Städte vergleichen. Vom empirischen Zu-/fall zum plausiblen Argument

Ort
Berlin
Veranstalter
DFG-Projekt „Urbane Kultur und ethnische Repräsentation: Berlin und Moskau auf dem Weg zur ‚world city’?" am Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin, und Transatlantisches Graduiertenkolleg „Geschichte und Kultur der Metropolen im 20. Jahrhundert“, Center for Metropolitan Studies, TU Berlin
Datum
07.07.2006
Von
Elke Beyer, Departement Architektur, ETH Zürich

Städte, als begrenzte geografische und statistische Einheiten verstanden, scheinen exakt vermessbar und als bauliche und soziale Konfigurationen für den Vergleich wie geschaffen zu sein. Sie bieten für ein Forschungsprojekt einen griffigen äußeren Rahmen, bei dem allein die Nennung bestimmter Städtenamen schon Assoziationen zu vielfältigen Diskursen auslösen kann. Gibt man jedoch die administrative Definition auf, dekonstruiert den Identitätsdiskurs der Stadt und betrachtet die Herstellung des städtischen Raums als relationalen, kulturellen und sozialen Prozess [1], muss der Vergleichsgegenstand neu gefasst und die Relevanz der Kategorien des Lokalen und der gebauten Umwelt überprüft werden. „Städte vergleichen“ als wissenschaftliche und kulturelle Praxis bedarf eingehender Reflektion und präziser Begründung. Um sich über Verfahren und Argumentationsweisen dieser Praxis zu verständigen, luden StadtforscherInnen an TU und HU Berlin zu dem hier besprochenen Workshop ein, bei dem sich neun in Arbeit oder in der Konzeptionsphase befindliche Forschungsprojekte unterschiedlicher Disziplinen (Dissertationsvorhaben und Post-Doc-Projekte aus Ethnologie, Geschichte, Politologie, Soziologie, Literaturwissenschaft und Geografie) präsentierten.

Die ReferentInnen waren aufgefordert, Verfahren und Probleme des Städtevergleichs in den Vordergrund zu stellen und Inhalte sowie Ergebnisse jeweils nur wo nötig, gewissermaßen als Konstruktionsmaterial, zu referieren. Dabei gaben die Veranstaltenden (Alexa Färber, Oliver Schmidt und Katja Sussner) vier Fragekomplexe vor: „Für den Vergleich auswählen: Was wird verglichen, welche Vergleichsdimension wird gewählt?“; „Vergleichend wahrnehmen und erkennen: Kriterien für Vergleichsoperationen im Forschungsprozess“; „Vergleichend auswerten: Relationen für das Material finden“ und „Den Vergleich be-/schreiben“. Das Konzept der VeranstalterInnen ging auf, da es bei der thematischen und disziplinären Vielfalt Vergleichbarkeit gewährleistete und die ReferentInnen zur Formulierung übergeordneter und grundsätzlicher Fragestellungen zur Definition ihres Forschungsgegenstands, zu den konzeptionellen Grundlagen ihrer Projekte und zur wissenschaftlichen und kulturellen Praxis des Vergleichs überhaupt herausforderte. Auch ungelöste Fragen wurden dabei in bemerkenswerter Offenheit verhandelt, was durch eine kritische und konstruktive Diskussion belohnt wurde und den Workshop zu einem lohnenden und nachahmenswerten Anlass der Reflektion über wissenschaftliche Praxis werden ließ.

Im Impulsreferat formulierte Konrad Jarausch (Historiker, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam/Chapel Hill) Anregungen aus historischen Vergleichsstudien, ohne dabei einen Methodenleitfaden aufstellen zu wollen (für den er auf die Handbücher von Kaelble, Schriewer, Haupt und Kocka [2] verwies). Als Beispiel zitierte er erstens einen quantitativen Vergleich von Strukturen der höheren Bildung in vier Ländern [3] und demonstrierte daran die Schwierigkeit der Herstellung von Vergleichseinheiten. Statistische Voraussetzungen und Begrifflichkeiten beruhen auf kategorialen Entscheidungen, die zu dekonstruieren und kommentieren seien, um die erkenntnisleitenden Interessen zu verdeutlichen und zu sinnvollen Aussagen zu gelangen – eine Anforderung, die sich allerdings an jede historische Arbeit stellt. Als zweites umriss Jarausch anhand eines Vergleichs von Akteursgruppen, nämlich Professionen in Deutschland in der Zwischenkriegszeit [4], die Erarbeitung einer Indikatorenmatrix. Er regte dabei die Entwicklung des Vergleichs und die Definition von Problemfeldern aus einem historischen Verlaufsschema heraus an. Drittens beschrieb er am Beispiel einer Studie zum Umgang mit dem Dritten Reich in BRD und DDR 1945-1995 [5] einen Vergleich von diskursiver Praxis und Problemwahrnehmung. Dieser „klassische Y-Vergleich“ kontrastierender ideologischer Antworten zu dem gleichen historischen Hintergrund zeige, wie eine synchron angelegte Fragestellung zu zeitversetzten Antworten führen könne. Jarausch schloss mit der Forderung nach einer Erweiterung des klassischen gesellschaftsgeschichtlichen Modells historischer Vergleiche. Statt vermeintlich unabhängige Einheiten nebeneinander zu stellen, müsse sich der Blick stärker auf transzendierende Problemlagen und übergreifende, quer laufende transnationale Entwicklungen sowie mögliche Transfers von Mustern, Wertvorstellungen oder Problemlösungen richten. Obwohl sich der Vortrag wenig auf den Vergleichsgegenstand Stadt bezog, korrespondierte dieses Abschlussplädoyer für einen Ausbruch aus dem „Gefängnis der Einheiten“ doch bestens mit den geografischen und raumsoziologischen Debatten um eine Abkehr von der Konzeption des „container space“ hin zu einem relationalen Raumverständnis, die in einigen im Laufe des Workshops vorgestellten Forschungsdesigns eine zentrale Rolle spielten.

Die erste Workshop-Sektion „Für den Vergleich auswählen: Was wird verglichen, welche Vergleichsdimension wird gewählt?“ umfasste vor allem post-doktorale Forschungsprojekte in verschiedenen Stadien der Umsetzung. Als erste präsentierte Deike Peters (Stadtplanerin, Transatlantisches Graduiertenkolleg Berlin New York, TU Berlin) ihr Forschungsprojekt-Design „Automobility, Urban Restructuring and the Networked City: Learning from Los Angeles and Berlin“. Ihr Ziel ist die Untersuchung verschiedener lokaler Ausprägungen eines übergeordneten verkehrspolitischen Diskurswandels. Bezug nehmend auf Savitch/Kantor und Beauregard [6] stellte sie verschiedene Kriterien für die Auswahl der Beispiele vor, die gleichzeitig eine zentrale Frage der Definition und Legitimation des Gegenstands „Stadt“ aufwarfen: Kann eine Stadt als Superlativ einer Entwicklung oder Erscheinung gelten – wie etwa L.A. gemeinhin als US-Autostadt par excellence angesehen wird – und von wem und in welchem Interesse wird sie als solches positioniert? Deike Peters nannte als weitere Denkfiguren die Stadt als Stereotyp (generic city), Archetyp und Prototyp bestimmter Erscheinungen und stellte die Vergleichbarkeit der atypischen Stadt Berlin mit Städten, die in verschiedener Weise eine Normalität oder Normativität repräsentieren, grundsätzlich in Frage. Wie auch Franka Schneider in der späteren Diskussion einwandte, sollten solche Zuschreibungen vielmehr mit zum Gegenstand des Vergleichs gemacht werden, als von einer Gegenüberstellung abzuhalten.

Die nächste Projektvorstellung von Susanne Stemmler (Literaturwissenschaftlerin, Transatlantisches Graduiertenkolleg Berlin New York, TU Berlin) befasste sich ebenfalls mit der Frage der Repräsentativität ihrer Beispielstädte für bestimmte Erscheinungen, thematisierte aber auch die Schwierigkeit, „das Urbane“ als Referenzgröße zu definieren. Sie forscht zu „Rap-Musik und Hip-Hop-Kultur als transkulturelle Ästhetik urbaner Praxis“ in Berlin, Paris und New York, wobei das Moment des Transfers, die Produktion transkulturellen Kapitals und Konzepte der „cultural remittances“ und der „Glokalität“, also wechselseitiger Bewusstheit und Beeinflussung lokaler und globaler soziokultureller Phänomene, im Vordergrund stehen. Aufgrund der vielfältigen Rückkopplungen und Verschränkungen zwischen den Städten und KulturproduzentInnen bei der Herausbildung gleichzeitig globaler und ostentativ lokaler urbaner kultureller Idiome wählte Susanne Stemmler die Figur des Rhizoms, die von Deleuze/Guattari eingeführte botanische Metapher für eine vielfach ineinander verschränkte Ordnungsstruktur [7], zur Beschreibung ihrer Konstruktion des Vergleichs. Dieser würde sich idealerweise nicht auf drei Städte beschränken, sondern der weltweiten Resonanz der „cultural remittances“ folgen – wäre damit nicht die lawinenartige Erweiterung auch des Forschungsaufwandes verbunden. Sie deutete damit eine nicht hierarchisch und dichotomisch strukturierte wissenschaftliche Praxis an, deren Konsequenzen noch weitere Ausführung verdient hätten, um ihr Potenzial bei der Betrachtung von Konnexionen und heterogenen Sachverhalten auszuloten.

Alexa Färber und Cordula Gdaniec, (Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin), berichteten über ihr gemeinsames Forschungsprojekt „Urbane Kultur und ethnische Repräsentation: Berlin und Moskau auf dem Weg zur ‚world city’?“. Ihre Konstruktion des Vergleichs maß die beiden Städte an ihrem Verhältnis zu einem abstrakten Dritten: der urbanen Form und kulturellen Ordnung der ‚world city’ (nach Ulf Hannerz). Sie untersuchten, welche Rolle dieses Konzept in der Imagebildung und den stadtpolitischen Diskursen spielt, welche Akteursgruppen es als kulturelles Kapital beanspruchen und welche Rolle ethnische Repräsentation dabei spielt. Auch sie stellten die Frage nach der grundsätzlichen Möglichkeit und Plausibilität des angestrebten Vergleichs – und beantworteten sie durch eine Erweiterung des Projekts mit Bezug auf Laura Naders Konzept eines „comparative consciousness“ [8]. Die implizit stets präsente außerwissenschaftliche kulturelle Praxis des Vergleichs von Städten müsse als „komparative Reflexivität“ Eingang in das Forschungsdesign finden und auch als Forschungsgegenstand gefasst werden. Damit eröffneten sie vielfältige Möglichkeit zur kontrastiven Gegenüberstellung auch ganz unterschiedlicher Akteurskonstellationen und historischer Verläufe.

Die zweite Gruppe von Projektpräsentationen hatten die OrganisatorInnen unter dem Titel „Vergleichend wahrnehmen und erkennen: Kriterien für Vergleichsoperationen im Forschungsprozess“ zusammengefasst. Als erstes stellte Miriam Fritsche (Politologin, Graduiertenkolleg Stadtökologische Perspektiven II - Schrumpfende Großstädte, HU Berlin) ihr laufendes Dissertationsprojekt „Partizipation in Stadtumbauprozessen. Die Beispiele Marzahn-Nord in Berlin und Tenever in Bremen“ vor. Sie hob hervor, dass es ihr beim Vergleich durchaus um eine Wertung und politische Zielorientierung gehe, legte die plausiblen Auswahlkriterien für ihre Fallbeispiele dar und stellte dann zur Debatte, wie damit umzugehen sei, dass sich bei näherer Betrachtung nur noch wenig Ähnlichkeiten zwischen den Entwicklungen von Akteursnetzwerken, Interessenslagen, Handlungslogiken und Pfadabhängigkeiten abzeichneten. Wie könne das gesammelte Wissen über lokale Mikroprozesse nun übertragen und für einen ergebnisorientierten Vergleich nutzbar gemacht werden? Auf diese entscheidende Frage gab es auch in der Diskussion letztlich keine einfache Antwort.

Monika Sonntag (Geografin, Universität Bremen) präsentierte als nächste ihr noch in der Entwicklung begriffenes Dissertationsvorhaben zu relationalen Ansätzen in der Kulturpolitik ausgewählter „Kulturhauptstädte Europas“. Auch sie basierte den Vergleich auf der Teilnahme an einen stadtbezogenen Förderprogramm, stellte aber noch eine Reihe weiterer möglicher, aber in ihrer Gesamtheit noch nicht ganz überzeugender Auswahlkriterien vor. Interessant erscheint vor allem ihr Ziel, innerhalb eines kulturpolitischen Programms, das explizit lokale bzw. regionale Identität und europäische Integration fördern will, eben nicht die territoriale Bestimmung des Lokalen zu suchen, sondern die soziale Konstruktion von „scales“ und ein relationales Raumverständnis. Es zeigte sich aber noch die Schwierigkeit, geeignete Fallbeispiele für diese universelle Frage zu definieren und eine tragfähige Verknüpfung zwischen theoretischem Interesse und den Kriterien des Vergleichs herzustellen.

Zum Abschluss der Sektion skizzierte Franka Schneider (Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin) ein Forschungsdesign zur Struktur „urbaner Vergleichskultur“ am Beispiel von Städteranking und Städtepartnerschaften. Sie ging dabei aus von dem Paradox zwischen dem Anspruch auf Einzigartigkeit einer Stadt und für den Vergleich notwendig vorauszusetzender Ähnlichkeit. Als wesentliche Felder einer ethnografischen Untersuchung „urbaner Vergleichspraxis“ benannte sie die Herstellung von Vergleichbarkeit, die Modi der Differenzbehauptung und die Effekte der Differenzbehauptung. Anhand dieser Kriterien soll in ihrem Projekt der Vorstellung eines besonderen lokalen Charakters einer oder mehrerer Städte ebenso wie ihrer transnationalen Positionierung nachgegangen werden.

In der Diskussion der Projekte wurde deutlich, dass ein außerwissenschaftlich vorgegebener Vergleichsrahmen wie die Teilnahme an einem bestimmten, auf verschiedene Städte bezogenen Programm oder Verfahren einen Vergleich zwar auf den ersten Blick plausibel macht. Umso schwieriger erweist sich jedoch, die im Programm angelegten Kategorien von denen des wissenschaftlichen Vergleichs zu unterscheiden – also einen eigenen Beobachterstandpunkt zu definieren, wie Susanne Stemmler forderte – und diese Doppelung analytisch und argumentativ durchzuhalten und fruchtbar zu machen.

Die folgende Präsentation von Anita Schlögl (Soziologin, Transatlantisches Graduiertenkolleg Berlin New York, TU Berlin), schon der dritten Sektion „Vergleichend auswerten: Relationen für das Material finden“ zugeordnet, demonstrierte dann, wie ein Vergleich von recht unterschiedlichen kulturell-politischen Projekten zu einer schlüssigen übergeordneten Argumentation geführt werden kann. Sie untersucht „Musikevents als Flagship-Image-Projekte in Wien und Berlin“ am Beispiel der medialen, ökonomischen und politischen Funktionen von Mozartjahr und Popkomm. Ihre präzise gegliederte Analyse der Events auf nach innen und außen gerichtete Standort- und Brancheneffekte hin zeigte die strukturellen Ähnlichkeiten im Kontext der symbolökonomischen Spezialisierung der beiden Städte auf. Die Arbeit verspricht interessante Aufschlüsse über die Funktion von Events als kulturpolitische Strategie in einer internationalen Konkurrenz der Städte zu geben.

Als einzige Referentin hatte Gesa Kather (Ethnologin, Liverpool) sich bei ihrem vergleichenden Forschungsprojekt „Politische Partizipation von marginalen Gruppen in lokalen Demokratien“ zur Anonymisierung der beiden untersuchten nordenglischen Städte entschlossen und sie stattdessen suggestiv in Fabrikstadt (Milltown) und Kurstadt (Spatown) umgetauft. Damit wollte sie vor allem Rückschlüsse auf die Identität ihrer politisch aktiven Interviewpartner vermeiden, erzeugte aber gleichzeitig durch das Spiel mit Stereotyp und lokal spezifischer Situation eine wirkungsvolle rhetorische Distanz. Als Werkzeug für ihre Untersuchung urbaner politischer Praxen stellte sie eine umfangreiche Schattierungsskala nach Kriterien wie Sichtbarkeit und Lautstärke, Konfliktbeteiligung und Partizipation der Akteure, formelle und informelle Strategien, kulturelle und politische Praxen sowie Eigenschaften von Orten (öffentlich, zentral, privat, abgelegen) vor. Dieses Verfahren erscheint für die Ethnografie von abstrakten Konzepten wie citizenship, Zugehörigkeit und Identität im städtischen politischen Raum zwar sehr vielversprechend, aber der übergeordnete argumentative Rahmen des Vergleichs blieb noch relativ offen. Wie Gesa Kather selbst zur Diskussion stellte, birgt die vorherige Festschreibung klar wahrnehmbarer Unterschiede zwischen den Städten in sozialer, ökonomischer und politischer Hinsicht die Gefahr der Vor-Festlegung von Vergleichskategorien und damit des ethnologischen Blicks.

Die letzte Workshop-Sektion „Den Vergleich be-/schreiben“ bestritt die Historikerin Elise Julien (Université Panthéon-Sorbonne, Paris/Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas, FU Berlin) allein. Sie stellte anhand ihrer Dissertation zum Thema „Berlin, Paris: Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg 1914-1933“ verschiedene Möglichkeiten der Organisation und der Darstellung des Vergleichs vor. Statt einer strikt chronologischen Abfolge oder einer thematischen Struktur entschied sie sich, den Ansatz der Stadtgeschichte und damit Fragen von Territorium, Raum und Identität auf verschiedenen Ebenen zum Prinzip der Gliederung zu machen. Innerhalb einer Deklination nach Skalen (Nation, Hauptstadt, lokale Ebene) schlug sie – ähnlich wie Susanne Stemmler – eine aus den Inhalten abgeleitete variable Darstellungsweise vor, in der sich chronologisch aufgebaute Erzählungen mit thematischen Kapiteln mischen und die Städte mal für sich, mal gemeinsam behandelt werden. Dieses sozusagen „organisch“ aus den Inhalten entwickelte Konzept überzeugte nicht zuletzt durch seine Flexibilität, die auf allen Ebenen Reaktionsmöglichkeiten bietet.

Weitere Darstellungsstrategien für komparatistische Forschung wurden dann in der Diskussion vorgeschlagen: im Printbereich zum Beispiel parallel laufende Texte, die typografisch oder durch das Layout unterschieden werden; der Vergleich über Anmerkungen oder Fussnoten; die Gegenüberstellung von Text- und Bildstrecken und schließlich der Wechsel zum Ausstellungsformat, das natürlich viel mehr räumliche und visuelle Strukturierungsmöglichkeiten bietet. Entscheidend bleiben in allen Fällen die Kommunikation und der Kommentar der gewählten Strategie, durch die auch Asymmetrien und Brüche vermittelt werden können.

Im Abschlussreferat umriss Dorothea Löbbermann (American Studies, HU Berlin) noch eine weitere vergleichende Perspektive auf das Städtische in Gegenwartsliteratur und Literaturwissenschaft. Sie definierte die gebaute Umwelt – wie den Text – als Ausdrucksform eines bestimmten kulturellen Imaginären, basierend auf gewissen Praktiken. Am Beispiel von New York und Los Angeles zeigte sie auf, wie materiellen Fakten symbolische und historische Bedeutungen zugesprochen werden und eine Diskursivierung der Städte erfolgt. Wesentlich sei die Unterscheidung zwischen den dominanten, wieder erkennbaren Diskursen und den eigenen Erkenntnissen komparatistischer Forschung.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Workshop einen erfolgreichen und inspirierenden Beitrag geleistet hat zu einer „praxeologischen“ Betrachtungsweise im Sinne der VeranstalterInnen, nämlich Wissenschaft auch als kulturelle Praxis zu begreifen und der Forschung eine Reflektion über die wirkungsmächtigen Strukturen und Diskurse innerhalb und außerhalb der Disziplinen zu Grunde zu legen. Zwei Felder traten konzeptuell verbindend hervor: erstens, welche Potenziale die Verhandlung von Heterogenität bzw. Asymmetrie des Vergleichs in zeitgenössischen Verfahren der Argumentation und der Erkenntnisbildung bietet, und zweitens, welche herausragende Bedeutung die Untersuchung von Transfer, Beziehungen und Verflechtungen für vergleichende Stadtforschung gegenwärtig hat. Vielleicht ein wenig zu kurz kam bei der intensiven Selbstreflektion und -hinterfragung noch der Ausblick auf die Konsequenzen dieser Entwicklungen für wissenschaftliche und urbane Praxis – auch in dieser Hinsicht darf man auf die Ergebnisse der laufenden Projekte sehr gespannt sein. Zu wünschen wäre, dass die vergleichende Stadtforschung noch expliziter räumliche, kulturelle und politische Kategorien und Praxen verbindet, um sich wirklich aus dem „Gefängnis der Einheiten“ zu befreien.

[1] Vgl. beispielsweise Amin, Ash; Thrift, Nigel, Cities. Reimaging the Urban, Cambridge und Malden/MA 2002, und Löw, Martina, Raumsoziologie, Frankfurt/Main 2001.
[2] Haupt, Heinz-Gerhard; Kocka, Jürgen(Hg.), Geschichte und Vergleich. Ansätze und Ergebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung, Frankfurt/Main 1996; Kaelble, Hartmut, Der historische Vergleich. Eine Einführung zum 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/Main 1999; Kaelble, Hartmut; Schriewer, Jürgen (Hg.), Vergleich und Transfer. Komparatistik in den Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt/Main 2003.
[3] Jarausch, Konrad (Hg.), The Transformation of Higher Learning, 1860-1930, Stuttgart und Chicago 1983.
[4] Jarausch, Konrad, The Unfree Professions. German Lawyers, Teachers and Engineers, 1900-1950, New York 1990.
[5] Jarausch, Konrad, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945-1995, München 2004.
[6] Beauregard, Robert, City of Superlatives, in: City & Community 2,3, 2003, S.183-199; Savitch, Hank V.; Kantor, Paul, Cities in the International Marketplace, Princeton und Oxford, 2002.
[7] Deleuze, Gilles; Guattari, Félix, Rhizom, Berlin 1977; Deleuze, Gilles; Guattari, Félix, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin 1992.
[8] Nader, Laura, Comparative Consciousness, in: Borofsky, Robert (Hrsg.), Assessing Cultural Anthropology. New York 1994, S. 84-96.

Zitation
Tagungsbericht: Städte vergleichen. Vom empirischen Zu-/fall zum plausiblen Argument, 07.07.2006 Berlin, in: H-Soz-Kult, 20.08.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1291>.
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20.08.2006
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