Konzepte von Produktivität im Wandel

Ort
Berlin
Veranstalter
Arbeitskreis ARGUS: Brüche und Kontinuitäten vom Mittelalter in die Frühe Neuzeit
Datum
14.03.2006 - 17.03.2006
Von
Timm Reimers, TU Berlin

„Konzepten von Produktivität im Wandel“ war die zweite Tagung des Arbeitskreises ARGUS: Brüche und Kontinuitäten vom Mittelalter in die Frühe Neuzeit gewidmet, die vom 14. bis 17. März im Senatsraum der TU Berlin stattfand und von der Fritz Thyssen Stiftung finanziert wurde. Der erst im 18. Jahrhundert gebildete Produktivitätsbegriff sollte in diesem Rahmen auf seinen heuristischen Wert zur Analyse mittelalterlicher und frühneuzeitlicher, materieller wie geistiger Schaffens- und Kreationsprozesse hinterfragt werden.

In ihrem Eröffnungsstatement wiesen die beiden Veranstalter, Corinna Laude (TU Berlin) und Gilbert Heß (Göttingen) auf die unfreiwillige Aktualität des Tagungsthemas hin: ‚Produktivität’ ist zu einem Schlüsselbegriff der an ökonomischen Wertmaßstäben ausgerichteten Moderne geworden, was unter anderem auch an der Wahl des Wortes „Entlassungsproduktivität“ zum Unwort des Jahres 2005 ablesbar sei. Die Tagung entbehrte darüber hinaus auch insofern nicht einer gewissen Pikanterie, als die TU Berlin, in deren Räumen die Veranstaltung stattfand, sich dazu entschlossen hat, das (von der einen Tagungsorganisatorin vertretene) Fach Altgermanistik einzustellen und auch die anderen historisch-hermeneutischen Fächer der ehemals geisteswissenschaftlichen Fakultät auf ein langfristig kaum überlebensfähiges Maß zu reduzieren.

In seinem Eröffnungsvortrag stellte der Philosoph Andreas Urs Sommer (Greifswald) den Skeptizismus als eine für die frühneuzeitliche geistige Produktivität zentrale Grundlage vor. Ausgehend von Erasmus und Luther legte Sommer dar, dass dem zeitgenössischen Verständnis nach ein grundsätzlicher Zweifel an der gottgeschaffenen Welt zunächst fremd gewesen sei. Geistige Produktivität sei insofern vorrangig als productio, weniger als creatio denkbar, die sich insbesondere im Raum der Utopie entfaltet habe. Wie Sommer anhand von Thomas Morus’ „Utopia“ darlegte, vollzieht sich der skeptizistische Verzicht auf assertiones, auf begriffliche Festschreibungen, im speziellen Modus der utopischen Fiktion. Durch diese nicht normative, sondern fiktional-spielerische Anlage habe Morus’ Skeptizismus nicht allein im Bereich des Politischen, vielmehr auch im Bereich des Religiösen Spielräume für Pluralisierungstendenzen geöffnet. Andere Verfasser utopischer Entwürfe (z.B. Campanella, Bacon) hätten hingegen nicht die Möglichkeiten der Realpolitik in Frage gestellt, sondern auf die rationale Realisierbarkeit des Idealen in Politik und Gesellschaft vertraut. Dem bei Morus erkennbaren Kreativitätsschub, der durch konsequente Fiktionalisierung und bewusste ‚Verundeutlichung’ initiiert sei, stehe hier die konkrete politische Wirkabsicht gegenüber, neue Gewissheiten zu generieren. Bei Johann Valentin Andreae wirke schließlich der heilige Geist selbst als Initiativmoment, das Kreativität generiere, auf utopischen Skeptizismus aber weitgehend verzichte.

Künstlerische Schaffensprozesse werden in Mittelalter und Früher Neuzeit häufig als Emanation mythisch oder religiös bedingter Inspiration (z.B. durch den Hl. Geist) legitimiert. Die strategischen Aspekte dieser Legitimitätsbehauptung wie auch ihre produktiven Effekte nahmen verschiedene Beiträge der Tagung in den Blick:

Anhand des mittelalterlichen „Tristan“-Romans von Gottfried von Straßburg ging Beatrice Trinca (FU Berlin) der Frage nach, wie sich die Handwerksmetaphorik, mit deren Hilfe im Mittelalter vielfach der Prozess dichterischen Schaffens umschrieben wird, und das mediävale Inspirationsparadigma, das Dichten als göttliche Begabung begreift, zueinander verhalten: Bei Gottfried nähmen nicht allein die (wunderbaren) Feen den Platz der antiken Musen als Inspirationsquellen ein und firmierten somit als Fiktionalitätssignal und Instanz, die Dichtung aus sich selbst heraus legitimiere. Vielmehr konzipiere Gottfried seinerseits Dichtung als Textilie, verweigere aber gerade die Beschreibung von Textilien (Tristans Ausstattung) und betone dadurch wiederum die Selbstkonstitution des innertextuellen Gegenstandes.

Am Beispiel mittelalterlicher illuminierter Andachtsbücher verfolgte Gia Toussaint (Hamburg) Aspekte religiöser Produktivität, die als mystische Prozesse der Imagination wirksam werden, welche – durch Text- und Bildrezeption im Inneren des Gläubigen ausgelöst – eine Transzendenzerfahrung ermöglichen. Aus der Wechselwirkung von äußerem Bild und sprachlich vermittelter Imagination in der contemplatio entstehe ein bildhaftes inneres Erlebnis, ein ‚mystisches Erfahrungsbild‘, das eine Grenzüberschreitung von Medium, Raum und Zeit sowie einen unmittelbaren Kontakt zur transzendenten Bezugsperson (z.B. Maria) ermögliche. Dieses Imaginatum habe seinerseits neue Illustrationstypen hervorgebracht und sei somit auch künstlerisch produktiv geworden.

Martin Baisch (FU Berlin) führte in seinem Vortrag über Jörg Wickrams „Irr reitenden Pilger“ vor, wie das Dilemma humaner Zeitlichkeit, das Paradox des gewissen und in seiner Stunde doch ungewissen Todes sich in der Textproduktion selbst reflektiert. Den Text, der laut Vorrede in Todesnähe verfasst worden ist, untersuchte Baisch hinsichtlich seiner spezifischen ästhetischen Struktur und stellte fest, dass dieses unterbewertete Wickramsche Spätwerk durch Doppelungen und Rückgriffe (auch auf andere Texte des Autors) geprägt sei. Dieses wiederholende Erzählen korrespondiere mit seinem Thema, dem Tod, insofern einerseits die Wiederholungsstruktur Zeit stillzustellen versuche und andererseits der Autor gerade im intertextuellen Rekurs auf das eigene Werk sich selbst ‚ermächtige‘, anstatt passiv auf den Tod zu warten.

Dass Produktionsprozesse im Bereich von Dichtung und bildender Kunst auch in der Vormoderne häufig im Werk selbst thematisiert werden, ging aus weiteren Beiträgen der Tagung hervor.

Anlässlich der Frage nach dem Status des vormodernen Künstlers, der weder als Handwerker noch mit dem neuzeitlichen Autonomiepostulat adäquat zu beschreiben ist, untersuchte Heike Schlie (Köln) Jan van Eycks Bildnis der Hl. Barbara (1437). Sie führte vor, dass hier eine bildimmanente, selbstreflexive Kunsttheorie greifbar werde, die den Künstler im Sinne des von Thomas von Aquin im Rückgriff auf Aristoteles entwickelten architector-Konzepts entwerfe: Van Eyck nobilitiere den Künstler als denjenigen, der nicht nur handwerklich ausführe (artifex), sondern Ursachen und Zusammenhänge des Werkganzen kenne (architector). Überdies demonstriere der bemalte, Marmor imitierende Rahmen des Bildes, dass der Maler sich von der Materie unabhängig zu machen vermöge, in diesem Fall sogar selbst als Schöpfer von Materie (creator) in Erscheinung trete. Dieses Andachtsbild diskutiere also in erster Linie seinen eigenen Status als Artefakt und thematisiere insofern den künstlerischen Produktionsprozess selbst.

Michael Waltenberger (München) befasste sich mit dem engen Zusammenhang von sexueller und ökonomischer Produktivität im Handlungsgefüge mittelalterlicher Kleinepik. In seiner Analyse der Schwankerzählung vom „Schneekind“ konnte Waltenberger zeigen, wie sich der von der Frau eines Kaufmanns begangene Ehebruch, ihre „sexuelle Produktivität“, für den Betrogenen in einen (in den verschiedenen Fassungen verschieden valorisierten) ökonomischen Gewinn umwandeln lässt: Der Kaufmann verkauft das aus dem Ehebruch resultierende Schneekind zu einem hohen Preis. Diese komplexe Relationierung von Sexualität und Ökonomie ginge in jenem von der Forschung dem Schwank zugesprochenen agonalen (auf Revanche angelegten) Strukturprinzip nicht auf. Vielmehr ließen sich schwankhafte Erzählungen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit auch als Texte lesen, denen zeitgenössisches Populärwissen über ökonomische Zusammenhänge eingeschrieben sei.

Tobias Bulang (Dresden) betonte anhand einer Analyse von Johann Fischarts „Geschichtklitterung“, dass Produktivität aus literaturwissenschaftlicher Sicht als Aktivierung von „Potenzialität“ der Sprache aufgefasst werden könne, insofern man nach Ferdinand de Saussure davon ausgehe, dass die Sprache eine unendliche Vielzahl an Möglichkeiten der Äußerung bereithält. Fischarts von Wortneuschöpfungen überbordende Sprache konnte Bulang vor dem Hintergrund dieses Modells in einem neuen Licht erscheinen lassen. In Textpassagen über den Weinrausch und die Alchemie zeige sich Fischart ähnlichen Prämissen verbunden, sodass man sogar von einer „Wortalchemie“ sprechen könne, die Prinzipien des literarischen Produktionsprozesses transparent werden lasse.

Mehrere Tagungsbeiträge widmeten sich den Folgen serieller Produktionsweise in unterschiedlichen Epochen der Vormoderne.

So verfolgte Stefan Trinks (Berlin) das Phänomen der Massenproduktion am Beispiel der Kirchenskulptur des spanischen Pilgerweges. Bereits im 11. Jahrhundert sind dort in kürzester Zeit hunderte Kirchen errichtet worden, deren üppige skulpturale Ausstattung in fließbandartiger Produktionsweise erfolgt sein muss, während das Gebäude selbst noch im Bau war. Die Kapitell-Skulpturen, so konnte Trinks zeigen, bedienen sich immer wieder einzelner Bildmotive eines in der Region sich befindlichen antiken Sarkophags, auf dem der (dem Mittelalter unbekannte) Orestes-Mythos dargestellt ist. Zwar wird sein Bildprogramm christlich umgedeutet, doch zeugten die Kapitelle insgesamt von der Wertschätzung kopierter Antike – auch als Möglichkeit, die Nachrangigkeit arabischer Kunst zu demonstrieren. Serielle Produktion im großen Stil konnte hier ohne einen Verlust an Aura, der gemeinhin als Charakteristikum industrieller Produktion gilt, erfolgen.

Mit der Massenproduktion von Kunstwerken, wie sie ein halbes Jahrtausend später, zu Beginn der Reformationsphase in der Cranachschen Werkstatt gefertigt wurden, beschäftigte sich Susanne Wegmann (Leipzig). Die weitverbreiteten Luther-Bildnisse der Werkstatt können neben der Flugschriften-Literatur als wichtiges Mittel zur Popularisierung der neuen Glaubenslehre betrachtet werden. Auffällig sei das negative Urteil, das die Kunstwissenschaft über die serielle Produktion fällte. Was hier als Aufgabe künstlerischer Ambitionen gedeutet wurde, erscheine im Urteil von Zeitgenossen als besonderer Vorzug: Schnelligkeit in der Herstellung von Bildern bezeichnete eine ausgeprägte Gabe zur inventio und habe demnach als eine Qualität der Werkstatt gegolten. Der auffällige Medienwechsel vom Druck zur Malerei, den die Cranach-Werkstatt vollzog, erscheine überdies als bewusstes Kalkül angesichts der Beständigkeit, die der Malerei gegenüber dem Druck als besondere Qualität zugesprochen wurde. Die serielle Produktion ließe sich als Normierungsprozess interpretieren, der festgelegte Luther-Bildtypen generiert habe, der jedoch auch produktiv (für das protestantische Pfarrer- und Gelehrtenbild) geworden sei.

Rationalisierungsprozesse standen auch im Mittelpunkt des Beitrages von Anja Voeste (Augsburg/Salzburg), die deren Auswirkungen auf die Orthographie untersuchte. Anhand der Professionalisierung im Druckerhandwerk des 16. Jahrhunderts, die sich vor allem als Abschaffung der aus der handschriftlichen Tradition zunächst übernommenen Sonderzeichen vollzog, konnte Voeste den Paradigmenwechsel von der mittelalterlichen Schreibvarianz zum Prinzip der Schemakonstanz (gleichbleibende Schreibung eines Wortes auch bei phonographischer Variation) aufzeigen. Diese Rationalisierung, die der beschleunigten Produktion geschuldet war, habe maßgeblich das moderne, normativ-stereotypisierende Sprachbewusstsein geprägt; das Variationsprinzip hingegen habe sich verschoben zum bis heute virulenten lexikalischen Alternanzgebot.

Dass solche technischen Innovationen zwar als Katalysatoren zur Beschleunigung von Produktionsprozessen gedient haben, in der Selbstwahrnehmung der Vormoderne jedoch auch andere Faktoren für das Verständnis von inventio maßgeblich gewesen sind, verdeutlichte Catherine Atkinson (Hannover). Mit Polydorus Vergilius’ Enzyklopädie „De inventoribus rerum“ (1499) wurde von ihr die einflussreichste Sammlung von inventiones des 16. Jahrhunderts vorgestellt. Vergilius beschreibe Erfinder allgemein als Repräsentanten des kulturellen Gedächtnisses und nicht, wie es die moderne Vorstellung von Erfindungen nahe legt, als individuelle Neuerer in Technik und Wissenschaft. Er entwickele einen Begriff der Erfindung, dem die prinzipielle Gleichwertigkeit der unterschiedlichen Wissensgebiete, auch der traditionell nachgeordneten artes mechanicae, zugrunde liege.

Vergilius’ Enzyklopädie fungierte hingegen nicht nur als ein Speicher von Wissen, sondern vielmehr als „Wissensmaschine“ (H. Zedelmeier), die durch die kombinatorische Reorganisation von loci communes selbst über ein generatives Potenzial verfügt. Dies ging aus dem Referat von Karsten Mackensen (HU Berlin) hervor, das sich Vergils Enzyklopädie am konkreten Beispiel der Musik-Lemmata widmete. Die musica verliere bei Vergilius ihren herkömmlichen Ort im Quadrivium und erscheine in einem neuen Kontext der Kompositionslehre bzw. der praktischen Musikausübung. Hier deute sich bereits ein Verständnis des musikalischen Kunstwerks an, das den Komponisten als seinen Urheber begreift, jedoch erst im 18. Jahrhundert ausformuliert wird. Die Produktion neuen Wissens kann, wie anhand dieses Beispiels nachdrücklich deutlich wurde, schon durch die Disposition nahezu unveränderten Materials initiiert werden.

Am Beispiel des Wolfenbütteler Stallmeisters und Berghauptmanns Georg Engelhard von Löhneysen aus dem frühen 17. Jahrhundert stellte auch Claudius Sittig (Freiburg i.B.) dar, dass Produktivität nicht zwangsläufig genuin schöpferischer Leistung entsprungen sein muss. Löhneysen plagiierte in prachtvoll ausgestatteten Folianten über die Reitkunst und den Bergbau, die er in seiner eigenen Privatdruckerei aufwendig herstellen ließ, zahlreiche Texte aus diesen Bereichen, legte aber großen Wert darauf, als ihr geistiger Urheber zu gelten, wie sich anhand seiner erfolgreichen Bemühungen um Privilegien und seiner Beschwerden über „räuberische Buchdrucker“ zeigen lässt. Sittig veranschaulichte anhand dieses Beispiels Interferenzen zwischen soziokulturellen Rahmenbedingungen und Produktivität, da Löhneysen stellvertretend für ein Konzept von ‚adeliger Produktivität‘ betrachtet werden könne, das sich nicht an einer Autorschaft im Sinne des Erfindertums orientiere, sondern sich vielmehr auf Begriffe von Ruhm und Ehre gründe.

In ähnlicher Weise wie dem Adel haftet auch Akademikern gemeinhin der Ruf an, ein besonders unproduktives Dasein zu führen. Eine Grundlage für dieses Klischee konnte Christoph Oliver Mayer (Dresden) unter anderem anhand der literarischen Tätigkeit der Autoren Jean Chapelain und Claude Perrault vorführen. Beide Autoren gelten in der Literaturgeschichte als besonders unproduktiv. Wenig beachtet wird allerdings ihr Engagement an der Académie française, wo sie maßgeblich an der kulturellen Theoriebildung der Zeit beteiligt waren und dadurch ihre praktische Kunst vernachlässigten. Die literarische Produktivität dieser Autoren verlagerte sich seit dem Eintritt in die Académie von der Kunst auf theoriebildende Sekundärliteratur. Mayer plädierte für einen erweiterten Begriff von Theorie, der ihrem regulativen und produktiven Potenzial gerecht wird.

In der Autobiographie des Stralsunder Bürgermeisters Bartholomäus Sastrow, die dieser gegen Ende des 16. Jahrhunderts verfasste, wird ebenfalls ein alteritäres Konzept von Produktivität greifbar – in Gestalt eines scheinbaren Paradoxons, wie Antje Wittstock (FU Berlin) in ihrem Vortrag verdeutlichte: Sastrow schildert seinen Aufstieg vom einfachen Schreiber zum Bürgermeister als ein Ergebnis von stetigem Arbeitseifer und Strebsamkeit, die durch sein melancholisches Temperament befördert wurden. Die von Sastrow vorgenommene Umdeutung der üblicherweise durch Krankheit und Trägheit charakterisierten Melancholie sei für einen Bewusstseinswandel im Bereich der Temperamentenlehre im 16. Jahrhundert repräsentativ. Sastrow beschreibe seinen Wandel vom sinnlichen Sanguiniker zum asketischen Melancholiker gerade als Lebensleistung, die sich im Spannungsfeld von göttlicher Gnade und Individualität vollziehen konnte.

Fragen nach der Anwendbarkeit des Produktivitätsbegriffs auf das vorindustrielle Handwerk standen im Zentrum der Überlegungen des Historikers Robert Brandt (Frankfurt a.M). Er kritisierte dabei das von der älteren Forschung, insbesondere von Werner Sombart postulierte und bis in die Gegenwart vorherrschende ‚romantische‘ Verständnis von vormoderner handwerklicher Tätigkeit. Anhand einer quellenkritischen Lektüre unterschiedlicher Zeugnisse aus dem Frankfurter Raum konnte Brandt zeigen, wie schwierig sich die Spurensuche nach einem mittelalterlichen Verständnis von Arbeit gestaltet: Außerhalb des von der Kirche und der städtischen Obrigkeit normierten Diskurses sind kaum aussagekräftige Zeugnisse bekannt. Zur Revision der älteren Forschungsergebnisse schlug Brandt Mikrostudien vor, die systematisch Semantiken, Praktiken und Mentalitäten untersuchen, um schließlich neue Konzepte von Produktivität entwickeln zu können.

Dass der Produktionsbegriff in unmittelbarem Konnex mit demjenigen der Arbeit als produktiv-schöpferischem Akt gesehen werden müsse, wurde in weiteren Referaten thematisiert. Anhand reichen Bildmaterials widmete sich Tomislav Vignjević (Ljubljana) dem Wandel bildlicher Ordo- und Ständevorstellungen im 15./16. Jahrhundert. Er konstatierte eine zunehmende Ausdifferenzierung bildlicher Repräsentationsformen des arbeitenden ‚Nährstandes’ (laboratores), der zuvor durch die Figur des Bauern summarisch erfasst worden sei, nunmehr jedoch durch Bauern, Handwerker und Bürger präsentiert werde. Diese Differenzierung verweise auf den Übergang der mittelalterlichen dreifunktionalen ordo-Gesellschaft zur frühneuzeitlichen, politischen Dreiständegesellschaft und spiegele letztlich eine zunehmende Differenzierung der Arbeit wider.

Auch im niederländischen Merkantilismus und im deutschsprachige Kameralismus werden, wie Thomas Buchner (Linz) anhand des ökonomischen Diskurs des 17. Jahrhunderts nachweisen konnte, unterschiedliche Konzepte von Arbeit greifbar. Er verdeutlichte, dass die deutschsprachigen Autoren Arbeit nahezu ausschließlich als Ressource zum Wohle des Gemeinwesens fassten, die durch ein Herrschaftszentrum steuerbar sei. Arbeit erscheine hier als moralische Untertanenpflicht, deren Inhalt oder Produkt von nachrangigem Interesse sei. Niederländische Autoren hingegen, so Buchners Beobachtungen, verstünden Arbeit durchaus als Mittel zur Befriedigung individueller Bedürfnisse, das keinerlei Einschränkung unterliegen dürfe und dessen Realisierungsformen (Sklavenarbeit – Lohnarbeit) differenziert bewertet worden seien.

Der Verlauf der Tagung und die im Anschluss an die Referate erfolgten Diskussionen haben gezeigt, dass der Produktivitätsbegriff Gewinn bringend als heuristisches Instrument zur Analyse mittelalterlicher und frühneuzeitlicher, materieller wie geistiger Schaffens- und Kreationsprozesse eingesetzt werden kann, sofern die Bezeichnungen, welche Prozesse der Produktivität umschreiben (z.B. imitatio, variatio, aemulatio, inventio, productio, creatio), einer strikten Historisierung unterworfen werden. Sofern die Implikationen unterschiedlicher Fachterminologie im interdisziplinären Gespräch reflektiert werden, kann eine solche Analyse auch in Zukunft dazu dienen, Brüche und Kontinuitäten im Wandel vom Mittelalter in die frühen Neuzeit zu beleuchten, wie es sich der Arbeitskreis ARGUS zur Aufgabe gemacht hat.

Zitation
Tagungsbericht: Konzepte von Produktivität im Wandel, 14.03.2006 – 17.03.2006 Berlin, in: H-Soz-Kult, 27.04.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1113>.