(Re-)Formulierung nationaler Selbstbilder in postdiktatorischen Gesellschaften in Europa

Ort
Wien
Veranstalter
Carola Sachse, Regina Fritz, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien
Datum
24.05.2006 - 26.05.2006
Von
Regina Fritz; Katrin Hammerstein; Birgit Hofmann; Julie Trappe; Katja Wezel

Am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien fand vom 24.–26. Mai 2006 ein internationaler DoktorandInnenworkshop zum Thema „(Re-)Formulierung nationaler Selbstbilder in postdiktatorischen Gesellschaften in Europa“ statt (Konzept und Organisation: Prof. Dr. Carola Sachse und Mag. Regina Fritz). Er war Teil des Begleitprogramms des von der Heinrich-Böll-Stiftung finanzierten Graduiertenkollegs zur Zeitgeschichte „Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft in Europa“ unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Edgar Wolfrum, Heidelberg in Kooperation mit Prof. Dr. Carola Sachse, Wien. Neben den Kollegiatinnen hatten – dank der Förderung durch die Österreichische Forschungsgemeinschaft und die Universität Wien – Doktorandinnen und Doktoranden aus mehreren europäischen Ländern die Gelegenheit, ihre laufenden Forschungsprojekte intensiv zu diskutieren.

Den Ausgangspunkt des Workshops bildeten die historischen Brüche in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie in der Überwindung der faschistischen und kommunistischen Diktaturen gegeben sind. Zu den vielgestaltigen Transformationsprozessen, die viele europäische Länder durchlaufen haben, gehört die (Re-)Formulierung der nationalen Selbstbilder als Identifikationsangebot nach innen und als Distinktionsmerkmal nach außen. Diese sollen vor allem das nationale Besondere, das Eigentümliche und Identitätsstiftende repräsentieren und bedienen sich daher meist spezifisch nationaler Geschichtserzählungen, Mythen und Legenden. Gleichwohl lassen sich in diesen Selbstbildern auch ähnliche Metaphern, Denkfiguren und dichotomisierende Sprachmuster wiederfinden.

Ziel des Workshops war es, die verschiedenen nationalen Selbstbilder und ihren geschichtspolitischen Einsatz auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu untersuchen. Weiterhin sollte danach gefragt werden, inwieweit sich nationale Selbstbilder im Prozess der europäischen Integration verändern und ob dies als Herausbildung eines neuen „europäischen Gedächtnisses“ (Henry Rousso) zu interpretieren ist.

Eröffnet wurde der Workshop mit dem Vortrag „Der Gender Appeal nationaler Rhetoriken“ von Gabriele Kämper (Berlin) [1]. Kämper machte anhand von Texten der Neuen Rechten in Deutschland, wie sie mit „Die selbstbewußte Nation“ [2] prominent wurden, deutlich, wie sehr nationale Rhetoriken über Emotionen funktionieren und sich dabei einer Sprache der Binarität, v.a. der Entgegensetzung von „männlich“ und „weiblich“, bedienen.

Begriffliche Grundlagen für den Workshop lieferte Christina Kleiser (Rom) mit ihrem Beitrag „Gibt es ein europäisches Gedächtnis?“, der sich kritisch mit den Termini Erfahrung, Gedächtnis und Erinnerung auseinandersetzte. Kleiser wies auf die Notwendigkeit einer klaren Differenzierung hin, insbesondere wenn nicht offensichtlich sei welche Art von Gedächtnis oder Erinnerung – kollektiv, individuell oder beides umfassend – im Mittelpunkt stehe. Sie betonte außerdem die Bedeutung von Akteuren für die Darstellung von Geschichte.

Hildegard Schmoller (Wien) arbeitete auf Grundlage einer breiten Materialbasis zentrale Elemente des sich verändernden Selbstbildes der tschechischen Nation heraus, wie sie sich im Gedächtnisort Münchner Abkommen manifestieren. Diese reichen von der „verratenen und verlassenen“ Nation bis zum Selbstbild des „kampfbereiten und tapferen Volkes“. Schmoller zeigte auf, wie die Selbstbilder unmittelbar nach dem Münchner Abkommen, während der kommunistischen Ära und nach 1989 politisch instrumentalisiert wurden.

Katrin Hammerstein (Heidelberg) gelang ein aufschlussreicher Vergleich der Gründungsmythen der drei Nachfolgestaaten des „Großdeutschen Reiches“. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass das „Land der Täter“, die Bundesrepublik als offizielle Rechtsnachfolgerin des „Dritten Reiches“, zwei „Ländern der Opfer“, der DDR und Österreich, gegenübersteht. Dennoch lassen sich in allen drei Staaten Ausprägungen eines Selbstverständnisses als Opfer feststellen, das v.a. eine Identifikations- und Integrationsfunktion hatte.

Im Vergleich von zwei literaturwissenschaftlichen Fallstudien zeigte Ansgar Warner (Gießen), wie in Spanien die Erinnerung an den Bürgerkrieg zur Formulierung des nationalen Selbstbildes benutzt worden ist. Zum einen untersuchte Warner hierfür die Legende der „Helden von Toledo“. Zum anderen analysierte er den Roman „Die Soldaten von Salamis“ des katalanischen Autors Javier Cercas aus dem Jahre 2001.

Doreen Eschinger (Budapest) stellte die Nachwirkungen des Holocaust auf der individuellen Ebene dar. Auf Grundlage von selbst geführten Interviews und bereits vorhandenen Oral-History-Zeugnissen beschrieb sie eindrücklich die Schwierigkeiten, mit denen weibliche ungarische Holocaust-Überlebende im Zuge ihrer Rückkehr nach Ungarn zu kämpfen hatten.

Petru Weber (Berlin) fokussierte in seinem Vortrag den kollektiven Umgang mit dem Holocaust in Rumänien. Mit der Einführung des Begriffs „domestic Holocaust“ wies er ausdrücklich auf die lange Zeit vernachlässigte Thematisierung der Ermordung der rumänischen Jüdinnen und Juden in Transnistrien hin. Weber stellte speziell den Umgang der verschiedenen Parteien hiermit dar und diskutierte die Veränderungen, die mit der Etablierung des kommunistischen Regimes eingetreten waren.

Die Perspektive auf die Erinnerung an den Holocaust in Osteuropa wurde von Regina Fritz (Wien) um den Bereich der musealen Verarbeitung erweitert. Ihre Analyse der Ausstellungskonzeptionen der ungarischen Museen „Haus des Terrors“ und „Holocaust Dokumentationszentrum und Gedenksammlung“ zeigte auf, wie umkämpft die Vergangenheit und insbesondere der Opferstatus in Ungarn sind. So führt die Konkurrenz zwischen dem eigenen Leid und dem Leid der Holocaust-Opfer zu einem erst allmählich selbstkritischer werdenden Umgang mit der NS-Zeit.

Birgit Hofmann (Heidelberg) untersuchte in ihrem Beitrag zur tschechischen nationalen Identitätskonstruktion die Narrative zum Prager Frühling 1968 („Sozialismus mit menschlichem Antlitz“) und zum politischen Umbruch 1989 („Samtene Revolution“). Diese waren nach 1989 zunächst eng aufeinander bezogen, im Laufe der Zeit entwickelte sich jedoch eine Frontstellung zwischen ihnen. Der Kampf um die Geschichte des Kommunismus habe in der Tschechischen Republik zur Herausbildung verschiedener geschichtspolitischer Lager geführt, so Hofmann, die sich auch in der Konstruktion von zwei Generationen spiegele.

Die Liga der Polnischen Familien (LPR) stand im Zentrum des Beitrags von Katharina Stankiewicz (Frankfurt/Oder). Sie schilderte die Prozesse der Exklusion von Gruppen wie den Homosexuellen durch die im rechtsradikalen Spektrum angesiedelte Partei. Stankiewicz setzte sich außerdem mit der Frage auseinander, welche Rolle der Migration nach Polen, aber auch von Polen ins Ausland im Zusammenhang mit solchen Exklusionsmechanismen zukommt.

Mit Jugendbildern und politischer Transformation in Polen beschäftigte sich Valeska Henze (Berlin). Henze ging davon aus, dass anhand von Jugendbildern die Hoffnungen, Wünsche und Ängste einer Gesellschaft zum Ausdruck kommen. Jugendbilder spiegeln damit auch den Prozess der politischen Transformation und geben Aufschluss über nationale Selbstbilder.

Julie Trappe (Heidelberg) ergänzte den Workshop um die juristische Perspektive. Anhand der strafrechtlichen Aufarbeitung kommunistischen Unrechts in Rumänien zeigte sie auf, wie mit einer „Taktik der kollektiven Unschuld“ (Lucian Boia) jegliche Schuld abgewehrt und im öffentlichen Bewusstsein die gesamte kommunistische Zeit ausgeklammert wird. Eine interessante Parallele zum deutschen Umgang mit der NS-Vergangenheit ergab sich durch Trappes Hinweis auf die Dämonisierung Ceausescus nach dessen Hinrichtung, die deutlich an die Diabolisierung Hitlers in der frühen Bundesrepublik erinnert.

Um das nationale Selbstbild in Lettland nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit ging es im Vortrag von Katja Wezel (Heidelberg). Zentral ist für Wezel hierbei der Begriff der Okkupation. Das Narrativ von der lettischen Republik, die durch fremde Mächte, die Sowjetunion und Hitlerdeutschland, besetzt war, bilde einen der Grundpfeiler nationaler lettischer Identitätskonstruktion. Diese betone die Kontinuität zur Ersten Lettischen Republik und spalte die lettische Gesellschaft in zwei Gruppen: die der Letten und der russischen Minderheit.

Katja Richters (London) wählte einen anderen Fokus auf die postsowjetische Staatenwelt. In ihrem Beitrag thematisierte sie die Bedeutung der Orthodoxie für das postsowjetische Russland. Dabei stellte Richters fest, dass die russische Orthodoxie gleichsam Bindeglied und Abgrenzung zu Europa bedeutet: Diese stehe auf der einen Seite für die christliche Tradition Russlands, auf der anderen Seite aber auch für die Abgrenzung zum mehrheitlich katholisch bzw. lutherisch geprägten Europa.

Imke Hansen (Hamburg) beendete den Workshop mit einem Beitrag zu Identität, Transformation und Nationsbildung in Belarus. Mit ihrem Vortrag über die ‚letzte Diktatur Europas’ wurde zugleich die Verbindung hergestellt zwischen der Geschichtspolitik in postdiktatorischen Gesellschaften und der Instrumentalisierung von Geschichte während einer Diktatur. Hansen wies auf die in diesem Fall idealtypische Dualität von regimegelenkter und oppositioneller Erinnerungspolitik in Belarus hin.

Die Vorträge der Doktorandinnen und Doktoranden zeigten, dass sich hinsichtlich der (Re-)Formulierung nationaler Selbstbilder nach politischen Umbrüchen in europäischen Ländern zahlreiche Parallelen feststellen lassen. So findet nach dem Ende von Diktaturen häufig deren Externalisierung statt, begleitet vom Rückgriff auf nationale Traditionen aus der Zeit vor der Diktatur, und es kommt zu einer Polarisierung der Gesellschaft. Diese Polarisierung kann, wie sich des Weiteren zeigte, entlang unterschiedlicher Demarkationslinien verlaufen: Es finden sich klassische politische Pole ebenso wie ethnische, generationelle und geschlechtsspezifische Abgrenzungen. Die so entstehenden gesellschaftlichen Gruppen treten miteinander in Konkurrenz um das hegemoniale Geschichtsbild. Insbesondere in den osteuropäischen Staaten ist im Zuge dieses Kampfes um die Vergangenheit in den letzten Jahren vermehrt ein Vergleich bzw. eine Gleichsetzung des Nationalsozialismus mit dem Kommunismus zu beobachten, die mit der Eigenwahrnehmung als Volk von Opfern einhergeht.

Im Zuge der Abschlussdiskussion wurde auch der inflationär gebrauchte Rückgriff auf die Theoreme von Jan und Aleida Assmann [3] bzw. Pierre Nora [4] kritisiert. Es wurde zudem darauf hingewiesen, die wachsende Transnationalität von Geschichtspolitik stärker zu berücksichtigen und den Blick auf die Gender-Perspektive zu richten, auch wenn das Thema diese nicht offensichtlich impliziere. Ein weiterer wichtiger Faktor für die (Re-)Formulierung von nationalen Selbstbildern wurde mit dem Druck der EU-Beitrittsverhandlungen auf die osteuropäischen Staaten benannt, der diese zu einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit gezwungen habe.

Der Workshop machte somit auch deutlich, dass weiterer Diskussionsbedarf besteht. Dazu gehören insbesondere der Einsatz von Dichotomien (z.B. Opfer-Täter-Dichotomie, Männer- und Frauenbilder, Generationengegensätze) sowie die zum Teil problematische Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit in Osteuropa. Gelegenheit zur weiteren Diskussion bietet die für Sommer 2007 in Heidelberg geplante internationale Tagung des Kollegs „Overcoming Dictatorship and Establishment of Civil Society“, die zudem die Perspektive über Europa hinaus erweitern möchte.

Die Publikation der Beiträge des Workshops ist in Vorbereitung.

Anmerkungen:
[1] Kämpers Vortrag basierte auf ihrer Studie: Kämper, Gabriele, Die männliche Nation. Politische Rhetorik der neuen intelektuellen Rechten, Köln/Wien 2005.
[2] Schwilk, Heimo; Schacht, Ulrich (Hrsg.), Die selbstbewußte Nation. „Anschwellender Bocksgesang“ und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte, Berlin 1994.
[3] Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992; Assmann, Aleida, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 2003; Assmann, Aleida; Frevert, Ute, Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999.
[4] Nora, Pierre (Hrsg.), Les lieux de mémoire, 7 Bde., Paris 1984–1992.

Kontakt

Graduiertenkolleg zur Zeitgeschichte
"Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft in Europa"
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Fax: 06221/547627

Zitation
Tagungsbericht: (Re-)Formulierung nationaler Selbstbilder in postdiktatorischen Gesellschaften in Europa, 24.05.2006 – 26.05.2006 Wien, in: H-Soz-Kult, 13.07.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1233>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.07.2006
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