Die Akropolis von Athen im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit

Ort
Bonn
Veranstalter
Dr. Ralf Krumeich, Archäologisches Institut, Universität Bonn; Prof. Dr. Christian Witschel, Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik, Universität Heidelberg, Bonn
Datum
16.06.2006 - 17.06.2006
Von
Christian Witschel

Im Archäologischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn fand am 16. und 17. Juni 2006 ein internationales Kolloquium mit insgesamt 11 Referenten (aus Deutschland, Griechenland, Großbritannien, Italien und den USA) zum Thema „Die Akropolis von Athen im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit“ statt. Veranstalter waren PD Dr. Ralf Krumeich (Bonn) und Prof. Dr. Christian Witschel (Heidelberg). Diese Tagung bildete den Abschluss der ersten Phase eines gleichnamigen Forschungsprojektes zur Akropolis von Athen, das von der Gerda-Henkel-Stiftung finanziert wurde, die auch das Kolloquium finanziell unterstützte. Die Publikation der Beiträge wird im Reichert-Verlag (Wiesbaden) erfolgen.

Einführung

Grundlegendes Ziel des Projektes ist die Erschließung und Interpretation von Ausstattung und Nutzung der Athener Akropolis im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit bis in die Spätantike, d.h. vom 4. Jh. v. bis zum 6. Jh. n. Chr. Im wesentlichen soll dabei, ebenso wie auf dem Kolloquium, zwei übergreifenden Fragestellungen nachgegangen werden: Zum einen geht es um den zeitspezifische Formen der staatlichen und persönlichen Repräsentation im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation sowie der jeweiligen Inszenierung von Denkmälern: Welche Denkmäler wurden in hellenistischer und römischer Zeit von welchen Stiftern errichtet? Handelte es sich dabei um eher traditionelle bzw. konventionelle Stiftungen oder um Monumente neuartigen Charakters? An welchen Orten und in welchen Kontexten wurden sie präsentiert? Auf welche Weise wurde versucht, an die mythische oder historische Vergangenheit Athens anzuknüpfen; welche Funktion hatten dabei zentrale Denkmäler wie das Erechtheion (mit dem uralten Kultbild der Athena Polias), der Parthenon oder die Athena Promachos? Welche Rolle spielte der religiöse Kontext? Zum anderen gilt ein besonderes Augenmerk dem Umgang mit älteren Monumenten auf der Akropolis: Was lässt sich über die bewusste Inanspruchnahme älterer Anatheme und über Fragen der Denkmalpflege ermitteln? Welche Arten der Wiederverwendung älterer Monumente lassen sich – unter Einbeziehung der technischen Aspekte – beobachten und welche Intention lag ihnen zugrunde? Inwieweit wurden die Denkmäler der Vergangenheit bei der Gestaltung neuer Bauten, Weihgeschenke oder Inschriften in thematischer und stilistischer Hinsicht absichtsvoll zitiert?

Einzelreferate

Jan Marius Müller (Bonn; jan_mariusm@web.de) behandelte in seinem Vortrag „...und weihte es der Athena. Statuarische Weihgeschenke an Athena auf der nachklassischen Akropolis“ Weihungen von der Akropolis aus der Zeit des 4. Jhs. v. Chr. und später, in deren Inschriften Athena als Adressatin ausdrücklich genannt ist (was zu dieser Zeit keineswegs die Regel darstellte, da die Besitzerin des Heiligtums ja allgemein bekannt war). Während die Göttin im 4. Jh. v. Chr. vor allem als Ergane angesprochen wurde (wobei unklar ist, ob es einen eigenständigen Kult der Ergane auf der Akropolis gab), tauchten ab dem 2. Jh. v. Chr. verstärkt Weihungen an Athena Polias auf. Weitere ungewöhnliche Beinamen der Athena sind zwar ebenfalls belegt (etwa eine Weihung an Athena Demokratia wohl aus augusteischer Zeit), blieben aber in der nachklassischen Zeit eher die Ausnahme. Initiiert wurden diese Denkmäler mehrheitlich von athenischen Privatstiftern, während staatliche Weihungen und solche von Fremden nur vereinzelt vorkamen. Das Objekt der Weihung ist in einigen Fällen explizit genannt; hierbei handelte es sich teils um agalmata der Athena, teils um eikones wohl der Stifter, teils auch um Darstellungen von Arrhephoren (s.u. Vortrag Schmidt).

Die Akropolis war auch während der hellenistischen und römischen Zeit ein wichtiger Aufstellungs- und Publikationsort für offizielle staatliche Verlautbarungen und Dokumente. Diesem Phänomen ging Graham J. Oliver (Liverpool; G.Oliver@liverpool.ac.uk) in seinem Vortrag „The Athenian Polis on the Acropolis: Inscribed State Monuments in the Hellenistic and Roman Eras“ nach. Er wies dabei zunächst darauf hin, dass Dekrete der Polis in hellenistischer Zeit bevorzugt auf der Agora angebracht wurden, wodurch die Akropolis auf den zweiten Platz verdrängt wurde. Auch in römischer Zeit blieb die Agora der übliche Platz für die Aufstellung öffentlicher Dokumente, wobei es aber zu einer gewissen inhaltlichen Differenzierung zwischen Agora und Akropolis kam. Gerade Dekrete mit eher religiösem Inhalt wurden weiterhin auf der Akropolis errichtet; und nun wurde auch immer detaillierter angegeben, wo genau im Heiligtum diese zur Aufstellung kommen sollten. Daneben kam es aber bereits seit hellenistischer Zeit auch zunehmend zur Abräumung früherer Inschriften, teilweise ausgelöst durch eine damnatio memoriae wie 200 v. Chr. gegen die Antigoniden, teilweise aber offenbar auch nach eher ‚zufälligen‘ Selektionskriterien. Obwohl noch Pausanias hellenistische Inschriften auf der Akropolis sah, bleibt es schwierig zu bestimmen, wie lange einzelne epigraphische Monumente in ihrer ursprünglichen Funktion sichtbar blieben. Zahlreiche Wiederverwendungen früherer Inschriften zeigen jedenfalls an, dass die Lebensdauer vieler Denkmäler beschränkt gewesen sein dürfte (s. auch u. Vortrag Keesling).

Das Thrasyllos-Monument gehört zwar zum Dionysosheiligtum an der Südseite der Akropolis, es verdient aber wegen dieser räumlichen Nähe in die Betrachtung einbezogen zu werden. Wilfred Geominy (Bonn; akmuseum@uni-bonn.de) widmete seinen Vortrag („Zum Thrasyllos-Monument“) vor allem der umstrittenen Frage der Chronologie dieses Denkmals, das gemeinhin als ein Fixpunkt der frühhellenistischen Kunst gilt. Es wurde im Jahr 320/19 von Thrasyllos nach einem choregischen Sieg gestiftet, allerdings später auch von dessen Sohn Thrasykles (Sieger 271/70) genutzt und eventuell umgebaut. So hat man mehrfach angenommen, die bekrönende Sitzstatue des Dionysos sei erst zu diesem Zeitpunkt oder gar erst in römischer Zeit hinzugefügt worden. Es muss jedoch festgehalten werden, dass die oft behauptete Zweiphasigkeit des Baues, die sich angeblich in einer klaren Abgrenzung zwischen einem Unter- und einem Oberbau manifestiert, in den frühen Zeichnungen nicht nachzuvollziehen ist. Auch eine römische Erneuerung des Gebäudes ist keineswegs gesichert. Schließlich spricht nichts wirklich dagegen, dass auch die Dionysos-Statue bereits zur ursprünglichen Ausstattung des Baus von 320/19 gehörte; und dasselbe könnte auch für die beiden das Standbild flankierenden Dreifüße gelten, die man bisher zumeist dem Thrasykles zugewiesen hatte.

Dem weiblichen Kultpersonal, das auf der Akropolis wirkte, wendet sich Ricarda Schmidt (Bonn/Athen; ricardaschmidt@gmx.de) in ihrem Vortrag „Frauen im Heiligtum. Die Arrhephoren im Hellenismus und in der Kaiserzeit“ zu. Die Arrhephoren, junge Mädchen aus vornehmen athenischen Familien, die für neun Monate in einem eigenen Haus auf der Akropolis lebten, sind uns in ihren kultischen Funktionen vor allem aus Pausanias bekannt. Sie wurden in dem Heiligtum auch bildlich verewigt, wie die insgesamt 20 erhaltenen Basen von Arrhephoren-Statuen ausweisen. Die frühesten Weihgeschenke dieser Art sind ab dem 3. Jh. v. Chr. zu fassen, und ihre Reihe setzt sich dann fort bis in das 2. Jh. n. Chr. Eine einheitliche Typologie der Basen lässt sich nicht ausmachen, denn unter diesen finden sich sowohl einfache Blockbasen wie auch Kapitelle von Pfeilermonumenten. Über die Aufstellungskontexte der Statuen kann wenig ausgesagt werden, da keine der Basen in situ geborgen wurde. Bei den Stiftern der Bildnisse handelt es sich in 15 Fällen um nahe Verwandte, während städtische Organe nur zweimal als Stifter erwähnt sind. Geweiht waren die Standbilder der Athena, deren Namen immerhin 17mal explizit genannt wurde, was im Vergleich zu anderen Weihungen eine sehr hohe Zahl darstellt (s.o. Vortrag Müller). Das Thema der Standbilder waren laut der Inschriften immer die Arrhephoren selbst; diesen dürften aber teilweise nach Ausweis der Spuren auf einigen erhaltenen Basenoberseiten weitere Attribute wie etwa Tiere beigegeben worden sein. Eine einheitliche Typologie scheint es bei den Statuen nicht gegeben zu haben.

Der Funktion der Akropolis als Aufstellungsort für Ehrenstatuen bedeutender Römer ging Ralf Krumeich (Bonn; rkrumeich@uni-bonn.de) in seinem Vortrag „Römer vor klassischem Hintergrund. Formen der statuarischen Repräsentation römischer Honoranden auf der Akropolis“ nach. Schon seit dem 4. Jh. v. Chr. war die Akropolis neben der Agora der wichtigste Platz für die Errichtung staatlich dekretierter Ehrenstatuen in Athen. Dies verstärkte sich noch seit dem späteren 2. Jh. v. Chr., als zahlreiche Personen der römischen Führungsschicht hier mit Standbildern verewigt wurden. Dabei kam es in vielen Fällen zu einer Wiederverwendung früherer Monumente, die jedoch nicht automatisch negativ zu bewerten ist, denn das Aufgreifen früherer Figuren muss für die Zeitgenossen im wesentlichen positiv konnotiert gewesen sein (vgl. u. Vortrag Keesling). Dies gilt nicht zuletzt für solche Monumente, bei denen man die Statue selbst mehr oder minder unverändert beließ und lediglich die Inschrift auf der Basis umschrieb. Hierbei ist wiederum eine in Griechenland durchaus nicht überall übliche Eigenheit auszumachen: In vielen Fällen wurde die frühere Weihinschrift auf der Basis belassen und die neue Inschrift einfach auf der gleichen Basisseite hinzugefügt. Da die ursprüngliche Inschrift offenbar weiter sichtbar blieb, hatten die Statuen von nun an eine Art ‚doppelter Identität‘, da Römer und Athener der klassischen Zeit in solchen Denkmälern gleichsam verschmolzen. Jedenfalls muss dadurch das Erscheinungsbild der römischen Honoranden auf der Akropolis für den Betrachter sehr ‚griechisch‘ gewirkt haben.

Der Grund für die statuarische Ehrung von römischen Amtsträgern in Athen war nicht selten eine Dankbarkeitsbezeugung gegenüber solchen Personen, die sich auf die eine oder andere Weise um die Stadt verdient gemacht hatten. Diesem Phänomen widmete Caroline Rödel (Heidelberg; carolineroedel@gmail.com) ihren Vortrag „Von L. Aemilius Paullus bis Augustus – Stiftungen von Römern in Athen“. Ab dem frühen 2. Jh. v. Chr. sind verschiedene solcher Wohltaten führender Römer gegenüber Athen belegt, die die Form von Getreide- und Geldspenden, Landzuweisungen, Opfern und Gebäuden annehmen konnten, wobei der Trend im Laufe der Zeit von Stiftungen ephemerer Art zu dauerhaften Monumenten ging. Die Akropolis scheint allerdings zumindest in voraugusteischer Zeit bei den Stiftungen römischer Magistrate nicht sonderlich wichtig gewesen zu sein. Besonders tat sich Marcus Antonius hervor, der bei einem Siegesfest sogar in römischen Gewändern auftrat und daraufhin als ‚neuer Dionysos‘ begrüßt wurde. Dies war ein deutlicher Bruch mit dem bisherigen Verhalten römischer Magistrate und eine klare Anknüpfung an die Selbststilisierung hellenistischer Könige. Unter Augustus wurde dann in Athen wieder viel gebaut. Man sollte jedoch vorsichtig sein, hierin ein allumfassendes ‚augusteisches Bauprogramm‘ zu sehen, denn eine kaiserliche Finanzierung ist nur für die ‚Römische Agora‘ sowie vermutlich für ein Dreifuß-Monument im Bereich des Olympieions zu sichern. Relativ viele andere Bauten dieser Zeit sind hingegen eindeutig vom Demos von Athen initiiert worden.

Die statuarische Ehrungen von Einzelpersonen und Wohltätern erreichten ihren Höhepunkt in Athen in der römischen Kaiserzeit (während die Zahl der hellenistischen Ehrendekrete diejenigen aus der römischen Epoche deutlich übersteigt). Ca. 1030 Ehreninschriften auf Statuenbasen sind aus Athen überliefert; mindest 200 dieser Monumente dürften ehemals auf der Akropolis gestanden haben. Sophia Aneziri (Athen; vpapag@ath.forthnet.gr) untersuchte darum in ihrem Vortrag „‚Ohne Kaiser oder Reichsfunktionär zu sein‘. Alternative Wege des Aufstiegs auf die Athener Akropolis in der Kaiserzeit" diese Denkmälergruppe. Sie stellte insbesondere die Frage, ob die statuarische Verewigung einer Person auf der Akropolis eine besondere Form der Ehrung darstellte, mit der die Polis, die das Heiligtum kontrollierte, möglicherweise eher sparsam umging. Bei einer Einteilung der Ehrenstatuen in bestimmte Kategorien zeigt sich, dass manche Gruppen von Honoranden wie die städtischen Funktionäre oder die Intellektuellen auf der Akropolis eher sparsam vertreten waren, da sie bevorzugt an anderen Plätzen in der Stadt geehrt wurden, während andere Gruppen wie auswärtige Könige und auch die römischen Kaiser sowie insbesondere die römischen Reichsfunktionäre und deren Familienmitglieder sehr häufig oder gar fast ausschließlich ein Standbild auf der Akropolis erhielten – hier ist also eine deutliche Konzentration statuarischer Ehrungen auf das zentrale Heiligtum der Stadt auszumachen. Gerade römische Honoranden und generell Fremde (auch auswärtige Poleis) scheinen somit ein gesteigertes Interesse daran gehabt zu haben, gerade auf der Akropolis mit einem Standbild verewigt zu werden (vgl. auch o. Vortrag Krumeich). Dies kam gleichzeitig den Interessen der städtischen Behörden entgegen, da durch solche Ehrungen der panhellenische Charakter des Heiligtums hervorgehoben wurde.

Einen spezifischen Aspekt der Erinnerungskultur auf der nachklassischen Akropolis behandelte Andreas Scholl (Berlin; a.scholl@smb.spk-berlin.de) in seinem Vortrag „Arx Athenarum a Pausania descripta. Zur kaiserzeitlichen Inszenierung der Akropolis als Denkmal der Geschichte Athens“ nach. Er behandelte dabei vor allem einige Denkmäler der vorpersischen Zeit, die noch Pausanias an diesem Ort gesehen hat. Bedeutsam unter diesen ist beispielsweise eine Gruppe von bronzenen Athena-Statuen – offenbar Reste der archaischen Votivausstattung der Akropolis –, die vom Rauch des Perserbrandes geschwärzt waren. Diese Zurschaustellung altehrwürdiger Figuren, die an einen bestimmten, im kollektiven Gedächtnis der Athener tief verhafteten Zeitpunkt der Vergangenheit erinnerten, ist als eine denkmalhafte Inszenierung eines historischen Ereignisses zu verstehen. Ähnliche Inszenierungen der Vergangenheit, die in der römischen Kaiserzeit beibehalten wurden, lassen sich auch an einzelnen topographischen herausgehobenen Stellen ausmachen, so in der Präsentation der mykenischen Befestigungsmauer. Ein besonders bedeutsames ‚historisches‘ Monument war schließlich das bronzene Viergespann, das die Athener im Jahre 506 v. Chr. nach ihrem Sieg über die Chalkidier und Böoter auf die Akropolis geweiht hatten. In römischer Zeit war offenbar ein Ersatz für das ursprüngliche Denkmal zu sehen, der vielleicht nach 457 angefertigt worden war; diese Gruppe wurde dann mehrfach umgesetzt. Die kaiserzeitliche Akropolis wies also noch zahlreiche teilweise sehr alte Monumente auf, die gezielt an die glorreiche Vergangenheit Athens erinnerten, insbesondere aber auch an die Schändung des Heiligtums durch die ‚barbarischen‘ Perser.

Der Entwicklung der Akropolis in der Spätzeit des römischen Reiches, d.h. zwischen dem frühen 3. und dem Ende des 6. Jhs., geht Christian Witschel (Heidelberg; christian.witschel@urz.uni-heidelberg.de) in seinem Vortrag „Die Akropolis in der Spätzeit. Vom Besuch des Pausanias bis zum späten 6. Jh.“ nach. Bei einem Blick auf das frühere 3. Jh. ergibt sich zunächst, dass Ehrungen für Kaiser auf der Akropolis letztmalig in severischer Zeit in größerer Zahl erfolgten, darunter auch eine goldene Statue der Iulia Domna im Parthenon. Für Reichsfunktionäre und städtische Magistrate wurde hingegen auch im zweiten Drittel des 3. Jhs. noch eine Reihe von Statuen aufgestellt. Unklar bleibt, ob die Akropolis im Jahr 267 von den Herulern eingenommen und gebrandschatzt wurde. Die Zäsur im Stadtbild von Athen, die dieses Ereignis auslöste, ist jedoch nicht zu übersehen. Zunehmend trat nun der Verteidigungsaspekt in den Vordergrund, vor allem durch die Errichtung des sog. Post Herulian Wall um 280/90. Davon war augenscheinlich auch die Akropolis betroffen, die nun wieder stärker den Charakter einer Befestigung erhielt. Der Zustand Athens im 4. Jh. n. Chr. ist in der Forschung immer noch stark umstritten. Das alte politische Zentrum, die Agora, scheint jedenfalls weitgehend in Ruinen gelegen zu haben, was eine weitere Aufwertung der Akropolis mit sich gebracht haben dürfte. Dort lässt sich jedenfalls eine gewisse Kontinuität der statuarischen Praxis ausmachen, und auch die wichtigsten Kulte wurden bis mindestens in das frühe 5. Jh. intensiv gepflegt. Daher müssen auch die Tempel selbst noch funktionstüchtig gewesen sein. Für den Parthenon lässt sich tatsächlich eine größere Restaurierungskampagne nachweisen, deren genaue Datierung (früheres 4. Jh.?) allerdings umstritten bleibt. Erheblich stärkere Veränderungen ergaben sich dann im weiteren Verlauf des 5. Jhs., als die Christianisierung Athens trotz eines deutlich ausgeprägten Beharrungsvermögens der heidnisch-intellektuellen Kreise rasche Fortschritte machte. Gegen Ende des 5. Jhs. wurden die zentralen Heiligtümer auf und um die Akropolis geschlossen und die Kultbilder entfernt. Die somit säkularisierten Tempel wurden jedoch nicht zerstört, sondern konserviert und bald darauf (vermutlich bereits im frühen 6. Jh.) in christliche Kirchen umgewandelt. Das äußere Erscheinungsbild der Akropolis erinnerte somit selbst im späteren 6. Jh. immer noch – und offenbar ganz bewusst – an die vergangene Größe der Stadt.

Dem Phänomen der zahlreichen Wiederverwendungen älterer Monumente, das gerade im 1. Jh. v. und n. Chr. auf der Akropolis massiv auftrat, widmete Catherine M. Keesling (Washington DC; keeslinc@georgetown.edu) einen eigenen Vortrag: „The Hellenistic and Roman Afterlives of Dedications on the Athenian Akropolis“. Während viele Weihestatuen des 5. Jhs. v. Chr. noch zur Zeit des Pausanias unverändert auf der Akropolis zu sehen waren, waren von den Wiederverwendungen vor allem Porträtstatuen des 4. und 3. Jh. v. Chr. betroffen. Einige dieser Monumente wurden zwei- oder gar dreimal neu genutzt. Ein Teil der Standbilder stand aufgrund einer damnatio memoriae etwa gegen hellenistische Herrscher für eine solche Neunutzung zur Verfügung; sehr viel häufiger waren aber Ehrenstatuen athenischer Bürger von solchen Vorgängen betroffen, wobei man häufig die frühere Inschrift auf der Basis beließ (s.o. Vortrag Krumeich). In anderen Fällen wurde hingegen die frühere Ehreninschrift ausgelöscht, ohne dass eine offizielle damnatio memoriae zugrunde lag, während die Künstlerangabe stehen blieb. Teilweise sind solche Eradierungen noch gar nicht bemerkt worden. So hat man einige Basen mit Künstlersignaturen Bildhauern zugewiesen, deren Wirkungszeit man im 1. Jh. v. Chr. festmachen zu können glaubte, obwohl sie sich viel eher mit der Erstverwendung des Monumentes im 4./3. Jh. v. Chr. verbinden lassen. Der auf einer Basis genannte Praxiteles war beispielsweise wohl kein späthellenistischer Künstler, sondern der berühmte Bildhauer des 4. Jhs. oder einer seiner Nachfolger im 3. Jh. v. Chr. In wieder anderen Fällen hat man hingegen augenscheinlich im 1. Jh. v. Chr. ältere, zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend verschwundene Inschriften kopiert und erneut – nun aber zumeist mit zeitgenössischen Buchstabenformen – eingemeißelt.

Ricardo di Cesare (Foggia/Athen; riccardobach@yahoo.it) fragte in dem abschließenden Vortrag „L’Acropoli dall’ellenismo all’‘Impero umanistico’. Aspetti politici di monumenti“ erneut nach der Funktion der Akropolis als zentraler ‚Erinnerungsort‘ im hellenistischen und kaiserzeitlichen Athen. Nach einem kurzen Rückblick auf die Inszenierung eindrucksvoller historischer Monumente bereits im 5. Jh. v. Chr. im Gefolge der Perserkriege (vgl. o. Vortrag Scholl) arbeitet er vier Phasen einer besonders intensiven Nutzung der Akropolis für politische und repräsentative Zwecke heraus: Zunächst die Zeit der hellenistischen Könige, als etwa die Herrscher von Pergamon mit dem Galateranathem einen visuell beeindruckenden Brückenschlag zwischen ihren Taten und der ruhmvollen athenischen Vergangenheit herzustellen versuchten; und sodann die späthellenistische Epoche, die geprägt war durch die Rivalitäten der führenden römischen Staatsmänner. Auf der Akropolis hat sich insbesondere der Machtkampf zwischen Marcus Antonius und Octavian bemerkbar gemacht, der mit einer Umwidmung entsprechender Denkmäler verbunden war. Die Beruhigung der Lage in augusteischer Zeit wurde ebenfalls auf der Akropolis sichtbar; dort wurde der erste Princeps nun in einem eigenen Tempel verehrt, zu dem offenbar ein großes und reich geschmücktes Altarmonument hinzutrat. Eine letzte wichtige Phase bildete schließlich die hadrianische Zeit. Unter diesem Kaiser wurde möglicherweise die Statue der Athena Parthenos umfassend restauriert (dies ist allerdings umstritten), so dass sich vermutlich Spuren des umfassenden hadrianischen ‚Bauprogramms‘ in Athen auch auf der Akropolis finden lassen.

Einige Ergebnisse

Vor allem zwei wichtige Trends in der Entwicklung der nachklassischen Akropolis sind in den verschiedenen Vorträgen immer wieder aufgezeigt worden: Zum einen die beständige Anknüpfung an die glorreiche Vergangenheit Athens, die auf der Akropolis durch die großen Bauwerke und Anatheme des 5. Jhs. v. Chr. in hohem Maße präsent war. Durch sorgsame Inszenierungen ausgesuchter altehrwürdiger Monumente, die auf bestimmte für die Stadt besonders wichtige Ereignisse wie etwa den Persersturm verwiesen (s. Vortrag Scholl), aber auch durch die teilweise sehr bewusste Plazierung neuer Denkmäler in Bezug auf den vorhandenen architektonischen und statuarischen Rahmen (s. Vortrag Di Cesare) und schließlich durch die gezielte Instandhaltung der zentralen Gebäude bis in eine sehr späte Zeit wurde die Erinnerung an die Vergangenheit auf der Akropolis stets wachgehalten und von den Zeitgenossen intensiv erlebt. In diesen Kontext gehört aber in gewissem Sinne auch die Wiederverwendung vorhandener Denkmäler, denn dadurch wurde deren frühere Identität vielfach nicht völlig ausgelöscht. Vielmehr lässt sich gerade auf der Akropolis das eigentümliche Phänomen fassen, dass solche Umnutzungen früherer Statuen häufig darauf abzielten, deren Aussehen (inklusive der originalen Weihinschriften) zu bewahren und damit den Ehrungen etwa für römische Funktionäre ein besonders traditionelles Gepräge zu verleihen – bis hin zu dem Verfahren, dass man frühere, weitgehend verschwundene Inschriften erneut einmeißelte (s. die Vorträge Krumeich und Keesling). Dennoch wurde die Akropolis durch solche Vorgänge nicht zu einem leblosen ‚Museum‘, in dem die Menschen die dort vorhandenen Denkmäler nur noch aus einer immer größer werdenden historischen und kulturellen Distanz wahrgenommen hätten. Ganz im Gegenteil blieb die Akropolis bis in die Spätantike ein äußerst vitaler Ort, der fest in das Leben der athenischen Polis eingebunden war und sein Aussehen durch das Hinzutreten neuer Monumente ständig veränderte. Das Heiligtum war weiterhin ein bevorzugter Ort für die Publikation und Verewigung wichtiger staatlicher Dokumente (s. Vortrag Oliver), und gerade die im epigraphischen und archäologischen Material besonders gut dokumentierte statuarische Praxis erlebte hier im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit ihren Höhepunkt, denn die Akropolis war insbesondere für auswärtige Honoranden, die sich häufig – allerdings keineswegs immer – durch entsprechende Stiftungen an die Polis hervorgetan hatten (s. Vortrag Rödel), ein bevorzugter Ort, um in Athen mit einem Standbild geehrt zu werden (s. Vortrag Aneziri). Schließlich war die Akropolis immer noch ein lebhaftes Kultzentrum, wie die zahlreichen Weihungen der nachklassischen Zeit an Athena (s. Vortrag Müller) oder die in dieser Zeit stark zunehmende Anzahl von Standbildern des weiblichen Kultpersonals (s. Vortrag Schmidt) nachdrücklich unterstreichen. Selbst nach dem Ende der heidnischen Kulte und der Umwandlung der wichtigsten Tempel in Kirchen im Laufe des 6. Jhs. blieb das überkommene Aussehen der Akropolis weitgehend bewahrt, so dass selbst im nunmehr christlichen Athen eine Anknüpfung an die – allerdings vielfach umgedeutete – Vergangenheit möglich war (s. Vortrag Witschel).

Kontakt

PD Dr. Ralf Krumeich
Archäologisches Institut
der Universität Bonn
Am Hofgarten 21
53113 Bonn
rkrumeich@uni-bonn.de

Prof. Dr. Christian Witschel
Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik
der Universität Heidelberg
Marstallhof 4
69117 Heidelberg
christian.witschel@urz.uni-heidelberg.de

Zitation
Tagungsbericht: Die Akropolis von Athen im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit, 16.06.2006 – 17.06.2006 Bonn, in: H-Soz-Kult, 01.11.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1332>.
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Veröffentlicht am
01.11.2006