Prostitution – Tauschhandel zwischen Körper und Zeichen

Ort
Berlin
Veranstalter
Sabine Grenz; Martin Lücke; Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“
Datum
17.03.2006 - 18.03.2006
Von
Claudia Brunner, Daniela Hrzán, Roger Müller, Katharina Weikl

Bis in die 1980er Jahre war Prostitutionsforschung vornehmlich Devianzforschung. Durch die feministischen Diskussionen der 70er Jahre, in denen Prostituierte zumeist als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse dargestellt wurden, sowie durch die gleichzeitig stattfindende sexuelle Liberalisierung hat sich jedoch ein Perspektivwechsel ergeben. Während es vorher darum ging, abweichendes Verhalten zu untersuchen, indem u.a. der Körper der Prostituierten vermessen wurde, um auf diese Weise die Ursache für die Wahl der Erwerbsquelle herauszufinden, gilt es heute, die vielfältigen Wissensformationen über Sexualität(en) und ihre Verwobenheit mit ihrer kommerziellen Ausprägung, der Prostitution, zu ergründen. Die im Rahmen des Graduiertenkollegs „Geschlecht als Wissenskategorie“ organisierte Tagung hatte sich zum Ziel gesetzt, die alten Verhältnisbestimmungen nicht zu reifizieren, indem über ‚die Prostituierte’ gesprochen wird, sondern Wissensbestände von Geschlecht und Sexualität(en) anhand aktueller Forschungsarbeiten aus unterschiedlichen Disziplinen vorzustellen und zu diskutieren. Etablierte ForscherInnen und der wissenschaftliche Nachwuchs waren dabei gleichermaßen stark vertreten.

Bei der bloßen Benennung des Geldes als Dreh- und Angelpunkt einer Definition von Prostitution blieb Christina von Braun (Humboldt-Universität zu Berlin) nicht stehen. In ihrem Einführungsvortrag zeichnete sie die Parallelen zwischen sakraler Tempelprostitution und der Geschichte des Geldes nach. Den Ursprung des Geldes sieht Christina von Braun im antiken Opferkult. Im Laufe der Zeit sei das reale Opfer durch stellvertretende Symbole substituiert worden, so dass reale, wertvolle Güter durch eigentlich wertlose, denen aber Wert zugemessen wurde, ersetzt wurden. Der Transfer von Geld löste sich sukzessive von seinen ursprünglichen religiösen Wurzeln und trat in die allgemeinen Austauschprozesse zwischen Menschen ein. Dem Geld bleibt aber weiterhin ein Symbolcharakter inhärent, dessen Wert sich als Funktionscharakter, nicht aber als realer Wert beschreiben lässt. Geld gilt ihr als durchaus materialisierungsfähiges Zeichen. Es stellt sich im Anschluss an ihren Vortrag die Frage, ob der weibliche Körper den Wert des Geldes garantieren kann oder gar soll, immerhin zirkulierten Frauenkörper zwischen Männern wie Geld zwischen Menschen. Christina von Braun vergleicht an dieser Stelle den Körper der Prostituierten mit dem Klingelbeutel, in den sich das „vergoldete Sperma ergießt“.

Nach dieser einführenden kulturhistorischen Betrachtung beleuchtete Birgit Sauer (Universität Wien) im Schwerpunktbereich „Prostitution in politischen Diskursen“ in ihrem Vortrag „Der lange Weg zur Sexarbeit. Prostitutionspolitiken im Vergleich“ Prostitution im Kontext von Liebe/Sexualität in kapitalistischen Gesellschaften und den mit ihr verknüpften Herrschaftsverhältnissen. Am Ländervergleich zwischen Österreich und Slowenien arbeitete sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Reglementierung und Regulierung der Prostitution heraus. Durch eine ‚critical frame analysis’ gelang ihr herauszuarbeiten, wie bestimmte Vorstellungen und Bilder politische Prozesse prägen und sich durchsetzen. Neben dem, was offen thematisiert werden darf, wird dabei eben auch das sichtbar, was in der Sphäre des Politischen im Rahmen der Regulierungsbemühungen dethematisiert wird, wo sich Widersprüche und Inkongruenzen manifestieren. Als ein Ergebnis ihrer Untersuchungen kann festgehalten werden, dass sich der Blick in der Prostitutionsdebatte in beiden Ländern zunehmend auf die illegale Migration verschiebt. Gleichzeitig bieten weder der slowenische neoliberale noch der österreichische Sicherheitsdiskurs befriedigende Lösungsvorschläge an. Die Bedingungen unter denen Prostitution stattfindet, werden ebenso verschwiegen, wie auch die ‚Nachfragesituation’, d.h. die Position der Freier, nicht betrachtet wird. Dies läge, meint Sauer, zum einen am Ausschluss von Sexarbeiterinnen, die an den Entscheidungsprozessen nicht direkt beteiligt werden und zum anderen daran, dass sich das konkrete politische Handeln weiterhin nicht am expliziten Expertenwissen, sondern an impliziten Vorstellungen orientiert.

Einen vergleichbaren Ansatz verfolgte auch Susanne Dodillet (Göteborgs Universitet) in ihrem Vortrag „Kulturschock Prostitution: Eine Analyse deutscher und schwedischer Prostitutionsdebatten der 1990er Jahre und ihrer Geschichte“. Schweden ist derzeit das einzige Land, das Freier kriminalisiert, während in Deutschland die Rechte der Sexarbeiterinnen (z.B. Zugang zur Sozialversicherung) im Vordergrund stehen. Dodillet führt den grundlegenden Unterschied zwischen beiden Ländern auf deren unterschiedliche Vorstellungen von Zivilgesellschaft, Wohlfahrtsstaat und divergierende feministische Positionen zurück. So erführen in Deutschland Freiheit und Selbstbestimmung eine höhere Bewertung, während der Staat keine Verantwortung für gesellschaftliche Normen übernähme. In Schweden dagegen gälte es als legitim, gemeinsame Normen und Werte auch politisch zu festigen.

Im Brennpunkt des Panels „Männlichkeiten in der Prostitution“ wies Sabine Grenz (Humboldt-Universität zu Berlin) die Frage, ob jeder Besuch bei einer Prostituierten einer Vergewaltigung gleichkäme, als Simplifizierung feministischer Theorien entschieden zurück. Aufgrund von Interviews, die sie mit Freiern führte und dann mit empirischen Studien zu Vergewaltigern verglich, kam sie zu dem Schluss, dass es grundsätzliche Parallelen in den kulturellen Annahmen über Sexualität bei Freiern und Vergewaltigern zwar gäbe, der Umgang mit diesen Vorstellungen sich aber unterscheide. Insgesamt betonte sie, die Stellung der Prostituierten nicht zu unterschätzen, da sie im Aushandlungsprozess mit den Freiern durchaus eine aktive Rolle einnähmen. Aber auch die Freier sollten in der Zukunft als Objekte der Sexindustrie in den Blick genommen werden. Martin Lücke (Universität Leipzig) richtete als einziger im Rahmen der Tagung in seinem Vortrag „Erst Ekel, dann Gleichgültigkeit – Sexuelles Erleben und sexuelle Identität männlicher Prostituierter in der Weimarer Republik“ den Blick auf den sich prostituierenden Mann. Das Berliner Institut für Sexualwissenschaft unternahm in den 1920er Jahren einen frühen Versuch qualitativ-empirischer Sexualforschung indem es über 100 biographische Interviews mit mann-männlichen Prostituierten führte. Durch die Re-Lektüre dieses spannenden Quellenbestands konnte Lücke nicht nur zeitgenössische Konzepte sogenannter devianter Sexualität in den Blick nehmen, sondern auch das Erleben männlicher Prostituierter der Weimarer Zeit rekonstruieren. Durch seine Arbeit konnte er am Beispiel des Masochismus, Sadismus und Transvestismus zeigen, dass innerhalb der mann-männlichen Prostitution konventionelle Geschlechterrollen und Vorstellungen reproduziert wurden. In ihr wurden bekannte Macht- und Gewaltverhältnisse geschlechtlich kodiert und ausagiert.

Im letzten Themenschwerpunkt des ersten Tages mit dem Titel „Sexualwissenschaftliche und politische Diskurse zur Prostitution in Polen“ widmete sich zunächst Bozena Choluj (Europa Universität Viadrina, Frankfurt/Oder) einem aktuellen Thema. Als im Dezember 2005 der polnische Vize-Marschall des Parlaments Andrzej Lepper, Angehöriger einer rechts-populistischen Partei, als Reaktion auf den Verdacht ein Angehöriger seiner Partei und Abgeordneter des Europäischen Parlaments habe eine Prostituierte vergewaltigt, die Frage stellte, ob dies überhaupt möglich sei, habe er, so die Referentin, eine für die Lage in Polen typische Aussage getätigt. Da Prostitution in Polen an sich nicht strafbar ist, erscheint sie jenseits moralischer oder juristischer Ordnungen angesiedelt zu sein. Doch man darf nicht daraus schließen, dass sie deshalb auch anerkannt sei. Viel eher sei hier eine Leerstelle zu verzeichnen. Prostitution wird in Polen dethematisiert. Aus der Marginalisierung des Phänomens folgt, da es als moralisch verwerflich gilt und als asozial eingestuft wird, dass die Prostituierte keinen rechtlichen Schutz erfährt, ist sie doch an ihrem Schicksal selber Schuld. Dieser Denkansatz habe in Polen Tradition und lasse sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts immer wieder nachweisen. Der Sitten- und Moraldiskurs fokussiere in Polen auf die weibliche Sexualität. Die Sinnlichkeit unterläge da, so die Referentin, einer scharfen Kontrolle. Dies könne in der polnischen Gesellschaft auf eine tiefsitzende Angst vor Kontrollverlust(en) zurück zu führen sein, doch dadurch lässt sich die Prostitution in einem steten Kreislauf von Macht und Unterdrückung verorten, der sich durch das Verschweigen stabilisiert.

Dorothea Dornhof (Humboldt-Universität zu Berlin) beschrieb abschließend in ihrem Referat „Prostitution als wissenschaftliche Tatsache: Einschreibungen, kulturelle Markierungen und Verkehrungen“ die sich prostituierende Frau als Verkörperung eines ökonomischen Paradoxons. Sie würde ‚gebraucht’ ohne eigenen ‚Gebrauchswert’ zu besitzen. So entstünde ein Vakuum. Doch zugleich verwandele die Prostituierte moralische Negativität in ökonomische Positivität. Aus der Sicht des Mannes wird sie mit Begehren und mit Entwertung aufgeladen. Die Frau und auch die Hure wird immer wieder als ambivalente Figur hergestellt um die Dichotomie und Ordnung der Geschlechter zu festigen. Dornhof konnte, Ludwik Fleck folgend, nachzeichnen, dass wissenschaftliche Tatsachen immer in einem je spezifischen Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und kollektiven Sehgewohnheiten zu betrachten sind. Das Wissen, das sich in wissenschaftlichen Diskursen manifestiert, speist sich aus kollektiven Imaginationen, Projektionen und Mythen.

Im Rahmen des übergreifenden Themas „Prostitution und Menschenhandel“ wurden zwei Vorträge gehalten, die die Figur der Prostituierten nicht nur in Beziehung zu den Kategorien ‚Geschlecht’ und ‚Sexualität’ analysierten, sondern insbesondere auch zu ‚race’ und sozialer Schicht als weitere soziale Ordnungsmuster ins Verhältnis setzten. In ihrem historisch angelegten Vortrag befasste sich Petra de Vries (Universiteit van Amsterdam) mit der Problematik so genannter ‚Weißer Sklavinnen’, also weißer Frauen, die im 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts zur Prostitution gezwungen wurden. Sie machte frühzeitig deutlich, dass sie „Weiße Sklavinnen“ als ein historisches Konstrukt verstehe, das sich aus einer ganz spezifischen Interpretation von sexueller Gefahr heraus entwickelte, die nur im Kontext zeitgenössischer Debatten über Prostitution, Sklaverei und kultureller Alterität zu verstehen sei. Wenngleich in diesen Debatten Prostituierte generell als Opfer ohne Handlungsmacht dargestellt wurden, gab es deutliche Unterschiede in der Repräsentation ‚richtiger’ Prostituierter auf der einen Seite und den als unschuldig gezeichneten ‚Weißen Sklavinnen’ andererseits. Während die eigentlichen Prostituierten als Teil einer sündhaften Gesellschaft gesehen wurden und als deviant und unmoralisch galten, wurden die ‚Weißen Sklavinnen’ als Opfer international agierender Krimineller bzw. gefährlicher ‚exotischer’ Männer dargestellt. In beiden Diskursen überlagerten sich sexuelle und rassisierte Wahrnehmungsmuster. Die zunehmende Assoziierung ‚Weißer Sklavinnen’ mit Frauenhandel führte dazu, dass deren sexuelle Ausbeutung mit Armut und Mangel an sozialer Unterstützung erklärt wurde. Als Folge wurden Kampagnen gegen den Frauenhandel ins Leben gerufen. Während diese ursprünglich einer Menschenrechtsperspektive folgten, veränderten sie sich unter dem politischen Einfluss von Männern, die den Großteil der politischen Arbeit leisteten und deren Initiativen eher auf eine juristische Regelung von Sexarbeit und Prostitution abzielten. So kam es dann auch dazu, dass das Führen von ‚Freudenhäusern’ 1911 zwar für illegal erklärt wurde – gemeinsam mit Frauenhandel – die weiterbestehende Ausbeutung von ‚unmoralischen’ Prostituierten aber nicht thematisiert wurde.

Loretta Ihme (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder) beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit Frauenhandel zum Zwecke der Prostitution und dabei konkret mit kulturellen Narrationen, die, wie sie argumentierte, in gewisser Weise auch die Grundlage für die ca. 30 Beratungsstellen in Deutschland darstellen, die die Bekämpfung von Frauenhandel zu ihrer vorrangigen Aufgabe gemacht haben. Gemäß ihrem Vorverständnis des Phänomens Frauenhandel als einem Kreuzungspunkt von Diskursen zu Geschlecht, Klasse, Sexualität und ‚Rasse’, analysierte Ihme diese kulturellen Narrationen dann vor allem bezüglich von Prozessen der Alterisierung, also innerer und äußerer Ausschlüsse, wobei sie sowohl den Kontext nationaler Projekte als auch das Feld internationaler Beziehungen einbezog. Das Hauptanliegen ihrer Präsentation war dann auch, die rassifizierten Konstruktionen der Täter des Frauenhandels als „dunkel“ und „schwarz“ und durch banale Motive für ihre Taten charakterisiert, aufzuzeigen. Anhand von Bildmaterial (u.a. Plakaten von Werbekampagnen und -filmen) diskutierte sie die ‚Unsichtbarkeit’ der Täter, von denen häufig nur Arme oder Handgelenke (mit Uhren und Goldschmuck versehen) zu sehen sind, oder deren Präsenz schließlich gänzlich durch einen Geldschein ersetzt wird. Die Opfer selbst sind in voller Größe dem Blick ausgesetzt, und auf vielen Plakaten der Präventionskampagnen sind es weiße Frauen, die das Risiko sexueller Viktimisierung symbolisieren. „Es kann jede treffen“, deine Nachbarin, deine Freundin, dich selbst – so die Botschaft. Die anschließende Diskussion zum Themenkomplex Prostitution und Menschenhandel zeigte, dass historische Diskurse, wie von Petra de Vries beschrieben, bis heute ihre Gültigkeit bewahrt haben. In diesem Zusammenhang wies de Vries selbst noch einmal auf die Herausforderungen historischer Forschung hin, die sie u.a. in den Schwierigkeiten sah, vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse wieder in die Geschichte zurückzugehen und neues historisches Quellenmaterial unvoreingenommen interpretieren zu müssen. Ihme wurde mit Fragen bezüglich ihrer Methodik konfrontiert und machte noch einmal die Notwendigkeit deutlich, ausreichend zwischen verschiedenen Diskursen zu differenzieren, bspw. dem Diskurs der Beratungsstellen in Deutschland, der internationalen Organisationen, der Medien, der Wissenschaft, usw. Insbesondere anwesende VertreterInnen von Beratungsstellen fühlten sich angegriffen angesichts von Aussagen, dass die Zusammenarbeit mit der Polizei aufgrund von Klischees auf beiden Seiten oft leide und forderten eine differenziertere Arbeitsweise und den angemesseneren Einsatz der visuellen Darstellungen. Ihme verteidigte daraufhin noch einmal den Einsatz des Bildmaterials, weil es so aussagekräftig sei, gerade was die Beziehung zwischen Frauenhandel und Geld als Tauschgeschäft beträfe. Sie betonte auch noch einmal den Voyeurismus in den Mediendarstellungen zu Frauenhandel, der es den Tätern erlaube, unsichtbar zu bleiben.

Im Panel „Räume der Prostitution“ wurden geschlechtliche Inszenierungen und Blickregime, in denen Geschlechterverhältnisse an der Schwelle zwischen Privatheit und Öffentlichkeit reproduziert und gebrochen werden, um 1800 und heute analysiert. Mit einem brandneuen Element von Modelleisenbahnen, dem „Club Lila Eule“ samt dazugehörenden Gewerbetreibenden in Miniaturform stieg die Erziehungswissenschafterin, Philosophin und Soziologin Martina Löw (TU Darmstadt) in ihren spannenden Vortrag ein und eröffnete Einblicke in die Prostitutionsszenen in Wien und Frankfurt am Main, wo sie selbst Feldforschung betrieben hat. Diese von ihr selbst als ambivalent beschriebene Position als „Reisende in eine andere Welt“ eröffnete eine vergleichende Perspektive nicht nur zwischen zwei europäischen Metropolen und deren bemerkenswert unterschiedlichen Gepflogenheiten in der räumlichen Organisation von Sexarbeit, sondern auch zwischen der vermeintlich aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgelagerten Prostitution und hegemonialen Geschlechterverhältnissen in eben dieser Gesellschaft. Während Frankfurter Bordelle wie biedere Wohnhäuser erscheinen, die jedoch von beinahe künstlerischen auf ihren Zweck verweisenden Dekorationselementen geschmückt sind, erscheint Sexarbeit in Wien als in den Hinterhöfen diffus über mehrere Stadtteile verstreute Angelegenheit. Da wie dort gibt es jedoch, so Löw, kein zu lüftendes Geheimnis hinter den Fassaden, sondern Reinszenierungen des Sehens und Gesehenwerdens und die Herstellung eines symbolischen Überschusses von Orten, die stärker wirken als die gesellschaftlich ausgehandelte Raumordnung. Was als Verheimlichung bleibt, ist schließlich das männliche Begehren selbst, das in Räumen aufbewahrt und verwaltet wird, damit das männliche Subjekt vermeintlich ohne Begehren, rational, beherrscht und vor allem anonym bleiben kann. Doch auch darin sind die Grenzen zwischen der Welt der Sexarbeit und der als moralisch anerkannt gelebten Sexualität mitunter weniger klar als sie zu sein vorgeben.

Das Verschwinden der Männer wurde auch im zweiten Vortrag des Panels deutlich, wenn auch auf andere Weise, handelte es sich doch um einen Sprung rückwärts von 200 Jahren. Romana Filzmoser (Internationales Forschungsinstitut Kulturwissenschaften Wien) dekodierte anhand einer detailgenauen Darstellung eines Berliner Ballsaales um 1800 das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit entlang der Demarkationslinie der „käuflichen Liebe“. In einem ehrbaren Raum wurden so auch als unehrbar gekennzeichnete Räume sichtbar, die sich zwischen den abgebildeten Männern und Frauen auftaten. Im unschuldigen Vergnügen bei Tanzmusik und Unterhaltung war auch Raum für Gesten der Eindeutigkeit, die mit 200jährigem Abstand erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar sind. Doch der „Bergische Tanzsaal“ birgt durchaus seine Räume des Geheimnisses, des Tauschhandels zwischen Körper und Zeichen. Erstaunlich an dieser historischen Darstellung war die Blickherrschaft, die durchwegs auch bei den Frauen lag. Es ist der Blick, der die Frauen, die durchwegs unauffällig gekleidet sind, als Prostituierte kennzeichnet, und bei Essen, Trinken und Walzertanz wird erst durch diese Blicke der Raum dessen konturiert, was sich an weiteren von Männern zu bezahlenden Vergnügungen erwarten ließ.

Als einziger Beitrag im Bereich „Prostitution in Kunst und Literatur“ beschäftigte sich Nicola Behrmann (New York University) mit der Prostitution als literarischem Topos. Zentrale Argumentationslinie ihres Vortrags „Sucht. Abgründiger Körper. Die Prostituierte“ bildete die Repräsentation der Hure als Allegorie für die Destabilisierung eines eindeutigen weiblichen Körpers. Als Inbegriff für die Abgründe weiblicher Sexualität verschränke sich gerade in der Hure die Vorstellung einer extrem bedrohlichen Sexualität mit der einer fetischistischen Maskerade. So seien es dann auch immer besondere (literarische) Orte, an denen die Prostituierte sich aufhält – angefangen von der dunklen Animierkneipe, über das rotbelichtete Hinterzimmer und die Halbwelt der Varietes und Cabarets bis hin zu den Schaufenstern, vor denen sich Prostituierte als Warenangebot postieren. Doch wurde das destruktive Potenzial der Prostituierten als literarischer Figur nicht nur genutzt, um soziale Widersprüchlichkeiten und unausgehandelte Konflikte widerzuspiegeln, sondern kam auch zum Einsatz, um gezielt Einfluss auf die Struktur literarischer Texte zu nehmen. Angefangen mit Wedekinds Lulu, wurde die Prostituierte als eine literarische Figur entwickelt, die sich über jede gesicherte Geschlechtsidentität hinwegsetzt, und auf diese Weise unberechenbar und unvorhersagbar die Ordnung des Textes zerstört und zersetzt. Die Un-Orte, die durch das mehr und mehr selbstverständliche Auftauchen der Hure in der Großstadt entstehen, zersetzen nicht nur das kontrollierte Netzwerk einer Stadt und die (männliche) Orientierungs-Sucht in ihr. Sie reißen auch die Ordnung des Textes auf und damit den Anspruch auf Kohärenz und Authentizität.

Die Kulturwissenschafterin Bettina Mathes (Humboldt Universität zu Berlin) gestaltete ihren zusammenfassenden und teilweise experimentellen Beitrag „unter strenger Befolgung des Prinzips der Stundenmiete“. Was nach zwei Tagen Vorträgen zum Thema Prostitution eindeutig erschien, war jedoch ein Zitat von Sigmund Freud, dem in seinem Geburtstagsjubiläumsjahr somit augenzwinkernde Referenz gemacht wurde, indem wesentliche Elemente der Psychoanalyse als therapeutischem Verfahren mit Aspekten der Sexarbeit in Beziehung gesetzt wurden. In beiden Settings stehen zwei Personen miteinander im Austausch in einem nicht öffentlichen Raum, sexuelles Begehren steht ebenso im Mittelpunkt wie Übertragungsliebe und Kastrationsängste. Geheimnisse verschiedenster Art, die Tabuisierung des Privatlebens von TherapeutIn und Prostituierter, ein berufsnotwendiges Liegemöbel und schließlich die Festlegung von Honorar und Dauer der Begegnung sind weitere zentrale Merkmale von Prostitution wie Psychoanalyse, und beide HauptakteurInnen fungieren als Medien zur Bearbeitung von Bedürfnissen, Begehren, Sorgen und Nöten der zu ihnen kommenden KlientInnen. Ein in einem Film interviewter Psychoanalytiker vermeinte einen deutlichen Unterschied zu erkennen: „In psychoanalysis, you get to know each other better“. Dass Mathes´ Zugang produktiv und anregend war, zeigte auch die anschließende lebhafte Diskussion, in der auch der Bogen zurück zum Eingangsvortrag von Christina von Braun gespannt wurde: Über etwas, das offensichtlich noch viel geheimnisvoller als Sexualitäten zu sein scheint: Das Geld als Zeichen und Tauschmittel, das sowohl in der Forschung zu Prostitution wie auch zu Psychoanalyse noch weit davon entfernt ist, erforscht zu sein. Die Tagung war ein erster Schritt in diese Richtung, der, so lässt die lebhafte Diskussion vermuten, auch in vielen hier vertretenen Disziplinen und Forschungszugängen seine Fortsetzung finden könnte. Für alle diejenigen, die sich eingehender mit den Beiträgen beschäftigen wollen, sei an dieser Stelle auf den Tagungsband hingewiesen. Sabine Grenz und Martin Lücke werden ihn voraussichtlich im Herbst diesen Jahres herausgeben.

Das Tagungsprogramm wurde durch einen informativen Stadtspaziergang auf den historischen Spuren der Geschichte der Prostitution in Berlins Mitte am letzten Konferenztag abgerundet. Dank der hervorragenden Organisation der Tagung durch Sabine Grenz und Martin Lücke sowie des durchgängig hohen Niveaus der Vorträge und der Präsenz eines interessierten und diskussionsfreudigen Publikums kann die Konferenz nur als Erfolg bezeichnet werden.

Zitation
Tagungsbericht: Prostitution – Tauschhandel zwischen Körper und Zeichen, 17.03.2006 – 18.03.2006 Berlin, in: H-Soz-Kult, 28.04.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1114>.