Identität und Alterität: Deutsche in Schweizer Bildern und Darstellungen (Gastsektion der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte)

Ort
Konstanz
Veranstalter
Regina Wecker (Basel); Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
19.09.2006 - 22.09.2006
Von
Martin Lengwiler, Basel/Zürich

Die zu besprechende Sektion beschäftigte sich mit Bildern des „Deutschen“ aus schweizerischer – zumeist deutschschweizerischer – Perspektive. In einem historischen Längsschnitt vom Spätmittelalter bis zur Zeitgeschichte untersuchten die fünf Beiträge der Sektion die Alteritätswahrnehmungen des „Deutschen“ sowie die damit verbundenen eidgenössischen Identitätsvorstellungen; eine Publikation der Beiträge ist in Vorbereitung. Behandelt wurden drei für das schweizerisch-deutsche Verhältnis exemplarische Zeitabschnitte, in denen die Bilder des Deutschen nachhaltig transformiert wurden: der Übergang vom 15. ins 16. Jahrhundert, in dem trotz regionaler politischer Divergenzen die gemeinsame humanistische Idee des Deutschen die schweizerisch-deutschen Wahrnehmungen prägte; die Jahre zwischen 1871 und dem Ersten Weltkrieg, in denen sich der schweizerische Blick aufs deutsche Kaiserreich zwischen den Polen offener Bewunderung und akuter "Germanisierungsängste" bewegte; sowie die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen das Deutschlandbild der Schweiz nach dem Kriegsende neu definiert in die verstärkt internationale Orientierung der Schweiz eingebettet wurde.

Zunächst betonte Guy Marchal (Luzern) an frühneuzeitlichen Beispielen, dass die gegenseitigen Wahrnehmungsmuster des „Deutschen“ und „Schweizerischen“ seit dem Spätmittelalter stark auf regionale Identitäten rekurrierten. Marchal gliederte seinen Vortrag um drei historische Momentaufnahmen aus dem oberrheinisch-eidgenössischen Raum, die er auf die gegenseitigen eidgenössisch-deutschen Zuschreibungen untersuchte: die Schriften des süddeutschen Humanisten Jakob Wimpfeling (1450-1528) aus den 1470er-Jahren, die anti-eidgenössische Reichspublizistik um 1500 und die Auseinandersetzungen zwischen Freiburg und den eidgenössischen Städten im Rahmen des Lehener Bundschuhs von 1513. Marchal zeigte, dass sich hinter den scheinbar nationalen Kategorien meist regionale Auseinandersetzungen zwischen oberrheinischen, burgundischen und eidgenössischen Herrschaftsträgern verbargen. Zudem wurden die regionalen Zuschreibungen meist von überregional gemeinsamen ständischen Polarisierungen zwischen städtischen Eliten und ländlichen Untertanen durchkreuzt. Diese ständisch und regional geprägten, je nach historischem Kontext und politischer Situation wechselnden Vorstellungswelten manifestierten sich etwa in den späteren Bezeichnungen der „Schwaben“ oder der „Preußen“, die in der Schweiz bis ins 20. Jahrhundert zumeist generalisierend für die gesamte deutsche Nation verwendet wurden. Die politischen Spannungen des 15. und 16. Jahrhundert scheinen auf der reichsdeutschen Seite zu einem zunehmend negativen Bild der Eidgenossen geführt zu haben, während auf eidgenössischen Seite kein konstantes Feindbild des Deutschen festzustellen ist. So ist der Kuhschweizerspott bereits fürs 14. Jahrhundert belegt, wogegen der Begriff des „Sauschwaben“ erst in frühneuzeitlichen Quellen auftritt.

Hans-Ulrich Jost (Lausanne) beschäftigte sich anschließend mit den Deutschlandbildern der Belle Epoche, wobei er Deutschschweiz und Romandie vergleichend untersuchte. Ausgangspunkt seiner Ausführungen war die These, dass mit der Reichsgründung 1871 und der imperialen Großmachtpolitik des wilhelminischen Kaiserreichs die Beziehungen der Schweiz zum erstarkten Nachbarstaat eine neue Qualität erhielten. Den „harten Kern“ dieses Verhältnisses machten nach Jost enge wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Beziehungen aus, ergänzt durch den „kulturellen Mantel“ der universitären, verlegerischen und publizistischen Bindungen zwischen den beiden Nationen. An einer Reihe schweizerischer Autoren, von Jacob Burckhardt über Carl Hilty bis zu Gottfried Keller, legte Jost dar, wie sich das Deutschlandbild um 1900 zunehmend verbesserte und die Bedenken gegenüber der neuen europäischen Großmacht schließlich durch die Bewunderung ihrer wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Leistungen ersetzt wurden. Als symbolischen Kulminationspunkt dieser Entwicklung führte Jost den „Kaiserbesuch“ Wilhelms II. 1912 in der Schweiz an – ein Anlass, an dem die offizielle Schweiz ihr „verwandtschaftliches“ Verhältnis zum Nachbarstaat minutiös inszenierte. Allein in der französischsprachigen Schweiz überwog bis zum Ersten Weltkrieg die Skepsis gegenüber dem preußisch-deutschen Nationalstaat.

Martin Lengwiler (Basel/Zürich) knüpfte am positiven Deutschlandbild in der schweizerischen Sozialstaatsgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts an, während der die schweizerische Gesetzgebung im Bann der Bismarckschen Sozialgesetze stand. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts kehrten sich paradoxerweise die Vorzeichen um; heute steht das vermeintlich schlanke schweizerische Sozialstaatsmodell international und gerade auch in Deutschland hoch im Kurs. Lengwiler führte diese Entwicklung auf einen gescheiterten Systemtransfer – den missglückten Versuch, die schweizerischen Sozialversicherungen nach dem Vorbild der Bismarckschen Klassenversicherung zu gestalten – zurück. Gestützt auf die schweizerische Sozialstaatsgeschichte zwischen 1880 und 1950 diskutierte der Beitrag verschiedene Erklärungsfaktoren für diese Systemdivergenz. Dazu zählte Lengwiler sowohl verfassungsrechtliche Gründe (wie die föderalistische Machtverteilung oder das direktdemokratische Abstimmungssystem, das gerade die Sozialstaatsvorlagen wiederholt an der Urne scheitern ließ), die begrenzten Spielräume des vergleichsweise finanzschwachen Bundesstaates sowie die Bedeutung des privaten Sektors für die schweizerische Sozialstaatsentwicklung. Als entscheidende Zeitenwende der Sozialstaatsgeschichte machte der Beitrag die Zwischenkriegszeit aus, während der in der Weimarer Republik die Bismarckschen Sozialversicherungen institutionell gefestigt wurden, wogegen die geplante Übernahme des deutschen Modells in der Schweiz an fiskalpolitischen und anti-zentralistischen Vorbehalten scheiterte.

Georg Kreis (Basel) erinnerte ebenfalls daran, dass die entscheidende Epochenwende für die schweizerisch-deutschen Beziehungen des 20. Jahrhunderts weder in den Jahren 1945 oder 1933, sondern im Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit lag, mit der die kulturelle und politische Nähe der Jahrhundertwende durch eine zunehmende Polarisierung überlagert wurde. Einen erneuten Bruch im Deutschlandbild brachte die unmittelbare Nachkriegszeit, mit der sich Kreis in seinem Beitrag schwerpunktmäßig auseinandersetzte. Dabei untersuchte er drei exemplarische Debatten der Jahre nach 1945: die öffentliche Diskussion um Karl Barths Vortrag „Die Deutschen und wir“ im Frühjahr 1945, den ostentativen „Deutschenhass“, der sich nach Kriegsende in den politisch motivierten Ausschaffungen von Deutschen aus der Schweiz manifestierte, sowie die schweizerischen Hilfsaktionen zum Wiederaufbau Westdeutschlands, insbesondere pädagogisch-kulturelle Aktionen wie Bücherlieferungen, Vortragsreihen oder Zeitungssendungen – eine Art „Re-education“ schweizerischer Provenienz. Kreis betonte, dass in den schweizerischen Deutschlandbildern immer auch helvetische Identitätskonstrukte, wie etwa die postulierte schweizerische Nüchternheit, zum Ausdruck kamen – ganz nach Karl Barths Satz: „Wir können gar nicht Schweizer sein, ohne uns schlecht oder recht gerade mit den Deutschen auseinanderzusetzen.“ Kreis unterstrich außerdem, dass man nicht von einem singulären Deutschlandbild ausgehen kann, sondern dass je nach Generation, politischer Orientierung und Bildungsgrad eine Vielzahl von Deutschlandbildern festzustellen ist. Insgesamt deutete sein Beitrag auf eine Versachlichung des Deutschlandbildes nach 1945, beziehungsweise eine Abkehr vom negativ polarisierten Deutschlandbild der Kriegszeit, hin.

Auch Regina Wecker (Basel) untersuchte in ihrem Beitrag die unmittelbare Nachkriegszeit, konkret die Ausweisung deutscher Nazis aus der Schweiz sowie die Berichterstattung über die NS-Prozesse und über das Nachkriegsdeutschland in der schweizerischen Tagespresse und in literarischen Quellen wie den Tagebüchern Max Frischs. Dabei betonte sie, dass geschlechtsspezifische Deutungsmuster bei den Identitäts- und Alteritätswahrnehmungen eine diskursiv wie handlungspraktisch bedeutsame Rolle spielen, etwa wenn in den Ausweisungsprozessen bei vorehelich schweizerischen Ehefrauen eine Ausnahme von der strikten Verfolgungspraxis gemacht und oft auf die Ausweisung verzichtet wurde. Auch der Vergleich der schweizerischen Berichterstattung über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse mit dem Prozess gegen die Ravensbrücker KZ-Aufseherinnen verweist auf geschlechtsspezifische Stereotype, die bei der Analyse des Deutschlandbilds nicht zu vernachlässigen ist. Wecker zeigte, wie die Bilder des „Deutschen“ implizit meist auf ein männliches Geschlechtermodell gemünzt waren, während die Wahrnehmung deutscher Frauen unter dem Vorzeichen des Außerordentlichen, Besonderen und Emotionalen standen. In diesem Sinne wurden in den schweizerischen Presseberichten nach 1945 die deutschen „Trümmerfrauen“ gleichsam zum allgemeinen Symbol des zerstörten Nachkriegsdeutschlands.

Zitation
Tagungsbericht: Identität und Alterität: Deutsche in Schweizer Bildern und Darstellungen (Gastsektion der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte), 19.09.2006 – 22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 17.11.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1214>.
Redaktion
Veröffentlicht am
17.11.2006
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