Säkularisierung in der Frühen Neuzeit: begriffliche Überlegungen und empirische Fallstudien

Ort
Berlin
Veranstalter
Stefan Ehrenpreis; Vera Isaiasz; Ute Lotz-Heumann; Matthias Pohlig; Ruth Schilling; SFB 640 „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“ Teilprojekt A3: "Religiöse und säkulare Repräsentationen im frühneuzeitlichen Europa", Humboldt-Universität zu Berlin
Datum
09.12.2006 - 10.12.2006
Von
Maria Böhmer, Berlin

Unter dem Titel[1] "Säkularisierung in der Frühen Neuzeit: begriffliche Überlegungen und empirische Fallstudien" fand am 9. und 10. Dezember 2005 in Berlin ein Workshop des Teilprojekts A3 "Religiöse und säkulare Repräsentationen im frühneuzeitlichen Europa" des Berliner Sonderforschungsbereiches 640 "Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel"[2] statt. Die Veranstalter, Stefan Ehrenpreis, Vera Isaiasz, Ute Lotz-Heumann, Matthias Pohlig und Ruth Schilling (alle Mitarbeiter im Teilprojekt), hatten Wissenschaftler aus verschiedenen historisch arbeitenden Disziplinen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz dazu eingeladen, anhand ihrer Forschungen unterschiedliche Ansätze und Methoden vorzustellen und zu diskutieren, wie sich Phänomene und Prozesse der Säkularisierung in der Frühen Neuzeit erklären und beschreiben lassen. Das Ziel der Tagung bestand also darin, ausgehend von den Arbeiten des Forschungsprojekts methodische und terminologische Fragen der Säkularisierungsforschung zu diskutieren. Ein weiteres Ziel war, durch die verschiedenen Beiträge aus unterschiedlich ausgerichteten Forschungsfeldern das breite Spektrum frühneuzeitlicher Säkularisierungsphänomene in den Blick zu nehmen. Der Workshop war dergestalt strukturiert, dass zu Beginn der ersten Sitzungseinheit, die drei Beiträge umfasste, ein einleitender Vortrag der Mitarbeiter des Projekts stand, der den interdisziplinären und methodisch breit gefächerten Diskussionsrahmen des Tagungsthemas vorgab. Der zweiten Sitzungseinheit, die aus drei weiteren Vorträgen bestand, ging eine kurze Projektvorstellung der Veranstalter voraus, so dass schon strukturell durch diese Einteilung die Rückbindung der sechs Einzelbeiträge an methodische und konzeptionelle Vorgaben des Forschungsprojekts gewährleistet war. Allen Referaten war gemeinsam, dass sie, darin dem Titel des Workshops entsprechend, in unterschiedlicher Gewichtung sowohl terminologische Überlegungen umfassten als auch die Operationalisierung der unterschiedlichen Ansätze in einem empirischen Teil auf ganz unterschiedlicher Materialbasis zu veranschaulichen versuchten.

Im Folgenden soll in chronologischer Reihenfolge von den Einzelvorträgen die Rede sein, um dann in einer Art systematischer Synopse methodische Fragen, die sich mehr oder weniger bei allen Vorträgen stellten, gebündelt zu besprechen. Die Komplexität und Abstraktheit des Themas macht es allerdings notwendig, zunächst vergleichsweise ausführlich zu erläutern, von was genau überhaupt ein Workshop handeln kann, dessen thematischer Gegenstand "Säkularisierung" heißt.

Professor Heinz Schilling (HU Berlin), Leiter des SFB-Teilprojekts, verortete zu Beginn das Forschungsfeld des Projektes in der Nähe der von ihm und Wolfgang Reinhardt begründeten Konfessionalisierungsforschung: Säkularisierungsprozesse stünden in einem engen und komplizierten Verhältnis zu Prozessen der Konfessionalisierung. In ihrem einleitenden Vortrag skizzierten Vera Isaiasz und Matthias Pohlig (Berlin) anschließend die Forschungslage und den Ansatz des Forschungsprojektes. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass in der Frühen Neuzeit die Bedeutung von Religion und der Einfluss von Kirchen nicht einfach abgenommen hat, sondern sich Phasen beschleunigter Säkularisierung mit "solchen (abwechselten), in denen die "Verzahnung" von kirchlicher und politischer Ordnung "erneut enger wurde und ihre Allianz im Vordergrund" stand.[3] Weil Säkularisierung also in einem derartigen dialektischen und komplexen Verhältnis zur Konfessionalisierung steht, sind beide Vorgänge "nicht als Gegensatz" zu verstehen und deshalb sind auch Prozesse der Säkularisierung nicht einfach in linearer Perspektive als Folgeepoche und Entwicklung des konfessionellen Zeitalters zu deuten.

Mit diesem Ansatz stellt sich das Forschungsprojekt die methodisch schwierige Aufgabe, die klassische soziologische und philosophische Debatte, ob Säkularisierung einen Rückgang von Religion oder eine Transformation religiöser Gehalte beschreibt, im Hinblick auf die Frühe Neuzeit und ihre spezifischen Bedingungen neu zu diskutieren und durch historische Forschung zu fundieren. An empirischem Material wollen die Mitarbeiter des Projekts Fragen etwa dieser Art nachgehen: Wie sind die gleichzeitigen Prozesse von Säkularisierung und Konfessionalisierung zu denken? Was bedeutet die Annahme, dass Säkularisierung nicht notwendigerweise mit einem Verlust an Religion einhergeht? Lassen sich Tendenzen der (Re)-Sakralisierung in einigen Bereichen bei gleichzeitigen Säkularisierungstendenzen in anderen beobachten? Wie lassen sich Phänomene dieser Art messen und welche Fragen müssen dazu an welche Quellen gestellt werden? Was können Indizien für Säkularisierung sein?

Säkularisierung und Konfessionalisierung und deren komplexes Verhältnis zueinander - die Veranstalter taten gut daran, die Problematik der beiden umstrittenen Zentralbegriffe im Vorfeld der Diskussion zu thematisieren und die Teilnehmer für die unterschiedlichen terminologischen Implikationen zu sensibilisieren. Dabei plädierten sie für einen flexiblen Umgang mit beiden Begriffen, die jeweils eine eigene komplizierte Begriffsgeschichte besitzen.

Das weithin bekannte Konfessionalisierungsparadigma, das die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von Religion im 16. und 17. Jahrhundert betont und zugleich die Herausbildung konfessionell homogener Großkirchen und Konfessionskulturen untersucht, wurde pragmatisch als Korrektiv zu einem allzu linear verstandenen Prozess von Säkularisierung angesprochen. Es könne für die Diskussion des Säkularisierungstheorems insofern fruchtbar sein, so die Anregung der Referenten, als sich die Kritik an seinen modernisierenden und unintendierten säkularisierenden Effekten als anschlussfähig erweisen könnte. Lässt sich die im Konfessionalisierungsparadigma widerspruchsvoll angelegte Säkularisierungsbewegung empirisch fassen, und wenn ja, wie?

Zum Begriff der Säkularisierung wurde mit Blick auf seine lange Entwicklung als weltanschaulicher Kampfbegriff zunächst angemerkt, dass er eher ein Postulat sei als eine Theorie oder ein forschungspraktischer Begriff. Die meisten Historiker und Sozialwissenschaftler des 19. und des 20. Jahrhunderts hätten Moderne und Säkularisierungsprozesse unmittelbar miteinander verknüpft. Hiermit wurde eines der hartnäckigen Probleme angesprochen, die der Begriff impliziert: Denn dass unsere Gesellschaft säkularisiert sei ist ein Topos, der lange Zeit unhinterfragte Gültigkeit besaß (und diese in aktuellen Diskussionen über das Wiederaufleben- und Erstarken religiöser Bewegungen ja auch immer wieder beansprucht). Kurz gesagt: Der Säkularisierungsbegriff ist vor allem deshalb problematisch, weil er unscharf ist. Diese Unschärfe, so stellten die Referenten heraus, ist hauptsächlich zwei unterschiedlichen Begriffsverwendungen geschuldet, indem nämlich Säkularisierung einen Bedeutungsverlust oder die Veränderung der Rolle der Religion beschreiben kann, also auf Rückgang oder Transformation von Religion bzw. religiöser Gehalte zielt. Vor allem bei den klassischen Säkularisierungstheoretikern liefen beide Thesen häufig nebeneinander her.

"Geht es um Entdogmatisierung, Entkonfessionalisierung, Entkirchlichung, Entchristlichung, Verweltlichung, Transzendenzverlust oder um das Ende von Religion überhaupt?"[4] Mit den eindrücklichen Worten Ulrich Barths verdeutlichten Referenten die terminologische Herausforderung, vor die der Begriff den Historiker stellt.

Bisher wurde historische Säkularisierungsforschung hauptsächlich im Bereich der Rechts- und Politikgeschichte betrieben. Eine historische Säkularisierungsforschung, in die sich das Projekt mit seinen Arbeiten einreiht, wurde von Studien Michel Vovelles, von Rudolf Schlögl, Heinz Duchhardt und Hartmut Lehmann angeregt.[5] Aber auch der instruktive Vorschlag Hartmut Lehmanns, den Säkularisierungsbegriff durch andere Begriffe wie "Dechristianisierung und v. a. "Rechristianisierung" zu spezifizieren, mit denen gerade die kürzeren Phasen von Sakralisierungs- und Säkularisierungsvorgängen erfasst werden sollen[6], ist in seiner Tragweite hinterfragt worden.

Mit der Darlegung der terminologischen Vielfalt zeigten die Referenten den Problemhintergrund auf, vor dem sie im Rahmen ihres Projekts mithilfe eines Modells von Repräsentationen Säkularisierungs- und Konfessionalisierungsprozesse untersuchen wollen. Säkularisierung wird dabei als kulturelles Phänomen aufgefasst, und insofern besteht aus Sicht des Projekts der Bedarf für einen Terminus, mit dem nicht nur verfassungsrechtliche oder gesellschaftsstrukturelle Prozesse erfasst werden können, sondern eben auch Veränderungen von Bewusstseinsvorgängen und kulturellen Prägungen. Diese mutmaßlich langdauernde Entwicklung soll an kleinen Ereignissen und Prozessen untersucht und damit das Säkularisierungstheorem für die Operationalisierung in der historischen Forschung enger gefasst werden. Ziel ist also eine "Miniaturisierung des Forschungskonzepts"[7], bei der es nicht nur um die Veränderung der gesellschaftsstrukturellen Rolle der Religion geht, sondern vielmehr um ihre Wahrnehmung und Deutung. Auf diese Weise will das Projekt Säkularisierung als Phänomen von kollektiven Deutungen oder "Repräsentationen" untersuchen. Der an Roger Chartier angelehnte Begriff der Repräsentation [8] wird dabei, im Sinne eines mindestens triadischen Zeichenmodells, verstanden als "Ebene der Vorstellungen und Darstellungen, die die Welt nicht einfach abbilden, sondern in medial differenzierter Weise so abbilden, wie die Akteure meinen, dass sie beschaffen sei oder sein sollte". Das heißt, dass neben dem Phänomen und seiner Repräsentation immer auch die Sinnstiftungsleistung von Akteuren einbezogen wird. Damit soll sich der Prozess der Säkularisierung als ein Vorgang beschreiben lassen, in dem sich grundlegende kulturelle Deutungsmuster - Repräsentationen - veränderten. Wie das im Einzelnen aussehen kann, wurde im Verlauf des Workshops deutlich.

Diskutiert wurde im Anschluss an diese Einführung vor allem die Frage, wie das beschriebene dialektische Verhältnis von säkularisierenden und sakralisierenden Tendenzen zu verstehen sei. Dialektik zielt hier auf den engen Zusammenhang und das Ineinander beider Vorgänge und soll eine teleologische Konnotation und Perspektive vermeiden helfen. Ist der philosophiehistorisch aufgeladene Begriff der Dialektik aber selbst nicht schon zu voraussetzungsreich? Heinz Schilling verdeutlichte, dass die Säkularisierung direkt eingebunden in den Konfessionalisierungsprozess sei, da die Konfessionalisierung nicht als Hemmschuh oder Betriebsunfall im langen Prozess der Modernisierung und Säkularisierung, sondern vielmehr als Antriebsfaktor zu verstehen sei. Dieses Phänomen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Verhältnis von Konfessionalisierung und Säkularisierung tauchte in den folgenden Diskussionen immer wieder auf.

Frieder Mißfelder (Zürich) eröffnete die Reihe der Vorträge mit einem stark theorieorientierten, aber gleichwohl anschaulichen Beitrag zum Thema "Kommunikation über Differenzierung. Konfessionalisierung und Säkularisierung (in) der politischen Theorie". Mißfelder näherte sich seinem Thema mit dem begrifflichen Instrumentarium der Luhmannschen Systemtheorie. Ausgangspunkt war die Kritik an der breit akzeptierten These von der Säkularisierung des Staates als Folge einer funktionalen Ausdifferenzierung von Politik und Religion als autopoietische Teilsysteme. Diese sei in einer Langzeitperspektive weitgehend unbestreitbar, es sei aber fraglich, ob sie sich als Analyseinstrument für spezifische Säkularisierungsphänomene der Frühen Neuzeit eigne. In einem ersten Schritt wurde am Beispiel des Aufsatzes von Ernst-Wolfgang Böckenförde zur "Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation"[9] und mit Blick auf inhaltlich verwandte Autoren aufgezeigt, wie problematisch die implizite Voraussetzung einer Vorstellung des "Politischen" als relativ autonomer Größe sei, die als "Schrittmacherin der Moderne" fungiere. Nicht die Autonomie des Politischen, so die erste These, sei für die Frühe Neuzeit kennzeichnend, sondern ein "epochenspezifischer Begriff des Politischen"[10], der durch eine enge strukturelle Verknüpfung mit Religion und Kirche eine deutliche Trennung beider Sphären im Sinne autopoietisch-funktionaler Differenzierung unmöglich mache. An zwei Extrempositionen aus dem politischen Diskurs Frankreichs im späten 16. Jahrhunderts zeigte Mißfelder, dass das Spektrum der politischen Denkmöglichkeiten sehr weit sein konnte, und dass zwei Positionen ebenbürtig nebeneinander standen. Dokumentierte auf der einen Seite eine Flugschrift aus dem Umfeld der radikal-katholischen Ligue die semantische Kopplung der diesseitigen politischen Ordnung des Königs mit der Herrschaft des Erlösers Jesus Christus, so stellte andererseits eine anonyme politiques-Flugschrift Staat und Religion als unvereinbar gegenüber und propagierte damit, so Missfelder, die Entkopplung beider Teilsysteme. Die zweite These zielte dann darauf ab, dass darüber hinaus die politische Theoriebildung in Bezug auf die Differenzierung beider Teilsysteme selbst schon reflexiv verfuhr. Als Beleg diente ein dialogisch strukturierter zeitgenössischer Text, an dem verdeutlicht wurde, wie Differenzierung und Entdifferenzierung als historisch gleichzeitig und gleichwertig gegenüber gestellt wurden, und wie dadurch der Prozess der Differenzierung selbst zum Thema gemacht wurde: Kommunikation über Differenzierung, die erst durch den Prozess der Konfessionalisierung ermöglicht wurde. Säkularisierung der politischen Theorie, so wurde gefolgert, vollziehe sich nicht als Trennung von Politik und Religion als autonome Teilsysteme, sondern als Kommunikation über Differenzierung und durch die langsame Etablierung neuer Codes und Leitdifferenzen.

"Sakrale und säkulare Repräsentation von Herrschaft im frühneuzeitlichen Deutschland" beobachtete Naima Ghermani und lenkte den Blick auf visuelle Repräsentationsformen. Sie entwickelte am Beispiel von Herrscherbildern und einer Königskrönung die These eines paradoxen Verhältnisses von Entsakralisierung und (Re-)Sakralisierung visueller Repräsentationen infolge der lutherischen Bildauffassung. Am Beispiel von Bild und Ritual führte sie aus, wie weltliche protestantische Herrscher sich darum bemühten, im Zusammenhang mit Strategien des Machtzuwachses und der Territorialisierung sakrale Traditionen (z. B. Weihe) aufrechtzuerhalten, um Macht und göttliche Ordnung zu versinnbildlichen. An einer Predigt des Reformators Bugenhagen wurde die Auffassung von der gottgegebenen Würde des Königs aufgezeigt, die dort als Begründung für die Notwendigkeit der sakralen königlichen Zeremonien erscheint. Die Salbung, so folgerte die Referentin, blieb somit ein notwendiges Legitimationsritual und die Kirche ein wichtiges Legitimationsinstrument der Herrschermacht. Am Medium des Bildes, insbesondere an der Gattung des Portraits wurde illustriert, wie von protestantischer Seite Elemente der katholischen Bildsprache übernommen wurden. Offenbar war es unmöglich, die Repräsentationen politischer Autorität zu säkularisieren; sie blieben in ihrer medialen Sprache weitgehend sakral. Dieses Phänomen zeige, so die Schlussfolgerung Ghermanis, ein partielles Scheitern der protestantischen Herrscher bei ihrer Anstrengung, eine eigene politische Symbolik zu schaffen.

Die Kunsthistoriker Arne Karsten und Philipp Zitzlsperger (Berlin) betrachteten unter dem Titel "Sakralisierung und Säkularisierung. Grabkunst und Herrschaftsrepräsentation im frühneuzeitlichen Rom" Forschungsergebnisse aus ihrem eigenen Forschungsprojekt (Requiem-Projekt, HU Berlin) [11] unter der Fragestellung der Säkularisierung und zeigten dabei, wie sich Säkularisierungstendenzen an Repräsentationen des Papsttums erkennen lassen. Anhand eines reichen Bildmaterials führten sie einen Wandel vor Augen, der sich in der Formensprache der päpstlichen Grablegen vom späten 15. zum späten 16. Jahrhundert vollzog: An die Stelle eines umfangreichen Dekorationsprogramms in Gestalt von Heiligenfiguren und Tugendallegorien, wie sie etwa die Grablegen Pius' II. und Pius' III. aufweisen, traten im Zeitalter der katholischen Reform Stilisierungen des Papstes als weltlicher Souverän. Dieser Gestus des "Hochleistungsmodernisierers", so die Referenten, lasse sich etwa bei den Grablegen von Paul V. und Sixtus V. ablesen. Bei den weitestgehend säkularisierten res gestae-Reliefs sei eine Kombination von liturgischer und außerliturgischer Kleidung die Regel gewesen. Auch in der Selbstdarstellung des Papsttums im Medium der Porträtbüste fand, so wurde im zweiten Teil des Referates dargelegt, ein Umbruch im 16. Jahrhundert statt: Paul III. Farnese hatte sich erstmals ohne Tiara als demütiger Friedensfürst abbilden lassen. Die Repräsentation ohne Kopfbedeckung, die in der Abbildung gewissermaßen die Aufhebung der kirchlichen Hierarchien andeutete, kennzeichnete dann die Büsten des konfessionellen Zeitalters, bis im Jahre 1632 Gianlorenzo Bernini mit dem sogenannten "Camauro-Typus" ein neues Papstbild schuf. Diese besondere nichtliturgische Kopfbedeckung zusammen mit einem speziellen Umhang, der Mozetta, wurde lange als Privatgewand des Papstes gedeutet. Sie lasse sich aber, so die eindrücklich illustrierte These Karstens und Zitzlspergers, vielmehr als Ausstattung eines weltlichen Gerichtsherrn verstehen: Im historischen Kontext des dreißigjährigen Krieges repräsentierte das Papstportrait unter anderem den Anspruch auf die Rechtssprechungshoheit des Papsttums. Diese Entwicklung wurde von Karsten und Zitzlsperger als Indiz für einen kirchenstaatlichen Säkularisierungsprozess angesehen.

Als Auftakt zur zweiten Sitzungseinheit gab jeder der Mitarbeiter des Projekts einen kurzen Bericht aus seinem jeweiligen Forschungsbereich. Stefan Ehrenpreis erläuterte sein Projekt zum "Wandel religiöser zu säkularisierten Repräsentationsformen von Welt, Gesellschaft und Kirche im frühneuzeitlichen Schulbuch": An zeitgenössischen Schulbüchern und theoretisch-didaktischen Diskursen untersucht Stefan Ehrenpreis, wie sich vor dem Hintergrund des wachsenden Schulbuchmarktes und mannigfaltiger Veränderungen länderspezifischer Lernmaterialien im 17. Jahrhundert Repräsentationsformen konfessioneller Identitäten zu säkularen Referenzsystemen wandelten. Dabei wird insbesondere nach der Verbindung von textuellen und visuellen Repräsentationen des Verhältnisses von Mensch und Kosmos gefragt: Inwiefern wandelte sich die Darstellung dieses Verhältnisses mit dem Eindringen neuer Unterrichtsinhalte im 17. Jahrhundert?

In ihrem Projekt zu "Lutherischen Sakralitätskonzepten am Beispiel von Kirchweihen und Weihepredigten" untersucht Vera Isaiasz die Sakralität oder Profanität lutherischer Kirchen und die historisch gewandelten Deutungen des Kirchenraumes im 16. und 17. Jahrhundert. In welchem Deutungsrahmen interpretierten Theologie, Obrigkeiten und Gemeinden den Kirchenraum im konfessionellen Zeitalter? Systematisch und überregional werden dafür evangelische Predigten und Kirchweihfeste des 16. und 17. Jahrhunderts untersucht, die, so Isaiasz, ein entscheidendes Austragungsfeld für die unterschiedlich akzentuierten Deutungen des Kirchenraumes darstellten. Dabei ergeben sich komplexe Fragen etwa nach der Beziehung von Resakralisierung des Kirchenraumes, Konfessionalisierung und funktionaler Differenzierung.

Ute Lotz-Heumann befasst sich in ihrem Projekt zu "Repräsentationen von Wasser und Heilquellen in der Frühen Neuzeit zwischen Sakralität und Säkularität" mit den unterschiedlichen Deutungen von Wasser durch die Konfessionen: Während der Katholizismus an einer sakralen Deutung des Wassers ("heilige Quellen") festhielt, wurde im protestantischen Gelehrtendiskurs die sakrale und magische Qualität des Wassers abgelehnt. Lediglich die Heilungswunder der sogenannten "Wundergeläufe" wurden von protestantischen Pfarrern akzeptiert, allerdings wurde hierbei nicht dem Wasser, sondern Gott die heilende Kraft zugeschrieben. Dazu werden weitere Diskurse wie die Balneologie (Heilquellenkunde) sowie die Jungbrunnenvorstellungen und -darstellungen der Renaissance und des Humanismus herangezogen. Auf breiter textueller und visueller Quellenbasis soll sowohl in synchroner als auch diachroner Perspektive der Frage nachgegangen werden, inwieweit Wasser und Heilquellen in den konfessionellen Diskursen der Frühen Neuzeit repräsentiert werden.

In seinem Projekt "Das Ende der Apokalypse. Zum Rückgang von Endzeitrepräsentationen im Prozess der Säkularisierung" geht Matthias Pohlig von dem Eindruck aus, dass apokalyptische Repräsentationsmodelle, die vor allem in den Konfessionskulturen von Luthertum und Calvinismus präsent waren, ab ungefähr 1650 an religiöser wie gesamtgesellschaftlicher Bedeutung verlieren. Gefragt werden soll, ob und wie dieser Prozess als Säkularisierung eines christlichen Repräsentationsmodells zu verstehen ist und warum die apokalyptische Naherwartung, deren genaue Gestalt zuerst zu untersuchen ist, verschwindet. Anhand verschiedener Quellengattungen, vor allem gelehrte Texte, dabei insbesondere theologische, aber auch Flugschriften und Bilder aus dem Reich und Frankreich, soll versucht werden, den Zusammenhängen zwischen gelehrtem und Alltagsdiskurs nachzugehen.

Mit der "Sakralität und Herrschaft im konfessionellen Zeitalter am Beispiel Frankreichs" beschäftigt sich Ruth Schilling in ihrem Projekt zum französischen "Sakralkönigtum". Dabei fragt sie nach dem Zusammenhang zwischen den sakralen und säkularen Legitimationsformen monarchischer Herrschaft: Unter welchen Bedingungen wandelte sich das Verhältnis von Sakralität und Säkularität in der monarchischen Herrschaftsrepräsentation und in welchem Verhältnis steht dieser Wandel zum Wandel sozialer Ordnung? Handelt es sich bei der Veränderung monarchischer Repräsentations- und Legitimationsformen um einen Prozess der Säkularisierung im Sinne eine Verdrängung der Religion aus der Sphäre der Politik? In einer Langzeitperspektive werden Kontinuität und Wandel sakraler Herrschaftsrepräsentationen von Heinrich III. bis Ludwig XIV. analysiert. Da sich die Sakralität des französischen Königs in der Verbindung von Königtum und Leiblichkeit des Herrschers manifestierte sollen die Quellen etwa auch daraufhin befragt werden, welche sakralen Qualitäten dem Königskörper zugeschrieben wurden.

Mit seinem Referat über "Pluralisierung als Konzept der Frühneuzeitforschung" lieferte Arndt Brendecke (München) einen Beitrag zu den begrifflichen Überlegungen des Workshops. Er stellte eine Außen- und Alternativperspektive vor, nämlich diejenige des Münchner SFBs "Pluralisierung und Autorität" in der Frühen Neuzeit.[12] Der SFB untersucht in unterschiedlichen Disziplinen Traditionsvorgaben des Mittelalters und Konstitutionsbedingungen der Frühen Neuzeit. Pluralisierung, verstanden als Vermehrung der in einem Lebens- oder Kulturbereich relevanten Repräsentationen der Wirklichkeit auf der einen Seite, und der Komplementärbegriff Autorität, verstanden als ein weites Spektrum formeller und informeller Normierungsansprüche auf der anderen Seite, wurden als die beiden in einem komplexen Verhältnis zueinander stehenden Zentralbegriffe vorgestellt. Die Verbindung eines Begriffs der Dynamik (Pluralisierung) mit einem der Statik (Autorität) soll dazu dienen, die teleologischen Implikationen bestehender Forschungsparadigmen wie etwa "Modernisierung" zu vermeiden. Bei dem Begriffspaar handelt es sich um ein Konzept, das heuristisch einen dialektisch aufgespannten Rahmen zur Beschreibung historischer Prozesse zur Verfügung stellt. Anders als der Begriff der Säkularisierung oder auch der Konfessionalisierung hat die Figur von Pluralisierung und Autorität also keinen paradigmatischen Anspruch, sondern ist eine abstrakte Figur, deren Vorteile vor allem in der Anschlussfähigkeit an inhaltsbestimmte Forschungsparadigmen, in ihrer Fähigkeit zur interdisziplinären Integration und in ihrer Ergebnisoffenheit bestehen. Weshalb sich das Konzept besonders gut für den Untersuchungszeitraum des Sonderforschungsbereiches, die Frühe Neuzeit von 1500 bis 1700, eignet, wurde dadurch erklärt, dass sich Pluralisierungs- und Autoritätsphänomene einander nicht nur im Sinne eines "dialektischen Ping-Pongs" stimulierten. Mit der Konfessionalisierung fielen sie auch zeitlich zusammen und könnten verschiedene Seiten des gleichen historischen Prozesse darstellen, da Konfessionalisierung übergreifend ein Pluralisierungsphänomen sei, konfessionsintern jedoch als autoritativ betriebenes Homogenisierungsphänomen erscheine. Mit Blick auf die Reformation, den europäischen Expansions- und Entdeckungsprozess sowie die Durchsetzung des Buchdrucks wurde eine Differenzierung des Pluralisierungsbegriffes vorgeschlagen: die tatsächliche Pluralisierung (mehr bekannte Kulturen, mehr Bücher); die wahrgenommene Pluralisierung (Medienrevolution vermittelt plurale Fremderfahrungen und verändert somit die Wahrnehmung von Pluralisierung, die nicht mit der tatsächlichen übereinstimmen muss); schließlich ein historisch wandelbarer, kulturspezifischer Interpretationsrahmen für Pluralität (Einbeziehung der Interpretationsrahmen von Pluralität).

Heike Bock (Luzern) sprach über "Konversion zwischen Konfessionalisierung und Säkularisierung. Methodische und empirische Überlegungen für das 17. und 18. Jahrhundert" und lieferte somit einen Beitrag, der wieder stärker die Frage nach dem Verhältnis von Konfessionalisierung und Säkularisierung in den Mittelpunkt rückte. Der Vortrag war in einen theoretischen und einen empirischen Teil gegliedert. Im ersten Teil führte Heike Bock in die religionssoziologische Theorie zur Säkularisierungsfrage ein, indem sie die Arbeiten der angloamerikanischen Religionssoziologen Steve Bruce und Rodney Stark vorstellte. Wo Bruce - sich einreihend in die klassische europäische, linear verlaufende Säkularisierungserzählung - einen Verlust von Religion konstatiert, betont Stark mit einem eher systematischen Religionsbegriff die Veränderung religiöser Bedeutung. Während Bruce die These eines langfristigen Rückgangs von Macht und Popularität des Glaubens vertritt, wobei er eine Kausalverbindung zwischen Säkularisierung und Moderne voraussetzt, betrachtet Stark dagegen die Säkularisierung sozusagen durch die Brille der Marktwirtschaftstheoretiker: Durch die Herausbildung eines Konfessionspluralismus entsteht ein Markt an möglichen Glaubensformen, die untereinander konkurrieren. So gesehen blieb die Nachfrage nach Religion stabil, während sich die Formen religiöser Praxis veränderten. Starks Ansatz sei eine Art "rational choice"- Konzeption insofern er ein eher zyklisches Modell religiöser Variation voraussetze. Das Auf und Ab der Sakralisierung und der Säkularisierung schienen sich so wie Angebot und Nachfrage zu regulieren. Im zweiten Teil ihres Vortrages betrachtete Heike Bock die innerchristliche Konversion als Indikator für gleichzeitige religiöse Vitalisierung und säkularisierende Vorgänge. Zunächst scheint die innerchristliche Konversionsforschung im Kontext von Konfessionalisierung zu stehen und hat auf den ersten Blick nichts mit Säkularisierung zu tun. Jedoch, so zeigte Heike Bock auf, hat sie unintendierte Folgen, die als Säkularisierungsphänomene erscheinen: Konversion konterkarierte in gewisser Hinsicht den Absolutheitsanspruch der alten Konfession, indem sie sie als wählbar und beliebig erscheinen ließ und indem der Konvertit zeigte, dass seine Bindung offenbar nicht unumstößlich war. Der frühneuzeitliche Konvertit bestätigte durch seine Handlung die Pluralität der Konfessionen - eine zutiefst religiöse Entscheidung erscheine, so die Schlussfolgerung der Referentin, hier als säkularisierend. Der Konvertit tritt als Kunde des pluralistischen Konkurrenzmarktes der Konfessionen auf; seine Handlung wirkt zugleich stabilisierend und infragestellend. Innerchristliche Konfession kann insofern für die Frage nach dem Zusammengehen von Säkularisierung und Konfessionalisierung als Gradmesser dienen.

Die Literaturwissenschaftlerin Sandra Pott (Hamburg) beschäftigte sich in einem wissenschaftshistorisch ausgerichteten Beitrag mit "Christianisierung und Re-Säkularisierung. Charakterologie in der Frühen Neuzeit" und ging dabei ihrer Ausgangsfrage nach, ob Hartmut Lehmanns These von der Säkularisierung als "Zwischenspiel" [13] zwischen Prozessen der Sakralisierung in der Vormoderne und in der Postmoderne zutreffe. In literaturwissenschaftlicher Manier folgerte sie aus diesem dramentheoretischen Begriff des Zwischenspiels, dass die vorauszusetzende Haupthandlung dann als Sakralisierung zu identifizieren sei und bezeichnete diese Vorstellungen von Säkularisierung und Sakralisierung als eine "Form des Präsentismus", da aktuelle Vorstellungen und Konzepte auf historische Entwicklungen übertragen würden und sich die These vom Zwischenspiel somit aus aktuellen Wahrnehmungen legitimiere. Demgegenüber war ihr Ziel, nach gleichzeitigen gegenläufigen Prozessen von Säkularisierung und Sakralisierung zu fragen und konkurrierende Optionen an einem historischen Beispiel aufzuzeigen, wobei sich Sakralisierung umgekehrt als Zwischenspiel säkularer Entwicklungen erweisen sollte. Ihren exemplarischen Untersuchungsgegenstand bildete dabei der alteuropäische Diskurs, oder besser: die Diskurse, der Charakterologie. Am Beispiel ausgewählter Theophrast- Editionen seit 1527 zeigte Pott zunächst auf, wie die Charakterologie als weltliche Sittenlehre beschrieben und moralisiert wurde. Anschließend wurde anhand eigenständiger Charakterologien von 1700 bis 1780 dargelegt, wie die ursprünglich weltliche Charakterologie christianisiert wurde und als konkurrierende Option neben die weltliche trat. Mit Blick auf ihre Neubegründungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert zeichnete Pott die longue durée der Charakterologie nach, die sich in diesem Zeitraum als radikal weltliche und nicht mehr moralische Charakterologie darstellte. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen der Charakterologie und ihrer Rezeption in der Frühen Neuzeit zeigten beispielhaft, so Pott, dass sich der Prozess der Säkularisierung als dominant und gerade nicht als "Zwischenspiel" erweise - allerdings seien neben sie sakrale und christliche Optionen getreten, die mit Phänomenen der Säkularisierung konkurrierten und dadurch auch auf ihre Grenzen hinwiesen.

Die lebhafte Schlussdiskussion wurde durch ein Resümée von Matthias Pohlig eingeleitet. Zwar wurde auf der Tagung kein "Masterplan" für die heuristische Anwendung der Begriffe Säkularisierung und Konfessionalisierung entwickelt. In den Beiträgen aus unterschiedlichen Disziplinen und mit unterschiedlichen Ansätzen hat sich aber gezeigt, dass es fruchtbar ist, Säkularisierung als Deutungsphänomen, als Repräsentation im Sinne der Definition des Berliner Projekts, zu betrachten. Fast alle Referenten sahen den einzigen Ausweg aus der semantischen Komplexität des Begriffes darin, den Begriff enger zu fassen, in Bezug zu einem bestimmten Untersuchungsgegenstand zu setzen und ihn entsprechend anzupassen. Immer wieder wurde dafür plädiert, die Verwendung des Begriffes als Makro- oder Mikro-Forschungsbegriff festzulegen und seine Semantik in Blick auf den Forschungsgegenstand abzustufen. Dieser terminologischen Zähmung des Begriffes entspricht, was immer wieder betont wurde, der Versuch einer "Miniaturisierung" [14] des Forschungskonzepts, nämlich weg von einer soziologischen Grobanalyse hin zu einem Operationalisierungsinstrument, das flexibel und differenziert benutzt werden kann. Es wurde deutlich, wie wichtig es ist, den Begriff der Säkularisierung epochenspezifisch zu bestimmen. Die longue durée erscheint dabei jedoch als wichtige Rahmenstruktur, innerhalb der die kleinschrittigeren Prozesse ablaufen. Darüber hinaus erschien Säkularisierung als ein stark akteurszentriertes Phänomen: Säkularisierung ist, so wurde an den unterschiedlichen Beispielen deutlich, ein Kommunikationsvorgang und findet zunächst in den Köpfen statt.

Während des Workshops wurden unterschiedliche Modelle, terminologische Alternativen und unterschiedliche Ansätze vorgestellt, wie sich Phänomenen der Säkularisierung zu nähern sei: Zu nennen sind hier zum einen der vor allem in dem Vortrag von Frieder Mißfelder, aber auch in anderen Beiträgen angewandte Ansatz und die Terminologie der Systemtheorie, zum anderen das Modell der Marktwirtschaft (Pluralisierung durch Konfessionskonkurrenz), das Heike Bock durch ihren Beitrag in die Diskussion einbrachte. Bezüglich des inzwischen von der historischen Forschung breit akzeptierten differenzierungstheoretischen Ansatzes stellt sich die Frage, wie geeignet er für die Beschreibung von in der Neuzeit ablaufenden Differenzierungsprozessen wirklich ist. Arndt Brendecke fragte etwa, ob der Ansatz selbst nicht schon eine Wertung impliziere, indem die Systemtheorie ihr Ergebnis, also die Differenzierung, bereits a priori voraussetze? Ein weiteres Problem, das mit dem der Dialektik zusammenhängt, ist, so stellte Ute Lotz-Heumann heraus, die in Luhmanns These der Ausdifferenzierung enthaltene Linearität, die keine Entdifferenzierungsprozesse berücksichtigt. Den Mitarbeitern des Forschungsprojektes ist daran gelegen, diesen Ansatz flexibler und damit analytisch offener zu handhaben. Trotz des eindeutigen Plädoyers für die Untersuchung von Mikrokonstellationen war es dennoch im großen und ganzen Konsens, dass Phänomene der Säkularisierung - so kritisch die althergebrachte Auffassung einer Modernisierung auch zu hinterfragen ist - auch nicht gänzlich aus einer entwicklungsgeschichtlichen Perspektive der longue durée herauszunehmen sind.

So wurde im Verlauf des Workshops immer klarer, weshalb sich die Frage nach der Säkularisierung nach wie vor als so kompliziert erweist: Durch ihre mannigfaltigen Erscheinungsformen bedürfen Phänomene der Säkularisierung einer besonders differenzierten Betrachtung, die jeweils ihr eigenes Instrumentarium erfordert. Deshalb kann es kein Patentrezept für methodische und terminologische Herangehensweisen geben. Die Einzelbeiträge haben zum Teil gezeigt, wie wichtig und auch wie fruchtbar es ist, den Säkularisierungsbegriff in direkten Bezug zum Untersuchungsgegenstand zu setzen, um so durch viele verschiedene historische Beispiele eine Anschauung davon zu bekommen, wie vielfältig Säkularisierungsphänomene sein können und auf welchen verschiedenen Ebenen ihre dialektischen Bewegungen tatsächlich beobachtbar sind. Umso wichtiger erscheint dies, als Säkularisierung als analytische Kategorie, wie oben beschrieben, nicht selten Brücken zwischen Mikro- und Makrobeschreibungen schlagen muss. Die wichtige Frage nach der Transformation- oder dem Rückgang religiöser Gehalte und vor allem ob und wie sich das eine vom anderen empirisch unterscheiden lässt, hätte allerdings noch ausführlicherer Diskussion bedurft. Die Diskussionen haben außerdem gezeigt, dass viele andere Begriffe, die in engem Zusammenhang mit Diskussionen um Säkularisierung stehen und verwendet werden, wie zum Beispiel Modernität, Pluralisierung und Differenzierung, ebenfalls einer eingehenderen Klärung bedürften.

Insgesamt stellte sich der Eindruck ein, dass es den Veranstaltern trotz der Heterogenität der Beiträge gelungen ist, sowohl mit den Schnittstellen als auch mit den Differenzen in den Herangehensweisen instruktiv umzugehen - davon jedenfalls zeugten die lebhaften Diskussionen und die gegenseitigen Anregungen im Verlauf des Workshops.

Die Chancen stehen also gut, dass durch historisch fundierte Arbeit die dem Säkularisierungsbegriff innewohnende Gefahr einer "weithin irreführende(n) Grobanalyse" [15] längerfristig gebannt werden kann.

Anmerkungen:
[1] Dieser Tagungsbericht erscheint voraussichtlich auch in: Frühneuzeit-Info 17 (2006), 2.
[2] Sonderforschungsbereich 640: Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel. Homepage: http://www.repraesentationen.de.
[3] Schilling, Heinz, Der religionssoziologische Typus Europa als Bezugspunkt inner- und interzivilisatorischer Gesellschaftsvergleiche, in: Kaelble, Hartmut; Schriewer, Jürgen (Hg.), Gesellschaften im Vergleich. Forschungen aus Sozial- und Geschichtswissenschaften, Frankfurt am Main 1998, S. 41-52, hier S. 43.
[4] Barth, Ulrich, Art. "Säkularisierung I", in: Theologische Realenzyklopädie Bd. 29, Berlin 1998, S. 603-634, hier S. 619.
[5] Vgl. z. B. Lehmann, Hartmut, Von der Erforschung der Säkularisierung zur Erforschung von Prozessen der Dechristianisierung und der Rechristianisierung im neuzeitlichen Europa, in: Ders. (Hg.), Säkularisierung, Dechristianisierung, Rechristianisierung im neuzeitlichen Europa, Göttingen 1997, S. 9-16; Schlögl, Rudolf, Glaube und Religion in der Säkularisierung. Die katholische Stadt - Köln, Aachen, Münster - 1700-1840. München 1995.
[6] Lehmann (wie Anm. 5).
[7] Fischer, Michael; Senkel, Christian (Hg.), Säkularisierung und Sakralisierung. Literatur - Musik - Religion, Tübingen 2004, hier S. 10.
[8] Chartier, Roger, Kulturgeschichte zwischen Repräsentationen und Praktiken, in: Ders., Die unvollendete Vergangenheit. Geschichte und die Macht der Weltauslegung, Frankfurt am Main 1992, S. 7-23.
[9] Böckenförde, Ernst Wolfgang, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, in: Ders., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt am Main 1991, S. 92-114.
[10] Schilling, Heinz, Konfessionskonflikt und Staatsbildung. Eine Fallstudie über das Verhältnis von religiösem und sozialem Wandel in der Frühneuzeit am Beispiel der Grafschaft Lippe, Gütersloh 1981, hier S. 23.
[11] Requiem - Die römischen Papst- und Kardinalsgrabmäler der frühen Neuzeit. Homepage: http://www.requiem-projekt.de.
[12] Sonderforschungsbereich 573. Pluralisierung und Autorität in der Frühen Neuzeit. Homepage: http://www.sfb-frueheneuzeit.uni-muenchen.de.
[13] Lehmann, Hartmut, Jenseits der Säkularisierungsthese, Religion im Prozess der Säkularisierung, in: Jakubowski-Tiessen, Manfred (Hg.), Religion zwischen Kunst und Politik. Aspekte der Säkularisierung im 19. Jahrhundert, Göttingen 2004, S. 178-190, hier S. 190.
[14] Fischer (wie Anm. 7), S. 10.
[15] Lutz, Heinrich, Normen und Gesellschaftlicher Wandel zwischen Renaissance und Revolution - Differenzierung und Säkularisierung, in: Saeculum 26 (1975), S. 166-180, hier S. 180.

Zitation
Tagungsbericht: Säkularisierung in der Frühen Neuzeit: begriffliche Überlegungen und empirische Fallstudien, 09.12.2006 – 10.12.2006 Berlin, in: H-Soz-Kult, 28.01.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1035>.
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Veröffentlicht am
28.01.2006
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