HT 2006: Re-Visionen. Zum Wandel von Geschichtsbildern im öffentlichen Geschichtsbewusstsein und für den Schulgebrauch

Ort
Konstanz
Veranstalter
Andreas Helmedach, Georg-Eckert-Institut Braunschweig; Susanne Popp, Universität Augsburg; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
19.09.2006 - 22.09.2006
Von
Katja Gorbahn, Institut für Geschichte, Universität Augsburg

Wenn es gilt, das Geschichtsbild zu rekonstruieren, das ausschlaggebende Kräfte der Gesellschaft für relevant erachten, ist das Schulbuch eine erstrangige Quelle. Ob einseitig administrativ verordnete Version der Geschichte oder Manifestation „sozialen Konsenswissens“[1]: In Schulbüchern werden diejenigen Deutungs- und Identifikationsangebote sichtbar, die der nachfolgenden Generation vermittelt werden sollen. Es ist deshalb zu erwarten, dass sich auch Veränderungen der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der damit verknüpften dominierenden Geschichtsbilder in den Schulbüchern erkennbar niederschlagen, wobei eine Tendenz zur Beharrung stets einzukalkulieren ist. Nun liegt es aber, wie Susanne Popp (Augsburg) in ihrer Einführung betonte, im Wesen schulisch institutionalisierter Geschichtsvermittlung, Gegenwart stets als „sinnvolles“ Resultat historischer Transformationen im Rahmen von identitätsbestimmenden Tradierungen und Kontinuitätslinien zu erschließen und damit einen speziellen Zusammenhang zwischen Kontinuität und Wandel zu konstruieren. Ziel der Sektion war es nun, anhand von verschiedenen Fallbeispielen auszuloten, in welcher Weise und in welchen Formen sich gesellschaftliche Veränderung auf die Konstruktion eben dieses Zusammenhanges zwischen Kontinuität und Wandel auswirken kann.

In drei Vorträgen ging es um das veränderte Geschichtsbild, das Gesellschaften von ihrer eigenen Geschichte entwerfen, und zwar in Situationen radikalen Wandels (Sonia Abu-Nasr: Namibia), gemäßigter Anpassung (Claudia Schneider: Volksrepublik China, Taiwan) sowie im Zeichen des Wandels eines Identitätspostulats, das um den Wert der „Beharrung“ zentriert ist oder war (Markus Furrer: Schweiz). Der Vortrag von Andreas Helmedach, der zusammen mit Susanne Popp die Sektion leitete, widmete sich der Konstruktion des „anderen“, nämlich „Osteuropas“, in deutschen Schulbüchern. Der ans Ende gesetzte Vortrag von Susanne Popp zur Darstellung der deutschen Geschichte in aktuellen Lehrbüchern für den Weltgeschichte-Unterricht musste aus Zeitgründen leider entfallen.

Dass sich in Deutschland eine eigene historische Teildisziplin mit dem Geschichtsraum „Osteuropa“ befasst, sei, so führte Andreas Helmedach (Braunschweig) in seinem Vortrag „Osteuropa im deutschen Geschichtsbild – Kontinuität und Wandel“ einleitend aus, allein bereits Indiz für ein spezielles Verhältnis der Deutschen zu Osteuropa und ihre mental map von einer Region, die auf diese Weise sowohl akzentuiert als auch aus der „allgemeinen Geschichte“ ausgegliedert werde. Der Transfer der Forschungsergebnisse der Osteuropahistoriker in die Schulbücher verlaufe jedoch häufig nur schleppend und so würden Orientierungshilfen wie das wesentlich mit dem Namen Klaus Zernacks verbundene Konzept historischer Teilregionen (Ostmitteleuropa, Nordosteuropa, Osteuropa im engeren Sinn sowie Südosteuropa bzw. Donau-Balkan-Raum) nicht genutzt – eine Typologie, über deren Aktualität und Geltung im Übrigen in der Diskussion kontrovers debattiert wurde. Überhaupt wiesen die Schulbücher, so Helmedach, keinen radikalen Umbruch in der Konstruktion Osteuropas, wohl aber Verschiebungen und Veränderungen im Einzelnen auf.

Ausgehend von normativen Kriterien und anhand konkreter Beispiele aus aktuellen Schulbüchern ging Helmedach im Folgenden auf verschiedene Teilregionen ein: So werde infolge der intensiven deutsch-polnischen Zusammenarbeit Polen inzwischen vergleichsweise intensiv und gewissermaßen als typisches osteuropäisches Land behandelt, wohingegen gleichzeitig die Darstellung der tschechische Geschichte an Umfang und historischer Tiefenschärfe verliere. Die Präsentation der russischen Geschichte sei weiterhin stark von Stereotypen der „Rückständigkeit“ geprägt; für die Geschichte Südosteuropas bzw. des Donau-Balkan-Raumes sei seit den 1990er Jahren gar eine zunehmend stereotype Darstellung als „Krisenherd“ zu verzeichnen. Ein besonderes Problem stelle auch hier der Verlust an historischer Tiefe infolge der weitgehenden Ausblendung der Geschichte des Osmanischen Reiches dar.

In Markus Furrers (Fribourg) Referat über „Die Geschichte der Schweiz im Schweizer Geschichtsbewusstsein – Brüche im Kontinuitätsideal“ stand ein historisches Narrativ im Mittelpunkt, das im Unterschied zu dem anderer europäischer Länder lange Zeit in hohem Maße von Kontinuität gekennzeichnet war. Dominierend war dabei ein Selbstverständnis als kleiner Staat, der sein Recht auf Autonomie gegenüber der Übermacht der Fremden zu wahren bestrebt ist, und für dessen Identitätswahrung Rückprojektionen in die Geschichte bzw. Geschichtsmythen – Furrer erwähnte hier u. a. den Rütli-Mythos – eine zentrale Rolle spielten. Anders als in vielen anderen europäischen Staaten sei das populäre Geschichtsbild durch die mit den Jahren 1945 und 1968 verbundenen Umbrüche trotz gewisser Veränderungen nicht grundlegend berührt oder gar gebrochen, sondern eher komprimiert worden. Erst seit 1989 geriet das Narrativ, so Furrer, im Zusammenhang mit der Diskussion um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zunehmend unter Druck. Partikulare – auf die Nation bezogene – und universale Geschichtsvorstellungen ließen sich nicht mehr in ein geschlossenes Geschichtsbild integrieren. Auch die Konkurrenz anderer – transnationaler – Fragestellungen und Narrative z.B. in Gestalt der Europaerzählung führte zu einer zunehmenden Erosion und Fragmentierung, ohne dass dies jedoch immer ganz eindeutig an den Schulbüchern ablesbar wäre, die – sofern im Gymnasialbereich nicht ohnehin mit deutschen oder französischen Lehrwerken gearbeitet wird – z.T. gar keine kompakten Narrative mehr erkennen lassen.

In ihrem Beitrag „Namibia, Afrika und die Welt. Zum Wandel von Geschichtsbildern in namibischen Schulbüchern“ analysierte Sonia Abun-Nasr (Basel) drei namibische Schulbücher aus der Zeit zwischen 1985 und 2000, einer Zeit radikalen Wandels also, in dessen Verlauf sich Namibia als unabhängiger Nationalstaat konstituierte. Damit ging eine Neuinterpretation der namibischen Geschichte einher, die sich auch in den Schulbüchern niederschlug und sich nicht nur auf die Auswahl der Inhalte, sondern auch auf die Struktur des Narrativs auswirkte.

Das ab 1985 erschienene Lehrwerk „History Past and Present for SWA/Namibian Schools“ konstruiert Weltgeschichte aus eurozentrischer Perspektive als Fortschrittsgeschichte der Menschheit, in die die Geschichte Afrikas bzw. Südafrikas integriert ist. Namibia, das in dieser Darstellung durch die deutsche und südafrikanische Herrschaft am Fortschritt teilhat, wird keine eigene, insbesondere keine vorkoloniale Geschichte zugestanden. Kolonialapologetische Tendenzen weist auch das im Kontext der Wahlen von 1989 entstandene Lehrwerk „History for Schools in Namibia“ auf, das jedoch einen weit stärkeren regionalen Bezug besitzt und – von der Ur- und Frühgeschichte angefangen – ethnische Vielfalt als entscheidendes, das Leben in Namibia stets bestimmendes Prinzip präsentiert. Die – mit Fortschritt verknüpfte – deutsche Kolonialherrschaft und die südafrikanische Führungsrolle erscheinen als legitim. Im Gegensatz dazu versucht das ab 1991 erschienene „Understanding History. Namibian Junior Secondary Textbook“ aus der Perspektive der Südwestafrikanischen Volksorganisation (South-West Africa People's Organisation [SWAPO]) eine eigenständige namibische Geschichte zu etablieren. Sie wird in den Kontext einer afrikanischen Geschichte gesetzt, die einerseits als Geschichte großer Kulturleistungen, andererseits als Geschichte von Unterdrückung und antikolonialem Widerstand erzählt wird. So lässt sich abschließend festhalten, dass sich der Transformationsprozess in Namibia in den Schulbüchern des untersuchten Zeitraums stark niederschlägt. Die Veränderung, resümierte Abu-Nasr, bestehe jedoch in erster Linie in einer Umwertung der europäischen Geschichte und des europäischen Einflusses. Richte man den Blick auf die Ebene der zugrunde liegenden Konzepte von Dauer und Wandel, dann wird deutlich, wie stark die Kontinuitäten sind: Entscheidender Motor des Wandels bleibe in den untersuchten Geschichtsbildern der europäische Einfluss.

Chinesische Schulbücher, die bislang nur wenig mediale Aufmerksamkeit gefunden haben, erregten erst kürzlich öffentliches Interesse: „Where’s Mao?“, fragte jüngst die New York Times angesichts neuer Schulbücher in Shanghai, in denen Chinas kommunistische Vergangenheit vor 1979 nur noch eine marginale Rolle spielt. Im Zeichen partieller Liberalisierung, Dezentralisierung und Pluralisierung auch im Schulbuchbereich sowie einer Neubewertung der traditionellen chinesischen Kultur als Quelle von Nationalstolz sind in der Volksrepublik China in der Tat Veränderungen im schulbuchvermittelten Geschichtsbild zu beobachten. Flankiert werden diese Veränderungsprozesse durch eine didaktische Neuorientierung hin zu einer stärkeren Schülerorientierung. Ähnliches gilt für die Taiwan vor dem Hintergrund von Demokratisierung, „Vereinheimischung“ (Taiwanisierung) und Auseinandersetzung um Nationalidentität. Mit diesen aktuellen Transformationsprozessen in den Geschichtsschulbuchkulturen beider Länder befasste sich Claudia Schneiders (Braunschweig) Vortrag „Kontinuität im Wandel: Revisionen der ‚Geschichte Chinas’ in aktuellen chinesischen und taiwanesischen Schulbüchern“ anhand verschiedener Themenkomplexe. Im Zusammenhang mit der traditionellen Trennung von Welt- und Nationalgeschichte sind z.B. in der Volksrepublik China Diskussionen über mögliche Integrationsmodelle zu verzeichnen. Entsprechende Umsetzungsversuche erschütterten das etablierte Narrativ nicht ernsthaft, trügen jedoch zu einer „Ent-Insularisierung“ der chinesischen Geschichte bei. In Taiwan hingegen wurde die Zweiteilung infolge der Hinzufügung der taiwanesischen Geschichte durch eine Dreiteilung abgelöst.

In einem weiteren Punkt legte Schneider dar, dass die traditionelle Rhetorik von Anciennität und Kontinuität auch in den neueren Lehrbüchern selten erschüttert werde, dass aber in beiden Schulbuchkulturen durchaus Veränderungen in den Strukturierungsprinzipien zu verzeichnen seien. So sei z.B. in China ein Geschichtsbild, das von der Vorstellung von Kontinuität und Teleologie, in zweiter Linie auch von einer zyklischen Konzeption geprägt war, durch ein präsentistisches ersetzt worden, das das Selbstverständnis der heutigen Volksrepublik als multi-ethnischer Einheitsstaat zurückprojiziere. In Taiwan sei unter dem Einfluss einer neuen, sozial- und kulturgeschichtlichen Historikergeneration ein verstärktes Aufbrechen des chronologischen Ansatzes verbunden mit einer Hinwendung zu Themenzentriertheit und einer Erweiterung des Themenspektrums zu verzeichnen. Was schließlich den Träger des Narrativs betreffe: Während das Subjekt der älteren chinesischen Bücher das einfache Volk war, ist die Verbindung zwischen Klassenzugehörigkeit und Fortschrittlichkeit heute gelöst. Das „multiethnische chinesische Staatsvolk“ gewann hier an Relevanz, während es in Taiwan tendenziell eher in der Dekonstruktion begriffen ist. Zusammenfassend wird man für beide Schulbuchkulturen wohl weniger von Revolution und radikalem Wandel sprechen als vielmehr von Evolution.

In den Diskussionen wurde immer wieder die Frage nach den Rahmenbedingungen der Schulbuchgestaltung aufgeworfen. Spezifika der Bildungssysteme kamen ebenso zur Sprache wie Bedingungen staatlicher Einflussnahme über Lehrplangestaltung und Schulbuchzulassung oder Voraussetzungen für Transfer, etwa durch die Arbeit des Georg-Eckert-Institutes – hier wäre sicher gerade im Bereich der Schulbuchgenese in vielen Bereichen noch empirische Forschung zu leisten. Daneben kreiste die Diskussion immer wieder um die Frage des nationalen Basisnarrativs, die sich in den untersuchten Gesellschaften infolge verschiedener Stadien des nation building durchaus unterschiedlich darstellt. So wurde im Zusammenhang mit der Darstellung Osteuropas in deutschen Schulbüchern die Frage, ob man an der nationalen Ausrichtung des Narrativs festhalten solle bzw. müsse, durchaus kontrovers debattiert. In der Frage nach dem nationalen Basisnarrativ und in der Diskussion möglicher Alternativen dürfte in der Tat einer der Kernpunkte aktueller „Re-Visionen“ nicht nur in der deutschen Schulbuchkultur liegen.

Anmerkung:
[1] Höhne, Thomas, Schulbuchwissen. Umrisse einer Wissens- und Medientheorie des Schulbuchs, Frankfurt am Main 2003, S. 45.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2006: Re-Visionen. Zum Wandel von Geschichtsbildern im öffentlichen Geschichtsbewusstsein und für den Schulgebrauch, 19.09.2006 – 22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 18.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1237>.