Personelle Netzwerkstrukturen in sozialistischen Gesellschaften sowjetischen Typs (1945–1989): Grundannahmen und Forschungsbefunde

Ort
Potsdam
Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Datum
10.07.2006
Von
PD Dr. Marcel Boldorf

Netzwerk ist ein Modebegriff. Damit dieses lapidare Statement nicht die alleinige Assoziation bleibe, organisierte Annette Schuhmann einen Workshop, der die Anwendbarkeit des Netzwerkkonzepts in staatsozialistischen Ländern erprobte. Im Einleitungsreferat „Demokratischer Zentralismus und Netzwerke: ein Funktionsdilemma?“ warf Friederike Sattler einen wirtschafts- und unternehmenshistorischen Blick auf die Thematik. Als Ausgangspunkt betrachtete sie die Funktion von Unternehmensnetzwerken in Marktwirtschaften, wie sie insbesondere die Wirtschaftssoziologie in Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Alfred Chandler und Oliver E. Williamson herausgearbeitet hat. Hiernach diene die dauerhafte Kooperation von Unternehmen bzw. Unternehmern der Ersparnis von Transaktionskosten mit den Zielen, Kontakte mit potentiellen Handelspartnern zu etablieren, die Intransparenz des Marktes zu überwinden oder die Unsicherheit bei der Erfüllung eines Vertragsabschlusses zu reduzieren. Übertragen auf die Planwirtschaft ging Sattler davon aus, dass die dafür anfallenden Kommunikations- und Leitungskosten bisher unterschätzt worden seien. Theoretisch leitete sie her, dass die Betriebe kompensatorische Netzwerke aufgebaut hätten, weil ihnen ein Ausweichen auf freie Märkte nur eingeschränkt möglich gewesen sei.

Der Ansatz, das für westliche Marktwirtschaften entwickelte Konzept auf die Zentralverwaltungswirtschaften zu übertragen, wusste nicht alle Workshop-Teilnehmer zu überzeugen. André Steiner gab im Gegenteil zu bedenken, dass die Analyse des Kompensationshandels der DDR-Betriebe mit Blick auf die Regeln eines „grauen Marktes“ weitaus mehr Erfolg verspreche. Er brachte den Zusammenhang zwischen beiden Begriffen auf die Formel eines personellen Netzwerkes innerhalb der Schattenwirtschaft. Hiermit ist für die historische Behandlung von Netzwerken ein Hinweis gegeben, der über den Bereich der Wirtschaft hinausweist: Um eine Struktur als Netzwerk identifizieren zu können, reicht eine theoretische Herleitung gemeinsamer Interessenlagen von Wirtschaftssubjekten nicht aus, sondern es muss eine genaue Analyse der personellen Verflechtung von Akteuren und der Kooperation von Betrieben geleistet werden.

Annette Schuhmann unternahm mit ihrem Beitrag „Netzwerk oder Markt? Handlungsstrategien betrieblicher Eliten in der DDR im Umgang mit dem Mangel“ einen Analyseschritt in die skizzierte Richtung. Am Beispiel des Eisenhüttenkombinats Ost analysierte sie personelle Verbindungen, die die Führungskräfte aber weniger mit anderen Betrieben, sondern vielmehr mit lokalen Politikgrößen unterhielten. Insbesondere die Fälle der Personalunion von betrieblichen und administrativen Funktionseliten trugen zur Behebung betrieblicher Engpässe an Material und Arbeitskräften bei. Diese für sich genommen interessante Analyse erlaubt aber kaum den weit reichenden Schluss, dass das Plansystem in den späten Jahren der DDR lediglich als Illusion anzusehen sei. Zur Untermauerung dieses Befundes wäre eine genaue Analyse der Schattenökonomie erforderlich, die auf Basis der betrieblichen Rechungsführung den Nachweis zu erbringen hätte, dass die systembedingten Engpässe überwiegend durch verstetigte, jenseits des Plans existierende Kontakte zu anderen Betrieben kompensiert wurden.

Auch Peter Heumos setzte sich unter dem Titel „Sekundäre Machtverhältnisse der tschechoslowakischen Industrie 1945–1968“ mit Wirtschaftsfragen auseinander. Mit augenzwinkerndem Hinweis auf die Modernität vermied er den Netzwerkbegriff und benügte sich stattdessen mit der Analyse eines Systems informeller Kontakte. Er hob drei Punkte hervor, die die Befunde Schuhmanns teilweise ergänzten: die industriellen Patron-Klienten-Verhältnisse, die formale Regeln umgingen, um an knappe Güter zu gelangen; die informellen Beziehungen, die der Bürokratie die Möglichkeit boten, in Phasen politischer Instabilität Alarmsignale aufzufangen; die Koalitionen zwischen Betrieben und der Ministerien, die sich in erster Linie gegen das Unterlaufen von Verbesserungsvorschlägen durch Betriebsräte und Ministerialbürokratie richteten. In vielem war dies interessant und lehrreich, nur trug es kaum dazu bei, den heuristischen Wert des Netzwerkbegriffes zu erhellen.

Die übrigen Referate des Workshops wandten sich der politischen Sphäre zu. Bezüglich der DDR vertrat Dierk Hoffmann unter der Überschrift „Netzwerke und Sonderinstanzen. Die Marginalisierung der Länder bei der Vereinheitlichung der Sozialversicherung 1945–1949“ die These, dass in diesem Prozess ein „Netzwerk von Sozialpolitikern“ eine entscheidende Rolle gespielt habe. Unklar blieb, auf welche Weise sich der kleine, informelle Kreis von Politikern sich vernetzte, und ob es tatsächlich die postulierte Netzwerkstruktur war, die für den Effekt der Marginalisierung der Länder den Ausschlag gab. Etwas diffus blieb der Netzwerkbegriff auch im Referat von Heinz Mestrup zur „Interessengemeinschaft ‚Territoriale Rationalisierung’ Jena – Funktion, Bedeutung und das Verhältnis zwischen dem VEB Carl Zeiss Jena und der Friedrich Schiller-Universität“. Im Kern beleuchtete der Betrag innerhalb der thüringischen Stadt eine Reihe von Machtstrukturen, die sich ungleich zwischen dem dominierenden Staatsbetrieb und der Stadtverwaltung entwickelten.

Die Beiträge von Andreas Oberender „Die Partei der Patrone und Klienten. Formen personaler Herrschaft unter Leonid Brežnev“ und von Rafael Mrowczynski „NEtakratie? Sozialstrukturtheorien der sowjetischen Gesellschaft und das Problem der inoffiziellen Netzwerkbeziehungen“ wandten sich der Sowjetunion zu. Oberender führte den Begriff der Patronage ein und erläuterte, wie Brežnev innerhalb des Politbüros ein Gefolgschaftssystem von Personen aufbaute, die ihm über lange Jahre seines Lebens vertraut waren. Zu erörtern bliebe, ob man diese asymmetrischen Beziehungen wirklich als Netzwerk bezeichnen sollte. Zur Diskussion regte Oberenders These an, dass das Dilemma, zwischen Nutzen und Schaden der Patronage abwägen zu müssen, die gesamte russische Geschichte seit der Zeit Peters I. begleitete. Mrowczynski führte zur Strukturierung der Netzwerkanalyse Kategorien wie die vertikale und horizontale Integration verschiedener gesellschaftlicher Hierarchieebenen ein. Seinem Neologismus „NEtakratie“ folgend, argumentierte er, dass das net (engl.) die sowjetische Gesellschaft entscheidend strukturierte und weniger eine „Etakratie“ herrschte, d.h. eine Gesellschaftsformation, in der der Staat Hauptorganisator des sozialen Raumes war.

Die Referate Árpád von Klimós zu „Katholische Jugendgruppen in Ungarn. Die Gruppen um Regnum Marianum in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre – ein religiöses Netzwerk?“ und Eszter Barthas zu „The Party in the Factory: Networks of the Executive Committee of the Rába MVG in Györ“ rundeten die Palette der Interventionen ab. Von Klimó gab zu bedenken, dass sich die informell, im Verborgenen agierenden Jugendgruppen kaum selbst als vernetzt begriffen. Auch seine Forschungen belegen, dass es sich um sehr kleine, flüchtige und meist kurzlebige soziale Einheiten handelte. Im Gegenzug postulierten die Staatssicherheit wie auch die Strafverfolgungsbehörden, dass es sich um bündlerische Netzwerke handele. Diese Kontextualisierung beleuchtet Netzwerke in staatssozialistischen Systemen von einer anderen Seite: Es macht einen Unterschied, ob man – wie z.B. Mrowcynski – den Begriff zur Analyse des Herrschaftssystems verwendet oder ob man inoffizielle und verborgene, zum Teil sogar kriminalisierte Strukturen erfassen möchte. Auch in den anderen Konferenzbeiträgen hätte die Trennlinie zwischen Legalität oder Illegalität der Netzwerkstrukturen akzentuiert werden können. Der Beitrag von Bartha wandte sich schließlich erneut der offiziellen Sphäre des Politischen zu und beobachtete die defizitäre Umsetzung des Ziels der ungarischen kommunistischen Partei, das Betriebsleben mittels Massenorganisation zu beeinflussen.

Alles in allem bildete der Workshop einen interessanten Auftakt zur Diskussion, inwieweit die vielfältigen Aspekte des Netzwerkbegriffs zum Verständnis sozialistischer Gesellschaften sowjetischen Typs beitragen können. Um ernst genommen und nicht als Modedisziplin abgestempelt zu werden, sollte die historische Netzwerkforschung mit der Analyse der interpersonellen Verbindungslinien eines postulierten Netzwerkes beginnen. Damit wären die Rolle der Akteure (innerhalb und außerhalb des Netzwerkes Stehende) und der Aspekt des historischen Wandels (Zeitgebundenheit existierender Netzwerke in einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsphase) besser fassbar. Ungünstig erscheint demgegenüber, von einer Struktur sich überlagernder Netzwerke zu sprechen und damit die Analysekraft des Begriffs ins Diffuse verschwimmen zu lassen.

Zitation
Tagungsbericht: Personelle Netzwerkstrukturen in sozialistischen Gesellschaften sowjetischen Typs (1945–1989): Grundannahmen und Forschungsbefunde, 10.07.2006 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 25.07.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1268>.
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Veröffentlicht am
25.07.2006
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