HT 2006: Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Europa 1945-1967

Ort
Konstanz
Veranstalter
Michael Brenner, Universität München; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
19.09.2006 - 22.09.2006
Von
Monika Halbinger, Universität München

In der von Professor Michael Brenner aus München geleiteten Sektion zum Thema „Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Europa 1945-1967“ gelang es den beteiligten Wissenschaftlern auf eindrucksvolle Weise, die Thematik innerhalb eines größeren Kontextes, nämlich der Frage nach jüdischer Identität, zu verorten.

Die Frage „Was ist das Judentum?“ – Eine Religion? Eine Nation? Eine Art „Schicksalsgemeinschaft“? ist in der Moderne und vor allem nach der Shoah von vielen Juden, aber eben auch Nicht-Juden sehr kontrovers diskutiert worden. Interessanterweise liegt, wie sich dann auch in den einzelnen Beiträgen zeigen sollte, die Beantwortung dieser Frage oft innerhalb der staatlichen Definitionshoheit der einzelnen Länder, in denen man als Jude lebt. So ist Judentum in Deutschland auf den religiösen Aspekt beschränkt, während man das Judentum in Israel national postuliert.

In seiner Einführung gab Professor Brenner einen kurzen historiografischen Überblick zur Thematik. Bisher ist die europäisch-jüdische Nachkriegsgeschichte nur marginal bearbeitet worden, komparative Studien existieren überhaupt nicht. Gründe dafür sind historischer Natur, schien doch durch den deutschen Völkermord an den Juden Europas die jüdisch-europäische Tradition ausgelöscht. Auch die wenigen jüdischen Überlebenden dachten nicht an eine Zukunft in Europa. Deutschland galt als „verfluchte Erde“, ganz Europa als ein jüdischer Friedhof. Im jüdischen Gedächtnis waren neben der Zivilisationskatastrophe Auschwitz auch die Kreuzzüge, die spanisches Inquisition sowie die Pogrome in Osteuropa schmerzhaft präsent. Europa galt nur noch als Durchgangsstation auf dem Weg in die Freiheit, die man in den USA und Israel erhoffte.

Dennoch gab es auch europäische Gegenbeispiele, so wuchsen die jüdischen Gemeinden in Frankreich und Großbritannien an, waren doch schon während des II. Weltkrieges jüdische Flüchtlinge hierher gekommen. In Italien hatte ein Großteil der jüdischen Bürger die Shoah überlebt. Damit hat Italien generell eine einzigartige Geschichte der Kontinuität jüdischer Existenz aufzuweisen, die allen Bedrohungen trotzte.

Einerseits wurde also die Zukunft einer europäisch-jüdischen Geschichte in der Gegenwart immer wieder in Frage gestellt. Das prominenteste Beispiel ist hier das Buch von Bernard Wasserstein „The Vanishing Diaspora“ [1], in dem er das Verschwinden der jüdischen Gemeinschaft in Europa prophezeite. Seine These untermauerte er vor allem statistisch durch Phänomene wie Überalterung und Assimilation. Andererseits gab es immer wieder auch Versuche, eine neue europäisch-jüdische Identität zu postulieren. Hier wiederum am bekanntesten ist Diana Pinto, die eigentlich die Schlussdiskussion der Sektion leiten sollte, was ihr aus persönlichen Gründen leider nicht möglich war. Diana Pinto konzentriert sich nicht so sehr auf Zahlen und Statistiken. Für sie ist das Judentum in Europa eine lebendige Gemeinschaft, die sie als dritte Säule („third pillar“) neben den Gemeinden in den USA und Israel sieht.[2]

Vor diesem Hintergrund beschäftigte sich nun der erste, auf hohem theoretischen Niveau gehaltene Beitrag von Anthony Kauders „Multiculturalism versus Liberalism: Jewish Self-Understanding in the Federal Republic“ mit der Frage, weshalb Juden in der Bundesrepublik das Konzept des Multikulturalismus nicht als attraktive Option für sich entdecken konnten.

Wie bereits dargelegt, erschien Deutschland für Juden generell kein geeigneter Lebensmittelpunkt mehr; dennoch gab es Juden, die aus den verschiedensten Gründen, wie z.B. Krankheit, nicht den Weg der Emigration beschritten hatten, diesen aber dennoch biografisch für sich offen hielten (so auch das sprichwörtliche Bild von den „gepackten Koffern“). So konstituierten sich nach dem Krieg dann doch Gemeinden, die zwar als Provisorium angesehen wurden, aber sich allmählich in ihrem Fundament verfestigten und zu einem großen Teil aus ehemaligen osteuropäischen Juden bestanden. Zum besseren Verständnis soll hier auch nochmals auf das Konzept des Multikulturalismus [3] eingegangen werden, da dieser Begriff im Deutschen meist sehr naiv verwandt wird, häufig synonym mit Pluralismus. Der radikale Multikulturalismusbegriff meint jedoch etwas anderes. Es geht, vereinfacht gesprochen, um eine Politik der Unterscheidung und darum, Rechte, die sonst nur Individuen zugesprochen werden, einer ganzen Gruppe zu gewähren, die dann eine gewisse Verfügungsgewalt über das Individuum erlangt und dem Individuum Vorschriften machen kann. Es geht dabei aber nicht um eine Politik, die Angehörigen von Minoritäten bestimmte Rechte einräumt, wie z.B. die Möglichkeit an religiösen Feiertagen der eigenen Konfession nicht arbeiten zu müssen. Dies wäre immer noch ein individuelles Recht, welches das Individuum in Anspruch nehmen kann. Erst wenn das Individuum von seiner Religionsgemeinschaft verpflichtet werden könnte, an religiösen Feiertagen nicht zu arbeiten, würde es sich um Multikulturalismus handeln.

Kauders führte die Gründe für eine Ablehnung des Multikulturalismus unter den Juden im Nachkriegsdeutschland genau aus. Zum einen handelte es sich um eine Gruppe, die von anderen jüdischen Gemeinschaften kritisiert wurde, nicht nach Israel emigriert zu sein. Dieser innerjüdische Konflikt führte dazu, dass viele Juden in Deutschland eher eine Affinität zum Liberalismus entwickelten. Außerdem hatte gerade die Geschichte der Verfolgung und des Antisemitismus Juden für Kategorisierungen und die damit verbundenen Gefahren der Diskriminierung sensibilisiert. Der Multikulturalismus ist nun aber gerade ein Konzept, das stark mit Kategorien wie Hautfarbe, Religion, Ethnie usw. agiert (wenngleich natürlich nicht mit der Absicht der Verfolgung von Gruppen). Zudem war es Juden auch klar, dass sich in einer multikulturellen Gesellschaft gerade die Gruppen ihre Interessen am besten vertreten können, die über eine starke Lobby verfügen. Die jüdische Minorität war aber nur eine zahlenmäßig kleine und darüber hinaus überalterte Gruppe, die durch Gruppenrechte vermutlich nur Benachteiligung erfahren hätte – so die Befürchtung.

Eine andere Form des jüdischen Selbstverständnisses in Europa zeigte der nächste Referent Guri Schwarz, der in seinem Vortrag „The Reconstruction of Jewish Life in Postwar Italy“ ein anderes Bild zeichnete.

Durch den Krieg waren viele Personen aufgrund der italienischen „Rassegesetze“ plötzlich gezwungen, sich als Juden zu sehen und zu verstehen. Dieses neue semantische Selbstverständnis, das im Krieg nur mit Verfolgung verknüpft war, musste nach dem Krieg mit Sinn ausgestattet werden und so entschlossen sich viele Juden „jüdisch“ bzw. „jüdischer“ zu werden. Besonders unter jungen Juden versuchte man die sozialen Beziehungen institutionell durch Jugendgruppen zu stärken. Daraus entstand bei vielen eine besondere Sympathie für den Zionismus. Juden verstanden sich also eher als eine Gruppe, was auch vor dem Hintergrund gesehen werden muss, dass in der allgemeinen sowie auch akademischen italienischen Öffentlichkeit lange eine Unfähigkeit bestand, mit der Geschichte des Faschismus umzugehen (dies hat sich erst in den 1980er Jahren gewandelt). So wurde dem jüdischen Schicksal wenig Aufmerksamkeit geschenkt, im Gegenteil: Juden wurden der Larmoyanz beschuldigt und vielfach – auch von liberalen Kreisen – aufgefordert, sich besser zu assimilieren, da erst der Mangel an Assimilation zur Verfolgung geführt habe. Auch im politischen Bereich spiegelte sich dieser Mangel an Empathie wieder: Restitutionen waren höchst kompliziert, die berufliche Wiedereinsetzung von infolge der rassistischen Gesetzgebung ihrer Ämter enthobenen Juden war oft mit Statusverlust für die Betroffenen verbunden. Schwarz spricht im Zusammenhang mit der Tendenz, den Antisemitismus als etwas der italienischen Kultur fremdes zu interpretieren von einer „Selbstabsolution der italienischen Gesellschaft“.

Andras Kovacs ging in seinem Vortrag „Jewish Community and Jewish Politics under Communism: The Hungarian Case“ der Frage nach, weshalb die ungarischen Juden heute nur zu einem äußerst geringen Prozentsatz Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind. Die Beantwortung dieser Frage liegt, seines Erachtens nach, in der kommunistischen Nachkriegsgeschichte Ungarns. Nach antijüdischen Verfolgungen innerhalb der stalinistischen Ära, die ihren Höhepunkt in den so genannten Schauprozessen fanden, erkannten viele Juden, dass es für sie sehr viel leichter war, als säkulare Juden in Ungarn zu leben, da nach Kovacs` Ansicht die Verfolgungen mehr antireligiöser denn antisemitischer Natur waren (obgleich auch er einräumt, dass das kommunistische Regime bewusst auch antisemitische Strömungen innerhalb der Bevölkerung für eigene Interessen der Machterhaltung ausnutzte). Mit einer Art von „Realpolitik“ ließen sich die ungarischen Juden in der Phase des „sanften Kommunismus“ ab 1956 auf die staatlichen Forderungen ein: Juden mussten sich zu einer nationalen Organisation zusammenschließen, um die staatliche kommunistische Kontrolle zu erleichtern; Juden wurden verpflichtet, nur mehr als religiöse Konfession zu gelten (ganz im Gegensatz zur UdSSR, wo das Judentum als Nationalität behandelt wurde und auch in den Pässen unter Nation vermerkt war). Dies ermöglichte auch die angebliche ideologische Trennung von Judentum und Zionismus, welcher im Kommunismus zum Feindbild erhoben wurde. Die harsche Kritik an Israel konnte so in der kommunistischen Argumentation als das ungarische Judentum nicht betreffend interpretiert werden. Die jüdische Gemeinde Ungarns war somit vollständig abhängig von der kommunistischen Führung geworden und gewissermaßen paralysiert. Ein autonomes jüdisches Leben war nicht mehr möglich. Dementsprechend war die Situation für orthodoxe und zionistische Juden am schwierigsten.
Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes führten viele Juden inzwischen ein säkulares Leben als Folge der kommunistischen Repressionen, was die eingangs gestellte Frage nach den Gründen für die mangelnde Integration in den Gemeinden erklärt.

In der Abschlussdiskussion wurden dann nochmals vor allem die Unterschiede aber auch Aporien der einzelnen Identitätskonzepte diskutiert. So machte Professor Brenner darauf aufmerksam, dass sich die heutige jüdische Gemeinde in Deutschland zwar als religiöse Konfession definiert, aber gleichzeitig oft als ethnische Minderheit agiert bzw. wahrgenommen wird. So sind vielen nicht-jüdischen Deutschen zwar die Personen der Zentralratsvorsitzenden ein Begriff, die Namen der wichtigsten Rabbiner aber sind den meisten Nichtjuden unbekannt.

Andras Kovacs wies auch nochmals daraufhin, wie sehr es Juden in Ungarn auch heute daran gelegen ist, eben nicht als nationale Minorität anerkannt zu werden, obgleich dieser Status mit staatlicher Unterstützung und erweiterten Rechten verbunden ist. Eine entsprechende Initiative schlug fehl, da die erforderliche Anzahl von nur 1000 Unterstützungsunterschriften nicht erreicht werden konnte. Auch das Verhältnis vieler europäischer Juden zu Israel sei relativ komplex. So muss mit Israel gezeigte Solidarität als Art kultureller Code gedeutet werden: Man versteht sich als zionistisch, ohne wirklich an Aliah (hebräisch für Auswanderung nach Israel) zu denken.[4]

Gleichzeitig machte die Diskussion auch deutlich, wie wichtig es ist, Juden innerhalb einer nationalen Gesellschaft nicht als homogene Gruppierung zu verstehen. So gibt es in der BRD durch die Einwanderung aus den ehemaligen GUS-Staaten eine große Zahl russischstämmiger Juden mit eigenen Traditionen; in Italien wiederum existiert eine größere Gemeinschaft iranischer Juden, die ihre Heimat mit der islamischen Revolution verlassen haben. Ebenso relevant ist die Frage – die bereits Daniel Boyarin [5] aufgeworfen hat –, ob das Konzept der Religion als Definitionsmerkmal für das Judentum überhaupt angemessen ist. Boyarin zeigt, dass es sich dabei eher um ein christliches Konzept handelt, das Juden in der Neuzeit aufgegriffen haben, um in der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft bestehen zu können. Auch die Frage nach einer gemeinsamen, durch die Verfolgung durch den Nationalsozialismus konstituierten Identität wurde in der Abschlussdiskussion thematisiert: Häufig wird diese gewissermaßen „negative“ Identitätskonstruktion eher kritisch gesehen, stellt sie doch eine Reduktion des Judentums auf Leid und Unterdrückung dar – ohne jegliche institutionelle Basis. Andererseits kann aber auch nicht geleugnet werden, dass eine derartig einzigartige, leidvolle Erfahrung wie die Shoah ein eigenes Gruppenbewusstsein evoziert, jedenfalls für europäischstämmige Juden.

Insgesamt hat diese Sektion – gerade auch für Historiker, die nicht aus den Jüdischen Studien stammen – die Vielfältigkeit und Komplexität jüdischer Identitätskonzepte aufgezeigt. Darüber hinaus konnte diese in englischer Sprache gehaltene Sektion durch die vergleichende Perspektive eine Erweiterung der Nachkriegsgeschichte auf den europäischen Raum leisten.
Für Historiker der Jüdischen Geschichte war einerseits der komparative Ansatz der Thematik höchst interessant, andererseits wurde aber auch die Frage aufgeworfen – gerade in Hinblick auf weitere Forschungsarbeiten – inwiefern die heute häufig verengte dichothome Kategorisierung von jüdischer Identität in religiöser oder nationaler Weise noch ziel führend ist und ob nicht die verstärkte Konzeptionalisierung sowie Anwendung neuer, weiter gefasster Identitätsmodelle sinnvoll wäre – unabhängig von politischen Vorgaben.

Anmerkungen:
[1] Wasserstein, Bernard, Vanishing Diaspora. The Jews in Europe since 1945, Cambridge, Mass. 1996; auf deutsch: Europa ohne Juden. Das europäische Judentum seit 1945, Köln 1999.
[2] Pinto, Diana, Europa, ein neuer „jüdischer“ Ort?, in: Menora 10 (1999), S. 15-34.
[3] Kanada ist bislang das einzige Land, das offiziell Multikulturalismus zur Grundlage seiner Politik gemacht hat.
[4] Abgesehen von dem Sicherheitsgefühl, in einer echten Notlage, wie z.B. der Möglichkeit, dass antisemitische Gruppierungen politische Macht erlangen könnten, nach Israel auswandern zu können.
[5] Boyarin, Daniel, Border lines. The Partition of Judaeo-Christianity, Philadelphia 2004.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2006: Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Europa 1945-1967, 19.09.2006 – 22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 18.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1173>.
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Veröffentlicht am
18.10.2006
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