Ostmittel- und Südosteuropa in vormodernen Fremdzeugnissen — die Sammlung Rossica Europeana als Forschungsgegenstand

Ort
Bern
Veranstalter
Mira Jovanovic; Kaspar Näf; Christoph von Werdt; Forum Ostmittel- und Südosteuropa (FOSE)
Datum
29.04.2006
Von
Natasa Miskovic, Universität Basel

Das gut besuchte sechste Arbeitstreffen des Forums Ostmittel- und Südosteuropa (FOSE) fand in den Räumen der Schweizerischen Osteuropabibliothek (SOB) in Bern statt. Es war als Workshop zur Interpretation von bildlichen Darstellungen und Karten als historischen Quellen organisiert. Im Zentrum standen Bilder und Karten der Sammlung Rossica Europeana, welche die Bibliothek 2005 erwerben konnte. Der Gründer des einstigen Ost-Instituts und der angeschlossenen Bibliothek, der Politologe und Politiker Peter Sager (geboren 1925), sammelte seit den 1940er Jahren Druckschriften zum vorrevolutionären Russland. Er konzentrierte sich auf Druckschriften mit Massenwirkung. Die Sammlung enthält Rara und Erstdrucke aus dem 16. bis 19. Jahrhundert vorwiegend in westlichen Sprachen zu Russland und den angrenzenden Ländern. Die Schweizerische Osteuropabibliothek unter der Leitung von Christophe von Werdt ist derzeit damit beschäftigt, die Sammlung zu erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Während der Tagung konnten in einer kleinen ad hoc-Ausstellung einige besonders schöne Stücke bewundert werden.

Der Morgen war der Diskussion einführender Texte gewidmet. Wir besprachen Jürgen Osterhammels Aufsatz über die Distanzerfahrung unter dem Aspekt des Lehnstuhlethnologen, der die Länder nie bereiste, die er beschreibt.[1] Viele historische Reiseberichte sagen mehr über die AutorInnen als über ihr Thema aus, vgl. Maria Todorovas Buch „Imagining the Balkans“.[2] Andererseits ist Distanz eine Realität, ein Mittel zum Zweck. Ihre Nichtbeachtung käme Distanzlosigkeit gleich, und das wäre unprofessionell. In einem lebensgeschichtlichen Interview beispielsweise stellen sich beide Seiten bewusst auf die Interviewsituation ein. Der/die Interviewte beeinflusst das vermittelte Bild von sich selbst ebenso aktiv, wie sich der/die InterviewerIn selbst kritisch befragen muss, was eigentlich Zweck und Ziel des Gespräches ist.

W. J. Thomas Mitchells Text über den Pictorial Turn diente als Aufhänger für eine kurze Einführung in die kunsthistorische Methode der Bildbetrachtung.[3] Mitchell, Verfasser der „Picture Theory“, kritisierte das berühmte Dreiphasenmodell der Bildinterpretation von Erwin Panofsky (1. präikonografische Stufe: alle sehen das Gleiche; 2. ikonografische Stufe: setzt kulturelles Wissen voraus; 3. Ikonologie: Lokalisierung des Bildes im Kontext).[4] Mitchell stellte in Frage, ob die erste Stufe der Wahrnehmung bei allen Betrachtenden gleich sei. Dennoch greift eine historische Bildbetrachtung zwangsläufig auf dieses Modell zurück: Es ist eine einfache Anleitung, sich an ein Bild anzunähern, wenn sonst keine Informationen vorhanden sind.

Karl Schlögels Buch über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik stimmte die Anwesenden auf das Thema Landkarten ein.[5] Geografische Karten sind ein traditionelles Herrschaftsinstrument, die ebenso verunsichern wie Identität stiften können. Der Konsens einer größeren Gruppe von Menschen ist Voraussetzung für ihre Akzeptanz: Sie funktionieren als Signal, als symbolisiertes Abbild der Realität. Eine alte Karte stellt die Gegenwart in Frage, denn sie signalisiert, dass es einmal anders war. Eine neue Karte mit veränderter Grenzziehung tut dies ebenso, denn sie zeigt, wie die Realität in den Augen der AutorInnen anders aussehen sollte. Trotz ihrer offensichtlichen Parteilichkeit — das Eigene ist nicht selten besonders, mit Vorliebe rot, koloriert und liegt im Zentrum der Darstellung— erheben Karten den Anspruch höchster Objektivität. Dies ist der Grund, weshalb sie unter Generalverdacht stehen und von HistorikerInnen als Bild behandelt werden sollten.

Nach der Mittagspause standen zwei Themenblocks zum Umgang mit historischen Bildquellen sowie mit historischen Karten auf der Traktandenliste. Den Themenblock zu den historischen Bildquellen hatten Nora Mathys und Saskia Klaasen vorbereitet. Sie richteten ihr Augenmerk auf die Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit mit Bildquellen und schärften den Blick für die Unterscheidung zwischen Entstehung und Rezeption eines Bildes. Ihr Ziel war, die Sensibilität für den Umgang mit Bildquellen so zu schulen, dass sie in Zukunft nicht mehr einfach als Illustration von Sekundärtexten Verwendung finden, sondern wie die Textquellen einer historischen Quellenkritik unterworfen werden. Mathys und Klaasen stellten zwei Bände aus der Sammlung Rossica Europeana vor: Giulio Ferraios Band „Il costumo antico e moderno“ aus dem Jahr 1829, sowie Pallas’ „Bemerkungen auf einer Reise in die südlichen Statthalterschaften des Russischen Reiches“ aus dem Jahr 1799.[6] In sieben Arbeitsgruppen wurden Bilder betrachtet, beschrieben und untersucht, wie die Autoren sie im Text einsetzten.

Ferraio brauchte seine Bilder als reine Illustration und nummerierte sie Fußnoten gleich als Referenzen zum Text. Es ging ihm um die Kostüme, um die Feinheiten der Textilien. Personen stehen wie in einem Schaufenster nebeneinander, selbst wenn sie in einer Umgebung gezeigt werden. Beispiel dafür ist das Bild der Krönungszeremonie am ungarischen Hof. Es dokumentiert die Vielfalt an Gewändern für Damen und Herren, die damit zugleich ihre Rangabfolge markieren.

Pallas’ Buch war eine Auftragsarbeit und gänzlich durchkonstruiert. Er tendierte dazu, das Außerordentliche zu zeigen und bettete seine Darstellungen von Menschen gerne in Alltagssituationen ein. Panoramaansichten von Landschaften zeigen immer auch Menschen, die er sowohl im Vorder- wie im Hintergrund relativ klein zeichnen ließ. Pallas’ Illustrationen sind ohne Text nicht lesbar, wie das für diesen Nachmittag ausgewählte Panorama hervorragend zeigte: Niemand unter den Anwesenden vermochte das Bild ohne den Text richtig einzuordnen. Es handelte sich um eine Ansicht der deutschen Mission bei den Kalmücken in der Nähe von Wolgograd. Im Hintergrund ist das landwirtschaftliche Gut eines deutschen Herren zu erkennen, daneben winzig klein die Hütten kalmückischer Angestellter. Im Vordergrund spaziert stolz ein deutscher Mann mit Dame.

Für die Diskussion weiterer Bilder und einiger genealogischer Darstellungen blieb leider viel zu wenig Zeit übrig. Doch allen Anwesenden war am Ende der gut eineinhalb Stunden klar, wie zentral die Fragen nach der ikonologischen Reihenfolge, nach dem Autor/der Autorin und der Klientel des Bildes sowie nach der Tradition, in welcher eine Abbildung steht, für das Verständnis und die Einordnung eines Bildes sind.

Der zweite Themenblock war geografischen Karten gewidmet. Christophe von Werdt und Julia Richers wiesen erneut darauf hin, dass Karten ein soziales Konstrukt sind. Sie erinnerten an die klassische Quellenkritik und -interpretation sowie an Karl Schlögels interpretatorische Anhaltspunkte geografischer Raum, politischer Raum, thematischer Schwerpunkt sowie die darstellerische Unterteilung in Punkt, Strich und Fläche.[7] Sie hatten als Übungsfeld eine kleine Ausstellung verschiedener Kartentypen ausgelegt. Die erste Gruppe umfasste ptolemäische Karten aus der Zeit nach 1500. Diese Karten können ohne Spezialwissen und Latein kaum schlüssig interpretiert werden. Eines der ausgestellten Beispiele zeigte zu aller Erstaunen Berge auf dem Kopf, vermutlich ein Fehldruck. Kuriosa und Herrscherdarstellungen ergänzen richtige topografische Bezeichnungen von als Punkte dargestellten Ortschaften. Erstaunliche Präzision in der Aufzeichnung etwa von Küstenverläufen wechselt mit „weißen Flecken“ und Fantasiedarstellungen.

Die nur wenige Jahrzehnte jüngeren Karten von Ortelius, dem Verfasser des ersten Atlas aus dem 16. Jahrhundert, halten den Gegensatz zwischen detailliertem Bekanntem und mythenbeladenem Unbekannten aufrecht. Sie zeigen jedoch politische Grenzen, Piktogramme, und stellen die Größe von Ortschaften mit größeren oder kleineren Häusern dar. Besonders interessant war eine Karte zu Dalmatien: Ein Ausschnitt der Region Zadar und Sibenik zeigte dank präziser Ortsnamen quasi den Verlauf der (nichtlinearen) italienisch-slawischen Sprachgrenze an. Im osmanischen Herrschaftsbereich fehlen hingegen die Namen der Dörfer, das Gebiet ist ein weißer Fleck.

Die angeregten Diskussionen, die schnell dahinfliegende Zeit sowie das wunderschöne Ansichts- und Übungsmaterial machten deutlich, dass das Thema historische Bild- und Karteninterpretation noch längst nicht ausgereizt ist und dringend weiterer Behandlung bedarf. Die nächste FOSE-Tagung im Herbst 2008 wird ihm voraussichtlich gewidmet sein.

Das siebte FOSE-Arbeitstreffen findet am 25. November 2006 in Fribourg (Schweiz) statt.

Anmerkungen:
[1] Osterhammel, Jürgen, Distanzerfahrung. Darstellungsweisen des Fremden im 18. Jahrhundert, in: König, Hans-Joachim u.a. (Hgg.), Der europäische Beobachter außereuropäischer Kulturen. Zur Problematik der Wirklichkeitswahrnehmung (ZHF, Beiheft 7), Berlin 1989, S. 9–42.
[2] Todorova, Maria, Imagining the Balkans, New York 1997.
[3] Mitchell, W. J. Thomas, Der Pictorial Turn, in: Kravagna, Christian (Hg.), Privileg Blick. Kritik der visuellen Kultur, Berlin 1997, S. 15–40.
[4] Mitchell, W. J. Thomas, Picture Theory. Essays on verbal and visual representation, Chicago 1994.
[5] Schlögel, Karl, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003, S. 81–107.
[6] Ferraio, Giulio, Il costumo antico e moderno del Dottore Giulio Ferraio, 1829; Pallas, P. S., Bemerkungen auf einer Reise in die südlichen Statthalterschaften des russischen Reiches in den Jahren 1793 und 1794, Leipzig 1799.
[7] Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit (wie Anm. 6), sowie: Harley, John Brian, The new nature of maps. Essays in the history of cartography, Baltimore Md., 2001.

Zitation
Tagungsbericht: Ostmittel- und Südosteuropa in vormodernen Fremdzeugnissen — die Sammlung Rossica Europeana als Forschungsgegenstand, 29.04.2006 Bern, in: H-Soz-Kult, 25.06.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1205>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.06.2006