Neuanfang im Westen – 60 Jahre Osteuropaforschung in Mainz

Ort
Mainz
Veranstalter
Abteilung für Osteuropäische Geschichte des Mainzer Historischen Seminars
Datum
29.06.2006
Von
Hans-Christian Petersen, Historisches Seminar, Abteilung für Osteuropäische Geschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die Historisierung der Geschichtswissenschaft hat seit einigen Jahren Konjunktur. Dies gilt nicht zuletzt für die Historie der deutschen Beschäftigung mit dem östlichen Europa, der vor allem für den Bereich der deutschtumszentrierten „Ostforschung“ in den letzten Jahren eine verstärkte Aufmerksamkeit der Forschung zuteil geworden ist. Die Geschichte der Ostforschung endet hierbei nicht 1945, sondern reicht bis weit in die Zeit der Bundesrepublik hinein. Die institutionelle Basis war mit dem Zusammenbruch des ‚Tausendjährigen Reiches’ weitgehend verloren gegangen – die handelnden Personen blieben jedoch und besetzten in der Folge mancherorts die neu errichteten Lehrstühle für Osteuropäische Geschichte an den westdeutschen Universitäten.

Neben den bereits vor dem Zweiten Weltkrieg existierenden Professuren in Hamburg und an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (ab 1949 Humboldt-Universität) wurde das erste Extraordinariat für Osteuropäische Geschichte ein Jahr nach Kriegsende in der französischen Besatzungszone an der neu errichteten Johannes Gutenberg-Universität in Mainz eingerichtet. Dieser Umstand war in Verbindung mit der verstärkten Historisierung der eigenen Disziplin in jüngster Zeit für die Abteilung für Osteuropäische Geschichte des Mainzer Historischen Seminars Anlass, am 29. Juni im Rahmen eines wissenschaftlichen Kolloquiums auf ihre 60-jährige Geschichte zurückzublicken. Der Einladung folgten rund 60 Personen, unter denen sich neben den Mainzer Gästen auch zahlreiche auswärtige ehemalige Mitarbeiter, Doktoranden und Freunde der Mainzer Osteuropäischen Geschichte befanden.

Eröffnet wurde die Tagung durch den heutigen Lehrstuhlinhaber und Dekan des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften, Jan Kusber. In seiner Begrüßungsrede verlas er auch ein Grußwort des Vorsitzenden des Verbandes der Osteuropahistoriker, Ludwig Steindorff (Kiel), der die Begründung des Mainzer Extraordinariats als „eine Art Initialzündung“ für die weitere Institutionalisierung des Faches in der Bundesrepublik würdigte.

Der geschäftsführende Leiter des Mainzer Instituts für Slavistik, Frank Göbler, lieferte in seinem anschließenden Grußwort einen Überblick über die Entwicklung der Slavistik in Mainz, deren Historie eng mit derjenigen der Osteuropäischen Geschichte verbunden ist. So wurde der Mainzer Lehrstuhl nach der Wegberufung des ersten Inhabers zwischenzeitlich von den Slavisten Margarete Woltner und Friedrich Wilhelm Neumann vertreten, und ab 1956 fanden sich beide Disziplinen für längere Zeit unter dem Dach des Instituts für Osteuropakunde vereinigt.

Nach einem weiteren Grußwort durch den Vizepräsidenten für Studium und Lehre der Mainzer Universität, Jürgen Oldenstein, eröffnete Erwin Oberländer die Reihe der thematischen Vorträge. Oberländer, bis zum Jahr 2002 Institutsleiter in Mainz und einschlägig auf dem Gebiet der Historie der Osteuropaforschung ausgewiesen [1], widmete sich vor allem der Frage, warum der Neuanfang der Osteuropäischen Geschichte ausgerechnet so weit im Westen der späteren Bundesrepublik erfolgte. Er ordnete hierbei die Begründung des Extraordinariats in den größeren Kontext der Wiedereröffnung der Mainzer Universität vor 60 Jahren ein, die von dem Gedanken einer Überwindung der Nachwirkungen der NS-Zeit und der Einrichtung eines Gegenmodells zur traditionellen deutschen Universität getragen wurde. Namentlich Raymond Schmittlein, Leiter der Kultur- und Erziehungsabteilung der französischen Militärregierung und einer guter Kenner des europäischen Ostens, vertrat mit Nachdruck ein solches Programm der rééducation, das für ihn zugleich mit einem gesamteuropäischen Geschichtsverständnis verknüpft war, zu dem als selbstverständlicher Teil eben auch die Völker und Staaten des östlichen Europa gehörten [2]. Eine derartige Legitimation sei jedenfalls, so Oberländer, deutlich sympathischer und zukunftsweisender gewesen als die ebenfalls vertretene Position, die Beschäftigung mit Ostmittel- und Osteuropa in erster Linie als Feindforschung gegen den „destruktiven Geist des europäischen Ostens“ und als „Basis für die geistige Wiedereroberung Restdeutschlands und in weiterer Zukunft Osteuropas für das Abendland“ [3] zu begreifen.

Die gesamteuropäische Perspektive Schmittleins hat in jedem Fall ihre Bestätigung in der Person des ersten Mainzer Extraordinarius gefunden. Der Osteuropahistoriker Werner Philipp (1908-1996), der von 1946 bis 1952 in Mainz tätig war, gehörte nicht nur zu den wenigen Spezialisten für die Geschichte Altrusslands, sondern zählte auch zu den seltenen Ausnahmen, die nach 1945 nachdrücklich für eine grundlegende Traditionskritik der eigenen Zunft eintraten. Wie Hans-Christian Petersen in seinem Vortrag aufzeigte, tat Philipp dies sowohl in Form seines bekannten Vortrags über „Ostwissenschaften und Nationalsozialismus“ an der Freien Universität Berlin 1966 [4] als auch in der persönlichen Auseinandersetzung mit eindeutig belasteten Kollegen wie dem früheren Leiter der Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft, Albert Brackmann, oder dem nationalsozialistischen ‚Experten’ für das osteuropäische Judentum, Peter-Heinz Seraphim. Entgegen der oftmals strategisch motivierten Ausgrenzung bestimmter politisch brisanter Personen zum Nutzen der eigenen Re-Etablierung, wie sie im Kreis der Ostforscher nach 1945 häufig anzutreffen war, forderte Philipp einen tatsächlich inhaltlichen Bruch mit deutschtumszentrierten Perspektiven. Dies ist sowohl für seine Person als auch über seine Person hinaus bemerkenswert – denn ebenso wie manch anderer ‚Osteuropaexperte’ wie etwa Hermann Aubin entstammte Philipp dem in der Zwischenkriegszeit als ‚Vorposten der deutschen Ostmark’ ideologisch hoch aufgeladenen Breslau, ohne dass ihn dies nach 1945 an einer selbstkritischen Rückschau gehindert hätte.

Weniger eindeutig lässt sich hingegen die Person Gotthold Rhodes (1916-1990) verorten. Der Schwerpunkt des Vortrags von Eike Eckert (Berlin), der sich gegenwärtig im Rahmen seiner Dissertation mit der Biographie Rhodes beschäftigt, lag hierbei auf dem Wirken Rhodes nach 1945, insbesondere auf seiner Zeit als Lehrstuhlinhaber in Mainz ab 1957. Als Angehöriger der deutschen Minderheit in Polen hatte Rhode nach dem 1. September 1939 als zwischenzeitlicher Mitarbeiter des Amtes für Raumordnung in Krakau und freiwilliger Helfer bei der Umsiedlung Litauendeutscher Anfang 1941 deutlich aktiver an der nationalsozialistischen Besatzungspolitik teilgenommen als Werner Philipp. Auch nach 1945 wirkte er an verschiedenen Stellen an der Re-Institutionalisierung der deutschen Ostforschung mit, so etwa als Mitarbeiter des Johannes Gottfried Herder-Forschungsrats in Marburg. Andererseits entwickelte Rhode während seiner Mainzer Zeit ein Forschungsprofil, das ihn zum international anerkannten Experten für Fragen der Geschichte Polens werden ließ und das nicht mehr durch die Beschränkung auf ‚deutsche Anteile’ verengt war. Zudem hat sich Rhode intensiv um eine enge Kooperation mit den Kollegen aus Ostmitteleuropa bemüht und sich im Rahmen der deutsch-polnischen Schulbuchkonferenzen für eine Überwindung der gegenseitigen Feindbilder eingesetzt. Seine Person entzieht sich einer eindeutigen Kategorisierung und kann zugleich als Beispiel dafür dienen, dass nur ein Blick auf die gesamte Biographie eines Menschen es ermöglicht, diesen Wandlungen über historische Zäsuren hinweg nachzuspüren.

Den abschließenden Vortrag hielt Jan Kusber, der einen Überblick über das Wirken seines Vorgängers Erwin Oberländer von 1985 bis 2002 bot. Oberländer, der vor seiner Berufung an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz unter anderem mehrere Jahre als Mitarbeiter am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln tätig gewesen war, etablierte sich in Mainz einerseits als Wissenschaftsmanager: So wirkte er gleich drei Amtszeiten lang als Dekan und trug maßgeblich zur Begründung des neuen Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften bei, wie er heute existiert. Andererseits bemühte er sich auch in den politisch schwierigen Zeiten der 1980er Jahre um eine Fortführung der Kontakte nach Ostmitteleuropa und beteiligte sich intensiv an der Debatte über die Positionsbestimmung der Osteuropäischen Geschichte nach dem Ende der Blockkonfrontation in den 1990er Jahren. Ein bleibendes Verdienst Oberländers ist zudem die heute noch rege genutzte Partnerschaft mit der Universität Lettlands in Riga, die ihre Genese in Exkursionen unter seiner Leitung Ende der achtziger Jahre in die baltischen Staaten hat. Insgesamt würdigte Kusber die Jahre 1985 bis 2002 des Mainzer Lehrstuhls als eine Zeit, in der „die Chancen, die der Umbruch in Osteuropa bot, mit beiden Händen ergriffen worden sind.“

Mit der Einrichtung des Mainzer Extraordinariats im Jahr 1946 wurde eine Entwicklung begründet, die sich deutlich von der Tradition einer deutschtumszentrierten Ostforschung absetzte, wie sie sich andernorts bereits wieder etablierte. Diese Arbeit soll in den kommenden Jahren erfolgreich fortgesetzt werden, so dass zukünftige Jubiläen Anlass zu weiteren Rückblicken bieten können. Die Vorträge des Kolloquiums werden, ergänzt durch einzelne zusätzliche Artikel, im kommenden Jahr in den „Beiträgen zur Geschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz“ erscheinen.

[1] Oberländer, Erwin (Hg.), Geschichte Osteuropas. Zur Entwicklung einer historischen
Disziplin in Deutschland, Österreich und der Schweiz 1945-1990, Stuttgart 1992 (Quellen und
Studien zur Geschichte des östlichen Europa, Bd. 35).
[2] Vgl. zu Schmittlein den Aufsatz von Defrance, Corine, Raymond Schmittlein (1904-1974), Leben und Werk eines französischen Gründungsvaters der Universität Mainz, in: Kißener, Michael/Mathy, Helmut (Hg.), Ut onmes unum sint (Teil 1). Gründungspersönlichkeiten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Stuttgart 2005, S. 11-31 (Beiträge zur Geschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Neue Folge, Bd. 2).
[3] So die Formulierung des Kunsthistorikers Franz Theodor Klingelschmitt, abgedruckt in Mathy, Helmut (Hg.), Die Wiedereröffnung der Mainzer Universität 1945/46. Dokumente, Berichte, Aufzeichnungen, Erinnerungen, Mainz 1966, S. 29-39.
[4] Philipp, Werner, Nationalsozialismus und Ostwissenschaften, in: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 33 (1983), S. 286-303.

Zitation
Tagungsbericht: Neuanfang im Westen – 60 Jahre Osteuropaforschung in Mainz, 29.06.2006 Mainz, in: H-Soz-Kult, 27.07.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1260>.
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Veröffentlicht am
27.07.2006
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