem Überblick über die völlig unterschiedlichen Gründungsgeschichten beider Abteien diskutierte er die Hintergründe und Reichweite ihrer päpstlichen Schutzprivilegien sowohl im Vergleich zu anderen Urkunden als auch mit Blick auf die Vogtei und den Trierer Erzbischof, der davon besonders stark betroffen war.

Die dritte Sektion, die vom Einfluss päpstlicher Urkunden auf Bischofsurkunden handelte, wurde von NICOLAS RUFFINI-RONZANI (Namur) eröffnet, dessen Untersuchungsgebiet die Diözese Cambrai umfasste. Er konstatierte für dieses Bistum zunächst einen grundsätzlichen Bedeutungszuwachs des Papsttums an der Wende zum 12. Jahrhundert und demonstrierte ausgehend von dieser Beobachtung das Einwirken charakteristischer Merkmale der Papsturkunden auf die Bischofsurkunden. Da davon zahlreiche Urkunden betroffen waren und das Spektrum der imitierten Merkmale äußerst breit war (Litterae elongata, In-Perpetuum-Formel, Rota, etc.), stellte Ruffini-Ronzani fest, dass der Einfluss des Papsttums auf die Bischofsurkunden in Cambrai durchaus beträchtlich war.

Zu einem ähnlichen Resultat führte NAEMI WINTERs (Bonn) Betrachtung der Urkunden der Trierer Erzbischöfe im 12. Jahrhundert. Bei der Untersuchung ihrer äußeren und inneren Merkmale, die zahlreiche Anlehnungen an das römische Modell erkennen lassen, diskutierte sie insbesondere die Frage nach dem Aussteller- bzw. Empfängereinfluss und betonte mehrfach, wie wichtig dies sei, um die Reichweite päpstlicher Autorität im regionalen Kontext angemessen beurteilen zu können.

Den Abschluss der Sektion bildete ein Vortrag von JEAN-BAPTIST RENAULT (Nancy), der den Einfluss der Papsturkunde auf die Bischofsurkunden in Toul näher untersuchte und ebenfalls zahlreiche Imitationen des römischen Modells offenlegen konnte. Hinsichtlich der Überlegung, ob diese Nachbildungen ein klares Muster erkennen ließen, betonte auch Renault die mögliche Einflussnahme der Empfänger und Begünstigten und erörterte diesbezüglich ferner die Frage nach regionalspezifischen Vorstellungen von der Modellhaftigkeit päpstlicher Urkunden.

Sowohl die Vorträge als auch die Diskussionen ermöglichten allen Beteiligten einen Blick über den eigenen wissenschaftlichen Tellerrand hinaus. Anhand unterschiedlicher vertiefender Einzelbetrachtungen wurde nicht nur der juristische, sondern insbesondere der symbolische Wert von Papsturkunden und Papstkontakten in ihrer längerfristigen Wirkung herausgestellt. Gerade bei den erzählenden Quellen zeigte sich, dass päpstliche Autorität häufig im Eigeninteresse instrumentalisiert wurde, um Probleme zu beseitigen oder die eigene Stellung aufzuwerten. Die Vielzahl der Ansatzpunkte und Wirkungsfelder päpstlicher Autorität in Lotharingien macht deutlich, in welchem Maße päpstliche Autorität in diesem Raum von unten konstruiert wurde und dass einzelne Papstkontakte aufgrund ihrer Erinnerung und Weiterverwertung durch lotharingische Akteure im Nachhinein bisweilen in ein völlig neues Licht gerückt werden konnten.

Möglich war diese differenzierte Einsicht nur dank des interaktiven Dialogs von Forscherinnen und Forschern aus Belgien, Deutschland, Frankreich und Luxemburg, die sich sowohl aus ausgewiesenen Kennern der Papstgeschichte als auch aus Fachleuten der Geschichte Lotharingiens zusammensetzten.

Konferenzübersicht:

Klaus Herbers (Erlangen-Nürnberg): Rom als Modell. Konstruktion päpstlicher Autorität auf regionaler Ebene: Möglichkeiten, Formen und Reichweiten

Sektion I: Die Papsturkunde und ihre Reproduktionslogiken (L`acte pontifical et ses logiques de reproduction)

Laurent Morelle (Paris): L`acte pontifical dans l`espace du cartulaire: quelques éléments de réflexion

Hannes Engl (Aachen): Recontextualisation et manipulation d`actes pontificaux: le cartulaire dit « B » du chapitre de la cathédrale de Toul (début du XIIIe siècle)

Harald Müller (Aachen): Verwerfen oder bewahren? Logiken des Umgangs mit den Urkunden der Gegenpäpste in der lotharingischen Überlieferung

Sektion II: Autoritätskonstruktionen in erzählenden Quellen und anderen Formen der memoria (La construction de l`autorité pontificale dans les source narratives et autres formes de la memoria)

Brigitte Meijns (Leuven): Romam perrexit. Le rôle des sources narratives dans les interactions avec la papauté (XIe-début XIIe s.): réflexion introductive

Kevin Schmidt (Liège): L`autorité ponitificale dans les Gesta abbatum Trudonensium (XIIe siècle): entre affection et pragmatisme

Scott Kutting (Luxembourg): Ein „Gregorianer“ in Erklärungsnot: Papstbild und Konflikt in den Gesta Alberonis archiepiscopi Trevirensis

Robin Moens (Aachen, Namur): Dei gratia Romane ecclesie filia? Une pseudo-tradition des relations romaines au XIIe siècle et son influence sur la ville épiscopale de Liège

Gordon Blennemann (Montréal): Passé et présent des papes dans les textes narratifs monastiques de Metz (XIe-XIIIe siècles)

Michel Margue (Luxembourg): Rome, les abbayes d`Empire et les fondations comtales. Le cas des interactions des abbayes d`Echternach et du Münster à Luxembourg avec la papauté du Xe au XIIe s.: une comparaison

Sektion III: Rom als Modell: das Beispiel der Bischofsurkunden (Rome comme modèle: les actes épiscopaux)

Nicolas Ruffini-Ronzani (Namur): Les actes pontificaux pour le diocèse de Cambrai (fin XIe-XIIIe siècle): recours à l`autorité romaine et influence sur la diplomatique épiscopale

Naemi Winter (Bonn): Der Einfluss der Papsturkunde auf die Urkundengestaltung der Trierer Erzbischöfe im 12. Jahrhundert

Jean-Baptiste Renault (Nancy): Préparation d`une confirmation et perception d`un modèle d`acte: la part des bénéficiaires dans les influences pontificales sur les actes épiscopaux (diocèse de Toul, fin XIe-XIIe siècle)

Alain Dierkens (Bruxelles): Conclusions

Redaktion
Veröffentlicht am
24.01.2023
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Land Veranstaltung
Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
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