Displaced Persons: Flüchtlinge aus den baltischen Staaten in Deutschland

Ort
Malente
Veranstalter
Academia Baltica in Lübeck, Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Malente, Honorarkonsulat der Republik Lettland in Schleswig-Holstein
Datum
24.03.2006 - 26.03.2006
Von
Roman Smolorz, Amt für Archiv und Denkmalpflege, Regensburg

Eröffnet wurde das von der Academia Baltica in Lübeck mit der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Malente und dem Honorarkonsulat der Republik Lettland in Schleswig-Holstein veranstaltete Seminar vom Akademieleiter Christian Pletzing. Zudem richtete die Präsidentin der Republik Lettland, Frau Vaira Vīķe-Freiberga, die als Displaced Person (DP) nach dem Zweiten Weltkrieg in Lübeck gelebt hatte, ein Grußwort an die Referentinnen und Referenten und Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Christian Pletzing (Academia Baltica Lübeck) erklärte als Ziel des Seminars, die Sicht der Wissenschaftler und die der Zeitzeugen zugleich zu präsentieren, um die wenig bekannten Aspekte der Nachkriegszeit ins historische Bewusstsein von heute zurückzuholen: die Flüchtlinge aus Ost- und Ostmitteleuropa in Norddeutschland – mit dem Zentrum der baltischen DPs in Lübeck – und in Süddeutschland – mit dem Knotenpunkt der Balten für alle westlichen Besatzungszonen in dem DP-Lager Geislingen.

Tillmann Tegeler (Osteuropa-Institut München) befasste sich mit dem Thema: „Esten, Letten und Litauer in Nachkriegsdeutschland. Vom rechtlosen Flüchtling zu heimatlosen Ausländer“. Damit bot der Redner einerseits einen Überblick über das Thema der DPs, die seit 1951 als heimatlose Ausländer bezeichnet werden;[1] auf der anderen Seite stieß Tegeler hiermit zur weiteren Diskussion an. Er setzte nicht nur den zeitlichen Rahmen des Seminarthemas fest, sondern erklärte für sich, dass er in den DPs einen Teil der alliierten Geschichte sehe. Speziell zum Baltikum skizzierte er die verschiedenen Flüchtlingswellen und -gruppen, die die Opfer der politischen Entwicklung von 1939 bis 1945 umfassten. Für die Nachkriegzeit betonte er die Entstehung geheimer Lager für die so genannten disputed persons, also für die Balten, die des Antistalinismus wegen nicht in ihre Heimat zurückkehren wollten, jedoch gemäß der Verträge[2] von Jalta und Halle zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion zur Zwangsrepatriierung dazu hätten gezwungen werden sollen. Überdies wurde der Alltag der Balten angesprochen, ihre Beteiligung an der „DP-Studentenbewegung“ innerhalb der Universität der United Nations Relief and Rehabilitation Administration, der UNRRA-Universität[3] in München sowie der Baltischen DP-Universität[4] in Hamburg/Pinneberg. Zum sozialpolitischen Alltag gehörte die Tätigkeit der Nationalen Komitees der Esten, Letten und Litauer in Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit genauso wie die des jeweiligen Roten Kreuzes. Explizit ging der Redner auf das Resettlement ein – die bekannten britischen Einsiedlungsoperationen[5]Westward-Ho und Balt-Cygnet – und stellte fest, dass diese Pläne nicht nur eine Reaktion auf die gescheiterte Arbeit der UNRRA gewesen sei, sondern dass die Westalliierten bereits während des Zweiten Weltkrieges in den entwurzelten Menschen Europas, zumal auf dem Gebiet des „Dritten Reiches“, für sich ein zukünftiges Arbeitskräftepotenzial gesehen hätten. So sind die Pläne des Resettlement jedenfalls auf die Zeit vor 1946/47 zu datieren. Auf die baltischen Volksgemeinschaften verweisend, knüpfte der Referent an die Gegenwart und an die im Publikum anwesenden Zeitzeugen an; so wurden diese zum Gespräch eingeladen.

Dorothee M. Goeze (Herder-Institut Marburg) stellte in ihrem Vortrag „Alltag estischer DPs in Deutschland. Die Sammlung Hintzer im Herder-Institut Marburg“ zahlreiche der insgesamt 24.000 Bilder des estischen Bildberichterstatters Karl Nikolai Hintzer vor. Ihr Bericht behandelte in erster Linie das Alltagsleben der in die westlichen Besatzungszonen geflohenen Esten in den DP-Lagern bis in die 1950er-Jahre. Den visuellen Beitrag teilte die Referentin in mehrere Unterthemen ein: Organisationen der DPs, Versorgung und Hilfsprogramme – interne, wie die Schaffung der Lager-Apotheken, und externe, wie die der UNRRA, der International Refugee Organization (IRO) und des Lutherischen Weltbundes –, ferner Ausbildung – hier insbesondere die Pinneberger Universität –, des Weiteren Beschäftigung – welche der Bildautor als Zwangsarbeit bezeichnet hatte –, sowie Wachkompanien des Labor Services der US-Army, Altenheime, Sport, Kinder, Kultur, Kirche und nationale Feiertage. Bei der Darstellung der Sammlung kamen neben den norddeutschen DP-Zentren auch andere zur Sprache, insbesondere Geislingen. Ferner wurde einschlägige Literatur[6] vorgestellt sowie darauf verwiesen, wie man via Internet die Sammlung Hintzer, dank einer Online-Datenbank,[7] benutzen kann.

Stefan Schröder (Stadtarchiv Greven) widmete sich dem Komplex „Nachbarschaft und Konflikt. Die DPs und die Deutschen“. Zunächst kritisierte der Redner den Forschungsfortschritt zum Thema der DPs, nicht nur der baltischen, sondern im Allgemeinen. Als Gegenpol diente das Thema der Zwangsarbeit, das, weil politisch gewollt, eine verbreitete Rezeption in der Wissenschaft und Publizistik erfahren hatte. Leider ging der Funke nicht auf die Erforschung der anschließenden Epoche über. Indem Schröder an die Rassenskala für die Völker und Nationen im Nationalsozialismus erinnerte, ging er zum eigentlichen Thema seines Vortrages über und erläuterte die Stellung der Balten in diesem Un-„Rechtssystem“, um in die Nachkriegsgeschichte zu wechseln. Diese Perspektive erschien hilfreich, um 1945 aufgetretene Phänomene der Brutalität und Rechtlosigkeit gegenüber der deutschen Bevölkerung zu erklären; im Übrigen Phänomene, die nur sehr kurzlebig waren, sich jedoch in die kollektive Erinnerung eingeschrieben haben und dabei nicht zuletzt die NS-Propaganda rezipierten. Bei der allgemeinen Ablehnung der DPs wies die deutsche Gesellschaft dennoch Vorlieben auf, von welchen insbesondere die Balten profitierten, da sie allgemein als arbeitsam, tüchtig und den Deutschen nahe stehend empfunden wurden. Was bisher unerforscht blieb, meinte der Referent, sei der Alltag, der wichtiger als alle Vorurteile war, in einer Zeit des Überlebens und Improvisierens. Hervorgehoben wurde der Faktor Lager, charakteristisch für die Nachkriegszeit für mehrere Gruppen von Flüchtlingen. Überdies wurde die deutsche Sprache behandelt, die in den mehrsprachigen Lagern zum einzig möglichen und damit willkommenen Mittel der Kommunikation wurde. Sport erwies sich als besonders effizienter Weg für die DPs, um mit Deutschen in Kontakt zu treten. Trotz aller positiv und negativ empfundenen Berührungspunkte auf beiden Seiten, hing die Integration von der jeweiligen Person ab, ihren Vorstellungen, in Deutschland zu bleiben oder auszuwandern, und eventuell den Hoffnungen, einst wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Abschließend erläuterte Schröder, warum es nicht möglich sei, die Beziehungsgeschichte zwischen DPs und Deutschen aus der Aktenüberlieferung der Behörden und den Statistiken zu schreiben; er lud die Zeitzeugen ein, hierbei zu helfen.

Hannes Harding (Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag Flensburg) ging auf die “Displaced Persons in Schleswig-Holstein” ein. Mit einem kurzen Umriss der historischen Zusammenhänge, der Rolle von UNRRA und IRO, und der Darstellung von Zahlenmaterial über die DPs in Schleswig-Holstein begann der Referent seinen Vortrag. Thematisiert wurden Erfahrungen des Ersten Weltkrieges in der Repatriierung von Kriegsgefangenen und Entwurzelten sowie der Einsatz von Fridtjof Nansen.[8] Der harte Winter 1945/46 wurde unter anderem für die zögernde Abwicklung der Repatriierung über die Ostsee verantwortlich gemacht, freilich neben der fehlenden Bereitschaft der Balten – sowie anderer Nationen –, in den Einflussbereich der UdSSR zurückzukehren. Ferner stellte Harding Funktionslager vor, unterstrich die Zwangsrepatriierung von Sowjetbürgern und griff dabei besonders die Balten auf. Der Redner besprach die Abwicklung des Resettlement, hob die Rolle von Bremerhaven und der von dort auslaufenden Auswanderungsflotte der IRO hervor. Die UdSSR habe, bemerkte Harding, in den Einsiedlungsprogrammen der IRO lediglich einen Sklavenhandel gesehen. Über die so genannten hard-core, also Personen, welche infolge erlittener Tuberkulose oder aufgrund mangelnder Ausbildung oder auch des Alters nicht nach Übersee auswandern konnten, da man solche Einwanderer dort nicht wünschte, ging der Referent auf die in der Bundesrepublik Deutschland verbliebenen heimatlosen Ausländer ein; mit dem Gesetz über die heimatlosen Ausländer endet für ihn die Geschichte der DPs.

Svetlana Červonnaja (Universität Toruń/Polen) referierte über „Litauer in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Zur Situation der litauischen Kultur im Exil“. Zunächst wurde bemängelt, dass bisher nur die litauische Exilliteratur in den USA untersucht, die in Nachkriegsdeutschland erschienene hingegen vernachlässigt worden sei. In der UdSSR und in der GUS fand und findet die Rezeption dieser Literatur kaum statt, trotz der Verantwortung dieses Landes für das Exil der Litauer. Die Referentin stellte neun Flucht- oder Auswanderungswellen aus Litauen seit 1939 fest – somit neun Epochen des künstlerischen Schaffens im Exil –, zuletzt erwähnte sie die Arbeitsemigration nach 1990. Für die Künstler und alle Litauer in Deutschland waren die Jahre 1945 bis 1949/50 von besonderer Bedeutung. Denn die litauischen DPs waren in ihrer Mehrheit keine ehemaligen Zwangsarbeiter, sondern Flüchtlinge; und geflüchtet waren insbesondere Intellektuelle, Wissenschaftler und Politiker, alle jene Personen also, die Angst hatten, von der Sowjetmacht unterdrückt zu werden. Diese „intellektuelle Armee“ stellte immerhin zehn Prozent aller litauischen DPs dar, in der Heimat war die Intelligenz lediglich mit einem Prozent vertreten. Über die Hervorhebung des litauischen Kulturzentrums in Wien seit August 1944, und der Schilderung des Vorfalls in Schweden,[9] von wo litauische DPs noch 1946 an die UdSSR ausgeliefert worden waren, ging Červonnaja zum Kern ihres Vortrages über, zu den einzelnen Künstlern: Bildhauer, Holzschneider, Maler, Grafiker, Architekten und Schriftsteller. Dabei fielen Begriffe und Probleme wie politische Kunst, politische Opposition in Litauen – die Waldbrüder[10] – bzw. sowjetische Infiltration des Exils. Ferner nannte die Rednerin einige politische Institutionen der Exil-Litauer, an der Spitze den Verband der Litauer im Exil, der schon im November 1945 in Wiesbaden eine Konferenz abgehalten hatte. Sie erwähnte auch Kultur-Institutionen des litauischen Exils, wie beispielsweise das Institut für Angewandte Kunst, das mit Hilfe Frankreichs in der französischen Besatzungszone entstanden war und gearbeitet hatte. Diese Einrichtung diente allen Nationalitäten, gleichwohl stellten Litauer 80 Prozent der Absolventen dieser Bildungsanstalt dar. Den politischen Beitrag der Schriftsteller, beispielsweise in der Zusammenarbeit mit dem Radio Free Europe[11] in München, wurde ebenfalls kurz angesprochen. Abschließend forderte die Referentin dazu auf, das Projekt zur litauischen Exilkultur an der Universität Thorn (Toruń) nach Möglichkeiten mit Quellen und Zeitzeugenberichten zu unterstützen.

Ingo Hoddick (Musikjournalist Köln/Duisburg) widmete sich dem Thema „Musiker als Displaced Persons. Vladas Jakubenas und Jazeps Vītols“. Er präsentierte dem Publikum Musikbeispiele beider Künstler, des Letten Vītols und des Litauers Jakubenas, setzte sich jedoch besonders mit Jakubenas auseinander. Außer Musik und deren fachmännischen zeitlichen und künstlerischen Einordnung wurden die Viten beider Musiker erzählt. Vītols war auch im Deutschland der Vorkriegszeit bekannt, da er zahlreiche Artikel für Musikzeitschriften verfasst hatte. Jakubenas komponierte in den DP-Lagern ununterbrochen, da er dort – wie er selbst sagte – Zeit und Publikum gehabt habe. 1949 wanderte er in die USA aus und verließ sie bis zu seinem Tode nicht mehr. Der Referent erwähnte zuletzt die Bedeutung der Exilmusik für die Heimatländer sowie die damit zusammenhängenden Umbettungen von deren Gebeinen in die Heimat, welche Rückkehr aus dem Exil nicht nur Jakubenas, sondern unter anderen auch der Musiker Kačynskas posthum erlebten.

Anderas Fülberth (Universität Kiel) stellte den „Malenden Dichter Jānis Janusudrabiņš und sein Weg von Lettland ins westfälische Exil“ vor. Der Künstler, bedeutender Maler, jedoch insbesondere auch Dichter und Schriftsteller, war in der Zwischenkriegszeit der meist gelesene Schriftsteller Lettlands.[12] Im Exil lebte er von 1945 bis 1948 in Bielefeld, dann bis zum Tode in Körbecke am Möhnesee. Das literarische Werk Janusudrabiņš präsentierte der Referent in historischen Zusammenhängen des Ersten Weltkrieges, der Oktoberrevolution, des Zweiten Weltkrieges und des Exils. Selbstverständlich spiegelte sich darin auch die Geschichte des Baltikums mit seinen Okkupationsperioden von 1939 bis 1991 wieder. Den Anstoß, ins Exil zu gehen, gab Janusudrabiņš der 'Soziozid' im Baltikum während der ersten sowjetischen Okkupation 1940 bis 1941. Zum deutschen Besatzer hatte der Künstler überhaupt keine Beziehung, nicht deshalb also floh er ins zum Scheitern verurteilte „Dritte Reich“. Nach einem sehr schwierigen Anfang, zeitweise in einem DP-Lager, halfen Janusudrabiņš familiäre Beziehungen, sich in der britischen Besatzungszone in Körbecke bescheiden einzurichten und künstlerisch wieder aktiv zu werden. Seine Werke sind nur in einigen – nicht ganz gelungenen – Übersetzungen bekannt. Da er als Schriftsteller 1948 in Stockholm geehrt wurde, am Möhnsee als Künstler einen gewissen Bekanntschaftsstatus erlangte, nahm er an Dichtertreffen teil, die vom Landschaftsverband Nordrhein-Westfallen veranstaltet wurden. Dabei spielte er eine wichtige Rolle 1955, als er erfolgreich um Versöhnung innerhalb des deutschen Künstlerkreises bemüht war. Janusudrabiņš starb in Deutschland 1962, im Jahre 1997 kehrten seine Gebeine nach Lettland zurück.

Diana Zalāne (DP-Historikerin, Riga) stellte das Internet-Projekt „’DP Album’. Das Leben lettischer DPs in Bildern“ vor. Das Portal www.dpalbums.lv bietet gegenwärtig ungefähr 2000 Bilder, jeweils mit einer kurzen Beschreibung des Inhaltes. Zudem werden stets Autor/Inhaber des Bildes sowie Ort und Zeit der Aufnahme genannt. Die Internetseite verfügt über eine Struktur, die sich nach Besatzungszonen und Ortschaften orientiert, alternativ kann nach den Bildautoren/-inhabern gebrowst oder gezielt nach bestimmten Themen ortsübergreifend gesucht werden, beispielsweise Politik, kirchliches Leben, Auswanderung, Versorgung etc. Neben der Bild-Datenbank bieten die Autoren des Portals eine kleine Internetausstellung in Lettisch, Englisch und Deutsch. Diese Ausstellung zeigt ausgewählte Fotos aus der zugänglichen Datenbank mit einer Beschreibung der zeithistorischen Zusammenhänge. Als solche ist diese Ausstellung für das Thema der DPs allgemein gültig und nicht nur für die der lettischen DPs. Bei den Ausführungen Zalānes über das Projekt wurden mehrere Themen aufgegriffen, wie zum Beispiel das lettische Gymnasium in Münster, das von der Referentin besucht worden war, die als Kind zweier heimatloser Ausländer in Deutschland selbst noch ein solcher Ausländer – quasi ehemalige DP – war/ist, bis sie 1991 die lettische Staatsbürgerschaft erlangen konnte. Damit wurde deutlich, dass das Thema der DPs nach wie vor für viele in der Bundesrepublik Deutschland ein aktuelles Thema ist.

Von den drei Zeitzeugen auf dem Podium und den zahlreichen im Publikum, die die Vorträge und Diskussionen durch die eigenen Sichtweisen bereicherten, sei hier die Prominenteste genannt, Frau Vilma Brinkmann, die von 1992 bis 2000 Präsidentin der estnischen Volksgemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland war.[13]

Zuletzt seien die Ergänzungen und Diskussionen nach den oder zu den Vorträgen auszugsweise erwähnt: Schröder schlug vor, die Arbeitsbemühungen der Autoren des Internetportals „DP Album“ als Bildbuch herauszugeben und somit zu sichern, um einem eventuellen vollständigen Verlust dieser Datenbank vorzubeugen, sollte es einmal an finanziellen oder personellen Ressourcen für ihre Weiterpflege fehlen. Tegeler griff das angesprochene Thema der baltischen DPs in Dänemark 1945 auf und sprach von Bestrebungen der britischen Regierung, diese in die britische Zone Deutschlands zu überführen, um zukünftig auf die DPs als potenzielle Arbeitskräfte leichter zurückgreifen zu können. Červonnaja rief die jüdische DPs aus dem Baltikum ins Bewusstsein aller Teilnehmer zurück; einige dieser Juden kehrten nach 1945 in die Heimat zurück, um – wie sich im nachhinein herausstellte – in den 1950er-Jahren die UdSSR als Kontingentflüchtlinge[14] wieder zu verlassen. Pletzing sprach sich für die Methode der Oral History aus, die im Publikum angesprochen worden war. Diesem Plädoyer für die mündlich überlieferte Geschichte schloss/schließt sich der Autor dieses Textes an. Pletzing versprach in seiner Eigenschaft als Akademieleiter, sich um die Veröffentlichung der gehaltenen Vorträge und der Diskussionsbeiträge in der Reihe Colloquia Baltica zu bemühen. Ebenfalls schloss er ein zweites Seminar zum Thema der DPs nicht aus, was sehr wünschenswert wäre; bemängelte doch Schröder am ersten Tag des Seminars die fehlende Rezeption des Themas DPs in den deutschen Geisteswissenschaften.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Gesetz über die Rechtsstellung heimatloser Ausländer im Bundesgebiet (HAG) vom 25. April 1951 (BGBl. I S. 269).
[2] Zum Komplex der genannten Verträge und der Zwangsrepatriierung siehe Pavel Polian, Deportiert nach Hause. Sowjetische Kriegsgefangene im „Dritten Reich“ und ihre Repatriierung, München/Wien 2001, bes. S. 60-69, 97f.
[3] Siehe dazu Bernhard Zittel, Die UNRRA-Universität in München 1945-1947, in: Archivalische Zeitschrift 75 (1979), S. 281-301.
[4] Siehe dazu Hannes Harding, Displaced Persons (DPs) in Schleswig-Holstein 1945-1953, Frankfurt am Main 1997, S. 159-164; The Baltic University in Pictures 1946-1947, Pinneberg 1947.
[5] Siehe dazu Tillmann Tegeler, Esten, Letten und Litauer in der Britischen Besatzungszone Deutschlands. Aus Akten des Foreign Office, in: Jahrbuch für Geschichte Osteuropas 53 (2005), 1, S. 42-57, hier S. 49f.
[6] Erwähnt und gezeigt wurde beispielsweise das Buch von Ferdinand Kool, DP kroonika. Eesti pagulased Saksamaal 1944-1951, Lakewood 1999.
[7] URL: http://www.herder-institut.de/index.php?lang=de&id=10d=10 [Zugriff 07.04.06].
[8] Fridtjof Nansen leitete 1920 die Rückführung der Kriegsgefangenen aus Sowjetrussland, 1921-23 war er Hochkommissar des Völkerbundes für Hilfsaktionen in den Hungergebieten der UdSSR, 1922 erhielt er den Friedensnobelpreis für sein Engagement zugunsten der Flüchtlinge. Der Völkerbund benannte nach seinem Namen das 1930 entstandene Internationale Nansenamt für Flüchtlinge (vgl. Brockhaus Enzyklopädie, 9. Aufl., 24. Bd., S. 332).
[9] Vgl. Polian, Deportiert nach Hause ..., S. 145.
[10] Siehe dazu Christina Otto, Antikommunistischer Widerstand in den baltischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg. Der bewaffnete Unabhängigkeitskampf der "Waldbrüder" (1944 bis 1953), Hamburg 2001.
[11] Siehe dazu Sig Mickelson, America's other voice the story of Radio Free Europe and Radio Liberty, New York 1983.
[12] Siehe dazu URL: http://www.uni-muenster.de/Rektorat/veranst/vst0788.htm [Zugriff 07.04.06].
[13] Siehe URL: http://www.xn--esl-hoa.de [Zugriff 07.04.06].
[14]Siehe dazu Judith Schäfer, Juden aus der Sowjetunion/Russland in Deutschland von 1989-2000. Rechtsgrundlage und allgemeine Situation, Regensburg 2006.

Zitation
Tagungsbericht: Displaced Persons: Flüchtlinge aus den baltischen Staaten in Deutschland, 24.03.2006 – 26.03.2006 Malente, in: H-Soz-Kult, 10.04.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1100>.
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Veröffentlicht am
10.04.2006
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