HT 2006: Die europäische und die amerikanische Stadt seit dem späten 19. Jahrhundert: Geschichtsbilder – Leitbilder – Trugbilder

Ort
Konstanz
Veranstalter
Friedrich Lenger (Gießen); Dieter Schott (Darmstadt); Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
19.09.2006 - 22.09.2006
Von
Jan Philipp Altenburg, Historisches Institut, Neuzeit I, Justus-Liebig Universität Gießen

Stadtgeschichte ist „en vogue“ – zumindest sind solche und ähnliche Worte zur Zeit immer wieder zu lesen, meist geäußert von Stadthistorikern. Ganz Unrecht haben sie damit nicht, denn die Stadt wird seit einigen Jahren mit einem Katalog von Fragen analysiert, die, geprägt durch die zahllosen turns in der Geschichtswissenschaft, in dieser Form noch nicht an sie gestellt worden sind. So wurde auch vor kurzem auf H-Soz-Kult ein Diskussionsforum zum „Ende der Urbanisierung“ [1] begonnen, in dem eine ganze Bandbreite an neuen Perspektiven auf ein Thema eröffnet werden, das in den letzten Jahrzehnten historischer Forschung niemals wirklich nicht „angesagt“ war. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass auf dem diesjährigen Historikertag das Thema „Stadt“ erneut Eingang in das Tagungsprogramm gefunden hat.

Unter Regie von Friedrich Lenger (Gießen) und Dieter Schott (Darmstadt), beide Vertreter der Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung (gsu), schrieb sich die Sektion zur europäischen und amerikanischen Stadt gleich drei Trends aktueller historischer Forschungen in den Titel: Erstens den transfergeschichtlichen und transatlantischen Brückenschlag Europa-Amerika, zweitens einen zeitlichen Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert, das unter Stadthistorikern gemeinhin als „wenig erforscht“ gilt, und drittens, das Motto des Historikertages aufgreifend, die Stadtbilder. Diese drei Aspekte bündelte einleitend Friedrich Lenger zu einem Fokus und stellte die Prozesse bildhafter Verdichtung und argumentativer Instrumentalisierung der Vorstellungen von der europäischen und amerikanischen Stadt in den Mittelpunkt der Sektion. Denn, so Lenger, das Bild der amerikanischen Stadt eignete sich unabhängig von seiner genauen Ausprägung stets als Folie, auf die sich Forderungen zur Gestaltung der europäischen Stadt projizieren ließen. Diese Bilder gelte es in Verbindung zu setzen mit einer transatlantischen Transfergeschichte, um unter anderem die frappierende Differenz zwischen dem äußerst kenntnisreichen Austausch auf der einen und den äußerst schlichten Geschichtsbildern auf der anderen Seite zu erklären.

Diese Aspekte aufgreifend, lag das thematische Übergewicht der Sektion deutlich bei der Wirkung der bildhaften Verdichtungen auf die Stadtplanung und die Stadtplanungsdebatten im 20. Jahrhundert. Damit folgten die Beiträger weitgehend nicht dem kulturwissenschaftlichen Trend stadthistorischer Forschung, in dem die Stadtmenschen selbst ins zentrale Blickfeld genommen werden, sondern blieben größtenteils einem Thema zugewandt, dem die Dominanz unter Stadthistorikern kürzlich erst abgesprochen worden ist.[2]

Überblick
Drei der fünf Beiträge widmeten sich dem Einfluss des amerikanischen Stadtbildes auf Stadtplanungsprozesse in Europa. Jan C. Behrends (Berlin), dessen Vortrag stellvertretend verlesen wurde, stellte die Wahrnehmung amerikanischer Stadtdiskurse in russischen Fachzeitschriften zur Stadtreform dar, während Axel Schildt (Hamburg) ausführlich den Nicht-Einfluss der Vereinigten Staaten auf den Wiederaufbau europäischer Städte demonstrierte und Werner Sewing (Berlin) einerseits den Netzwerkcharakter moderner Stadtplaner analysierte und andererseits die Funktion von Leitbildern und Schlagworten in der Durchsetzung von Stadtplanungsprojekten offen legte. Ergänzt wurden diese Einblicke durch die transfer- und strukturgeschichtliche Analyse Pierre-Yves Sauniers (Lyon), der sich mit dem Prozess des Ideentransfers zwischen Europa und Amerika beschäftigte sowie durch die Skizze des Forschungsprojektes von Gisela Mettele (Washington), in dem ein sozial- und kulturhistorischer Vergleich zwischen amerikanischen suburbs und deutschen Vororten Anfang des 20. Jahrhunderts angestellt werden soll.

Sollte man die wichtigsten Schlagworte der Sektion herausfiltern, würde dies auf Transferwege, Stadtplanung und Stadtbilder hinauslaufen. Im Folgenden soll versucht werden, die wichtigsten Linien der einzelnen Beiträge unter diesen drei Aspekten herauszuarbeiten.

Transferwege
Mit einem deutlichen Schwerpunkt auf methodischen Überlegungen behandelte Pierre-Yves Saunier Transferprozesse zwischen Amerika und Europa. Er zog dabei einen weiten Bogen der vielseitigen Verschränkungen transatlantischen Ideentransfers. Als die drei wichtigsten Basisfaktoren einer transfergeschichtlichen Untersuchung stellte Saunier erstens die Bedeutung der historischen Wurzeln bei der Entstehung von Austauschprozessen heraus und verdeutlichte dies am Beispiel des aktuellen Einflusses katalanischer Soziologen in Uruguay und Argentinien. Zweitens betonte er die individuellen Interessen der Akteure bei solchen Austauschprozessen, die wiederum in miteinander verflochtene Rahmenbedingungen eingebunden sind, die von Firmeninteressen bis zu nationalstaatlichen Motiven reichen. Drittens verwies er auf die Tatsache, dass diese Austauschprozesse in Zirkulationsläufen unterschiedlicher Weite, von regionalen bis zu über den Atlantik hinausreichenden, stehen. Auch seien diese „flows“ immer selektiv und multidirektional und besäßen je nach Thematik (z.B. Landschaftsgestaltung oder Sanitäranlagen) eine eigene Geographie und Chronologie. Eine Beschränkung auf bestimmte Gruppen bzw. Personen liefe nach Saunier Gefahr, die Vielschichtigkeit des Austausches zu übersehen. Als Lösung aus diesem Dilemma schlug er vor, so genante Zirkulationsräume („circulatory spaces“) und „regimes“ als Ganzes in den Blick zu nehmen.

Mit Blick auf das 20. Jahrhunderts sieht Saunier drei grundlegende Phasen der transatlantischen Beziehungen in Bezug auf die Stadt, die nicht strikt chronologisch aufeinander folgen, sondern vielmehr miteinander verflochten seien. Die erste Phase (das erste „regime“) Anfang des 20. Jahrhunderts war hierbei eine Phase des selektiven Austausches von Dienstleistungen oder Wissen. Dieser Austausch lief meist zwischen zwei festen geographischen Punkten und wurde vorwiegend von offiziellen Vertretern oder Technikern einer Stadt- und/oder Gemeindeverwaltung getragen. Im zweiten „regime“ (seit den 1920er Jahren) wurden die transatlantischen Beziehungen dagegen stärker durch Organisationen strukturiert, die als Plattformen des Austausches dienten. Dadurch entstand ein Netzwerk aus spezialisierten Institutionen und Akteuren. Das dritte „regime“, maßgeblich in den 1980er Jahren gewachsen, stellt ein Irrgarten aus globalen und regionalen Konkurrenzbereichen dar, in dem einzelne Organisationen (mit spezifischen Zielen) in zahlreichen Netzwerken agieren. Im Gegensatz zu den vorherigen „regimes“ nehmen jedoch jetzt Führungskräfte eine entscheidende Rolle im Austausch ein, während administrative und technische Mitarbeiter in der Rolle von Assistenten im Hintergrund agieren.

Weniger mit den prozessualen Vorgängen des Ideentransfers selbst, als mit tatsächlichen Einflussfaktoren durch diesen Transfer beschäftigten sich dagegen Axel Schildt und Werner Sewing. Axel Schildt untersuchte systematisch mögliche Transferwege amerikanischer Stadtideale auf den europäischen Wiederaufbau. Dabei konstatierte er, dass der Wiederaufbau in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Westdeutschland weitgehend in den Händen der jeweiligen Regierung verblieb. Gerade in Westdeutschland hielt sich die amerikanische Besatzung bewusst aus Planungsprojekten heraus und ließ den deutschen Experten freie Hand – und auch in keinem der vorgestellten europäischen Länder kam es zu einer offiziellen Adaption eines amerikanischen Baustils. Da öffentlich jedoch einzelne Wiederaufbauprojekte mit amerikanischen Baustilen assoziiert wurden (wie zum Beispiel Hamburg mit Manhattan), suchte Schildt nach möglichen Einflussfaktoren jenseits der reinen Zuständigkeitszuschreibungen offizieller Planungsbüros. Doch auch bei Deutschen Exilanten (wie zum Beispiel Walter Gropius) oder dem amerikanischen ECA-Programm für Mustersiedlungen (Economic Cooperation Administration) konnte Schildt nicht fündig werden. Als Grund für dieses Ausbleiben direkter Einflüsse sieht Schildt unter anderem den hohen Vernetzungsgrad der internationalen Fachdebatte seit 1900, die in Diskrepanz zu dem öffentlichen Bild von der amerikanischen und europäischen Stadt steht. So blieb das Wohnhochhaus in der Öffentlichkeit als Symbol des Antiamerikanismus erhalten, trotz gleichzeitig existierender europäischer Wurzeln und Ausprägungsformen. Eine genaue Differenzierung zwischen einem europäischen und amerikanischen Stil sei in der Fachwelt spätestens seit der Zwischenkriegszeit nicht mehr möglich.

Werner Sewing bestätigte die Erkenntnis des hohen Vernetzungsgrades der internationalen Fachdebatte. Doch im Gegensatz zu Axel Schildt behandelte er weniger Institutionen, als moderne Architekten selbst. Den Netzwerkcharakter verdeutlichte er am Baustil des New Urbansim. Als Lösung des Suburb-Problems der USA, dem Bau von isolierten und eintönigen Wohnhäusern ohne „community“ und Gestalt, sieht der New Urbanism als Ideal den (pseudo-)historischen Rückgriff auf vermeintliche Stadttypen vergangener Zeiten, die es bei der Stadtarchitektur zu rekonstruieren gelte. Doch damit ist der New Urbanism nach Sewing mehr Etikettenschwindel als eine neue Architekturrichtung, denn er greife lediglich den Grundgedanken der postmodernen, luxemburgischen Architekten Léon und Robert Krier auf, die bereits die historische Stadt als Planungsideal entdeckt hatten. Der Netzwerkcharakter zeige sich nun vor allem darin, dass sich unter den führenden Vertretern des New Urbanism weitgehend Krier-Schüler finden lassen.

Jan C. Behrends, der sich auch dem stadtplanerischen Ideentransfer gewidmet hatte, beschränkte sich in seinen Ausführungen weitgehend auf die Darstellung amerikanischer Stadtreformmodelle in russischen Fachzeitschriften. Die entstehenden sozialen Probleme in russischen Großstädten in der Phase der „großen Beschleunigung“ (Bayly) in den Jahren von 1890-1914 waren denen in westlichen Städten bemerkenswert ähnlich (Pauperismus, Industrieproletariat, Infrastrukturprobleme). Besonders Moskau litt in dieser Zeit unter dem steten Zuzug bäuerlich geprägter Wanderarbeiter. Auf Grund ähnlicher Problemlagen in Städten der Vereinigten Staaten erhoffte man sich durch Entsendung russischer Experten Lösungsansätze für die eigenen Probleme zu finden. Die daraus entstandenen Berichte, die in russischen Fachzeitschriften veröffentlich wurden, bezeichnet Behrends als weitgehend „deskriptiv“, denn über die Umsetzung ähnlicher Initiativen konnte im Zarenreich nicht gesprochen werden. Dennoch sieht Behrends die Debatten amerikanischer Sozialreformer als ein Leitbild für die „russischen Eliten“ an, auch wenn sich ein direkter Einfluss auf zivilgesellschaftliche Initiativen nur schwer nachweisen lässt.

Stadtbilder und Stadtplanung
Gisela Mettele stellte in der Sektion ihr aktuelles Forschungsprojekt vor, in dem sie sich mit der „Gartenstadt als Utopie und Realität im transatlantischen Vergleich“, mit einem Schwerpunkt auf dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts beschäftigt. In ihrem Projekt untersucht Mettele das soziale und kulturelle Leben in deutschen Vororten und amerikanischen suburbs gartenstädtischer Prägung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Einfachheit halber ist im Folgenden nur von Vororten und suburbs die Rede, auch wenn ausschließlich solche gartenstädtischer Prägung gemeint sind. Die Grundthese der Untersuchung stellt das in der Forschung bestehende Bild vom Leben in amerikanischen suburbs in Frage, das von einer Isolation der dort lebenden Frauen ausgeht, während es deren Männer zum Arbeiten in die Stadt zieht. Der Tod des sozialen Lebens in suburbia sei ein bisher unhinterfragter Topos: Die amerikanische suburb biete zwar viel offenes Grün, aber keinen öffentlichen Raum und die Frauen seien die Opfer dieser räumlichen Strukturen. Erst in den letzten Jahren wurden zunehmend die Kommunikationsbeziehungen und Erfahrungsräume in diesen suburbs in Form von Musikgruppen, Sportvereinen und Nachbarschaftskomitees entdeckt. Anders als über das Leben in amerikanischen suburbs, dessen Bild extrem positiv wie negativ aufgeladen ist und seit Jahrzehnten Eingang in die Unterhaltungslandschaft gefunden hat (als Beispiel seien die Filme Edward mit den Scherenhänden und American Beauty zu nennen), ist über das Leben in deutschen Vororten so gut wie nichts bekannt – auch eine bildhafte Aufladung deutscher Vororte fehlt fast gänzlich. Eine genaue Untersuchung dieser Diskrepanz steht noch aus.

Wichtiger für die Entstehung eines öffentlichen Lebens in den Vororten war, wie Mettele argumentierte, nicht die Architektur, sondern vielmehr das rege Engagement und der „gemeinsame Pioniergeist“ der hochmotivierten BewohnerInnen gartenstädtischer Siedlungen, und dies sowohl dies-, als auch jenseits des Atlantiks. Damit entstünde im Gegensatz zu den reglementierten öffentlichen Räumen der Stadt ein „offener Möglichkeitsraum“, der mit eigenen Bedeutungen besetzt werden konnte – Suburbanisierungsgeschichte sei damit auch Emanzipationsgeschichte. Die deutschen Vororte zeichneten sich im Vergleich mit den amerikanischen suburbs jedoch durch eine höhere Eigenleistung der Bewohner in Bezug auf die Siedlungsplanung selbst aus.

Weitere Unterschiede waren vor allem die tiefen politischen und kulturellen Systembrüche der deutschen Entwicklung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und die unterschiedliche soziale Zusammensetzung der Bewohner, die in amerikanischen suburbs homogener erscheint. Daraus leiten sich interessante Fragen zur Integration und Segregation sowohl in Bezug auf gesellschaftliche Stellung als auch (und dies besonders in den USA) auf die ethnischen Herkunft ab. Handelte es sich bei den Vororten um „gebaute Segregation“ oder um Integration?

Zusammengenommen erweist sich die Suburbanisierung sowohl in den USA, als auch in Europa als grundlegender Bestandteil der Stadtentwicklung, die sich jedoch in unterschiedlichen nationalen Narrativen vollzog, eingebunden in unterschiedliche Rahmenbedingungen.

Den amerikanischen Stadtbildern wandte sich Axel Schildt im letzten Teil seines Vortrages zu, jedoch unter gänzlich anderen Vorzeichen als Gisela Mettele. Wie bereits ausgeführt, beschäftigten Axel Schildt vor allem mögliche Einflüsse amerikanischer Stadtbilder auf die Architektur des Wiederaufbaus nach 1945. Nach Untersuchung der Rolle offizieller Einrichtungen stellte er die Frage nach den Einflussfaktoren US-amerikanischer Propaganda auf deutsche Architekten. Diese Propaganda richtete sich einerseits an die eigenen Soldaten, denen ein traumhaftes Heim nach Rückkehr aus dem Krieg versprochen wurde, und schloss andererseits seit dem Kalten Krieg auch die westlichen Bündnispartner mit ein. Daraus ergab sich eine enge Verknüpfung politisch-militärischer und wirtschaftlicher Strategien.

Die auf Wanderausstellungen und in Publikationen präsentierten Wohnstile priesen nicht nur den „american way of life“, sondern betonten auch jeweilige europäische Wurzeln und argumentierten gezielt gegen ein Schreckensbild von Massenmenschen und Massenproduktion. Sie leiteten damit die Besucher/Leser an, die Wohnstile nicht als rein amerikanischen Import, sondern als gemeinsame Zukunft zu sehen. Die Konstruktion einer westlichen Gemeinschaft lag hier im besonderen Interesse der USA. So wurde zum Beispiel die Interbau-Austellung in West-Berlin 1957/58 als westlich konnotierte Internationalität inszeniert. Allein in der Lösung des „Verkehrsinfarktes“ großer Städte stellte sich eine Art Lehrer-Schüler Verhältnis zwischen Amerika und Westdeutschland ein, da die amerikanische Erfahrung im Kontext des drängenden Problems eine besonders hohe Plausibilität besaß.

Wiederum mit einer anderen Art von Bild beschäftigte sich Werner Sewing in seinem Vortrag. Ihm kam es in erster Linie auf die Funktion und Wirksamkeit von Leitbildern und deren Verpackung hinter schlagkräftigen Begriffen an. Am Beispiel des international style und des New Urbanism demonstrierte er die Erfolgswege von solchen Namen. Hinter international style, einer Begriffsprägung der Architekten Philip Johnson und Henry-Russel Hitchcock, versteckt sich nach Meinung zeitgenössischer Architekten (darunter vor allem Walter Gropius) eben kein Stil, sondern eine „formale Organisation“. Ziel Johnsons sei es gewesen, die Moderne in der Architektur auf dem amerikanischen Markt populär zu machen und so fand der Begriff auch erstmals 1932 in einer Ausstellung im Museum of Modern Art in New York Anwendung – ein Vorhaben, das mit Erfolg gekrönt war: Der international style wurde bis in die 1960er Jahre zur lingua franca des internationalen Bauens. Eine ähnliche Erfolgsgeschichte kann der behandelte New Urbansim aufweisen, der ein bereits bestehendes Konzept aufgriff und mit einem neuen Markennamen versah.

Fazit
In Gesamtschau auf die Sektion kann den Veranstaltern einerseits gratuliert werden, da sie es geschafft haben, ein komplexes Themengeflecht zu einer Fragestellung zu bündeln und diese gezielt durch die einzelnen Beiträge bearbeiten zu lassen. Besonders die grundlegenden Ausführungen Piere-Yves Sauniers zur Methode einer Transfergeschichte ermöglichten dem Zuhörer, dargestellte Transferprozesse und -wege differenzierter zu verfolgen. Andererseits müssen noch einige kritische Anmerkungen gemacht werden. So lag der inhaltliche Schwerpunkt sehr auf der Stadtplanung und hat damit die Möglichkeiten der vielfältigen Thematik nicht ausgeschöpft. Auch wenn man zu Recht nicht stets allen neuen Forschungstrends folgen mag, wäre eine breiter gefächerte Abbildung der aktuellen Fragen an die Stadt wünschenswert gewesen. Ob die stets erwähnten Bilder von einer europäischen und amerikanischen Stadt effektiv Wirkung für die in der Stadt lebenden Menschen hatten, blieb leider im Dunkeln – allein Gisela Mettele stellte diese Frage, jedoch ohne nach dem momentanen Stand ihrer Forschung eine These formulieren zu können. Das „Bild“ der Stadt blieb über die gesamte Sektion meist schwammig, als würden die wenigen Schlagworte wie „Hochhaus“ und „Masse“ genügen, um bei allen Zuhörern das gleiche und „richtige“ Bild ins Gedächtnis zu rufen. Eine tiefergehende Analyse wäre hier wünschenswert gewesen. So hinterlässt die Sektion einen guten, wenn auch teilweise etwas unbefriedigenden Eindruck, weil nicht alle Chancen dieser spannenden Thematik genutzt wurden.

Anmerkungen:
[1] Karsten Borgmann, Matthias Bruhn, Sven Kuhrau, Marc Schalenberg (Hgg.), Das Ende der Urbanisierung? Wandelnde Perspektiven auf die Stadt, ihre Geschichte und Erforschung, in: H-Soz-Kult, 11.09.2006 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=texte&id=665=665> (20.10.2006).
[2] So bei Föllmer, Moritz; Knoch, Habbo, Grenzen und urbane Modernität. Überlegungen zu einer Gesellschaftsgeschichte städtischer Interaktionsräume, in: H-Soz-Kult, 14.09.2006 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=788&type=diskussionenonen> (20.10.2006).

Zitation
Tagungsbericht: HT 2006: Die europäische und die amerikanische Stadt seit dem späten 19. Jahrhundert: Geschichtsbilder – Leitbilder – Trugbilder, 19.09.2006 – 22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 20.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1196>.