Umwelt und Herrschaft in der Geschichte / Environnement et pouvoir: une approche historique

Ort
Paris
Veranstalter
Deutsches Historisches Institut Paris (DHIP)
Datum
12.06.2006
Von
Birte Löschenkohl, Berlin; Patricia Wiegmann, Erfurt

Inwiefern die Betrachtung menschlicher Umweltgestaltung Erkenntnisse über Herrschaftsverhältnisse zu verschiedenen Zeiten liefern kann, wurde im Rahmen des Ateliers „Umwelt und Herrschaft in der Geschichte“ am 12. Juni 2006 im Deutschen Historischen Institut Paris (DHIP) diskutiert. Dieses Thema sei vor allem deshalb interessant, weil es ein ergänzendes und vergleichendes Heranziehen verschiedener Disziplinen ermögliche und benötige: Sowohl geographische, als auch historische, archäologische, ökonomische und soziologische Erkenntnisse und Methoden müssten in die Analysen einbezogen werden, so die beiden Organisatoren François DUCEPPE-LAMARRE (DHIP) und Jens Ivo ENGELS (Universität Freiburg) in ihren einleitenden Worten. Die neuartige Kombination der beiden Thematiken Umwelt und Herrschaft eröffne im Allgemeinen vier sich überschneidende Untersuchungsdimensionen: Erstens die Beherrschung der Umwelt durch den Menschen, zweitens die Begrenzung von Herrschaftsausübung durch Umwelteinflüsse, drittens die Reflexion gesellschaftlicher Machtverhältnisse in der Umweltgestaltung und viertens die Nutzung der Umwelt als Argument für Machtausübung. In diesem Sinne präsentierten deutsche und französische Wissenschaftler verschiedener Disziplinen ihre Erkenntnisse über das Verhältnis von Mensch, Umwelt, Herrschaft und Macht.

Dass das antike Nordeuropa keinesfalls eine Umwelt war, in der „Barbaren“ mitten in einer unberührten Natur lebten, verdeutlichte Olivier BÜCHSENSCHÜTZ (CNRS, Archéologies d’Orient et d’Occident, Paris). Vielmehr sei bereits im Europa der Kupfer-, Bronze- und Eisenzeit das Verhältnis des Menschen zur Natur durch intensive Bearbeitung, Gestaltung und Neuorganisation der Landschaft, etwa durch Ackerbau, Bergbau und Viehzucht, geprägt. Mittels dieser Nutzung der Umwelt wurden, so BÜCHSENSCHÜTZ, bereits in der Antike der soziale Status und die Macht symbolisiert – wer Macht über die natürlichen Ressourcen besaß, konnte sich aus diesen etwa Schmuck und Waffen fertigen, und somit die gesellschaftliche Position zur Schau stellen.

Im Zentrum des Vortrags von François DUCEPPE-LAMARRE (DHIP) stand die mittelalterliche Jagd, die unter Kopplung historischer und archäologischer Methoden untersucht wurde. Dabei konstatierte er, dass die Jagd eine grundherrschaftliche Praxis zur Aneignung des Raumes sei, eine der zentralen menschlichen Interaktionen mit der Umwelt, durch deren Betrachtung Erkenntnisse über das Verhältnis zwischen Umwelt und Herrschaft im Mittelalter gewonnen werden könnten. Ausgehend vom Gegensatzpaar Mensch und Tier sowie ihrer Beziehung als Räuber und Beute beschrieb DUCEPPE-LAMARRE vier Bereiche: 1. die Akteure der Jagd mitsamt ihren sozialen Differenzierungen; 2. Räume, die zur Jagd geschaffen und genutzt wurden; 3. die Jagdrhythmen, die sich an biologischen aber auch herrschaftlichen Einflüssen orientierten und 4. die Jagdtechniken, wobei insbesondere die Fallenstellerei Aufmerksamkeit erhielt.

Auf die Suche nach der Umweltgeschichte in der deutschen Mediävistik begab sich Gerrit SCHENK (Universität Stuttgart) mit seinem Vortrag. Umweltgeschichtliche Themen seien zwar in Bereichen der Mediävistik zu finden, jedoch eher marginal und ohne den Rahmen einer eigenen Umweltgeschichtsschreibung mit abgegrenztem Themenbereich und eigenen Fragestellungen. Das läge jedoch nicht an fehlenden Untersuchungsgegenständen, sondern an einer Vernachlässigung des Themas, der nun etwas entgegengesetzt werden müsse: Neue Quellengruppe müssen erschlossen, alte Quelleneditionen unter anderen Fragestellungen nochmals untersucht werden, wobei Methoden anderer Disziplinen wie der Archäologie hilfreich sein könnten. Insbesondere im Kontext der Geschichte von Machtbeziehungen sah Schenk die Möglichkeit, in umwelthistorischer Perspektive an ältere Ansätze der Mediävistik anzuschließen.

Natur fungierte im Absolutismus als Medium der Macht, so Martin KNOLL (Universität Regensburg). Am Beispiel des bayerischen und sächsischen Hofes zeigte er auf, wie die Nutzung und Transformation der natürlichen Umwelt – Parkarchitektur, Jagd- und Festgestaltung – gezielt zur Demonstration von Macht eingesetzt worden waren. Zudem sei im Zuge der Raumaneignung durch die Jagd Herrschaft natural und sozial konstruiert worden. Nicht nur die körperliche Anwesenheit des reisenden Regenten und seines Gefolges, sondern auch die Gestaltung von dauerhaft präsenten Jagdschlössern und -parks in entlegenen Winkeln des Landes habe Herrschaft für breite Bevölkerungsgruppen erfahrbar gemacht und zugleich die Machtfülle des Herrschers auch mit Blick auf die Hofgesellschaft dokumentiert. Allerdings seien dem aristokratischen Dominanz- und Demonstrationspostulat oftmals durch ökologische Grenzen, wie Holz- oder Wassermangel, Schranken gesetzt worden.

Jérôme BURIDANT (Université Reims) stellte sich die Frage, ob es eine Energiekrise im 18./19. Jahrhundert gab, die auf limitierte natürliche Ressourcen zurückzuführen sei. Am Beispiel des Holzes, so BURIDANT, könne verdeutlicht werden, daß der Versorgungsmangel zwischen 1750 und 1870 nicht nur eine Folge der steigenden Nachfrage im Zuge des Wirtschaftswachstums war. Vielmehr sei diese Holzkrise der Industriellen Revolution vorausgegangen. Die Krise, so BURIDANT, stelle sich nicht zuletzt als eine Krise der Waldwirtschaft dar, die infolge von Managementproblemen und einem ungenügenden Verständnis natürlicher Abläufe entstanden sei. Zudem war die Krise das Ergebnis eines Expertendiskurses. Daß sie weniger ernst war als häufig angenommen zeigte sich auch an der Tatsache, dass ein großer Anteil der Energie, die etwa die Verhüttungsbetriebe des frühen 19. Jahrhunderts verbrauchten, weiterhin durch die Nutzung von Holzkohle erzeugt wurde. Die von BURIDANT eingenommene wirtschaftshistorische Sichtweise hob die Machtausübung sowohl in der Konkurrenz verschiedener Abnehmer in der konkreten Nutzung der natürlichen Ressourcen hervor, als auch die Deutungsmacht der entstehenden Gruppe von Forstexperten.

Welche Rolle Herrschaft im Ökosystem Stadt spiele, in der der Mensch den größten Einfluss auf die Umwelt ausübe, betrachtete Laurence LESTEL (Conservatoire national des Arts et Métiers, Paris). Dabei veranschaulichte sie anhand der Wasserverschmutzung und Bleiweißherstellung im Paris des 19. und 20. Jahrhunderts, dass politische Herrschaftsträger einerseits Akteure, andererseits vor allem machtlose Zeugen der Umweltveränderungen gewesen seien. So hatte die Politik zunächst die Bleiweißherstellung gefördert, entwickelte aber keine Lösungen für das Problem der daraus resultierenden Bleivergiftungen. Des weiteren stellte LESTEL anhand ihres Vortrages dar, inwiefern sich die Konzentration auf die Materie konzeptionell als Zugang zur Umweltgeschichte eigne. Mensch und Materie sollten gleichsam unter Anwendung historischer sowie naturwissenschaftlicher Einsichten ins Zentrum künftiger Betrachtungen gerückt werden.

Der Vortrag von Dirk VAN LAAK (Universität Jena)[1] beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Infrastrukturen und Macht. Infrastrukturen definierte VAN LAAK zunächst als Zugriffsmöglichkeiten des Menschen auf die Natur, also etwa Verkehr, Kommunikation sowie Ver- und Entsorgung. Zugleich, so VAN LAAK, erweitern diese Infrastrukturen den Radius der menschlichen Sinne, und stellen insofern eine Art „zweite Natur“ des Menschen dar. Die Bedeutung der Infrastruktur für die Machtausübung und Kontrolle von Natur aber auch von Gesellschaft sei evident. Zudem entwickle die Infrastruktur eine machtvolle Eigendynamik. Außerdem könne man eine starke integrative Kraft der Infrastrukturen konstatieren, die nicht nur Zugriffe, sondern auch Austausch ermögliche, und insofern als „Medium“ fungiere.

In einem abschließenden Ausblick behandelte Joachim RADKAU (Universität Bielefeld) den Begriff „Nachhaltigkeit“, der aus seiner Sicht hervorragend die Schlagworte der Tagung „Umwelt“ und „Herrschaft“ verbinde. Entgegen einer verbreiteten Auffassung sei „Nachhaltigkeit“ keine moderne Wortschöpfung, sondern könne auf eine 300-jährige Geschichte zurückblicken. Heute laufe das Wort aufgrund eines inflationären Gebrauchs in Politik und Öffentlichkeit Gefahr, zu einer beliebig aufladbaren Buchstabenhülse zu verkommen, zeige aber seine legitimatorische Qualität. Auch in der Vergangenheit sei „Nachhaltigkeit“ ein Kampfbegriff gewesen. Betrachte man zum Beispiel, wer Nachhaltigkeit definierte, umsetzte und kontrollierte, so könne man Konflikte und die Ausübung von Herrschaft daran ablesen. Statt komplexer Konzepte, die sich letztlich oft als impraktikabel erweisen, solle sich die Umweltgeschichte lieber Begriffen wie der Nachhaltigkeit bedienen, die einen weiten Raum zum Erkenntnisgewinn öffnen können.

Das französische Schlusswort hielt Robert DELORT (Université Paris VIII). Erklärungsmuster für die Gründe der früh fortgeschrittenen Umweltbeherrschung in Europa gebe es viele – vom religiösen Faktor des Christentums bis zu der Annahme, es seien schlichtweg die günstigeren Lebensumstände entscheidend gewesen. Doch DELORT vertrat die These, daß vielmehr die verwandten Sprachen der Europäer (die ansonsten nicht viel gemeinsam hätten) entscheidend gewesen seien. Ihre Sprache befähige sie zu einem tiefgehenden Verständnis der Welt – durch die Möglichkeit einer präzisen Beschreibung der Natur, die diese wiederum verfügbar und beherrschbar mache. Die Linguistik stelle insofern einen geeigneten Zugang zu umwelt- und herrschaftsbezogenen Fragen dar.

Die Publikation eines Tagungsbandes ist geplant.

Anmerkung:
[1] Vorgetragen aufgrund eines Unfalls von seiner Frau, Dr. Jeanette van Laak (ebenfalls Universität Jena).

Zitation
Tagungsbericht: Umwelt und Herrschaft in der Geschichte / Environnement et pouvoir: une approche historique, 12.06.2006 Paris, in: H-Soz-Kult, 06.07.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1230>.
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Veröffentlicht am
06.07.2006
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