Die soziale Dimension der Mission im Orient

Ort
Kaiserswerth/Düsseldorf
Veranstalter
Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth, Fachgebiet Kirchengeschichte/Kirchliche Zeitgeschichte des Fachbereichs Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg
Datum
12.03.2006 - 15.03.2006
Von
Markus Kirchhoff, Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur e. V., Universität Leipzig

Wer Missionsgeschichte schreibt, hat eine Sorge nicht - die mangelnder Quellen. Die Missionare schrieben viel, unüberschaubar viel. Vielleicht erklärt dies, dass sich ein generelles Bild noch immer nicht recht einstellen will. Doch der wesentliche paradoxe Befund ist, dass immensen missionarischen Anstrengungen, jedenfalls im Orient, ein einziges Fiasko, nämlich eine verschwindend geringe Zahl von Konversionen gegenüber stand.

Für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Mission scheint deren religiöser Erfolg oder Misserfolg wenig erheblich. Vielmehr lockt die Polyvalenz des Themas. Die Missionsarchive werden heute intensiv von Disziplinen aller Art genutzt. Neben den traditionell zuständigen Fächern Kirchengeschichte und Theologie sind es neuerdings Anthropologen, Vertreter der Gender- oder der postkolonialen Studien, die den Missionsstudien seit anderthalb Jahrzehnten eine ungekannte Konjunktur bescheren. Monat für Monat erscheinen 1.500 Beiträge auf diesem Gebiet.

Angesichts solcher Dimensionen war es das Verdienst der Konferenz "Die soziale Dimension der Mission im Orient", zunächst eine weit gefächerte Bestandsaufnahme für das 19. und 20. Jahrhundert zu leisten. Wie Jochen-Christoph Kaiser, Professor für Kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Marburg als einer der Organisatoren betonte, sollte der interdisziplinäre Austausch in den Missionsstudien befördert werden.

Mit diesem Vorhaben, der Dynamisierung der Missionsstudien gerecht zu werden, kontrastierte der ruhige, treffend gewählte Ort der gemeinsam vom Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Marburg und der von Norbert Friedrich und Uwe Kaminsky als Vertretern der Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth veranstalteten Tagung. Kaiserswerther Diakonissinnen waren im 19. und 20. Jahrhundert in vielen Orten der Welt, darunter Palästina, aktiv. In den Orient verschlug es einst auch die berühmteste Schülerin der Diakonie am Rhein: 1851 hatte Florence Nightingale hier eine dreimonatige Pflegeausbildung genossen, wenige Jahre bevor sie im Lazarett von Skutari Verwundete des Krimkriegs versorgte.

Theoretische und methodische Überlegungen

Als Organisator und wissenschaftlichem Moderator der international besetzten Tagung war es das Anliegen Roland Löfflers (Marburg), den geographisch gegliederten Panels zur Geschichte der Mission in Palästina, im Libanon und in Ägypten eine Sektion mit theoretischen und methodologischen Erwägungen voranzustellen. Heleen Murre-van den Berg (Leiden) entfaltete das Spektrum der Forschungsliteratur: Neben allgemeinen historischen Überblicken sind die politischen und institutionellen Kontexte, vor allem die Rolle der europäischen Mächte und Kirchen, beleuchtet worden. Ein wiederkehrendes, aber noch nicht erschöpftes Thema ist das der "geopiety" - insbesondere in Form der Faszination für das Heilige Land. Die soziale Dimension, das engere Thema der Tagung, ist hinsichtlich der involvierten Motive wie Erziehung/Bildung, Missionierung und "Zivilisierung" behandelt worden. Wenig hingegen wurde über das Moment der religiösen Begegnung als dem eigentlichen Zentrum der Mission geforscht, weder in Bezug auf die christlichen Konfessionen des Orients, noch in Hinblick auf Juden und Muslime. Inger Marie Okkenhaug (Bergen) erwähnte unter ihren grundsätzlichen Erwägungen zu den sozialen Aspekten der protestantischen Mission im Orient auch die koloniale oder "imperialistische" Dimension. Doch wichtiger war ihr, den Blick auf die ambivalente Bedeutung der Missionen als Agenturen der Modernisierung im Osmanischen Reich zu lenken. Damit war ein genereller Zug der Tagung benannt: Wurde die Mission vor noch nicht allzu langer Zeit gerne als Ausdruck des Imperialismus verurteilt und diesem westlichen Unterfangen jeglicher positiver Beitrag abgesprochen, wird nunmehr auf eine differenzierte Betrachtung Wert gelegt. Roland Löffler richtete in seinem methodologisch geprägten Beitrag den Blick auf die gesellschaftlichen Hintergründe der Mission: Oft erscheinen Missionare in ihrem Wirken als religiös konservativ und zugleich in der "sozialen Frage" kritisch und modern ausgerichtet. Inwiefern war ihre Motivation Ausdruck von spirituellen und gesellschaftlichen Krisen des 19. und 20. Jahrhunderts? Löffler schlug zur Beantwortung solcher Fragen die Berücksichtigung der Milieutheorie ebenso wie Luhmanns Reflexionen zum gesellschaftlichen System Religion vor.

Reaktionen aus dem Nahen Osten

Über solche Fragen zu den Motiven und euro-christlichen Hintergründen der Missionsgesellschaften und verwandter Einrichtungen im Orient wurde die Perspektive aus der Region, die Sicht der "Zielgesellschaften", nicht vergessen. Dennoch kam diese als explizites Thema in nur zwei von über zwanzig Vorträgen zu kurz. Hier wäre allemal eine eigene Sektion ratsam gewesen. Wie wichtig die Beschäftigung mit den einheimischen Reaktionen ist, zeigten die Vorträge zu Rashîd Ridâ als modernem arabischen Intellektuellen sowie zur jüdischen Gemeinschaft in Palästina; weitere Vorträge kamen auf diese Themen am Rande zu sprechen.

Mit Rashîd Ridâ (1865-1935) porträtierte Umar Ryad (Leiden/Kairo) einen prominenten arabischen Gelehrten. Unter seinen Reaktionen auf die Konfrontation mit der westlichen Moderne in der Ära des Hochimperialismus ist seine vehemente Abwehr der christlichen Mission bislang wenig bekannt. Der in Syrien geborene und in Ägypten tätige Ridâ galt anfangs in gewisser Hinsicht als pro-kolonial; den britischen Generalkonsul in Ägypten, Lord Cromer, sah er als Verkörperung britischer religiöser Liberalität. Wie er aber in seiner Zeitschrift Al-Manâr ("Der Leuchtturm", seit 1898) immer wieder hervorhob, stellte die christliche Mission eine immense Gefahr dar. Ridâ erkannte die ambivalente Rolle der Wissenschaft als Instrument einerseits der Missionare, andererseits zu deren Abwehr: Die Missionare benutzten die Untersuchungen säkularer Orientalisten über die Entstehung des Islams, um diese Religion zu kritisieren. Er selbst zog die moderne Bibelkritik heran, um seinerseits, mittels europäischer Autoritäten, die Probleme der christlichen Überlieferung herauszustellen. Indem er die Unverletzlichkeit des Korans betonte, dürfte er den Nerv vieler christlicher Konservativer getroffen haben, denen die wissenschaftliche Kritik an der Heiligen Schrift zu weit ging. Ridâ warnte vor der christlichen Mission als Werkzeug der kolonialen Eroberung in Asien und Afrika. Diese Aktivitäten seien eine Katastrophe für die einheimischen Gesellschaften, würden sie doch erst den religiösen Fanatismus aufwiegeln. Seine Anklage "christlicher Außenpolitik" galt Premierminister Gladstone genauso wie Deutschland und den Niederlanden. Aus all dem ging Ridâs Analyse der Bedeutung der "Propaganda" für die Religionen in der Moderne hervor, die er entsprechend auch für den Islam reklamierte. Was die Angebote der westlichen Moderne im Orient anging, so sollten Muslime moderne Schulen nur besuchen, um eigene zu bauen.

Solcher Art Einflüsse der Mission auf die Identitätsformierung arabischer Muslime und Christen sowie Juden bietet Stoff für mehrere Studien. Ruth Kark (Jerusalem) berichtete von einem Projekt, in dem unter ihrer Leitung solche Fragen für das osmanische und das britische Palästina sowie Israel bearbeitet werden. Die jüdische Gemeinschaft in Palästina jedenfalls war bedeutend durch die protestantische Mission beeinflusst. Aus der Reihe von möglichen Antworten aus den "Zielgesellschaften", die von Akzeptanz bis völliger Ablehnung reichten, hob sie die Entwicklung von eigenen, alternativen Angeboten hervor: Gemeinschaftsentwicklung, Selbsthilfe, Identitätsformation. Die Juden Palästinas wurden zudem auch durch europäisch-jüdische Initiativen wie die Moses Montefiores oder der Rothschilds unterstützt. Allemal hatten die Missionare keinen Erfolg mit Predigten, wohl aber mit säkularen Dienstleistungen.

Formen solcher Dienstleistungen waren, wie Yaron Perry (Haifa), zeigte, schulische Bildung, Hebung der hygienischen Standards und ärztliche Versorgung. Hier engagierte sich im Palästina des 19. Jahrhunderts die London Society for Promoting Christianity Amongst the Jews. Während der religiöse Zweck, dem die Verteilung der Bibel dienen sollte, nicht erreicht wurde - gerade einmal 600 Juden wurden von den Missionaren in einem Jahrhundert konvertiert -, waren die "Jew's Hospitals" in Jerusalem und Safed geschätzte Einrichtungen. Die jüdische Gemeinschaft verurteilte die Konversion, Rabbiner sprachen den Bann gegen christliche Ärzte aus, aber nahmen trotz feindlicher Einstellung die medizinischen Angebote wahr, oft aus purer Not.

Ebenso wie die London Jews Society engagierte sich auch die Schottische Judenmission insbesondere aus millenaristischen Gründen in Palästina, das sie als natürliches Heim für die Juden ansah. Palästina galt als Prüfstein für den Erfolg der Judenmission weltweit. Im Jahr 1905 wurden von der Schottischen Judenmission, die medizinische Einrichtungen in Tiberias und Hebron unterhielt, 2.000 Patienten pro Monat behandelt. Wie Michael Marten (London) berichtete, erzielten auch die Schotten praktisch keine Konversionserfolge, doch verstanden sie den strategischen Nutzen: Juden kamen in die Krankenhäuser, wurden geheilt und waren dankbar. Dabei verstanden sich die schottischen Missionare nicht als Kolonialisten sondern waren, ganz Anhänger der Lehre Adam Smiths, Kapitalisten bis ins Mark. Demzufolge suchten sie Palästina für den kapitalistischen Markt zu öffnen. Grundsätzlich meinte Marten, anhand der Archivalien von der "subalternen" Stimme der örtlichen Bevölkerung sprechen zu können. Diese zum Schluss seines Vortrags vertretene These, die das Arsenal der Subaltern Studies evozierte, führte er jedoch nicht weiter aus. Gerade als es hier besonders spannend wurde, zeigte sich - pars pro toto - das Manko auch manch anderer Vorträge, die eben nicht dem Wunsch der Veranstalter nach theoretischer und methodischer Durchdringung der Materie gefolgt waren.

Allemal war der Blick auf die Beziehungsgeschichte der Mission, auf die Begegnung von westlichen Christen und einheimischer Bevölkerung, das interessanteste Thema der Konferenz. Hier schließt sich die Aufgabe an, vergleichend die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Christen, Muslimen und Juden des Orients in der Reaktion auf die Mission herauszuarbeiten.

Europäische Kontexte und Arbeiten vor Ort

Ein größerer Teil der Vorträge galt konventionelleren Themen, darunter den außenpolitischen Kontexten oder der Institutionengeschichte. Einen Schwerpunkt bildete hierbei die Rolle der - gegenüber der dynamischeren protestantischen Mission oft vernachlässigten - katholischen Mission. Akzente setzten hier Dominique Trimbur (Jerusalem/Paris) hinsichtlich der auswärtigen Kulturpolitik Frankreichs sowie Haim Goren (Tel Hai), der Missionsbemühungen deutscher Katholiken porträtierte, und Barbara Haider (Wien), die das "Jerusalemmilieu" in der Habsburger Monarchie vorstellte.

Unter den Vorträgen zur missionarischen Arbeit vor Ort machte der Beitrag von Matthew Rhodes (Birmingham) deutlich, wie der eigentlich universalen christlichen Agenda englischer Mission in Ägypten der britische Exklusivitätsanspruch hinderlich entgegenstand: Der örtlichen Mittelklasse, zu der etwa der in Ägypten konfirmierte Edward Said gehörte, wurde herablassend begegnet; zumindest romantisch-exotisches Interesse galt den Fellachen. Weniger Berührungsängste hatten hingegen jene Frauen der Church Missionary Society, die, wie Renate Lunde (Bergen) beschrieb, in Ägypten "Mütter machten": Hier galt das Werk vor allem der Reduzierung von Kindersterblichkeit und -krankheiten. Die an ägyptische Frauen vermittelten Techniken des Badens, Reinigens und der Müllseparation war dabei ein Export von Konzepten, die zuhause in England der Arbeiterklasse galten - das traditionelle britische Home Visiting wurde in die Kolonie transferiert.

Zusammenfassung

Angesichts der Fülle der Perspektiven ist eine zusammenfassende Betrachtung, für die die Veranstalter den Missionshistoriker Werner Ustorf (Birmingham) gewinnen konnten, nur zu begrüßen. Wie Ustorf betonte, war die Mission im Vorderen Orient eine enorme westliche Anstrengung über fast zwei Jahrhunderte. Nirgends sonst gab es eine solche Dichte von Missionaren pro Quadratkilometer. Dem steht die geringe Zahl von Christen im Nahen Osten gegenüber.

Dennoch: Solche Zahlen sagen nicht viel. Wie aber sind missionarische Aktivitäten dann zu messen? Hinsichtlich der sozialen Dimension ist die Rolle der missionarischen Aktivitäten bei der Modernisierung oder gar der kolonialen Befreiung noch zu wenig klar. Unter den autochthonen Bevölkerungsgruppen hob Ustorf die örtlichen Christen als Ansatzpunkt hervor: Für die Christen des Orients war nicht die westliche Theologie der Ausgangspunkt, sondern ihr Christentum innerhalb des Haus des Islams. Der säkulare Nationalismus, der an die Stelle des größeren multiethnischen Zusammenhangs des Osmanischen Reichs trat, werde unter arabischen Christen heute als falscher Weg angesehen.

Somit tut sich hier ein Feld nicht nur der post-kolonialen sondern auch der post-national (i.e. prä-national) orientierten Geschichtsschreibung auf. Dieser Konferenz sollten weitere Tagungen folgen, die insbesondere die angeklungenen, gerade gegenwärtig so wichtigen ost-westlichen Fragen der Tradition und Religion, Moderne und Säkularisation auf beiden Seiten, sowohl hinsichtlich der Missionare als auch der Gesellschaften des Orients, vertiefen.

Zitation
Tagungsbericht: Die soziale Dimension der Mission im Orient, 12.03.2006 – 15.03.2006 Kaiserswerth/Düsseldorf, in: H-Soz-Kult, 24.04.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1110>.