HT 2006: Eigenbild im Konflikt – Zur Selbstdeutung von Päpsten in Mittelalter und Neuzeit

Ort
Konstanz
Veranstalter
Deutsches Historisches Institut (DHI) in Rom; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
19.09.2006 - 22.09.2006
Von
Stefan Bauer, Deutsches Historisches Institut in Rom

Eine vom Deutschen Historischen Institut in Rom organisierte Sektion am Historikertag warf Schlaglichter auf die Selbstdeutung von Päpsten. Wie Michael Matheus (Rom) in seinen einleitenden Worten unterstrich, führten die ausgewählten fünf Päpste die Kirche allesamt über Epochenschwellen. Gregor VII. (1073-1085) steht am Beginn des Investiturstreits; Pius II. (1458-1464) versetzte der konziliaren Idee den Todesstoß. Über Leo X. (1513-1521) brach die Reformation herein, während Pius VII. (1800-1823) die Folgen der Französischen Revolution durchlebte. Pius IX. (1846-1878) schließlich stärkte die Kirche innerlich bei der nationalen Einigung Italiens. Die Leitfragen dieser Sektion ergaben sich aus den Konfliktsituationen, in denen sich die Päpste befanden. In ihnen kann man die gegenseitige Prägung von Person und Amt besonders deutlich erkennen. Die Kirchenoberhäupter stießen mit ihren Strategien von Amtsausübung und Selbstverständnis auf die Kritik von Zeitgenossen. Diese Kritik wiederum beeinflusste – bewusst oder unbewusst – das Selbstbild, welches im Mittelpunkt der Untersuchungen der Sektion stand. Als formale Prämisse schickte Michael Matheus zuletzt voran, dass für die hier behandelten Päpste alle vatikanischen Quellen zur Verfügung stehen. Freilich sind diese Quellen von unterschiedlicher Art (autobiografisch, diplomatisch, publizistisch), und dementsprechend lösten die Referenten ihre Aufgabe auf unterschiedliche Art.

Jochen Johrendt (Rom) konnte für Gregor VII. (Hildebrand) vor allem auf dessen Briefe zurückgreifen; dort sind versprengte Äußerungen zu finden, aus denen sich ein Eigenbild rekonstruieren lässt. Als spiritueller Führer, der mit Konsequenz und Härte sein Reformprogramm durchzusetzen trachtete, sah sich Gregor dem Hass und der Verfolgung weltlicher Herrscher ausgesetzt. Er starb schließlich 1085 im Exil in Salerno, nachdem er aus Rom hatte flüchten müssen. Die Verfolgung entsprang für Gregor aus der Pflichterfüllung seinem Amt gegenüber: Gegen alle Widerstände fühlte er sich daran gebunden, gemäß dem Prinzip der iustitia den Primatsanspruch des Papstes auszuführen. Auch visuell setzte Gregor seinen Anspruch um. Er war der erste Papst, der beide Apostelfürsten auf dem Apostelstempel seiner Bleibullen abbilden ließ. Johrendt stellte bei der Analyse von Gregors Briefen auch sprachlich eine „Militarisierung“ fest. Insgesamt erschien in diesem Vortrag das Porträt eines Papstes, der mit Leidenschaft und Konsequenz die Selbstauffassung und das Amtsverständnis des Papsttums neu definierte.

Claudia Märtl (München) widmete sich mit Pius II. (Enea Silvio Piccolomini) einem Meister der Selbstdarstellung. In scharfer Form war Piccolomini in seinen jüngeren Jahren zunächst selbst Konziliarist, bevor er als Papst seiner Vergangenheit abschwor und den monarchischen Papat verfocht. Mit seiner Bulle Execrabilis von 1460 erklärte er Konzile zu juristisch irrelevanten Phantomen. Mit seinen autobiografischen Commentarii erreichte das Papsttum einen Höhepunkt der Selbstdarstellung und -stilisierung. Hier versuchte er, „das Bild seines päpstlichen Agierens den Wirrnissen des Tagesgeschäfts zu entheben und es in bleibender Monumentalität gemäß seinen Absichten zu formen“. Pius II. trat effektvoll als „Papstkönig“ auf und stellte sich als entscheidungssicherer Politiker dar. Zeremoniell erniedrigte er militärisch geschlagene Gegner. Mit der Überführung des Hauptes des heiligen Andreas nach Rom präsentierte sich Pius als Kirchenoberhaupt, das auch für die griechische Christenheit verantwortlich war. Seine römische Baupolitik spricht in imperial überhöhten Formen. Für die Peterskirche plante er eine bühnenhafte Loggia, die sich an den Bauformen des Kolosseums orientierte. Das Bewusstsein, allen irdischen Königen überlegen zu sein, schöpfte Pius bildträchtig aus dem Rückgriff auf die christliche Antike.

Leo X. (Giovanni de' Medici) stilisierte sich sehr aufwendig als universaler Friedenspapst, um sich damit von seinem Vorgänger, dem kriegerischen Julius II., abzuheben. Götz-Rüdiger Tewes (Köln) verfolgte, wie dieses Bild durch die tatsächlichen Handlungen des Papstes seine Geschlossenheit verlor. Leo X. galt unter Zeitgenossen wie unter Historikern als doppelzüngig und unaufrichtig. Während er seinen Weg zum Pontifikat als Erfüllung eines göttlichen Planes zum allgemeinen Nutzen der Christenheit begriff, regierte Leo faktisch primär zum Nutzen seiner Familie, auch weil er gleichzeitig die Republik Florenz beherrschte. So geriet sein Eigenbild nach außen hin in Konflikt. Leo selbst hingegen sah keinen Widerspruch in seinen Handlungen, denn, wie Tewes pointiert zu bedenken gab: "Kurienräson war für den ersten Medici-Papst von Gottes Hand geführte Familienräson". Als eindrückliche Selbstzeugnisse beschrieb Tewes die neun monumentalen, antikisierenden Triumphbögen, die den possesso dieses Papstes im Jahr 1513 schmückten und an denen sich die Verwebung von Universalität und individueller Biografie deutlich machen lässt. Ein Beispiel für das Janusköpfige des Medici war sein freundschaftliches Verhältnis zu dem französischen Kurienprokurator, aber schismatischen Kardinal Federico Sanseverino, dem er, als er noch Kardinal war, nach der Schlacht von Ravenna 1512 seine eigene Freilassung verdankt hatte. Auch deshalb hatte Leo gewichtige Gründe, den französischen König Ludwig XII. nicht als Feind der Kirche zu betrachten. Dies sei, so Tewes, im Attila-Fresko in den vatikanischen Stanzen demonstriert worden: Dort reite Sanseverino links hinter Leo I. (d.h. Leo X.).

Leo X. hatte 1516 im Konkordat von Bologna dem französischen König praktisch die Kontrolle über die Kirche in Frankreich zugestanden. Die Vereinbarung hielt bis zur Französischen Revolution, im Zuge derer die Revolutionsarmeen Pius VI. absetzten. Pius VII. (Barnaba Chiaramonti) gelang 1801 ein neues Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und der französischen Republik, vertreten durch Napoleon. Zwar musste Pius den Verlust des großen Immobilienbesitzes in Frankreich anerkennen, doch der Katholizismus in Frankreich war gerettet. Lutz Klinkhammer (Rom) verfolgte die dramatischen Auseinandersetzungen zwischen Pius VII. und Bonaparte und erhellte das Selbstverständnis eines Papstes, der als elastischer Vermittler die Veränderungen im Rahmen des Unvermeidlichen halten wollte. Auch gegenüber Kritik von Seiten des konservativen Klerus handelte Pius VII. nach dem Machbaren und nahm in Kauf, dass die französischen Kirchenmänner quasi zu Staatsfunktionären wurden. Pius war, so Klinkhammer, „kein innerlich überzeugter Reformer, sondern mehr ein von den Ereignissen getriebener“. Aus einer fast aussichtlosen Lage erfolgte dennoch eine grundlegende Transformation, Modernisierung und Zentralisierung der Kirche. Im Konflikt mit dem Kaiser der Franzosen führte er den Primat des Papsttums zu einer neuen Bedeutung.

Noch Pius IX. (Giovanni Maria Mastai-Ferretti) war von den Schrecken der Französischen Revolution geprägt. Stefano Trinchese (Chieti) präsentierte diesen Papst, der über die längste Zeitspanne überhaupt geherrscht hat (1846-1878), als widersprüchliche Figur. Zu Beginn seines Pontifikats wurde Pius missverstanden und den Liberalen zugerechnet: ein Mythos, der, so Trinchese, danach von der liberalen Geschichtsschreibung perpetuiert wurde. Aber Pius IX. sei auch kein reaktionärer Feind der Moderne tout court gewesen. Pius sei einen Kurs voller Gegensätze gefahren. Er war zu klugen Reformen fähig, sah sich jedoch zugleich zur Verteidigung seiner absoluten Vorrechte als Souverän gezwungen. Politisch schloss er sich Neuerungen gegenüber ab und verfocht die traditionelle Bindung von Thron und Altar. Er versuchte, den Verfassungsstaat zu verhindern, da sich für ihn weltliche Macht von göttlicher Legitimation herleitete. 1860 erlitt Pius den Verlust von weiten Teilen des Kirchenstaats, 1870 den Verlust Roms. Dem Papst, der sich als Gefangener im Vatikan betrachtete, gelang gleichwohl eine stringente Zentralisierung der Kirche im Sinne des Ultramontanismus. Sein Pontifikat ist durch eine bemerkenswerte spirituelle Erneuerung geprägt, sowohl auf der Ebene des Klerus wie auch auf der Ebene der Gläubigen. „Pio Nono“ setzte die societas perfecta als Gegenbild gegen die revolutionäre Gesellschaft.

Die epochenübergreifende Sektion schlug den Bogen über knapp 900 Jahre. Zwei Kernanliegen der Päpste sind über die Zeitenwenden hinweg konstant geblieben: die Auseinandersetzung mit den weltlichen Mächten und die Sorge um die innere Reform der Kirche, die sich zunehmend durch Hierarchisierung ausdrückte. Im Gewebe der konflikthaltigen politischen Konstellationen prägten die Kirchenoberhäupter vielfältige Eigenbilder, welche in den Vorträgen der Sektion nebeneinander gestellt wurden – so das Selbstbild vom strengen Reformpapst, humanistischen Papstkönig, Friedenspapst mit Familienmacht, elastischen Vermittler und modernen Reaktionär. Die zahlreichen Besucher dieser anregenden Sektion profitierten von dem Vergleich der Jahrhunderte, zu dem die Geschichte des Papsttums auf plastische Weise einlädt. Eine Publikation der Referate ist geplant.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2006: Eigenbild im Konflikt – Zur Selbstdeutung von Päpsten in Mittelalter und Neuzeit, 19.09.2006 – 22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 18.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1209>.
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Veröffentlicht am
18.10.2006
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