HT 2006: Die historische Bildwissenschaft in Deutschland 1880-1930 und ihr Neubeginn nach 1945

Ort
Konstanz
Veranstalter
Jens Jäger, Universität Köln; Martin Knauer, Universität der Bundeswehr Hamburg; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
19.09.2006 - 22.09.2006
Von
Arnulf Siebeneicker, Museumslandschaft Hessen Kassel

Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Sektionen des 46. Historikertages, die das Wort „Bilder“ lediglich im Titel führten, nahm diese Veranstaltung das Tagungsthema ernst. Die Besucher der von Jens Jäger (Köln) und Martin Knauer (Hamburg) geleiteten Sektion durften hoffen, nicht nur eine historiografische Darstellung des Verhältnisses der Geschichtswissenschaft zur visuellen Produktion zu erleben, sondern auch Zeuge des Aufbruchs der Historiker in ein neues Stadium des Umgangs mit Bildern zu werden. Dafür sorgte die Präsenz von Gerhard Paul (Flensburg), dessen Einführung zu dem von ihm herausgegebenen Studienbuch „Visual History“ in jeder Tagungstasche steckte.[1]

Im ersten Vortrag setzte sich Jens Jäger mit dem Stellenwert von Bildern in der Phase auseinander, in der sich die Geschichtswissenschaft professionalisierte. Unter dem Titel „Zwischen Bildkunde und Historischer Bildforschung – Historiker und visuelle Quellen 1880-1930“ referierte er über Bilder als methodisches Problem bis zur Gründung des Deutschen Ikonographischen Ausschusses (DIA) als Folge des Internationalen Historikertages von Oslo. Zwar seien bereits Droysen und Bernheim davon ausgegangen, dass Bilder über die Vergangenheit Auskunft geben könnten. Dennoch hätten sich lediglich Außenseiter des Fachs wie Jacob Burckhardt, Georg Dehio oder Karl Lamprecht der Arbeit mit Bildern gewidmet. Diese „Randständigkeit der Bilder“ sei dadurch zu erklären, dass den von der Philologie geprägten Historikern ein Instrumentarium zur Überprüfbarkeit visueller Quellen gefehlt hätte. Zudem seien ihre auf Politik und Wirtschaft, Recht und Verwaltung bezogenen Forschungsgegenstände nicht „bildaffin“ gewesen. Bilder hätten deshalb bestenfalls als illustratives Beiwerk Verwendung gefunden. Der sich gerade erst als eigene Disziplin etablierenden Kunstgeschichte hätten die Historiker zudem nur ein geringes akademisches Gewicht beigemessen. Der DIA, dessen Protagonisten Karl Brandi, Percy Ernst Schramm, Walter Götz und Siegfried Steinberg waren, gründete sich 1930, zwei Jahre nach der Etablierung der Internationalen Ikonographischen Kommission auf dem Internationalen Historikertag in Oslo. Kriterien für die Aufnahme von Bildern in das vom DIA zusammengestellte Repertorium seien Authentizität und Realitätsnähe gewesen. Visuelle Quellen seien nach ihrem Zeugniswert geschieden worden; Urbild und Abbild hätten bei den ausgewählten Kunstwerken in einem engen Verhältnis gestanden. Fragen nach der Ästhetik und der Funktion von Bildern hätten keine Rolle gespielt. Die Tätigkeit des DIA sei in den 1930er Jahren allmählich ausgelaufen; eine nachhaltige Prägung der Geschichtswissenschaft sei davon nicht ausgegangen. Die traditionelle Textgebundenheit dieser Disziplin habe bis in die 1970er und 1980er Jahre hinein nicht erschüttert werden können.

Nach diesen wenig überraschenden Einblicken in die generellen Tendenzen der Geschichtswissenschaft schilderte Lucas Burkart (Basel) unter dem Titel „Percy Ernst Schramm und seine Beziehung zur Warburg-Schule“ einen Sonderfall. Der aus einem wohlhabenden Hamburger Elternhaus stammende Schramm pflegte bereits als Gymnasiast Umgang mit Aby Warburg, da sein Vater zu den Förderern der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (KBW) gehörte. Visuelle Quellen habe Schramm wesentlich stärker beachtet als seine Fachkollegen. Nach dem Erlebnis des Ersten Weltkriegs habe er sich dem Mittelalter zugewandt, das ihm als heile Gegenwelt zu den Stürmen seiner eigenen Zeit erschienen sei. Dadurch habe er sich allmählich von Warburg entfremdet, der das Mittelalter als bloße Etappe auf dem Weg von der Antike zur Frührenaissance kaum in den Blick genommen habe. In den ersten Jahren der nationalsozialistischen Diktatur habe sich bei Schramm ein Perspektivenwandel vollzogen. Sei er zunächst noch an der symbolischen Dimension der von ihm untersuchten Herrscherinsignien interessiert gewesen, so habe er sich später auf deren rechtliche und politische Bedeutung beschränkt.[2] Dazwischen habe die scharfe Abrechnung des zur Leitung der nach London emigrierten KBW gehörenden Edgar Wind mit den neuen Machthabern gelegen. Der Kunsthistoriker hatte 1934 beklagt, dass humanitas und ratio in Deutschland offenbar für überaltert gehalten und als antike Fremdkörper aus dem politischen Leben entfernt worden seien. Schramm brach den Kontakt zu den Emigranten ab und verlagerte auch sein Erkenntnisinteresse. Ob dies wissenschaftlicher Überzeugung oder karrierestrategischem Kalkül geschuldet sei, müsse offen bleiben. Burkart lieferte interessante Einzelheiten zur Biografie Schramms, vermied allerdings eine detaillierte Analyse des Einsatzes von Bildern in den Schriften dieses Historikers.

Auch Martin Knauer eröffnete seinen Vortrag „Nichts als ‚Herrschaftszeichen’? Der historische Bildbegriff in Forschung und Lehre nach 1945“ mit Anmerkungen zu Schramm. Dem Göttinger Professor hatten seine Studenten 1954 zum 60. Geburtstag einen selbstgefertigten Band mit den von ihm zu Lehrzwecken eingesetzten „Bildern der Woche“ überreicht. Diese Tafeln hätten zwar eine phänomenologische, aber eben keine methodische Übereinstimmung mit Warburgs Mnemosyne-Atlas aufgewiesen. Bei seiner Beschäftigung mit den europäischen Herrschaftszeichen sei Schramm nur selten methodisch-reflektierend tätig geworden. Er habe die bildliche Darstellung von Insignien benutzt, um Formen politischer Herrschaft zu untersuchen; die ästhetische Dimension und der auratische Wert von Bildern hätten ihn kaum interessiert.

Knauer konzentrierte sich anschließend auf das Wirken von Hartmut Boockmann und Rainer Wohlfeil. Boockmann sei das Problem der Abbildbarkeit von Geschichte zum Lebensthema geworden. Dies habe ihn bewogen, Publikationen wie den „Athenaion-Bilderatlas zur Deutschen Geschichte“[3] mit herauszugeben. Die Kriterien für die Auswahl der darin abgedruckten Illustrationen seien allerdings nicht erläutert worden. Boockmann, der zu den Initiatoren des Deutschen Historischen Museums zählte, habe bei kulturhistorischen Ausstellungen stets für die Sichtbarmachung des Funktionszusammenhangs von Bildern gestritten und sei dabei wiederholt mit Kunsthistorikern aneinandergeraten. Wohlfeil habe sich mit seiner „Historischen Bildkunde“ um die Übertragung der von Aby Warburg und Erwin Panofsky entwickelten ikonologisch-ikonografischen Methode auf die Geschichtswissenschaft bemüht.[4] Der Versuch zur Erschließung des „historischen Dokumentensinnes“ von Bildern sei allerdings nur in Fallstudien (überwiegend zur Frühen Neuzeit) vorgenommen worden und habe keine Breitenwirkung entfaltet. Insgesamt sei die Geschichtswissenschaft bis in die 1990er Jahre hinein kaum über die schon vom DIA gepflegte Suche nach dem ‚authentischen’ Bild hinausgekommen. Dies wirke sich – so Knauer unter Verweis auf das Presseecho – auch noch in aktuellen Ausstellungen wie der im Kulturhistorischen Museum Magdeburg und im Deutschen Historischen Museum Berlin gezeigten Doppelschau zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation aus, wo die Besucher eine Aneinanderreihung von Originalen vorfänden, die auf ihre traditionelle Rolle als historische Illustrationen reduziert würden. Abschließend plädierte Knauer für die Berücksichtigung der gattungsspezifischen Anforderungen bei der Bewertung des historischen Zeugniswertes von Bildern, was nur durch die Rezeption der kunstgeschichtlichen Forschung zu erreichen sei.

Gerhard Paul blieb es vorbehalten, in seinem Vortrag „Historische Bildforschung heute: Themen, Methoden, Probleme“ die aktuellen Trends aufzuzeigen. Er sah die Geschichtswissenschaft als Akteur und nicht mehr nur als Zuschauer inmitten des „visual turn“, der die Kulturwissenschaften erfasst habe. Entscheidend für diesen Paradigmenwechsel sei das Internet mit seinen Datenbanken und Suchmaschinen. Getreu der Maxime Thomas Lindenbergers, die heutigen „Mitlebenden“ auch als „Mithörende“ und „Mitsehende“ zu konzipieren[5], würden audiovisuelle Produktionen und Praktiken nicht mehr nur als Randerscheinung betrachtet. Paul lieferte zahlreiche Lektüreempfehlungen, so hielt er flammende Plädoyers für Frank Kämpfers zu Unrecht vergessene Reihe „20th Century Imaginarium“[6] oder für das von Klaus Tenfelde herausgegebene Buch über die Fotografien aus dem Krupp-Archiv[7], das inzwischen auf den Grabbeltischen des Modernen Antiquariats gelandet sei. Als Indiz für die zunehmende Bedeutung der Erforschung visueller Phänomene nannte er das in Potsdam lancierte Zeitschriftenprojekt „Zeithistorische Forschungen“[8] und den von Karin Hartewig und Alf Lüdtke betreuten Sammelband „Die DDR im Bild“[9]. Umso mehr ärgerte ihn die Marginalisierung derartiger Zeugnisse in dem von Andreas Wirsching herausgegebenen druckfrischen Geschichtslehrbuch „Neueste Zeit“ des Oldenbourg Verlags [10]. Den von Karin Hartewig konstatierten „eklektizistischen Methoden-Mix“[11] im Umgang jüngerer Historiker mit Bildern, bei dem Warburg und Panofsky nur noch Namen unter vielen seien, begrüßte er ausdrücklich. Auch auf Nachfrage aus dem Publikum lehnte er eine Hierarchisierung der verschiedenen Herangehensweisen strikt ab. Durch die Kontroverse um die Wehrmachtsausstellung sei das Bewusstsein für die korrekte Verwendung und Betitelung von Bildern erheblich geschärft worden. So begrüßenswert diese Fortschritte seien, so sehr mahnte er eine Ausweitung vom stehenden auf das laufende Bild an. Auch werde die Ästhetik der Bilder immer noch zu wenig beachtet; da könne die Geschichtswissenschaft viel von Horst Bredekamps Analyse des Frontispizes zum „Leviathan“ von Thomas Hobbes lernen.[12]

Pauls Hauptsorge war, dass die Bilder immer noch als passive Repräsentationen von Geschichte und nicht als ihrerseits Realität generierende Aktivposten wahrgenommen würden. Hier seien Anleihen bei der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung sowie bei der Medien- und Kommunikationstheorie dringend erforderlich. Auch dafür habe Bredekamp, der mit dem Begriff des „Bildaktes“ die energetische Kraft der Bilder hervorgehoben habe, wesentliche Anstöße gegeben.[13] Der Angesprochene, der den Vortrag von der vorletzten Bank aus verfolgte, nahm diese Laudatio schweigend zur Kenntnis. In seinem Schlusswort rief Paul dazu auf, eine „Visual History“ zu begründen, die über die Historische Bildforschung hinausweise, indem sie sowohl die Visualität von Geschichte wie die Historizität des Visuellen erforsche.

Insgesamt gehörte diese ebenso zurückblickende wie vorausschauende Sektion zu den grundlegenden Veranstaltungen dieses Historikertages. Sie hätte sich besser als programmatischer Auftakt der Tagung geeignet als das konfuse Gipfeltreffen „Beruhen Geschichtsbilder auf Bildern?“ im Audimax, bei dem Vertreter verschiedener Disziplinen wortreich aneinander vorbeiredeten. Der Aufruf, Bilder als kommunikative Medien ernst zu nehmen, ist uneingeschränkt zu begrüßen. Ebenso unerlässlich wie unvermeidlich ist der von Paul propagierte Pluralismus der Methoden. Ob es notwendig ist, für diesen alles umarmenden Ansatz eine neue Wortmarke in der derzeit dominierenden Wissenschaftssprache zu prägen, bleibt allerdings zweifelhaft. Ein solches Etikett bedarf einer eigenständigeren inhaltlichen Basis. Unter der fehlenden konzeptionellen Zuspitzung litt auch die etwas blutarme Diskussion im Anschluss an die Vorträge, die trotz der Appelle der Referenten an Basisfragen der Quellenkritik hängen blieb.

Anmerkungen:
[1] Paul, Gerhard, Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung, in: Ders. (Hg.), Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen 2006, S. 7-36.
[2] Schramm, Percy Ernst, Herrschaftszeichen und Staatssymbolik. Beiträge zu ihrer Geschichte vom dritten bis zum sechzehnten Jahrhundert. Mit Beiträgen verschiedener Verfasser, 3 Bde., Stuttgart 1954-1956.
[3] Jankuhn, Herbert u.a. (Hgg.), Athenaion-Bilderatlas zur Deutschen Geschichte, Frankfurt am Main 1968.
[4] Wohlfeil, Rainer, Methodische Reflexionen zur Historischen Bildkunde, in: Tolkemitt, Brigitte; Wohlfeil, Rainer (Hgg.), Historische Bildkunde. Probleme – Wege – Beispiele, Berlin 1991 (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 12), S. 17-35.
[5] Lindenberger, Thomas, Vergangenes Hören und Sehen. Zeitgeschichte und ihre Herausforderung durch die audiovisuellen Medien, in: Zeithistorische Forschungen 1 (2004), vgl. <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Lindenberger-1-2004>, Textabschnitt 5.
[6] Kämpfer, Frank, Propaganda. Politische Bilder im 20. Jahrhundert, bildkundliche Essays, Hamburg 1997 (20th Century Imaginarium, 1).
[7] Tenfelde, Klaus (Hg.), Bilder von Krupp. Fotografie und Geschichte im Industriezeitalter, München 1994 (2. Auflage München 2000).
[8] Diese 2004 gegründete Zeitschrift erscheint als Print-Ausgabe und als Online-Ausgabe (<http://www.zeithistorische-forschungen.de>)
[9] Hartewig, Karin; Lüdtke, Alf (Hgg.), Die DDR im Bild. Zum Gebrauch der Fotografie im anderen deutschen Staat, Göttingen 2004.
[10] Wirsching, Andreas, Zu diesem Buch, in: Ders. (Hg.), Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Neueste Zeit, München 2006, S. 7-12, hier S. 8.
[11] Hartewig, Karin, Fotografien, in: Maurer, Michael (Hg.), Aufriß der Historischen Wissenschaften, Bd. 4: Quellen, Stuttgart 2002, S. 142.
[12] Bredekamp, Horst, Thomas Hobbes „Der Leviathan“. Das Urbild des modernen Staates und seine Gegenbilder 1651-2001, Berlin 2006.
[13] Bredekamp, Horst, Bildakte als Zeugnis und Urteil, in: Flacke, Monika (Hg.), Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen (Ausstellungskatalog Deutsches Historisches Museum Berlin), Bd. 1, Mainz 2004, S. 29-66.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2006: Die historische Bildwissenschaft in Deutschland 1880-1930 und ihr Neubeginn nach 1945, 19.09.2006 – 22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 18.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1178>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.10.2006
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