1968: Musik und gesellschaftlicher Protest

Ort
Schwerte
Veranstalter
PD Dr. Arnold Jacobshagen (Universität Bayreuth); Dr. Beate Kutschke (Universität der Künste, Berlin) in Kooperation mit der Katholischen Akademie Schwerte (Dr. des. Markus Leniger, Leiter des organisatorischen Ablaufs), Schwerte
Datum
28.09.2005 - 30.09.2005
Von
Stephanie Schmoliner

1968 als Jahr und Chiffre für Musikgeschichte und gesellschaftlichen Protest zu benennen, ist innerhalb der Kulturwissenschaften nicht neu. Auf dem Programm der musikwissenschaftlichen Tagung stand daher die interdisziplinäre Bestandsaufnahme zwischen Musik-, Sprach- und Sozialwissenschaften als neuer Ansatz.
Welche Bezüge gibt es zwischen Frank Zappa, Antonio Gramsci und der Oper des Figaros? Kann 1968 als Chiffre in allen Disziplinen der Musikgeschichte wahrgenommen werden?

Zu Beginn führten Martin Klimke und Joachim Scharloth mit zwei aktuellen Analysen in das Thema ein. „The times they are a-changing“ so der Titel von Klimkes Vortrag, zeigte an einem aktuellen Filmbeispiel, „Die fetten Jahre sind vorbei“ den Wandel des Mythos um die so genannte 68er Generation. Das Zubehör und Kleidung der Roten Armee Fraktion längst in jedem Supermarkt erworben werden kann ist ein Zeichen für diesen Wandel; subversives Potential sei in solchen Symbolen folglich nicht mehr zu finden. Mit Massenkonsum verschwindet offensichtlich die Symbolhaftigkeit eines jeden Gegenstandes. In Zeiten des benannten Massenkonsums wird es zunehmend schwerer, überhaupt noch irgendetwas als Protest wahrnehmen zu können.

Joachim Scharloth stellte in seiner linguistischen Analyse die Kommunikationsguerilla als neue Widerstandsform dar. Durch Störungen der Öffentlichkeit und Vereinnahmungsstrategien werde versucht, Angriffe auf die symbolisch hergestellte Ordnung auszuüben. Vorgespielte Tonbeispiele von Kartenkontrolleuren im öffentlichen Nahverkehr verdeutlichten den Anwesenden diese Störungen. Allein durch bewusste Betonung, ungewöhnliche Höflichkeit, oder eigener Wortwahl konnte in diesen Situationen Unbehagen und Performanzen hergestellt werden, so Scharloth. Die öffentliche Ordnung geriet für einen kurzen Moment aus den Fugen.

Frank Henschel knüpfte in seinem Vortrag an das Konzept der Performanz und Irritation an. Er zeigte die Auswirkung der Protestbewegung auf das Festival der Neuen Musik in Witten. Die Wittener Kammermusiktage, welche als bürgerliche Institution wahrgenommen wurden, konnten in ihrer Ordnung durch die Einladung der deutschen Avantgarde-Band Kraftwerk gestört werden: Popmusik, in diesem Fall Kraftwerk als Mischung zwischen U- und E-Musik, war für das sonst an U-Musik gewöhnte Publikum noch nicht denkbar. Es blieb bei dem einen Versuch, neue Musikformen in Witten miteinander zu verknüpfen. Zeit und gesellschaftliche Empfindungen sind für solche Irritationen besonders wichtig. Strategien und Irritationen können häufig nur in ihrem täglichen Arrangement als solche erkannt werden.

Der Schwerpunkt von Frieder Reininghaus lag in der Beziehung zwischen internationaler Politik und dem Niedergang der deutschen Linken. Seiner Ansicht nach werde die RAF bis heute maßlos überbewertet: in Hinblick auf musikalische Folgen ebenso wie auf politische Erfolge. Anders als andere soziale und politische Bewegungen der Vergangenheit, schuf die 68er Bewegung keine spezifischen Formen der Liedbewegungen. Solange aus einem breiten, amerikanisch dominierten Angebot Musik auswählbar war, konnte Reinighaus Ansicht nach das Bedürfnis selber zu singen auch nicht ausgebildet werden.

Bis zu diesem Zeitpunkt ging es also erstmal um Themen wie Popmusik und Liedbewegung. Als nächstes standen bedeutende Komponisten auf dem Prüfstand der 68er Bewegung. Martin Iddion diskutierte die Folgen von studentischen Protesten in Darmstadt für Karl Heinz Stockhausen. Die Darmstädter Ferienkurse spielten auch in den Folgebeiträgen eine größere Rolle. Die Darmstädter Ferienkurse waren Seminare für Neue Musik, die nach der Zeit des Nationalsozialismus als bekanntes Forum für internationale Musik wieder eröffnet wurden. Stücke und Komponisten, die in der Zeit des Nationalsozialismus verboten waren, konnten hier erstmals wieder neu entdeckt werden.

Amerikanische und deutsche Auswirkungen der Zeit um 1968 standen bis zu diesem Moment im Mittelpunkt des Symposiums. Was aber geschah in anderen Ländern? Der Vortrag Robert Adlingtons brachte mit seinen Ausführungen zu den Niederlanden einen weiteren Gesichtspunkt in die Darstellung der Zeit um 1968. Der holländische Diskurs um die Verbindung zwischen E-und U-Musik sei anders verlaufen, so Adlington – die internationale Rezeption scheint bis heute abhängig vom nationalen Kontext. Anders als in Deutschland gab es in der niederländischen Bevölkerung eine große Solidaritätsbewegung mit den französischen Studentenprotesten, insbesondere nach den Vorfällen an der Universität Sorbonne im Mai 1968. Musikalisch prägte dies die ganze niederländische Gesellschaft. In welcher Form, konnte leider nicht diskutiert werden, da der Referent nicht persönlich anwesend war.

Auch im Abendprogramm ging es musikwissenschaftlich zu. Die Opernforscher Sieghart Döhring, Joachim Herz und Arne Langer trafen in einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung aufeinander und durchleuchteten die 1968er Bewegung in Bezug auf die Oper im Ost-West-Vergleich.

„Protest und Neue Musik“ hieß das erste Panel am nächsten Tag, unter dem Luc Ferrari, Dieter Schnebel und Hans Werner Henze als mögliche Protest-Akteure von Eric Dott, Simone Heiligendorff und Arnold Jacobshagen vorgestellt wurden. Die Bühne als Ort möglicher Widerständigkeiten wurde hier deutlich akzentuiert.

Im Anschluss an die Akteure wurden die Oper, das Tanz- und Musiktheater als Bühnen des musikalischen und gesellschaftlichen Protests von Steffen Schmidt, Antje Tumat und Caroline Lüdersen untersucht. Allen Vorträgen gemein war die Frage, ob die Oper als politisches Medium unterschätzt werde. Hervorzuheben ist der Vortrag von Caroline Lüdersen, die mit Gramsci die Oper Nonos untersuchte. Gramscis Ansatz der Mitwirkung von Künstlerinnen und Künstlern am Kampf für eine gerechtere Welt wurde von Lüdersen in den Vordergrund gestellt. Kunst müsse auch immer in den Dienst gesellschaftspolitischer Aufgaben gestellt werden, in der sich der Künstler nicht als absolut setze. Das Publikum muss und kann sich somit erst selbst positionieren.
Dass die Oper nicht zu unterschätzen ist, wurde im vierten Panel von Arne Langer, Glenn Stanley und Martin Elste an Figaro und Fidelio-Inszenierungen erneut betont.

Auch am zweiten Abend des Symposiums gab es eine musikwissenschaftliche Inszenierung als Spätprogramm. Die audiovisuelle Vorstellung am Beispiel Fidelios verdeutlichte die störenden Irritationen für die Gesellschaft, von denen tagsüber die Rede war.

Am dritten und letzten Tag stand die Frage nach gesellschaftlicher Identität in der Musik im Vordergrund. Utopien der Hippies wurden von Sebastian Werr vorgestellt und Hermann Hesse von Magalie Nieradka als der Proto-Hippie benannt.

Daran anschließend wurde der Blick der Vortragenden nach Osten erweitert. Bogumila Mika wies anhand des Beispiels polnischer Musik nach 1968 darauf hin, dass Einflüsse nicht zwangsläufig aus Amerika kommen mussten und die Bedeutung von 1968 hier ganz anders, wesentlich weniger ausgeprägt, bewertet werden müsse. Polnische Musik, insbesondere die Avantgarde, sei stark von musikalischen Strömungen aus Bulgarien und der Sowjetunion inspiriert worden.
Die polnische Regierung hätte zwar die amerikanischen Einflüsse gesehen, ihre Strategie war jedoch nicht das Verbot dieser Musik, wie in anderen Ostblock-Ländern. Tolerierung hieß der polnische Weg. Man hoffte, ohne Verbote den Reiz amerikanischer Einflüsse so gering wie möglich halten zu können und die eigene musikalische Identität so zu bewahren.

Der These nach der marginaleren Bedeutung der 68er-Bewegung im Osten Europas schloss sich auch Rüdiger Ritter in seinem Vortrag an. Eindrucksvoll zeigte er, welche unterschiedlichen Handlungsformen und Strategien es im Osten gab, auf unerwünschte Musik aus dem Westen zu reagieren.
1968 als Chiffre der Protestbewegung sei auf die Länder im Osten nicht deckungsgleich anwendbar wie im Westen, so Ritter. Die so genannte 68er-Bewegung ist für ihn ein ausschließlich atlantisches Modell. Die Bedeutung von Woodstock sei für die Länder im Osten nicht relevant gewesen. Für den Osten galten andere Ereignisse als ausschlaggebende Veränderung, so beispielsweise 1953, das Jahr des Warschauer Herbstes.
Reaktionen von Ländern wie der ĆSSR, Bulgarien, Polen oder der DDR waren im Umgang mit westlichen Musikeinflüssen vollkommen divergent.

In drei Tagen wurden eine Vielzahl von Ansätzen, Fragen und Kontroversen über die Folgen des Jahres 1968 in sämtlichen Bereichen der Musik und dessen Auswirkungen besprochen, durchleuchtet und diskutiert. Das Resümee des Symposiums war: es gab sie durchaus, die Auswirkungen; musikalisch, politisch und gesellschaftlich.

Es wurde aber auch deutlich, dass nicht alle Ansätze besprochen werden konnten und so ist es umso erfreulicher, dass vom 13. bis 15. Januar 2006 ein Anschluss-Symposium stattfinden wird. Die Frage nach „Musikkulturen zwischen Protest und Utopie“ wird dann im Mittelpunkt der zweiten Tagung stehen.
Die Ansätze und Theorien der unterschiedlichsten Disziplinen des ersten Symposiums können in einem noch erscheinenden Tagungsband nachgelesen werden.

Kontakt

PD Dr. Arnold Jacobshagen
jacobshagen@uni-bayreuth.de

Dr. Beate Kutschke
beate.kutschke@arcor.de

Zitation
Tagungsbericht: 1968: Musik und gesellschaftlicher Protest, 28.09.2005 – 30.09.2005 Schwerte, in: H-Soz-Kult, 09.01.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1024>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.01.2006
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