Zwischen Kontinuität, Wandel und Normalität. Die westdeutsche Kultur 1945-1960

Ort
Groningen
Veranstalter
Kulturwissenschaftliches Institut der Rijksuniversität Groningen
Datum
31.05.2006 - 02.06.2006
Von
Petra Tallafuss, Rijksuniversiteit Groningen

Die vom kulturwissenschaftlichen Institut der Rijksuniversität Groningen unter organisatorischer Leitung von Lars Koch veranstaltete und vom „Duitsland Programma“ des niederländischen Wissenschaftsministeriums geförderte Konferenz widmete sich mit der Analyse des Amerikanisierungs-Paradigmas einem die deutsche Gesellschafts- und Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit auf Jahrzehnte prägenden Phänomen. Aus literatur-, kultur-, geschichts-, theater- und kunstwissenschaftlicher Perspektive galt es die Transformation (sozio-)kultureller Felder zwischen 1945 und 1960 anhand zahlreicher Beispiele aus den Bereichen der Medien, der Literatur und der bildenden Künste zu analysieren. Dabei wurde der Frage nachgegangen, inwiefern diese gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse und Diskursverschiebungen auf einen intentionalen wie auch informellen Einfluss des angloamerikanischen Diskursraumes zurückzuführen oder als verspäteter Durchbruch zur Moderne zu deuten sind.

Die USA boten nach 1945, begünstigt durch das Klischee ihrer kulturellen und technologischen Überlegenheit, weiten Raum für Wohlstandsprojektionen, die den Nachkriegswillen zur gesamtgesellschaftlichen Normalisierung und Erlangung privater Prosperität beflügelten. Dass die USA zu einer Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte werden konnte, führte Axel Schildt (Hamburg) in seinem Einführungsvortrag über die Anwendbarkeit des Amerikanisierungs-Konzeptes auf die westdeutsche Gesellschaft 1945-1960 auf den Umstand zurück, wonach diese bis in die 60er Jahre für den Großteil der Deutschen eine terra incognita und damit einen frei zu besetzenden Wertraum darstellten. Die mit dem Wohlstandswachstum in der Ära Adenauer einsetzende Modernisierung und ihrer u.a. durch die zunehmende Verbreitung elektronischer Massenmedien geförderte Massenmobilisierung sei dabei unter den Vorzeichen konservativer Werthaltungen vonstatten gegangen. Unter dem Stichwort „Amerikanisierung von oben“ wies Schildt auf die Entstehung von Amerika-Häusern und die Initiierung von Besucherprogrammen hin, die Informationsreisen ins „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ermöglichten, das vor allem durch seine begehrten Waren, welche als materielles Fundament der Amerikanisierung fungierten, kaum aber durch persönlichen Kontakt – nur 3-4% der Bevölkerung verfügten über englische Sprachkenntnisse – auf das deutsche (Konsum-)Bewusstsein einwirkte. Vor dem Hintergrund einer „äußerst dynamischen Gesellschaftsentwicklung“ trat Mitte der 50er Jahre eine „Amerikanisierung von unten“ ein, deren äußere Ausdrucksformen besonders von der jüngeren, sich nach dem „Duft der großen, weiten Welt“ sehnenden Generation adaptiert wurden, welche jedoch, was der Stringenz des Amerikanisierungs-Paradigmas widerspreche, sich ebenso empfänglich für die britische Beat- und Popkultur gezeigt habe.

Bezug nehmend auf Arno Schmidts Brand’s Haide (1951) setzte sich Sabine Kyora (Oldenburg) in ihrem Beitrag „’Swing, Film, Hemingway, Politik: stinkt mich an.’ Die Neupositionierung der westdeutschen Literatur zwischen 1945 und 1960“ mit den literarischen Gegentendenzen zur Amerikanisierung auseinander. Kyora bezog sich vor allem auf die tonangebende Literatenvereinigung „Gruppe 47“ um Alfred Andersch, die zwar u.a. durch die Aufarbeitung der NS-Zeit eine thematische wie welt- und eigenperspektivische Neuorientierung anstrebte, aber, wie aus Rückgriffen auf den Realismus des 19. Jahrhunderts und der Beibehaltung alter Stilvorbilder (Thomas Mann) ersichtlich wird, ein Fortwirken der kulturellen Haltung der Weimarer Republik implizierte. Dies wie auch Höllerers und Heißenbüttels Ansätze zur Wiederaufnahme der europäischen Avantgarde müssten, so Kyora, als Versuch der „Konstruktion von Kontinuität“, deren Ziel der Weg in die Pluralität gewesen sei, nicht aber als Restaurationsbewegung verstanden werden. Die Ablehnung Hemingways – des klassischen amerikanischen Kulturimports – sieht sie primär als Konsequenz aus der postulierten Forderung nach „ideologiefreier Ästhetik“.

Markiert damit das literarische Feld der Nachkriegszeit ein erstes Gegengewicht zur vermeintlichen diskursiven Dominanz eines angloamerikanischen Kulturtransfers, so konnte Lars Koch (Groningen) auch für das Segment des Spielfilms zur Amerikanisierungsthese gegenläufige Bewegungen festmachen. Zwar sei durchaus von einer Amerikanisierung des Filmmarktes qua Masse der aufgeführten Spielfilme aus den USA zu sprechen, zugleich seien es aber gerade die deutschen Eigenproduktionen gewesen, die den Zuspruch des bundesrepublikanischen Publikums erhalten haben. Auf die Genres „Trümmerfilm“, „Kriegsfilm“, „Heimat-“ und „Straßenfilm“ fokussiert, wies Koch nach, dass der deutsche Nachkriegsfilm vor dem Hintergrund von außenpolitischer Systemkonkurrenz und innenpolitischem Wirtschaftswunder einen auf konservative Werthaltungen ausgerichteten Normenkanon ästhetisch aufbereitete, der – Hand in Hand mit einer implizit propagierten Konsumorientierung – dazu beitrug, die sukzessive Eingewöhnung in eine als angstfrei erlebte Moderne zu ermöglichen.

Im Mittelpunkt von Knut Hickethiers (Hamburg) Vortrag stand die sich in den 50er bis 70er Jahren in der Entwicklung des Fernsehens zum Leitmedium abzeichnende Spannung zwischen Traditionsvermittlung und gesellschaftlicher Modernisierung. Das Fernsehen, das im Wirtschaftswunderdeutschland zum „Transmissionsriemen sozialer Veränderung“ wurde, war gleichsam als charakteristisches Produkt der amerikanischen Gesellschaft konnotiert. Anders als sein Vorgänger, das NS-TV, ideologisch entschlackt, entdeckte das deutsche Fernsehen die Unterhaltung als neues Paradigma. Fernsehfilme, so Hickethier, trugen zur Schaffung einer „konsumistischen Moderne“ bei und wirkten auf den Betrachter unterschwellig verhaltensformierend und -normierend. Die in den medial konstituierten Öffentlichkeiten beobachtbaren Ausdifferenzierungsprozesse markierten dabei die Tendenz weg vom holistischen Gesellschaftsbild.

In ihrem Beitrag über das in Mediendiskursen reflektierte Spannungsfeld „Medialisierung/Amerikanisierung – Globalisierung/Lokalisierung“ beschrieb Irmela Schneider (Köln) den Amerikanisierungsbegriff als Prozesskategorie, deren zentrale Bedeutung in der Organisation von Zusammenhängen zwischen Diskursen zu sehen sei. Amerikanisierung fasst sie gleichsam soziologisch als Ausdruck des „othering“, einer identitätsversichernden Grenzziehung zwischen dem Selbst und dem Anderen, auf. Massenkultur und Massenkonsum als Leitmotive des Kulturkontrasts dominierten die Mediendiskurse als spezifisch amerikanische Phänomene bis zu ihrer Ablösung in den späten 80er Jahren durch den Siegeszug des Globalisierungsparadigmas.

In diese diskursiven Eruierungsbemühungen um die Determinanten der Kultur- und Gesellschaftsentwicklung der 50er Jahre führte Albrecht Riethmüller (Berlin) in Rekurs auf Adornos/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ (1947) die Theoreme des Kulturraums und der Kulturindustrie ein. Über „deutsche Leitkultur Musik und neues Leitbild USA in der frühen Bundesrepublik“ referierend, wies Riethmüller nach, dass die weltweit hochgeachtete deutsche Musikkultur in der Nachkriegszeit – vor allem für die ältere Generation – als mentaler Stabilitätsanker fungierte und indirekt die Schieflage der Kulturbewertung – amerikanische Hot-Dog-Kultur vs. Bach und Beethoven – kreieren half. Riethmüller zeichnete in diesem Kontext die Reaktionen auf Elvis Presleys Volksliedadaption („Muss i denn“) ebenso nach wie die Geschichte der von Richard Wagner ursprünglich als „popular culture“ konzipierten Bayreuther Festspiele und die Verdrängung der Operette durch das Musical.

Den Theaterboom der Nachkriegszeit (bis zur Währungsreform) charakterisierte Erika Fischer-Lichte (Berlin) unter dem Titel „‚Kein Theater à l’américaine.’ Zwischen Brecht und Absurdem Theater, Festspielen und neuen Gebäuden“ als Reflex einer „geistigen Wiedergutmachung“. Die Spielplanveränderungen hin zu jüdischen wie auch neuen amerikanischen und französischen Stücken seien dabei keineswegs Indiz eines Traditionsabbruchs, sondern bildeten eine Erweiterung der durch die verstärkte Klassikeraufführung hergestellten Kontinuität. Ingesamt konstatiert sie eine Tendenz des Nachkriegstheaters zur „Reprivatisierung der Geschichte“, die thematisch mit einer Fokussierung auf humanistisches Gedanken- und Geschichtsgut und äußerlich mit der Intensivierung des Verhältnisses zwischen Publikum und Theaterleuten einhergegangen sei.

In ihrem medienanthropologisch geprägten Beitrag „‚Die Welt schmeißt mit Farben’ – Abstraktion und Amerikanisierung auf der documenta 2 (1959)“ zeigt Sabiene Autsch (Paderborn), dass die documenta 2 in einen spezifisch kunstpolitischen und -ideologischen Kontext eingebunden war, der gekennzeichnet ist durch mediale und künstlerische Konfigurationen. „Abstraktion“ und „Amerikanisierung“ bildeten zwei zentrale, im wesentlichen auch durch die zeitgenössische Kunstkritik geprägte Topoi, die eine Politisierung im Sinne der Rhetorik des „Kalten Krieges“ auf der einen Seite und eine enorme Popularisierung auf der anderen Seite bewirkten. Autsch wies den Amerikanisierungs-Begriff mit Blick auf diese gestisch-medialen Prozesse und Neu-Konfigurationen in seinem analytischen Potenzial als zu unspezifisch zurück, da er in diesem Kontext nur „Oberflächenphänomene“ zur Anschauung bringen könnte.

Mit der Ideengeschichte der Verwestlichung beschäftigte sich Kaspar Maase (Tübingen) in seinem Vortrag über „Kulturdiagnosen in der Bundesrepublik der 1950er Jahre“. Als Folge der „wirtschaftlichen Anarchie“ habe man im beobachteten Zeitraum die Vermassung im Zuge einer vermeintlichen Verwandlung von Kultur in Ware gefürchtet, die man in der Entstehung eines westeuropäischen Massenmenschen, der sich allein durch seine Konsumierfähigkeit auszeichnete und indirekt die Demokratie gefährdete, gipfeln sah. Der sich abzeichnende, teilweise zur Niedergangsemphase steigernde Kulturpessimismus resultierte dabei nicht aus der Beobachtung amerikanischer Einwirkungen, sondern aus der Auflösung eines historischen Bündnisses zwischen Künstlern und der gesellschaftlichen Elite. Maase konstatierte, dass die deutschen Kulturdebatten u.a. in dem zur Anwendung gekommenen Deutungsmuster der Popular- und Hochkultur mit den amerikanischen korrelierten.

Insgesamt kamen die Konferenzteilnehmer zu dem Ergebnis, dass der Amerikanisierungs-Begriff wenig über die den untersuchten Zeitraum determinierenden gesamtgesellschaftlichen Modernisierungsschübe verrät. Während bei der politischen und wirtschaftlichen Neuordnung Westdeutschlands von direkter Einflussnahme der USA gesprochen werden könne, relativiere sich die Einwirkung im kulturellen Bereich durch eine Vielzahl gegenläufiger Diskurselemente, von denen manche inhaltlich wie personal auf die Konstruktion von Kontinuitäten ausgerichtet, andere durch generationsspezifische Neuformulierungen von normativen und ästhetischen Maßstäben bedingt gewesen seien. Amerikanisierung sei vielmehr als kulturelle Metapher für komplexe gesellschaftliche Veränderungen und das mit der Entwicklung hin zur Mediengesellschaft wachsende Bedürfnis der Deutschen nach Internationalisierung, Weltoffenheit und Wohlstand zu verstehen.

Die Ergebnisse der Tagung werden, ergänzt um weitere Beiträge, Anfang 2007 unter dem Titel Umleitung? Die Westdeutsche Nachkriegskultur zwischen Kontinuität, Wandel und Normalität im Transcript-Verlag erscheinen.

Zitation
Tagungsbericht: Zwischen Kontinuität, Wandel und Normalität. Die westdeutsche Kultur 1945-1960, 31.05.2006 – 02.06.2006 Groningen, in: H-Soz-Kult, 28.06.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1220>.
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Veröffentlicht am
28.06.2006
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