HT 2006: Adelsbilder von der Antike bis zur Gegenwart

Ort
Konstanz
Veranstalter
Peter Scholz und Johannes Süßmann, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
19.09.2006 - 22.09.2006
Von
Tilman Moritz, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main

„Nur wer mehr leistet, ist mehr wert“ – dieses Diktum des französischen Ritters Geoffrey de Charny, gerichtet an seine Standesgenossen, gibt treffend wieder, was Johannes Süßmann und Peter Scholz (beide Frankfurt am Main) in ihrer Sektion zum Thema „Adelsbilder von der Antike bis zur Gegenwart“ zu zeigen beabsichtigten. Grundsätzlich sollte nämlich der These der älteren – und bis heute nachwirkenden – europäischen Adelsforschung widersprochen werden, wonach der Adel sich in einer ständigen Rechtfertigungskrise befunden hätte. Wörtlich genommene Adelsbilder hätten demnach lediglich dazu gedient, die Beschränkung der Herrschaft auf eine soziale Elite zu kaschieren und gegenüber den anderen gesellschaftlichen Gruppen zu legitimieren. Dagegen, so wurde bereits im gemeinsam gehaltenen Einführungsvortrag der beiden Sektionsleiter deutlich, ließe sich aber mit gleichem Recht einwenden, dass eben jene Adelsbilder den Maßstab setzten, an dem sich alle Angehörigen dieses Standes messen lassen mussten. Adelsbilder also als Indikator für das gruppenspezifische Selbstverständnis, bewusster wie unbewusster Ausdruck eines aristokratischen Habitus’ im öffentlichen Raum? In vier epochen- und länderübergreifenden Vorträgen sollte diesen Fragen nachgegangen werden.

Den Auftakt bildete das Referat von Peter Scholz, der sich mit Adelsbildern der griechisch-römischen Antike auseinandersetzte. Anhand einer Auswahl prägnanter Beispiele aus dem Bereich der Standbilder wurden zunächst die grundsätzlich verschiedenen Ansätze griechischer und römischer Vorstellungen von „Aristokratie“ herausgearbeitet: Während griechische Adelige sich als aristoi, als „die Besten“ verstanden, deren Führungsanspruch durch heroische oder gar göttliche Abstammung legitimiert war, stellten die römischen Eliten – gemeint sind die Ränge der Senatoren und Ritter – ihre Eignung zur Herrschaft durch politischen Erfolg unter Beweis. Diese unterschiedlichen Zugänge spiegeln sich, so das Ergebnis, auch in der Selbstdarstellung wider: Von der Archaik bis in den Hellenismus definierten sich die aristoi über äußere Merkmale wie Schönheit, Kraft und disziplinierte Haltung; alles Gewöhnliche, wie etwa Attribute politischer Aktivität, hatte in diesem Kontext nicht nur keinen Platz, es hätte das verkörperte Ideal vielmehr unweigerlich zerstört. Dagegen maß die römische Aristokratie bis weit in die Spätantike hinein gerade diesen Herrschaftszeichen besonderen Wert bei – Vornehmheit äußerte sich im Umfang der Verdienste um das Wohl der res publica, verkürzt gesprochen: der Allgemeinheit. Erst durch den Erwerb dieser Verdienste konnte ein römischer Aristokrat der Verpflichtung gerecht werden, die sein sozialer Rang ihm auferlegt hatte.

Eine deutliche Parallele zwischen antikem Habitus und mittelalterlichem Adelsbild zeigte der nachfolgende Vortrag von Stephan Selzer (Halle/Saale) auf. Herkunft und Leistung konstituierten auch hier den Adel, wenngleich beide Legitimitätsstränge im Laufe des Mittelalters allmählich miteinander verwoben wurden. Zunächst standen sich „Edelfreie“, deren Herrschaftsanspruch sich eben auf ihre „edle“ Abstammung gründete, und Ritter, die ihren herausgehobenen Status durch ein – militärisch gewendetes – Leistungsideal erworben hatten, gegenüber. Mit der gewandelten Haltung der Theologie gegenüber dem Kriegsdienst wurde zugleich das Zusammengehen von traditionellem, das heißt „zivilem“ und leistungsbewusstem, das heißt militärischem Selbstverständnis im Adel des Mittelalters ermöglicht. Als das entscheidende Merkmal dieser Symbiose stellte Selzer das Wappen vor; denn zum einen ist es als Teil der Rüstung kriegerisches Attribut, zum anderen belegt es durch die in ihm gezeigten Hoheitszeichen die vornehme Herkunft seines Trägers. Als eindeutiges Adelssymbol erscheint es allerdings nur, insofern es mit den Wappen anderer Herrschaftsträger vergesellschaftet ist – die Anlage von Wappensammlungen aller Art, gerade auch in Abgrenzung von dem neuen, „bürgerlichen“ Adel, im Spätmittelalter belegt dies hinreichend. Der Nachweis von Herkunft und verinnerlichtem Pflichtethos allein reichte nicht aus; Legitimität stiftete letztlich nur die öffentlich demonstrierte Aufnahme in den Kreis der etablierten Adelsschicht.

Die Krise dieses im Spätmittelalter entwickelten Adelsbildes, aber auch die Suche nach Auswegen und Alternativen in der Frühen Neuzeit thematisierte der Vortrag von Johannes Süßmann. Vor dem Hintergrund von Konfessionalisierung und Staatswerdung musste auch der Adel seine Position innerhalb der sich ändernden Herrschaftsordnungen neu bestimmen – dass er dabei keineswegs in einer bloßen Funktionselite aufzugehen gedachte, belegte Süßmann anhand der Analyse von vier Bildquellen der Zeit zwischen 1500 und 1700, die den tief greifenden Wandel adeligen Selbstverständnisses eindrücklich illustrieren. Im Vordergrund stand dabei, dass der Adel sich zwar dem Sog einer allgemeinen „Verstaatlichung“ nicht entziehen konnte und letztlich seine funktionelle Unabhängigkeit aufgeben musste; die Auflösung des Adels als soziale Gruppe bedingte dies aber nicht. Vielmehr versuchte der Adel seine Identität zu bewahren, indem er entweder nach stärkerem Selbstbezug strebte oder sich im Glaubenskrieg der Konfessionen zu profilieren versuchte, sich zum Wohl der Allgemeinheit auch über Staats- und Konfessionsgrenzen hinweg mit Standesgenossen verständigte oder seinen gesellschaftlichen Führungsanspruch durch vornehmen Lebensstil darzustellen suchte. Die unmittelbaren Wechselwirkungen von neuen Adelsbildern (als Ausdruck eines anpassungsfähigen Selbstverständnisses) und ihrer Propagierung mittels zeitgemäßer Medien kamen hierin klar zum Ausdruck.

Die Ausführungen von Andreas Fahrmeir (Frankfurt am Main) über das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert knüpften zeitlich zwar nicht direkt an den vorangegangenen Vortrag an. Der „Zeitsprung“ fand aber dadurch Berechtigung, dass die Kontinuität der in der Frühen Neuzeit geprägten Adelsbilder erst an der Wende zur Moderne unterbrochen wurde. In Großbritannien überdauerten viele dieser Adelsbilder sogar bis in die jüngere Vergangenheit, sodass, so der Referent, die Verhältnisse dort besonders geeignet scheinen, die Einflüsse moderner Medialisierung auf die traditionellen Adelsbilder aufzuzeigen. Vor allem die „Demokratisierung des Porträts“ durch die Fotografie ließ überkommene Formen adeliger Repräsentation gegenstandslos werden. Die öffentlich zur Schau gestellte Extravaganz adeliger Lebensführung wurde somit relativiert und äußerte sich allenfalls noch im Wandel von der Selbstdarstellung zur Selbstinszenierung – die bis heute florierende Boulevardpresse legt davon beredtes Zeugnis ab. In gewisser Weise wurde der Aristokrat also vom „Trendsetter“ der medialen Entwicklung zu ihrem „Gefolgsmann“. Der Verlust dieser Vorreiterrolle fiel zusammen mit der – nur teilweise erzwungenen – Aufgabe von Privilegien und der dynamisierten Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft, deren Anpassungsdruck den Adel als Stand letztlich auflöste.

Die Sektion wurde von Walter Demel (München) beschlossen, der bereits zuvor als angenehm resoluter Diskussionsleiter in Erscheinung getreten war. In seiner pointierten Zusammenfassung verband er das Resümee mit einer Ausdehnung der Perspektive auf den außereuropäischen Raum. Die europäischen Adelsbilder sollten dabei mit den – historisch ungefähr äquivalent gewählten – Entwicklungen anderer Kulturkreise kontrastiert werden. So stellten die „öffentlichen Bilder“ des Alten Ägypten – ganz ähnlich den Adelsbildern der griechischen aristoi – zwar die Göttlichkeit in den Vordergrund, hier ging es aber augenscheinlich nicht um die Vermittlung eines individuellen Ideals; betont wurde lediglich das Überzeitliche. Parallelen wies dagegen der Vergleich der mittelalterlichen Eliten Europas und Japans auf: In beiden Fällen konnten die Aristokraten ihren Status als Symbiose aus adeliger Herkunft und militärischer Befähigung abbilden, wenngleich die faktische Vereinigung beider Traditionen in Japan nicht so umfassend vollzogen wurde wie in Europa. Den mit neu zelebrierter Vornehmheit auftretenden europäischen Adeligen stellte Demel die „gesichtslosen“ Eliten der islamischen Welt gegenüber. Es zeigte sich, dass – im Gegensatz zu Europa – die Führungsschichten der islamischen Welt völlig in der Funktion als Dienstadel aufgingen, gewissermaßen von der jeweiligen Monarchie„verstaatlicht“ wurden, und sich – nicht zuletzt aufgrund des Bilderverbots im Koran und der fehlenden urbanen Platzanlagen – keine öffentlichen Adelsbilder etablieren konnten. Den Abschluss bildete der Vergleich des neuzeitlichen europäischen Adels mit den Funktionseliten Chinas. Auch hier wurde deutlich, dass von einer tatsächlichen „Adelsgesellschaft“ nicht zu sprechen ist – zu sehr blieben die chinesischen Eliten austauschbar (im Sinne einer sozialen Durchlässigkeit) und damit auch ihre Leistungen im Staatsdienst.

Die Sichtbarkeit des Adels und seiner Handlungen in der Öffentlichkeit ist, so lautete eine der Thesen der Sektion, ein wesentliches Merkmal – nicht nur, aber vornehmlich – der europäischen Aristokratien von der Antike bis in die Neuzeit. Wie bereits eingangs erwähnt, muss diese Präsenz im öffentlichen Raum neu bewertet werden: Wenngleich die Adelsbilder allein keine umfassenden Rückschlüsse auf einen (wie auch immer gearteten) aristokratischen Habitus zulassen, so eröffnet ihre Analyse doch neue Perspektiven auf das Selbstverständnis des Adels – und damit nicht zuletzt einer gesellschaftlichen Gruppe, die mit ihrem Streben nach verstetigter Unabhängigkeit die Entwicklung eines demokratischen Europa nachhaltig geprägt hat.
Es bleibt zu hoffen, dass die zahlreichen Anregungen und gut nachvollziehbaren Argumente, welche die Vorträge lieferten, ebenso viel Beachtung und Zuspruch finden wie die Sektion selbst.
Um noch einmal das eingangs angeführte Zitat aufzugreifen, lässt sich nun nämlich – und zu dieser Universalisierung können die Adelsbilder beitragen – fragen, ob und wozu denn nun genau „Adel verpflichtet“?

Zitation
Tagungsbericht: HT 2006: Adelsbilder von der Antike bis zur Gegenwart, 19.09.2006 – 22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 18.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1213>.
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Veröffentlicht am
18.10.2006
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