Kirche und Religion im Nationalsozialismus: Die böhmischen Länder 1938/39-1945

Ort
München
Veranstalter
Collegium Carolinum; Abteilung für Geschichte Osteuropas und Südosteuropas der Ludwig-Maximilians-Universität München; Ackermann-Gemeinde, München
Datum
03.12.2005
Von
Stefan Samerski, Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, Katholisch-Theologische Fakultät, Ludwig-Maximilians-Universität München

In Kooperation mit der Ackermann-Gemeinde und der Abteilung für Geschichte Osteuropas und Südosteuropas der Ludwig-Maximilians-Universität München veranstaltete das Collegium Carolinum am 3. Dezember 2005 an der Münchener Universität eine Arbeitstagung mit dem Titel „Kirche und Religion im Nationalsozialismus. Die böhmischen Länder 1938/39-1945“. Ziel der Veranstaltung war es, eine Bestandsaufnahme zur Religions- und Kirchengeschichte des entsprechenden Zeitraumes vorzunehmen und das Verhältnis Religion-Nation-Diktatur anhand von Referaten und Diskussionen zu vertiefen. Die Tagung stand zudem im Zusammenhang eines religionsgeschichtlichen Projektes des Collegium Carolinum und diente zugleich zur Vorbereitung eines im Rahmen des Projektes geplanten Handbuchs der Kirchen- und Religionsgeschichte der böhmischen Länder im 20. Jahrhundert. Martin Schulze Wessel (München) und Martin Zückert (München) wiesen in ihrer Einführung in das Tagungsthema auf die wachsende „Konjunktur“ von Kirchen- und Religionsgeschichte in den letzten 15 Jahren hin, unterstrichen zu Recht das Desiderat religiöse Alltagsgeschichte und betonten den ökumenischen Ansatz, ohne zu übersehen, dass sich die meisten Referate des Tages mit der Katholischen Kirche beschäftigten.[1]

Den ersten Beitrag zum ersten Block „Religion-Nation-Diktatur“ leistete Jaroslav Šebek (Prag) in einem prägnanten Überblick über die Entwicklung des tschechischen und deutschen Katholizismus vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Dabei wurde deutlich, dass die Spaltung der Katholiken der Ersten Republik in zwei ethnische Gruppen sowie in einen politischen und einen kirchlich organisierten Katholizismus anhielt und sich nach 1933 noch verschärfte. Christoph Kösters (Bonn) arbeitete anschließend den allgemeinen Forschungs- und Quellenstand zum Thema Kirchen und Nationalsozialismus heraus. Er mahnte eine stärkere Berücksichtigung des internationalen Kontextes an, wenn es um die Konfliktgeschichte Kirche-Staat geht. Miroslav Kunštát (Prag) warf in seinem Vortrag „Sudetendeutsche Identität und Katholizismus 1935-1960“ aus Prager Perspektive einen Fragenhorizont auf, der um die Modernisierungsprozesse im Rahmen der Nationsbildung kreiste.

In einem zweiten Block „Zur nationalsozialistischen Religionspolitik“ sprach René Küpper (Köln) über die Instrumentalisierung der Katholischen Kirche für die nationalsozialistische Protektoratspolitik aus dem Blickwinkel der Besatzer. Eine Analyse der Dokumente der nationalsozialistischen Machthaber im Protektorat zeigt, dass die Rezeption der Wenzelstradition durch die Nationalsozialisten und etliche staatliche Zugeständnisse bei zahlreichen Klerikern Anklang fanden. Die Machthaber instrumentalisierten die Kirche außerdem im Kampf gegen den Bolschewismus (Hirtenbrief 1943). Anschließend berichtete Freia Anders (Bielefeld) über die Strafverfahren gegen die katholische Geistlichkeit im Reichsgau Sudetenland. Dabei problematisierte sie die Valuierung des priesterlichen Dissensverhaltens, wies auf erhebliche regionale Unterschiede bei strafrechtlichen Verfahren hin und betonte die sorgfältige Beobachtung des Reichsgaus durch die Nationalsozialisten. Angesichts der Politik der Nadelstiche gegen die Kirche hatte diese keine geschlossene Abwehrfront zu bieten.

In der ersten Nachmittagssektion „Kirchen und Gläubige zwischen Verfolgung, Resistenz und Anpassung“ legte eingangs Jan Stříbrný (Prag) die Rolle der verschiedenen christlichen Kirchen im Protektorat dar. Der größte Spielraum für religiöse Manifestationen blieb den Religionsgemeinschaften zwischen 1939 und 1941. Auch er hinterfragte die Begriffe „Resistenz“ und „Kollaboration“, wobei er andere Dimensionen des Christentums, wie etwa Solidarität mit Gefangenen, Caritas gegenüber Hinterbliebenen, Verbergung von Verfolgten und verschiedene andere Widerstandsaktivitäten thematisierte. Direkter, geschlossener Widerstand gegenüber dem Regime habe nicht existiert. Auch er wies bei seinen Forschungsperspektiven auf die Diskontinuität der tschechischen Geschichte hin und beklagt die Tabuisierung der Kirchengeschichtsschreibung während der Zeit des Kommunismus. Zudem seien nach wie vor häufig die staatlich-nationalsozialistischen Überlieferungen die grundlegende Quellenbasis für einschlägige Forschungen. Martin Zückert (München) plädierte in seinem religionsgeschichtlich orientierten Referat über die Kirchen in den an Deutschland angeschlossenen Territorien für eine Langzeitperspektive der Forschung – über 1945 hinaus – und eine stärkere Berücksichtigung der Alltagsgeschichte sowie eine intensivierte ökumenische Sichtsweise. Er thematisierte außerdem die politisch-nationale Dimension kirchlichen Handelns und bischöflichen Denkens, die in einen Konflikt mit dem Staat führen musste, der auf die Privatisierung des Religiösen drang.

Die letzte Sektion zu übernationalen Bezügen und lokalen Bedingungen eröffnete Emilia Hrabovec (Wien), die das Verhältnis des Heiligen Stuhls zu den böhmischen Ländern in den Jahren 1938 und 1945 darstellte. Nachdem bis 1938 ein kühles und ambivalentes Verhältnis zwischen Rom und Prag vorherrschte, versuchten die neuen Machthaber aus rein praktischen Gründen die politischen Vorteile einer engeren Anbindung zu nutzen. Pius XII. erkannte die Schwächen der Nachkriegsordnung nach 1918 und versuchte durch eine verzweifelte Vermittlungsaktion die Kriegsgefahr zu bannen. Aus pastoralen Gründen forcierten die Kirchen im Sudetenland mit Unterstützung von Alois Hudal (Anima/Rom) eine Neuzirkumskription der böhmisch-mährischen Diözesen, die aus praktischen Gründen tatsächlich notwendig war; Pius XII. verweigerte sich aber Verhandlungen mit Berlin, obgleich die Prager Nuntiatur der Berliner faktisch angeschlossen wurde. Auch die Londoner Exilregierung unter Edvard Beneš wurde wegen ihres halbprivaten Charakters nicht von der Kurie anerkannt, was nach Kriegsende zu einem starken tschechischen Desinteresse am Vatikan führte.

Im letzten Vortrag widmete sich Johann Großruck (Timelkam) schlaglichtartig am Beispiel des oberösterreichischen Prämonstratenserstiftes Schlägl und der von ihm betreuten Pfarreien in Südböhmen 1938 bis 1945 der Entwicklung vor Ort. Dabei wurde die Affinität der Aushilfsgeistlichen im überwiegend deutschsprachigen südböhmischen Raum gegenüber deutschnationalen Gruppierungen deutlich herausgearbeitet.

In der knappen Schlussdiskussion verwies Herr Schulze Wessel auf das Desiderat eines überkonfessionellen Ansatzes für weitere Forschungen zum behandelten Thema. Tatsächlich stand auch bei dieser Tagung die Katholizismusforschung nach Inhalt und Methodik unübersehbar im Vordergrund, was zu einem Großteil an der Forschungssituation liegt. Aber auch hier steht die Aufarbeitung des katholischen Schrifttums aus den 1930er und 1940er-Jahren noch aus, die die immer wieder geforderte Alltagshistoriographie jener Jahre voranbringen könnte. Die Volksfrömmigkeit, die bei einer ausgewogen konzipierten Methodik eine breite Palette von Einsichten zur Verfügung stellen kann, sollte dabei intensiv berücksichtigt werden. Die bisherige Forschung haftet noch viel zu sehr an der Kirche-Staat-Thematik. Auch eine Einordnung der religiösen Entwicklung in die Gesellschaftsgeschichte muss noch geleistet werden.

Insgesamt sind bei dieser Arbeitstagung Stärken und Desiderate der internationalen Forschung deutlich geworden. Auch das Bewusstsein für einen kritischen Umgang mit bestimmten hergebrachten Begrifflichkeiten (Widerstand etc.) wurde in etlichen Referaten deutlich thematisiert, sollte aber in Zukunft noch stärker herausgearbeitet werden. Das projektierte Handbuch der Religions- und Kirchengeschichte wird unter diesen Geschichtspunkten sicherlich ein wissenschaftlicher Gewinn werden. Die größte, aber unerlässliche Arbeit wird allerdings noch im Bereich der Frömmigkeitsgeschichte zu leisten sein, wenn es um Heiligenkulte, Stiftungen, religiöse Schriften, Kunstproduktionen etc. geht, die die Fragen nach der konfessionellen bzw. religiösen Identität beantworten. Religiöse Mentalitäts- und Alltagsgeschichte sollte allgemein in der Religions- und Kirchengeschichtsschreibung breiter vertreten sein.

Anmerkungen:
[1] Programm siehe H-Soz-u-Kult unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4706

Zitation
Tagungsbericht: Kirche und Religion im Nationalsozialismus: Die böhmischen Länder 1938/39-1945, 03.12.2005 München, in: H-Soz-Kult, 23.03.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1083>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.03.2006