Das Kind in der Renaissance

Ort
Wolfenbüttel
Veranstalter
Klaus Bergdolt; Andreas Tönnesmann; Renaissance-Arbeitskreis; Herzog August Bibliothek
Datum
13.03.2006 - 15.03.2006
Von
Klaus Bergdolt, Medizingeschichte, Köln

Vom 13. bis 15. März 2006 fand im Bibelsaal der Herzog August Bibliothek eine internationale Arbeitstagung des Renaissance-Arbeitskreises zum Thema „Das Kind in der Renaissance“ statt. Organisation und Leitung lagen in den Händen von Klaus Bergdolt (Medizingeschichte, Köln) und Andreas Tönnesmann (Kunstgeschichte, Zürich). Ziel des Symposiums war es, das Renaissance-Bild des jungen Menschen, von der Geburt bis etwa zum Ende des 2. Lebensjahrzehnts, interdisziplinär zu beleuchten. Ein herausragendes Thema spielte dabei die Pädagogik, der, entsprechend dem Selbstverständnis der Humanisten, seit der Zeit Petrarcas eine wichtige, zukunftsprägende Rolle zuerkannt wurde. Neben großen Erziehern wie Guerino da Verona und Vittorino da Feltre wurden dabei auch unbekanntere Autoren wie der von Sebastiano da Bisticci gerühmte, eine christlich-antik inspirierte Erziehung favorisierende Maffeo Vegio oder der in Venedig wie Florenz einflussreiche spätere Kardinal Giovanni Dominici vorgestellt. Monika Rener (Marburg) präsentierte in diesem Zusammenhang in ihrem Beitrag Unordnung und frühes Leid eine ganze Palette auch dem modernen Menschen nicht unbekannter pädagogischer Fragen und Elternsorgen, während Dieter Martin (Freiburg) in seinem Beitrag über Unerzogene Kinder in der deutschen Renaissanceliteratur viele interessante, weniger bekannte Quellen vorstellte. Eva Schlotheuber (Marburg) berichtete dagegen über Die Rolle von Erziehung und Bildung in den Lebensbeschreibungen des 13. und 14. Jahrhunderts und akzentuierte hier vor allem die autobiografischen Aufzeichnungen Karls IV., die zwar formal durch Vorbilder festgelegt waren, doch auch individualisierende Tendenzen zeigten. Ausführliche Diskussionen betrafen die süd- und nordalpinen Parallelen sowie die spezifischen italienischen Einflüsse. Verwandt mit der Sorge um die charakterlich akzentuierte Erziehung war jene um die normale körperliche Entwicklung bzw. Gesundheit der Kinder, über die Daniel Schäfer (Köln) in seinem Beitrag Regimina puerorum? Die Sorge um die Gesundheit der Kinder in der Renaissance berichtete. Hier anschließend, analysierte Achim Aurnhammer (Freiburg) die sublimierte, doch sehr expressive Trauer angesichts des Todes von Kindern und jungen Menschen in seinem Beitrag Kindertotenlieder der Renaissance – Die Poetisierung des Kindstods im 15. und 16. Jahrhundert, während Manfred Pfister (Berlin) die vielfältigen Fragen kindlicher Existenz auf faszinierende Weise am Beispiel Shakespeares (Shakespeares Kinderstube) aufzeigen konnte. Elisabeth Stein (Wuppertal) berichtete in ihrem anregenden Vortrag (Kinder in Humanistenbriefen) über die keinesfalls immer stilisierte Darstellung von Kindern in oft erstaunlich individuell gestalteten Briefen und persönlichen Mitteilungen, während Tobias Leuker (Freiburg) über das eher unbekannte, doch spannende Sujet Die Florentiner Jugendbruderschaften und ihre Theaterpraxis im 15. Jahrhundert informierte. Thorsten Fitzon (Freiburg) stellte Das Kind in Lebensalterentwürfen der Frühen Neuzeit vor, ein Thema, das angesichts der Materialfülle – in der Literatur wie in der bildenden Kunst – natürlich nur exemplarisch gestreift werden konnte. Dirk Hoeges berichtete dagegen über einige interessante, wenig bekannte Aspekte des Kindes bzw. der Kindheit im Werk und in der Biografie Machiavellis (Das Kind bei Machiavelli). Drei kunsthistorische Beiträge rundeten schließlich das Programm ab: Andreas Beyer (Basel) sprach über Holbeins Kinderportraits zwischen Intimität und Repräsentation und akzentuierte die subtilen Übergänge von religiöser und säkularer Bedeutung einiger ausgewählter Portraits. Andreas Tönnesmann (Zürich) berührte mit seinem Vortrag Schüler und Schule in der Kunst der Renaissance thematisch eng die Beiträge zu Pädagogik und kindlichen Charakterbildung, wobei er auch ausführlich auf die Entwicklung des Schulwesens im 16. und 17. Jahrhundert einging. Den einführenden öffentlichen Abendvortrag in der Augustäerhalle hielt Dietrich Erben (Bochum) zum Thema Kinder und Putten in der Kunst der Renaissance. Es gelang ihm, die Entwicklung der Puttendarstellung in der Toskana anhand vieler bekannter und weniger bekannter Skulpturen und Bilder zu vermitteln. Wegen eines wichtigen wissenschaftspolitischen Termins musste Andreas Kablitz (Köln) seinen als mittelalterliches Präludium vorgesehenen Dante-Vortrag zum Thema Außerhalb des Pardieses – das Kind im Limbus leider absagen. Er wird aber im geplanten Sammelband aller Beiträge abgedruckt. Viele weitere verwandte Aspekte des weitreichenden Themas, etwa die Rolle des Neugeborenen, die dynastische Bedeutung des Kindes als Zukunftsgarant der Familie oder das Problem der Kinderlosigkeit wurden in den Diskussionen der stimulierenden Tagung erörtert.

Der Tagungsband soll im Herbst 2007 erscheinen.

Zitation
Tagungsbericht: Das Kind in der Renaissance, 13.03.2006 – 15.03.2006 Wolfenbüttel, in: H-Soz-Kult, 30.06.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1223>.
Redaktion
Veröffentlicht am
30.06.2006
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