Europäischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert. 4. Potsdamer Doktorandenforum des ZZF Potsdam

Ort
Potsdam
Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, Doktorandenforum
Datum
28.04.2006 - 29.04.2006
Von
Nikolai Wehrs, Universität Potsdam; Georg Arnold, Freie Universität Berlin

Mit dem Potsdamer Doktorandenforum bieten die Doktoranden des dortigen „Zentrums für Zeithistorische Forschung“ (ZZF) seit 2004 anderen Doktoranden der Geschichtswissenschaften die Möglichkeit, ihre Dissertationsprojekte vorzustellen und untereinander Erfahrungen auszutauschen. Die Beschränkung auf Dissertationen gibt dieser Tagung ihren speziellen Charakter. Was hier präsentiert wird ist immer „work in progress“ – unfertig also, aber eben auch „brandneu“. Zu besichtigen ist gleichsam die Experimentierstube der Zeitgeschichte. Schließlich erhofft sich die Zunft von Qualifikationsarbeiten in besonderer Weise neue Erkenntnisse und die praktische Erprobung neuer theoretischer Ansätze. Ein Doktorandenforum muss daher immer auf der Höhe der jüngsten Entwicklungen des Faches diskutieren – zugleich aber muss es dabei stets auch den Aspekt der Machbarkeit im Auge behalten.

Das diesjährige, 4. Potsdamer Doktorandenforum wagte sich mit dem Thema „Europäischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert“[1] auf ein Forschungsgebiet, auf dem die Zahl konkurrierender Theoriemodelle in den letzten Jahren besonders stark gewachsen ist. Neben die seit längerem diskutierten Ansätze der Historischen Komparatistik und der Transfergeschichte [2] sind in den letzten Jahren die Histoire croisée[3] und das Konzept des Interkulturellen Transfers [4] getreten. Alle suchen sie die Ablösung rein nationalgeschichtlicher Perspektiven (inter-nationaler eingeschlossen) durch transnationale Dimensionen in den Sozial- und Kulturwissenschaften theoretisch und methodisch zu unterfüttern. Angesichts dieser Reichhaltigkeit wirkte Matthias Middells (Leipzig) Einführungsvortrag zum Tagungsthema fast wie eine Relativierung seines eigenen Konzepts. Zwar habe die Kulturtransferforschung durchaus die Ambition umfassende Erzählungen zu liefern, erklärte der führende deutsche Spezialist auf eben diesem Forschungszweig. Jedoch die Tauglichkeit zur Großmethode sei eingeschränkt. Der Kanonisierung verweigere sich der Ansatz beharrlich, eigen sei ihm vielmehr ein starker Zug ins Pragmatische. Middell rekonstruierte den Ursprung der Kulturtransferforschung in der französischen Germanistik der 1980er-Jahre, welche überkommene Vorstellungen einer originär französischen Nationalkultur durch den Nachweis vor allem deutscher kultureller Spuren zu revidieren suchte. Keine Kopfgeburt war es also, sondern ein Kind der empirischen Forschung – gerichtet zunächst vor allem gegen die ältere Einflussforschung, welche mit der Vorstellung linearer Transfers „von A nach B“ arbeitete. Die Kulturtransferforschung legt das Hauptaugenmerk dagegen auf das „B“, beleuchtet den Aufnahmekontext, in dem ein Transfergut rezipiert und, entsprechend den Bedürfnissen der Empfänger, umgewandelt wird. Die Beschaffenheit des „Originals“ ist für diese umwandelnde Aneignung weniger wichtig, als die „Imagination“ welche von ihm auf Empfängerseite existiert. Daher kennt die Kulturtransferforschung auch keine „falschen“ Transfers, höchstens „produktive Missverständnisse“. Dass der Begriff „Transfer“ hierfür missverständlich sei, wurde im Laufe der Tagung immer wieder kritisiert. Alternativ wurden Begriffe wie „Kulturaneignung“ und „Kulturimitation“ diskutiert. Middell selbst empfahl den französischen Originalausdruck transferts culturels (wohlgemerkt immer im Plural). Relativierend aber wirkte vor allem, dass Middell die Anwendbarkeit des Konzepts auf die jüngste Zeitgeschichte eher skeptisch beurteilte. Die Transferforschung arbeite mit der Vorstellung unterscheidbarer Entitäten. Da sich aber ungefähr um das Jahr 1970 nationalstaatliche Referenzpunkte zugunsten einer verwirrenden Vielfalt von Akteuren auflösten, sei hier wohl eine zeitliche Grenze zu ziehen. Diese Überlegung Middells – welche nicht wenige der auf der Tagung vorgestellten Projekte tangierte – blieb aber nicht unwidersprochen. Verschiedene Redner hoben im Laufe der Tagung die bleibend große Bedeutung nationalstaatlicher Referenzpunkte hervor. Middell dürfte den Widerspruch verkraften – hatte er doch als eine Stärke der Kulturtransferforschung benannt, dass sie niemals am Festschreiben, sondern immer am Ausprobieren sei.

Europa als Kommunikationsraum

Letzteres versuchte das Potsdamer Doktorandenforum in drei thematischen Sektionen – „Europa als Kommunikationsraum“, „Jugendkultur“, „Kulturpolitik“ – mit einer Mischung aus eher methodisch-theoretischen und stärker empirischen Beiträgen. Methodisch außerordentlich reflektiert waren etwa in der ersten Sektion („Europa als Kommunikationsraum“) die Ausführungen von Gesa Bluhm (Bielefeld/Paris). Ihre Dissertation widmet sich unter dem richtungweisenden Titel „Die diskursive Konstruktion der Freundschaft“ dem Diskurs der so genannten deutsch-französischen Freundschaft im Zeitraum 1949-1990 und seiner, regierungsoffiziellen wie zivilgesellschaftlichen, Akteursgruppen (Staatsoberhäupter, Städtepartner, Austauschorganisationen etc.). Mithilfe einer historischen Diskursanalyse und der Methodologie der Historischen Semantik will Blum exemplarisch die Konstruktion von Realität durch Sprache aufzeigen. Nicht der tatsächliche Kontakt zweier nationaler Kollektive (an dem stets nur wenige, sozial herausgehobene, Akteure beteiligt waren) wandelte, so ihre These, die einstige „Erbfeindschaft“ zur europäischen „Musterbeziehung“ um. Vielmehr ließ das beständige beidseitige „Sprechen“ über diese „Sonderbeziehung“ echte transnationale Identifikationen entstehen (die massenmedial an breite Gesellschaftsschichten vermittelt werden konnten). Die Frage, ob denn die deutsch-französischen Beziehungen nur „Geschwätz“ gewesen seien, ging an diesem Konzept vorbei. Denn, wie Bluhm betonte, der „schöne Schein“ funktionierte ja und leistete tatsächlich Versöhnungsarbeit. Dass der deutsch-französische Kommunikationsraum allerdings ohne Berücksichtigung auch der tatsächlichen Praxen des Austausches erschlossen werden kann, wurde in der Diskussion meistenteils angezweifelt.

Eher empirisch fokussiert war dagegen der Vortrag von Antje Robrecht (Marburg), die ein Kapitel aus ihrer Doktorarbeit über „Auslandskorrespondenten als Kommunikatoren in den deutsch-britischen Beziehungen 1945-1962“ vorstellte. Im Zentrum stand ein Konflikt zwischen Konrad Adenauer und dem (grundsätzlich durchaus adenauerfreundlichen) Times-Korrespondenten John H. Freeman, der 1954 despektierliche Äußerungen des ersten Bundeskanzlers über die französische Regierung veröffentlicht hatte. Dieser sehr personalistische Ansatz Robrechts stieß in der Diskussion allerdings auf Kritik. So wurde etwa eine stärker analytische Beschäftigung mit dem Typus des Korrespondenten als transnationaler Vermittlerfigur gewünscht.

Unter dem Titel „Lost in circulation“ berichtete Kerstin Poehls (Berlin) von ihrer Feldforschung am Collège d’Europe. Poehls untersuchte die Absolventen dieser Kaderschmiede der Brüsseler EU-Bürokratie hinsichtlich ihrer sozialen und kulturellen Imaginationen von „Europa“ und fand dabei die Vermutung bestätigt, dass vom Brüsseler Zentrum aus die neuen osteuropäischen Mitgliedsländer noch immer als Peripherie, als „terra incognita“, betrachtet werden. Innerhalb des EU-„Machtfelds“ gilt Westeuropa als das „eigentliche“ Europa, während Osteuropa als das „Andere“, als tendenziell irrational und wissensrückständig figuriert wird. In dieser Vorstellung muss Osteuropa erst noch „EUropäisch“, sprich modern und rational, werden. „EUropäisch“ aber ist, was aus Brüssel kommt. Wie Poehls bei ihrer Befragung feststellte, leiden insbesondere die osteuropäischen Absolventen des Collège darunter, dass ihr Bemühen, ihre spezielle Kompetenz einzubringen, von ihren westeuropäischen Studienkollegen (und zukünftigen Karrierekonkurrenten) abgeblockt wird. Die Denkfigur „Kulturtransfer“, so Poehls Schlussfolgerung, spiegelt im Prozess der Europäisierung eher ein politisches Ideal als die soziale Wirklichkeit wider, blendet sie doch politische und ökonomische Machtungleichheiten aus.

Dass innerhalb der Kulturtransferforschung das Feld des Rechtstransfers mehr Aufmerksamkeit verdient, zeigte die Rechtshistorikerin Mahide Aslan (Luzern) mit ihrem Bericht über den Transfer des Schweizer Familienrechts in der Türkei. Während der vollständigen Reorganisation des türkischen Rechtswesens nach 1923 war in einem kuriosen Akt das schweizerische Zivilgesetzbuch in toto übernommen worden. Was reduziert betrachtet als einfacher Prozess anmutet – man nehme ein Gesetzbuch und übersetze es – brachte tatsächlich erhebliche Aneignungsprobleme mit sich. Aslan zeigte dies anhand der Umsetzung der familienrechtlichen Bestimmungen, speziell der Einführung der Zivilehe. Obschon Polygamie nach neuem Recht verboten war, bestand sie in Teilen der Gesellschaft fort. Den daraus resultierenden Problemen, etwa beim Status der Nachkommen aus „Mehrehen“, versuchte der Staat mit Sondergesetzen beizukommen. Die Folge war ein ständiger Kampf zwischen islamischen Traditionen und dem Zivilgesetzbuch. Von einem „gescheiterten“ Transfer wollte Aslan aber nicht sprechen, denn schließlich wäre ein Verzicht auf eine Reform des islamischen Familienrechts die noch schlechtere Alternative gewesen. So stehen die Probleme dieses Rechtstransfers letztlich symptomatisch für die noch nicht abgeschlossene evolutionäre Wandlung der Türkei zu einem modernen europäischen Staat.

Thomas Mergel (ZZF Potsdam) fand es in seinem Kommentar dennoch bezeichnend, entgegen der Vorstellung eines durch „gelungene“ Kommunikation zusammenwachsenden europäischen Raumes, in der ersten Sektion überwiegend Beispiele „misslungener“ Kommunikation gehört zu haben. Dies zeige, wie sehr der Prozess der Europäisierung auch mit Brüchen und Phasen der Abschottung verbunden sei. Auffallend sei auch, dass transnationale Erfahrungen und Diskurse in Europa oftmals nur als Elitenkommunikation stattfänden. Mergel fragte daher nach transnationalen Vergemeinschaftungsformen in denen die Entstehung eines gesellschaftlich breiten Europäischen Kommunikationsraums beobachtet werden könne (wozu er die Anregung einer Geschichte des „Interrail“ beisteuerte), wollte andererseits aber die Bedeutung der Kategorie „Nation“ für die Kulturtransferforschung auch zukünftig nicht unterschätzt wissen.

Jugendkultur

War es bisher in erster Linie um Fälle bewussten, ja „von oben“ gesteuerten, Kulturtransfers gegangen, wandte sich die Sektion „Jugendkultur“ statt der Eliten der Subkultur zu. Im Zentrum aller drei Beiträge stand der Transfer von US-Populärkultur nach Europa im Medium von „Jugendbewegungen“. Doch auch wenn hier von einer bewussten „Steuerung“ (gar „von oben“!) kaum die Rede sein konnte, blieb der Fokus der Transferforschung auf den Aufnahmekontext doch hilfreich. Denn obwohl die starke Präsenz der USA in Europa nach 1945 dem Transfer von US-Populärkultur sicher beschleunigte, war doch auch hier ausschlaggebend, welche „Imagination“ von „USA“ bei den europäischen Jugendlichen vorherrschte. Es brauchte für die „Amerikanisierung“ eigentlich keine Amerikaner. Katharina Böhmer (Kassel) beleuchtete, wie in dem westeuropäischen Diskurs um Jugenddelinquenz im Zeitraum 1955-1965 das (fast zeitgleiche) Auftreten der so genannten „Halbstarken-Krawalle“ in der Bundesrepublik, der „blouson noir“ in Frankreich und der „Teddyboys“ in Großbritannien wesentlich auf die negative Vorbildfunktion amerikanischer Populärkultur zurückgeführt wurde. Gleichzeitig aber – und diesen Blickwinkel machte sich Böhmer heuristisch zueigen – waren in den Expertendiskursen aller drei Länder die jeweiligen „hausgemachten“ Entstehungsbedingungen der „Halbstarken“-Problematik stets präsent, so dass die zeitgenössische Auseinandersetzungen mit diesem Phänomen auch als Diskurse der nationalen Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung gelesen werden können. Durchaus transnational war allerdings die Entstehung eines neuen, auf Jugendliche zugeschnittenen Marktes für Unterhaltungsindustrie, welche die Generation der „Halbstarken“ gleichsam zu Pionieren der Massenkonsumgesellschaft machte. So ließ der „Halbstarken“-Diskurs in den späten 1950er-Jahren einen europäischen „Erfahrungsraum“ entstehen, in dem die westeuropäischen Nachkriegsgesellschaften ihren Weg in die Wohlstands- und Massenkonsumgesellschaft reflektierten.

Waren die „Halbstarken“ noch eine unbewusste „Internationale“, die sich selbst nicht als politische Bewegung wahrnahm, verhielt es sich mit der Protestbewegung der Hippies in den 1960er-Jahren schon ganz anders. Rebecca Menzel (Berlin) schilderte zunächst ausführlich den Entstehungskontext der Hippie-Alternativkultur in den USA. Zwar zielte die Hippie-Bewegung auf eine Änderung der vorherrschenden Moralvorstellungen und hatte damit schon immer eine gesellschaftskritische Stoßrichtung, blieb aber in ihren Aktionen im Grunde passiv. Erst in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre, so Menzel, politisierte sich im Konflikt um den Vietnamkrieg ein Teil der Hippie-Bewegung in den USA, die so genannten „Yippies“. In Deutschland dagegen, wo die Hippie-Kultur erst in diesen Jahren aufkam, trafen die Hippies von Beginn an auf fundamentalpolitisierte Gesellschaften und musste sich zu deren Konflikten von Beginn an verhalten. So sehr es in der Diskussion begrüßt wurde, dass Menzel die Ausformungen der Hippie-Kultur in beiden deutschen Staaten untersuchte, gab es doch Unbehagen über die allzu starke Dehnung analytischer Kategorien, wenn Menzel kalifornischen „Flower Power“, Westberliner Kommunarden und einen nackt badenden Wolf Biermann gleichermaßen unter dem Schlagwort „Hippies“ abhandelte.

Einsichten in die „Amerikanisierung“ in der DDR bot das Referat von Leonard Schmieding (Leipzig) über die ostdeutsche HipHop-Szene in den 1980er-Jahren. Schmieding beschrieb den Kulturtransfer von HipHop in der Interaktion von Jugendkultur und Staat als gleich doppelten Aneignungsprozess. Einerseits nutzte die jugendliche HipHop-Szene die Unkenntnis ihrer semantischen Codes auf Seiten der staatlichen Kontrollorgane für systemkritische Töne, die zwar nicht zwangsläufig politisch motiviert waren, aber doch deutliche Unmutsbekundungen gegenüber dem SED-Staat darstellten („Da system in dis state is your greatest enemy/ it overlaughs da feeling, da hiphop energy (…) / We got da knowledge, can discipline/ Suckers outside of here, first in Berlin“). Andererseits war das „System“ gegenüber der HipHop-Kultur verhältnismäßig aufgeschlossen. DDR-Kulturwissenschaftler unterstellten nicht nur „Rap“, „Graffiti“ und „Breakdance“ eine „antikapitalistische Tendenz“, da es sich um kulturelle Praxen der, rassistisch unterdrückten, schwarzen Minderheit in den USA handelte. Explizit wurde sogar eingestanden, dass sich auch die sozialistische Welt dem populärkulturellen Einfluss des Westens kaum verweigern könne. Diese Bilanzierung der eigenen Unterlegenheit kann wohl, wie Thomas Lindenberger (ZZF, Potsdam) in seinem Kommentar zur Sektion meinte, als deutliches Symptom der Finalitätskrise der DDR betrachtet werden. Die Systemkonkurrenz hatte der „Osten“ zu diesem Zeitpunkt bereits verloren gegeben.
Lindenberger fokussierte sich in seinem Kommentar auf das Verhältnis von Pop-Kultur zu Herrschaft und Legitimität. Ob „Halbstarke“, Hippies oder HipHop-Szene – immer hatte die Aneignung von US-Populärkultur durch Jugendliche auch eine antiautoritäre Stoßrichtung. Auf Seiten der „Autoritäten“ wurde dieses subversive Potential der Jugendkulturen geradezu überscharf wahrgenommen. Als Gegenbewegung gab es aber, zumindest in den kapitalistischen Ländern, stets den Versuch, dieses subversive Potential durch Integration in den Markt stillzulegen – und als Kind der ausgebildeten US-Konsumgesellschaft erwies sich die Popkultur meist als besonders anfällig für ihre eigene Vermarktung. Im populärkulturellen Transfer zeigten sich so Protest- und Konsumstil eng verwoben.

Kulturpolitik

Neue Zugänge zum Tagungsthema machte die dritte und letzte Sektion notwendig, denn mit dem Thema „Kulturpolitik“ gerieten hier zwangsläufig auch deren „Macher“ und damit neben der (in den anderen Sektionen primär betrachteten) Empfängerseite nun stärker auch die Senderseite von Kulturtransfers in den Blickpunkt. Natalia Donig (Konstanz) verabschiedete sich dann auch in ihrem Vortrag von Konzept der transferts culturels und versuchte es stattdessen mit Johannes Paulmanns „interkulturellen Transfer“, dessen Abgrenzung ihr freilich schwer fiel, zumal auch bei Paulmann deutlich die Empfängerperspektive dominiert. Zudem wurden in der Diskussion Bedenken geäußert, ob der Ansatz nicht für die Bearbeitung eines Dissertationsthemas bereits zu komplex wäre. Interessant war, dass Donig die vorherrschende West-Ost-Perspektive der Transferforschung einmal umdrehte, indem sie die Sowjetische Kulturpolitik gegenüber der Bundesrepublik und der DDR in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit und Verflechtung untersuchte. Leitend war die Frage, ob es sich bei den Anstrengungen der Sowjetunion in der auswärtigen Kulturpolitik um einen „Cultural Cold War“ handelte oder ob tatsächlich die Hoffnungen auf Verbesserung der Beziehungen durch Kulturaustausch den Antrieb bildeten.

Christian Könne (Berlin) untersuchte die Entwicklung ost- und westdeutscher Hörfunkprogramme in den 1960er-Jahren und stellte dazu im Titel seines Vortrags die Frage „War Radio in der DDR eigentlich ein Radio der Bundesrepublik?“ Prinzipiell ja, meinte Könne. Die östlichen Hörfunkprogramme hätten sich strukturell und inhaltlich parallel zu den westlichen entwickelt. Die Ähnlichkeit war gewollt, denn obschon offiziell natürlich nur von der Sowjetunion lernen, siegen lernen hieß, hatten die ostdeutschen Programmplaner ihre Ohren in den 1960er-Jahren nach Westen gerichtet. Kein Wunder, dass dann eine breit angelegte Hörerbefragung eine auffällige Deckung der Hörerwünsche mit der geplanten Programmreform ergab. Denn die Interviewer fragten ein mediales Rezeptionsmuster ab, welches sich die Menschen durch das häufige Hören von Westprogrammen längst angeeignet hatten. Unbewusst trug die Programmpolitik des DDR-Rundfunks so zur Erhaltung eines gemeinsamen deutschen Kulturraums bei. Lars Karl (ZZF Potsdam) wies in seinem Kommentar zur Sektion allerdings daraufhin, dass der lernende Blick nach Westen in der Kulturpolitik der Ära Chruschtschow nichts Widersprüchliches darstellen musste, sondern sich wunderbar in die Losung „Den Westen einholen und überholen“ einfügte.

Abschließend stellte Magdalena Lasowy (Wroclaw) ihr Projekt zur Rezeption der DDR-Literatur in Polen zwischen 1949 und 1990 vor. Lasowy zeigte, dass diese Rezeption in ihrer ersten Phase in den 1950er-Jahren ganz dem Programm der kommunistischen Partei untergeordnet war. Erst der „Zweite Literaturumlauf“ in den 1970er-Jahren ermöglichte „offene literarische Beziehungen“ zwischen der DDR und Polen. Die in den 1950er-Jahren in Polen publizierten Texte ordneten sich in drei Gruppen: Texte mit sozialistischer Ideologie, Texte, die sich der Thematik des Aufbaus widmeten und schließlich solche, die die Problematik der Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs aufgriffen. Dementsprechend hatten die Figuren der Bücher Veteranen des sozialistischen Kampfes gegen den Faschismus, Helden des Aufbaus oder Arbeiter zu sein. Nicht überraschend wurden die Werke deutscher Schriftsteller besonders verbreitet, die von deutscher Bewunderung und Freundschaft für Polen handelten, aber auch Scham für die an Polen von deutscher Seite verübten Kriegsgräuel ausdrückten. Die realsozialistische Tendenz zur gewaltsamen Harmonisierung aller Lebensbereiche fand so auch ihre Anwendung auf den Kulturimport aus den sozialistischen Bruderstaaten, wie Lars Karl in seinem Kommentar feststellte. Dem Transferprodukt DDR-Literatur musste durch offizielle Stellen ein anderer Interpretationsgehalt beigegeben werden, um im polnischen Kontext nicht „ins Leere zu laufen“.

Das Potsdamer Doktorandenforum ist in der deutschen Tagungslandschaft nicht nur deshalb etwas Besonderes, weil es sich speziell an Doktoranden wendet, sondern auch, weil es von den Doktoranden des ZZF in Eigenregie geplant und organisiert wird – womit es sich aus der Perspektive der Institutsleitung quasi „selber macht“, wie der geschäftsführende Direktor Martin Sabrow in seinen Begrüßungsworten anmerkte. Dass hier ohne hierarchische Strukturen „auf Augenhöhe“ diskutiert und in beinahe „familiärer“ Atmosphäre der Austausch mit „Leidensgefährten“ gepflegt werden konnten, wurde von vielen Teilnehmern positiv hervorgehoben. War dies freilich auch in den letzten Jahren schon der Fall, hat das Doktorandenforum mit der diesjährigen Tagung zum „Europäischen Kulturtransfer“ noch einmal einen deutlichen Sprung im wissenschaftlichen Niveau gemacht. Es ist daher erfreulich, dass Sabrow in seiner Begrüßung ankündigte, der Nachwuchsförderung am ZZF zukünftig noch mehr Platz geben zu wollen. Welche Modelle das (selbst noch junge) Potsdamer Institut dabei entwickeln wird, bleibt mit Spannung abzuwarten.

Anmerkungen:
[1] Programm siehe H-Soz-u-Kult unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=5093
[2] Vgl. zur Diskussion u.a. Michel Espagne, Au delà du comparatisme, in: ders., Les transferts culturels franco-allemands, Paris 1999, S. 35-49; ders., Sur les limites du comparatisme en histoire culturelle, in: Genèses. Sciences sociales et histoire 17 (1994), S. 112-121; Hartmut Kaelble, Der historische Vergleich. Eine Einführung zum 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt 1999; Matthias Middell, Kulturtransfer und Historische Komparatistik – Thesen zu ihrem Verhältnis, in: Comparativ 10 (2000), S. 7-41.
[3] Vgl. Michael Werner/Bénédicte Zimmermann, Penser l’histoire croisée. Entre empirie et réflexivité, in: Annales 58 (2003), S. 7-36; dies., Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der Histoire croisée und die Herausforderung des Transnationalen, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 607-636.
[4] Vgl. Johannes Paulmann, Internationaler Vergleich und interkultureller Transfer. Zwei Forschungsansätze zur europäischen Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, in: Historische Zeitschrift 267 (1998), S. 649-685.

Zitation
Tagungsbericht: Europäischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert. 4. Potsdamer Doktorandenforum des ZZF Potsdam, 28.04.2006 – 29.04.2006 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 16.05.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1128>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.05.2006
Beiträger
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung