Geschlechterverhältnisse in Ostmitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg: Soziale Praxis und Konstruktionen von Geschlechterbildern

Ort
Bad Wiessee
Veranstalter
Collegium Carolinum (München); Fachkommission für Zeitgeschichte des Herder-Forschungsrates; Professur für Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Erfurt
Datum
17.11.2006 - 20.11.2006
Von
Ursula E. Frübis, Berlin

Bereits vor Jahren wurden die kommunistischen Systeme Ostmitteleuropas unter dem Begriff des „Experiments im Großen“ zusammengefasst.[1] Der Versuch der massiven Reorganisation einer ganzen Gesellschaft war ebenso ein Versuch der Reorganisation der Geschlechterverhältnisse. Schon deshalb ist das Bemühen, die Wechselbeziehungen zwischen dem soziopolitischen Kontext und den Geschlechterverhältnissen in den jeweiligen Ländern Ostmitteleuropas zusammenzudenken, eine wichtige und anzuerkennende Leistung der Veranstalterin.
Die Themenblöcke im Einzelnen: Aufbau der neuen Ordnung und Geschlechterverhältnisse; die Kategorie Geschlecht im Arbeitsleben; Aufstiegsmöglichkeiten und -blockaden; die politische Ordnung; Öffentlichkeit und Privatheit; Familie und Staat; Selbst- und Fremdbilder.[2] Auf die teilweise sehr anregenden Vorträge kann hier aus Platzgründen nur in sehr reduziertem Umfang eingegangen werden. Ich verweise bereits jetzt auf den Tagungsband, der in diesem Jahr in der Veröffentlichungsreihe des Collegium Carolinum erscheinen wird.

In ihrem Eröffnungsvortrag zum Thema „Geschlechtergeschichte und Osteuropäische Geschichte – Forschungsperspektiven“ fragte Susan Zimmermann (Budapest), was realiter geschieht, wenn Frauen-/Geschlechtergeschichte und ostmitteleuropäische Geschichte aufeinander bezogen werden, und formulierte unter der Devise „Sollen und Sein“ drei Thesen und daraus abgeleitete Forderungen:
1) Wenn Geschlechtergeschichte und ostmitteleuropäische Geschichte zusammengespannt werden, ist durch die Überschreitung traditioneller Forschungen – sowohl in der einen als auch der anderen Disziplin – ein produktives Spannungsverhältnis zu erwarten. Zu bedenken seien dabei institutionelle und wissenschaftspolitische Gegebenheiten. So sei der Einfluss der ostmitteleuropäischen Geschichtsschreibung auf die Frauen- und Geschlechtergeschichte nur sehr eingeschränkt zu beobachten; eine Thematisierung finde nur im Rahmen interdisziplinärer Geschlechterprogramme statt. Auf der anderen Seite aber entlasteten gerade die Gender-Studies-Programme die Geschichtswissenschaft an den mittel- und osteuropäischen Universitäten von der Herausforderung, sich mit den etablierten Kategorien der Frauen- und Geschlechtergeschichte auseinander zu setzen. Auch führe eine stärkere Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechtergeschichte nicht zur stärkeren Berücksichtigung dieser Geschichte in Ostmitteleuropa. Einen Grund hierfür sieht Zimmermann in den massiven Legitimationskämpfen im eigenen Fach (institutionelle Dynamiken).
2) Der asymmetrische wissenschaftliche Pluralismus muss, der Erkenntnis „unlearning one’s privilege as one’s loss“ (Gayatri Chakravorty Spivak)[3] folgend, gezielter und bewusster genutzt werden.
3) Die EUisierung der Geschlechterforschung, repräsentiert durch die Förderprogramme ATHENA und ATHENA II, befördere keine gleichwertigen gesamteuropäischen Kooperationen innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung.

Nach einer disziplinengeschichtlichen Darstellung der Phasenverläufe der Frauen- und Geschlechtergeschichte endete Susan Zimmermann mit einem optimistischen Ausblick. Gründe für diesen Optimismus sah sie zum einen in der steigenden Anzahl von Professor/innen der Frauen- und Geschlechterforschung, zum anderen in der multiplen dezentrierenden Forschung, die auf der disziplinären Ebene immer mehr in den Mittelpunkt rücke. Zusätzlich eröffneten sich neue Chancen durch die neuen Studiengänge Bachelor und Master. Abschließend plädierte Zimmermann dafür, die Offenheit der andauernden Umbruchssituation zu nutzen.

Es folgten die Referate beginnend mit Jan C. Behrends (Berlin), der eine synchron angelegte Gegenüberstellung der diskursiven Konstruktion der sowjetischen Frau in der polnischen und ostdeutschen Propaganda vorstellte. Natali Stegmann (Tübingen) verglich drei Verfassungstexte der tschechoslowakischen Republik – die Verfassung vom 29. Februar 1920, das Kaschauer Programm der Nationalen Front vom 5. April 1945 und die Verfassung vom 9. April 1948 – im Hinblick auf ihr Gleichheitspostulat und dessen innere Differenzierung. Durch die genaue Analyse der Verfassungstexte wurde dabei das Webmuster der Reproduktion gesellschaftlicher Macht herausgearbeitet. Nach Stegmann wurden unter dem (Deck-)Mantel der Gleichberechtigung neue Ausgrenzungen vorgenommen, die sich an militärischen und politischen Vorbildern orientierten. Anna-Sophia Pappai (Berlin) referierte zur symbolischen und realen Aufbauarbeit der „Trümmerfrauen“ und „Trümmermänner“ in Dresden und Warschau. Dana Musilová (Hradec Králové) sprach über den Einfluss der bezahlten Arbeit auf die Herausbildung einer weiblichen und männlichen Identität in der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg. Beáta Nagy (Budapest) referierte über Frauen in Führungspositionen in Ungarn. Natalia Veselská (Bratislava) zeichnete anhand von lebensgeschichtlichen Fallstudien den Prozess der Stigmatisierung von drei slowakischen Frauen nach. Marina Zavacká (Bratislava) analysierte anhand frauenbezogener Inhalte der Sitzungsprotokolle der Regionalkonferenzen der kommunistischen Partei der Slowakei der Jahre 1950 bis 1955, wie die Vermischung der Werte „Gleichberechtigung“ und „Fortschritt“ ihren Weg nahm. Vor diesem Hintergrund konnte die Referentin veranschaulichen, wie die Kommunisten auf der lokalen Ebene arbeiteten, aber auch wie das System und die Gesellschaft funktionierten und wie schnell die Menschen lernten, das System zu umgehen. Gertrud Pickhan (Berlin) arbeitete am Beispiel der polnisch-sowjetischen Politikerin und Schriftstellerin Wanda Wasilewska (1905-1964) neue Subtexte und Funktionen einer politischen Ikonisierung heraus. Kveta Jechová (Prag) referierte über „Representation of Women and Women’s Organizations in Socialism“. Am Beispiel der Organisationsgeschichte sozialistischer Frauenorganisationen und deren wechselnden Themen konnte sie die Verengung des Emanzipationsbegriffs auf weibliche Berufstätigkeit nachvollziehbar machen. Małgorzata Mazurek (Warschau) sorgte mit ihrem Thema der „Geschlechterordnung des Schlangestehens in der Volksrepublik Polen, eine Sozialgeschichte der Mangelgesellschaft“ unter anderem dafür, dass bei einem Teil des Publikums Erinnerungen lebendig wurden. Petra Schindler-Wisten (Prag) schilderte die Einflüsse des Dissidentenlebens auf die Familienverhältnisse in der Tschechoslowakei. Małgorzata Fidelis (Stanford) fragte vor dem Hintergrund der Reform des polnischen Abtreibungsgesetzes von 1956, warum das Abtreibungsrecht zu einem Zeitpunkt liberalisiert wurde, zu dem gleichzeitig traditionelle Frauenrollen wieder aufgewertet wurden. Unter der Rubrik Selbst- und Fremdbilder referierten Dobrochna Kalwa (Krakau) über „Missing the best time of my Life…, Everday Life in State Farms in the Perspective of Oral History“ und Andrea Petö (Budapest) über „Constructions of Home and Diasporism by post 1989 Hungarian and Bulgarian Political Migrants“.

Beendet wurde die Tagung durch eine lebhaft geführte Abschlussdiskussion zum Thema „Lebenswelten und Geschlechterbilder im Sozialismus“. Ein zentrales Ergebnis der Gesamtschau war nach Dietlind Hüchtker (Leipzig) darin zu sehen, dass durch die Anwendung der Analysekategorie „Geschlecht“ die gängigen zeitgeschichtlichen Periodisierungen in Frage gestellt werden. Durch historische Kontextualisierungen und die Wahl komplexer Zugänge werden festgefügte Meta-Narrationen unterlaufen. Begriffe wie Tradition und Fortschritt seien genauer in ihrem jeweiligen Bedeutungsgehalt zu analysieren. Dies gelte ganz besonders auch für den Begriff der „Emanzipation“, der von zentraler Bedeutung bei der Beschäftigung mit den politischen Umbrüchen nach dem Zweiten Weltkrieg ist. Für Zuzana Kiczková (Bratislava) war die Beziehung zwischen den Kategorien „Öffentlichkeit“ und „Privatheit“ weiter relevant: Die eindeutige Zuschreibung, die etwa Seyla Benhabib vornimmt – „Frauen – Privatheit“, „Männer – Öffentlichkeit“ – könne in dieser Form für die staatssozialistischen Systeme nicht gelten. Nicht der Ausschluss der Frauen aus einer der beiden Sphären stehe bei der Analyse der sozialistischen Zeit im Vordergrund, sondern die Anpassung an beide Sphären. Grundproblem der Frauen sei ihre Doppelbelastung gewesen. Für Kiczková deutete sich in der Gesamtreflexion der Referate an, dass die anderen Erfahrungen, die Frauen in den staatssozialistischen Systemen machten, doch einen Strukturwandel der öffentlichen und privaten Sphäre auf der realen, symbolischen und normativen Ebene beförderten. Kiczková sprach von einer Modifizierung der Kategorien „Öffentlichkeit“ und „Privatheit“ und stellte die Forderung, den heuristischen Gehalt dieser Begriffe zu nutzen. Ferner sei zu re- bzw. dekonstruieren, welche die theoretischen Ausgangspunkte des Emanzipationsprojekts im Staatssozialismus gewesen seien. Abschließend bemerkte Claudia Kraft (Erfurt), dass die doppelte Marginalisierung, die die geschlechtergeschichtlich arbeitende Osteuropaforschung nicht selten erfahre, produktiv anverwandelt werden könne, wenn auf diese Weise anscheinend feststehende Zäsuren und Mental Maps kritisch hinterfragt würden.

Anmerkungen:
[1] Siehe Lenski, Gerhard, Marxist Experiments in destratification: An appraisal, in: Social Forces 57 (1978), p. 364-383.
[2] Siehe Programm bei H-Soz-u-Kult unter < http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4677>.
[3] Spivak, Gayatri C., The Post-Colonial Critic: interviews, strategies, dialogues, ed. by Sarah Harasym, New York 1990.

Zitation
Tagungsbericht: Geschlechterverhältnisse in Ostmitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg: Soziale Praxis und Konstruktionen von Geschlechterbildern, 17.11.2006 – 20.11.2006 Bad Wiessee, in: H-Soz-Kult, 17.02.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1050>.
Redaktion
Veröffentlicht am
17.02.2006
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