„Die Destruktion des Dialogs“. Zur innenpolitischen Instrumentalisierung negativer Fremd- und Feindbilder. Ein systemübergreifender Vergleich: Polen, Tschechien, Deutschland und die Niederlande 1900-2005“

Ort
Darmstadt
Veranstalter
Tagung des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt
Datum
25.11.2005 - 27.11.2005
Von
Steffi Franke, Leipzig

Im Zentrum der internationalen Tagung des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt standen Konstruktionsmechanismen von Feindbildern in Polen, Tschechien, Deutschland sowie den Niederlanden und ihre innenpolitische Instrumentalisierung in verschiedenen politischen Systemen und über historische Brüche hinweg. In einer sehr dichten Folge von Beiträgen wurde in nur zweieinhalb Tagen eine große Bandbreite von historischen und politischen Konstellationen daraufhin untersucht, welche Akteure an der Produktion von Feindbildern beteiligt waren, welche Muster bei dieser Produktion beobachtet werden können und welche gesellschaftliche Resonanz sie erzeugten. Die Teilnehmer aus Polen, Tschechien, den Niederlanden [1] und Deutschland argumentierten in der Mehrzahl aus einer historisch-wissenschaftlichen Perspektive, daneben waren auch sozialwissenschaftliche und philosophische Ansätze vertreten.

Die Forschung über Feind- oder negative Fremdbilder steht grundsätzlich vor dem Problem, dass sich der Forschungsgegenstand selbst je nach Perspektive und historischem Standpunkt des Forschers unterschiedlich konkretisieren kann. Ein Konsens über den Feindbildbegriff besteht bisher nicht, und auch mit Blick auf die Beiträge dieser Tagung bleiben theoretische und methodische Fragen offen. Allerdings bot die Konzeption dieser Konferenz eine Möglichkeit, mit diesem Dilemma umzugehen: Erstens konnte die Öffnung des Fragehorizonts auf transnationale bzw. europäische Konstellationen in einem längeren historischen Abschnitt - vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart - die Offenheit und Variabilität des Begriffs demonstrieren und damit prinzipiell die Problematik des Feindbildbegriffs deutlich machen. Zweitens erwies sich die gleichzeitige Konzentration des Forschungsinteresses auf die innenpolitische Instrumentalisierung von Feind- und Fremdbildern als produktiv, da auf diese Weise anhand von Fallbeispielen auf einer einheitlichen Ebene mit einem gemeinsamen Erkenntnisinteresse verglichen werden konnte.

Im weitesten Sinne kann man die hier betrachteten Phänomene als negative Symbole im Rahmen nationaler Narrative und im Kampf um politische Legitimation beschreiben, die einerseits als Grenzsteine des politisch und kulturell Zulässigen fungieren, andererseits aber auch als Ressourcen für die Integration einer politischen Gruppe oder sogar eines politischen Gemeinwesens genutzt werden können.

Die Beiträge wurden in sechs, vor allem an historischen Umbrüchen ausgerichteten Sektionen organisiert: beginnend bei den historischen Wurzeln (Panel I), über Querschnitte des 20. Jahrhunderts (Panel II), die Zäsur des Jahres 1945 (Panel III), den Prozess der neuen Ostpolitik in den 1960er und 1970er Jahren (Panel IV), die politischen Wenden 1989/90 (Panel Va) bis zu aktuellsten Entwicklungen in der erweiterten Europäischen Union (Panel Vb). Es wurde in den einzelnen thematischen Bereichen ein breiter Rahmen für den Umgang mit dem Feindbildbegriff abgesteckt, der die Schwierigkeiten des Forschungsfeldes verdeutlichte.

In der einleitenden Sektion, die den thematischen Bereichen vorgeschaltet war, unternahm u.a. Josef Berghold den Versuch, den Feinbildbegriff einzugrenzen. Er beschrieb Feindbilder als sozialpsychologische Blockaden, die die Möglichkeiten innergesellschaftlichen und gesellschaftsübergreifenden Dialogs massiv beschränken und für die Durchsetzung und Aufrechterhaltung von Machtverhältnissen eine zentrale Bedeutung hätten. Idealtypisch ließen sich Feindbilder anhand von sechs Kriterien bestimmen: erstens werde der Dialog mit der als Feind wahrgenommenen Gruppe abgewehrt, zweitens werden dieser Gruppe keine eigene Motive und Gefühle zugestanden, drittens werde sie auf ein Negativbild festgelegt und viertens aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, fünftens sei die Abgrenzung für den eigenen sozialpsychologischen Gefühlshaushalt notwendig und sechstens geschehe die Festlegung auf das Negativbild unbewusst.

Im ersten Panel betrachtete Ingo Loose in einer systemtheoretisch geprägten Perspektive Feindbilder als Sinnstiftungen zur kollektiven Identitätsbildung und Integration nach innen, die abstrakt und konkret zugleich seien. Die exkludierende Wirkung von Feindbildern sei bei einer funktionalistischen Betrachtung ein Sekundäreffekt, da sie im Kern zuerst auf die Integration des Kollektivs gerichtet seien. Diese streitbare Position ergänzte er in seinem Beitrag, der die Bedeutung von Feindbildern in den Anfangsjahren der II. Polnischen Republik 1918 bis 1925 untersuchte, indem er den Erkenntniswert von Feindbildern für die Erforschung des polnischen Transformationsprozesses in jener Zeit grundsätzlich problematisierte. Nicht die Betrachtung der Feindbilder, sondern das manifeste Verhalten auf der Mikroebene verspreche klärende Ergebnisse.

In seinem explizit als politikwissenschaftlich gekennzeichneten Beitrag untersuchte Klaus Bachmann im 2. Panel die Konstruktionsmuster von Feindbildern im Rahmen unterschiedlicher Vergangenheitsdiskussionen in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Polen. Er ordnete diese Muster zwei idealtypischen Prinzipien nationaler Selbstbeschreibung und Geschichtskonstruktionen zu: der inklusiven und exklusiven. Diese Muster ließen sich weder ausschließlich nach Ost und West trennen, noch seien sie ahistorisch. Im Zusammenhang mit den jeweils dominierenden Wertordnungen in einer Gesellschaft veränderten sich auch die Muster der Vergangenheitsdiskurse und der relevanten Feind- und Fremdbildkonstruktionen. Vor dem Hintergrund ausdifferenzierter Wertordnungen innerhalb einzelner nationaler Kollektive könne man in Zukunft nicht mehr von bestimmten nationalen Feindbildern sprechen, sondern von differenzierten Mustern innerhalb einzelner Wertordnungen, aber auch über nationale Grenzen hinweg.

Bei der Präsentation eines Projektes von Wissenschaftlern und Künstlern über Feindbilder im geteilten Deutschland, in Polen und in Bulgarien während der unmittelbaren Nachkriegszeit (also 1945 bis 1948 bzw. 1952) im dritten Panel erläuterte Christian Lotz den Versuch, mit einer gemeinsamen Definition des Feindbildes methodisch und inhaltlich plural sowohl das Feindbild des Deutschen als auch Feindbilder in Deutschland zu erforschen. Dabei wies er zunächst auf vier Probleme der Feindbildforschung hin: sie sei vielfach normativ voreingenommen, die Grenze zur Stereotypenforschung sei häufig nicht plausibel, im Regelfall bestätige sie ihre eigenen Vorannahmen über die Existenz der jeweiligen Feindbilder und in weiten Teilen sei die Bedeutung von Feindbildern in Umbruchs- und Krisensituationen vernachlässigt worden. Davon ausgehend erfasste die Gruppe jene Narrative als Feindbild, die einem Individuum oder einer Gruppe negative Eigenschaften zuschreiben, von ihm negative Handlungen erwarten und es als existentielle Bedrohung wahrnehmen und die die Artikulation dieser Bedrohung in einen größeren Erzählzusammenhang stellen.

Eine starke Erweiterung des betrachteten Gegenstandes nahm Peter Gostmann im abschließenden Panel vor. Sein Beitrag über das Bild des Fremden im kulturellen Gedächtnis polnischer Parlamentarier analysierte Narrative über das Verhältnis von polnischer und europäischer Identität und abstrahierte drei Hauptmotive aus den jeweiligen Erzählungen: erstens jenes des „Fensteröffners“, zweitens das Motiv „Opfer und Sendung“, und drittens jenes des „Grenzpostens“. Hier wurde grundlegender nach dem Aufbau nationaler Erzählungen gefragt, die sowohl exkludierend als auch integrierend strukturiert sein können und deren Bestandteil Fremd- und Feindbilder sind.

Querliegend zur historischen Gliederung der Beiträge wurden drei Problemkonstellationen, in denen die Produktion und Instrumentalisierung von Feind- und negativen Fremdbildern relevant werden, thematisiert. Erstens wurde ihre Bedeutung für die Konstruktion nationaler Identität untersucht. [2] Zweitens wurden ihre spezifische Rolle in politischen Umbruchsprozessen und gesellschaftlichen Krisensituationen behandelt. [3] Und drittens war eine Reihe von Beiträgen der Funktion von Feindbildern im Kampf um politische Legitimation und im Wettstreit der Ideologien gewidmet. [4]

Für die Analyse der Produktion und Instrumentalisierung von Feindbildern wurden im Rahmen der Tagung verschiedene Akteursgruppen und -ebenen relevant. Dies sind zunächst politische Akteure in Regierungsverantwortung sowie politische Parteien. [5] Hinzu kommen verschiedene gesellschaftliche Gruppen wie beispielsweise konfessionell geprägte oder zivilgesellschaftlich organisierte Zusammenschlüsse. [6] Ergänzt werden diese durch radikalisierte oder politisch marginalisierte Akteure, die um politische Deutungshoheit bzw. um die politische Ressourcen kämpfen, wie die neue Linkspartei in den Niederlanden der 1970er und 1980er Jahren, die Jacco Pekkelder in seinem Vortrag über die innenpolitische Instrumentalisierung des Dreiecksverhältnisses Niederlande-Bundesrepublik-DDR untersuchte oder die deutschen Rechtsradikalen, deren Polenbild Peter Oliver Loew analysierte.

Im Vordergrund der meisten Beiträge stand die Produktion und die Verwendung von Feindbildern. Ein Desiderat der Forschung, das auch auf dieser Tagung beklagt wurde, war die Frage, wie man den Erfolg und die Wirksamkeit von Feindbildern bestimmen könnte. Eine der Leitfragen der Tagung nach der gesellschaftlichen Resonanz von Feindbildern und dem politischen Nutzens ihres Einsatzes konnte so nur teilweise geklärt werden.

Die internationale Zusammensetzung der Tagung und der Themen ermöglichte in der Zusammenschau Vergleiche und Verknüpfungen über nationale Grenzen hinweg. Allerdings orientierten sich die meisten Beiträge am jeweiligen nationalen Rahmen und konzentrierten sich auf Abgrenzungsdiskurse im Kampf um nationale Identitäten und politische Ressourcen. Ausnahmen hiervon bildeten vor allem die Beiträge von Jacco Pekkelder über das Dreiecksverhälnis Bundesrepublik-Niederlande-DDR und Beatrice de Graaf über das Niederlande-Bild der DDR. Hier lag der Fokus auf Verflechtungsprozessen und wechselseitigen Wirkungen bei der Produktion von Feindbildern. Die Vertiefung dieses Ansatzes kann die Feinbildforschung erheblich bereichern, können doch auf diese Weise einerseits Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie sich diese kollektiven Mythen unter den Bedingungen zunehmender internationaler Verflechtung verschieben und wie andererseits diese Ab- und Ausgrenzungsmechanismen paradoxerweise Grenzüberschreitungen sind.

In der Diskussion wurde auf die Spezifik von Feindbildproduktion und -instrumentalisierung im Kontext des Ostblocks und des Kalten Krieges hingewiesen. So seien die Entwicklungen im deutsch-polnischen Fremd- und Feindbild nicht ohne die Berücksichtigung der sowjetischen Politik und des DDR-sowjetischen und polnisch-sowjetischen Verhältnisses zu verstehen. Außerdem wurde auf die notwendige Differenzierung zwischen Wirkabsicht der Produzenten von Feindbildern und der tatsächlichen gesellschaftlichen und individuellen Wirksamkeit dieser Konstruktionen aufmerksam gemacht. Dies bezog sich vor allem auf die sozialpsychologische Dimension von Feindbildern und verwies letztlich auf die Schwierigkeit der Klärung des Gehalts des kollektiven Gedächtnisses, dessen Bestandteil Feindbilder seien. So wurde die Frage aufgeworfen, ob man überhaupt von „dem“ kollektiven Gedächtnis und damit auch von „den“ Feindbildern sprechen könne, oder ob die Untersuchung von Gruppen-Gedächtnissen und damit auch von regional, sozial, politisch und historisch spezifizierten Feindbildern nicht sinnvoller sei, auch, um ihre Wirksamkeit auf der Mikroebene besser operationalisieren zu können.

Die große Fülle von Beiträgen verdeutlichte die Vielschichtigkeit der Forschung zu Feind- und Fremdbildern, aber auch ihre Grenzen. Das Potential dieser Tagung und zukünftiger Forschungen liegt vor allem in der Erweiterung der Perspektive auf einen europäischen und internationalen Kontext und in der Einbeziehung von Verflechtungs- und Transferanalysen. Feind- und Fremdbilder können als heuristische Konstruktionen bei der Untersuchung kollektiver Gedächtnisse dienen, müssen aber jeweils auf ihren Erkenntniswert in der konkreten Fragestellung geprüft werden.

[1] Die niederländischen Teilnehmer konnten leider nur virtuell beitragen, da das Wetter ihnen das Durchkommen bis nach Darmstadt verwehrt hatte.
[2] So die Beiträge von Szymon Rudnicki über Roman Dmowski, von Andrzej Michalczyk über die Instrumentalisierung von Feindbildern für nationalstaatliche Minderheitenpolitik, von Markus Krzoska über Deutsche und Tschechen in Böhmen zwischen 1897 und 1920, von Martin J. Wein über tschechisch-jüdische Solidarität als Funktion gemeinsamer Feindbildkonstruktionen und von Klaus-Peter Friedrich über die Instrumentalisierung von Opferzahlen in Geschichtsbüchern vom 2. Weltkrieg in Deutschland, Polen und Tschechien.
[3] U.a. die Vorträge von Ingo Loose über das Feindbild Preußen-Deutschland in den Anfangsjahren der II. Polnischen Republik, von Christian Lotz über das (Re-)Arrangieren von Feindbildern in der SBZ/DDR, in Polen und Bulgarien in der unmittelbaren Nachkriegszeit, von Miroslav Kunstat über Fremd-/Feindbilder der Deutschen in der tschechischen innenpolitischen Instrumentalisierung der 1990er Jahre und von Artur Lipinski über die rechte Konstruktion eines linken Feindes in Polen nach 1989.
[4] So die Beiträge von Beatrice de Graaf über das Niederlande-Bild der DDR und Paradoxe der Entspannungspolitik in den 1970er und 1980er Jahren, von Joanna Wawrzyniak über Deutsche und Juden in der öffentlichen polnischen Kriegserinnerung 1967/68, von Anna Wolff-Poweska über alte und neue Bilder des anderen im deutsch-polnischen Verhältnis, von Stefan Garsztecki über das Deutschlandbild im polnischen Europadiskurs und von Aleksandra Moroska über europapolitische Konzepte populistischer Parteien in Polen und den Niederlanden.
[5] Diese standen in den Beiträgen von Peter Gostmann über das kulturelle Gedächtnis polnischer Parlamentarier, von Agnieszka Stepinska über das Bild des Fremden und des Feindes in polnischen Wahlkämpfen, von Piotr Madajczyk über die Rolle antideutscher Instrumentalisierungen in Polen von 1944 bis 1989 und von Piotr Kosicki über die politische Instrumentalisierung der Opfer-Agressor-Problematik im polnischen Wahlkampf 2005 im Zentrum.
[6] Diese wurden in den Beiträgen von Kristina Kaiserova über tschechisch-deutsche negative Fremdbilder im konfessionellen Milieu 1900 bis 1938, von Erik K. Franzen über die Schirmherrschaft des Freistaates Bayern über die Sudetendeutschen als Beispiel klientelorientierter Vertriebenenpolitik, von Katrzyna Mlynczak über Zivilgesellschaftskonzeptionen in Deutschland, Polen und den Niederlanden und von Bernadette Jonda über Einstellungen von Jugendlichen in Polen und Deutschland unter dem Einfluss von Politik und Medien in den letzten zwanzig Jahren thematisiert.

Zitation
Tagungsbericht: „Die Destruktion des Dialogs“. Zur innenpolitischen Instrumentalisierung negativer Fremd- und Feindbilder. Ein systemübergreifender Vergleich: Polen, Tschechien, Deutschland und die Niederlande 1900-2005“, 25.11.2005 – 27.11.2005 Darmstadt, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 27.01.2006, <www.connections.clio-online.net/conferencereport/id/tagungsberichte-1041>.
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Veröffentlicht am
27.01.2006
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