2. Workshop Historische Spanienforschung

Ort
Kochel am See
Veranstalter
Martin Baumeister (München), Walther Bernecker (Nürnberg) und Christian Windler (Bern) gefördert durch das spanische Kulturministerium und die Junta de Castilla y León
Datum
08.09.2006 - 10.09.2006
Von
Lisa Dittrich, Berlin

Vom 8. bis zum 10. September 2006 fand zum zweiten Mal ein Workshop zur historischen Spanienforschung in Kochel am See statt. Die Organisatoren, Martin Baumeister (München), Walther Bernecker (Nürnberg) und Christian Windler (Bern), möchten mit dieser Veranstaltung Nachwuchswissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum zusammenführen, die zur spanischen Geschichte arbeiten, und ihren Austausch untereinander fördern und institutionalisieren. Der Workshop wurde vom spanischen Kulturministerium und der Junta de Castilla y León gefördert. Durch die Teilnahme mehrerer Kommentatoren aus Spanien – Joaquín Abellán (Madrid), Juan Pan-Montojo (Madrid) sowie Salvador Rus Rufino (León/ Representación Histórica Española en Alemania, Göttingen) – wurde diesmal insbesondere auch der Austausch zwischen den hiesigen Wissenschaftlern und der Forschung jenseits der Pyrenäen angeregt. Die Auswahl der eingeladenen Teilnehmer sollte wie vor anderthalb Jahren neuere Tendenzen der Forschung zur Geschichte Spaniens seit der Frühen Neuzeit repräsentieren.

In den Sektionen zur Frühen Neuzeit lag der Schwerpunkt vor allem auf Beziehungsgeschichte(n). Die Geschichte der spanischen Territorien wurde nicht als Nationalgeschichte, sondern als Teil einer gesamteuropäischen und/ oder transatlantischen Geschichte betrachtet. Dies wurde sowohl in der ersten und umfangreichsten Sektion zur „Kultur- und Sozialgeschichte von Außenbeziehungen“ als auch in der zweiten Sektion zum Thema „Kulturtransfer in der Frühen Neuzeit“ deutlich. Beide Vorträge der letzteren Sektion waren Beispiele für Versuche, das klassische Konzept des Kulturtransfers methodisch weiterzuentwickeln. Stefan Schlelein (Berlin) eröffnete diese Sektion mit methodischen Überlegungen hinsichtlich der Verwendung der Modelle „Kulturtransfer“ und „Diffusion“ im Rahmen einer Studie zum Einfluss des italienischen Humanismus in Kastilien. Danach bewies der Beitrag von Laura Beck-Varela (Sevilla/ Frankfurt a. M.), wie fruchtbar ein buchgeschichtlicher Ansatz für die Erforschung von Kulturtransfer sein kann. In ihrem Vortrag zur Verbreitung der Werke Arnoldus Vinnius an den Rechtsfakultäten Spaniens im 18. Jahrhundert diskutierte sie an Hand erster Ergebnisse einer quantitativen Analyse von etwa 150 Exemplaren der Werke des Autors ältere Forschungsergebnisse zur Inquisition und stellte die Heterogenität der Zensurpraxis heraus. Ihr Referat verdeutlichte, dass durch eine Untersuchung der Bücher als materielle Quelle konkreter Zensurpraxis bestimmte Aspekte von Transferprozessen beleuchtet werden können, die rezeptions- und ideengeschichtliche Ansätze nicht erfassen.

Neben der Tendenz, Beziehungsgeschichte(n) zu schreiben, manifestierte sich in den Projekten zur Frühen Neuzeit ein methodischer Schwerpunkt. Mit Ausnahme der ersten Präsentation von Sonja Schultheiß-Heinz (Bayreuth), die zum habsburgisch-französischen Gegensatz im Hinblick auf die Italienpolitik im 16. Jahrhundert sprach, wurden in der ersten Sektion Außenbeziehungen nicht mehr nur als Staatenbeziehungen untersucht, vielmehr richtete sich der Blick auf die Kontakte der tragenden Akteure. Die anderen drei Vorträge dieser Sektion - von Thomas Weller (Münster) zur Rolle interkultureller Kommunikation in diplomatischen Begegnungen, von Hillard von Thiessen (Bern) zur Figur des frühneuzeitlichen Gesandten und von Corina Schneider (Freiburg) zur Frage spezifisch weiblicher Diplomatie – offenbarten das Potential mikrohistorischer Ansätze, neue Sichtweisen auf frühneuzeitliche Außenbeziehungen zu entwickeln. Z.B. legte von Thiessen anhand der Botschafter des spanischen Königs bei Papst Paul V. (1605-1621) dar, dass der frühneuzeitliche Gesandte nicht Diplomat im modernen Sinn, sondern Repräsentant seines Fürsten war. Zugleich widersprach er der in der Forschung oft vertretenen Vorstellung des Gesandten als „Abbild seines Herren“. Von Thiessen zeigte, dass vom Gesandten erwartet wurde, eine Vielzahl von Rollen einzunehmen, die miteinander konkurrierten; er hatte neben seinem Fürsten auch seine Familie, seine Klientel sowie adlige Freunde zu vertreten.

Ebenso war die dritte Sektion zur Frühen Neuzeit durch mikrohistorische Ansätze geprägt. Arndt Brendecke (München) und Marc-André Grebe (Bielefeld) stellten neue Perspektiven auf die Verwaltungsgeschichte vor, die durch solche Ansätze gewonnen werden. Grebe untersucht in seinem Dissertationsprojekt am Beispiel des Kronarchivs Simancas die Bedeutung und Funktion von Archiven innerhalb der Administration und damit die konkrete Herrschaftspraxis Karls V. und Phillips II. Brendecke versucht, seine Studie zur Verwaltung des Wissens über die spanischen überseeischen Territorien durch alltagsgeschichtliche Einblicke in eine der beteiligten Institutionen, den Indienrat, zu ergänzen. In seinem Vortrag vermittelte er nicht nur ein äußerst plastisches Bild dieser Institution, sondern demonstrierte zugleich den Erkenntnisgewinn, der aus solch einem Zugriff erwachsen kann. Die Analyse des Indienrats im 17. Jahrhundert zeigte, dass die Besetzungspolitik in Bezug auf die niedrigen Positionen dieses Rats durch familiäre Netzwerke bestimmt wurde und dadurch eine hohe Kontinuität gewährleistet war. Brendecke erklärte, dass er sich die wichtige Funktion der niedrigen Positionen innerhalb des Indienrats erst durch den alltagsgeschichtlichen Zugriff erschlossen habe.

Die ausgewählten Projekte zur Neuzeit befassten sich in diesem Jahr fast ausschließlich mit dem 20. Jahrhundert. Die Veranstalter wollten anlässlich des Jahrestages seines Ausbruchs eigentlich einen Schwerpunkt auf den Bürgerkrieg und dessen Nachgeschichte legen, jedoch bezogen sich nur fünf der acht Beiträge direkt auf diese Thematik. Insgesamt waren die Vorträge zum 20. Jahrhundert sowohl methodisch als auch thematisch sehr viel heterogener als diejenigen zur Frühen Neuzeit. Den meisten Beiträgen unterlag aber explizit oder implizit das Bemühen, gegen eine nationalstaatlich zentrierte Historiographie anzuschreiben, die vor allem die Besonderheiten der spanischen Geschichte herausstreicht. Die Frage nach der spezifischen spanischen Entwicklung wurde nur selten gestellt. Neben der Dekonstruktion von Nationalgeschichte(n), standen Vorträge, die Außenbeziehungen und –perspektiven in den Mittelpunkt rückten, sowie vergleichende Ansätze, die insbesondere Ähnlichkeiten zu anderen Nationen hervorhoben. Wie verschieden die Wege waren, die dabei gegangen wurden, und wie unterschiedlich die Fragestellungen ausfallen konnten, manifestierte sich vielleicht am augenfälligsten in der Sektion zum Franquismus. Steffen Bruendel (Frankfurt a. M.) analysierte den frühen Franquismus mit Hilfe des herrschaftssoziologischen Charisma-Modells von Max Weber und stellte in einem abschließenden Vergleich trotz verschiedener Unterschiede die Ähnlichkeit zur Hitlerdiktatur heraus. Frauke Kersten-Schmunk (Oldenburg) präsentierte ihr in den Anfängen stehendes Dissertationsprojekt zur Sección Feminina (1934-1977), in dem sie die Aktivitäten der franquistischen Frauenorganisation mit dem von Sven Reichardt entwickelten praxiologischen Faschismusbegriffs untersuchen möchte. Ziel des Projekts ist es unter anderem, durch einen asymmetrischen Vergleich mit bundesrepublikanischen Frauenorganisationen das in der Forschung etablierte Bild, das die Sección Feminina als rückwärtsgewandt und durch ein traditionelles Frauenbild geprägt darstellt, zu hinterfragen und den emanzipatorischen Elementen der Organisation nachzugehen.

Der Sektion zur neuesten Geschichtspolitik galt besonderes Interesse, welches sich in einer äußerst regen Diskussion vor allem auch mit den spanischen Gästen der Tagung zeigte. Antonio Saez-Arance (Köln) fasste in seinem Beitrag unter dem Begriff des Geschichtsrevisionismus über bekannte Autoren wie César Vidal hinausgehend verschiedene konservative Bemühungen wissenschaftlicher und nicht wissenschaftlicher Provenienz seit Mitte der 1990er Jahre zusammen, die alle das Ziel verfolgen, gegen die Zersplitterung in Regionalgeschichten eine neue nationale Geschichte zu schreiben. Um aus den üblichen Konfliktlinien herauszutreten, plädierte er für eine aufklärerische Historiographie und Geschichtsvermittlung, in deren Rahmen alle Meistererzählungen auf nationaler und regionaler Ebene als Versuche kollektiver Identitätsstiftung angesehen werden und die unterschiedlichen Wertvorstellungen in eine diskursive Konkurrenz treten können. In dem vorangehenden Referat untersuchte Sören Brinkmann (Nürnberg) eine der „spanischen“ Meistererzählung; er analysierte die jüngere katalanische Erinnerungskultur der Republik, des Bürgerkrieges und des Franquismus, welche durch das Selbstverständnis einer katalonischen Einigkeit in Opposition zum spanischen Staat bestimmt war und stellte die Entwicklung dieses geschichtlichen Erinnerns in ihren historischen Kontext. In der Diskussion des Projekts demonstrierten die vielfältigen Anregungen für weitergehende Forschung den noch bestehenden Bedarf an Untersuchungen jüngerer Erinnerungskultur.

Erfahrungsgeschichte bildete einen weiteren Schwerpunkt der Sektionen zum 20. Jahrhundert; die drei betreffenden Beiträge beschäftigten sich mit Krieg und Gewalt. Dabei nahmen die Vortragenden Außen- bzw. Exilperspektiven in den Blick. Während Andreas Stucki (Bern) seine vor allem militärgeschichtlich ausgerichtete Studie über spanische Konzentrationslager im kubanischen Befreiungskrieg (1895-1898) durch eine Analyse des Erlebens dieser Politik durch die Zivilbevölkerung ergänzt, stellt die Frage nach der konkreten Erfahrung von Gewalt die Klammer des literaturwissenschaftlichen Projekts von Claudia Nickel (Potsdam/ Gießen) dar. Sie untersucht in ihrem Dissertationsvorhaben unterschiedliche Textsorten (Lagerzeitschriften, fiktionale Texte sowie (auto)biographische Werke), in denen die Erfahrungen spanischer Internierter in südfranzösischen Lagern (1939-1944) verarbeitet wurden. Der dritte Beitrag, der nach der historischen Erfahrung von Gewalt und Krieg fragte, hatte nicht das klassische Format einer historischen Untersuchung. Im Rahmen des Workshops wurde der von Luis M. Calvo Salgado und Christian Koller (beide Zürich) konzipierte Dokumentarfilm „Der Spanienkämpfer Hans Hutter im Gespräch“ in einer Rohfassung vorgeführt und fand großen Beifall. Der Film ist Teil eines didaktischen Projekts, das mit Hilfe eines Internetportals Studierenden der Universität Zürich den Zugang zu historischen Quellen ermöglichen wird. Die filmische Darstellung des Interviews soll dabei als Material für Oral-History-Analysen dienen und ist gleichzeitig auch eine alternative Form, historische Erfahrung und Erinnerung zu vermitteln. Dafür ergänzt der Film das Interview durch einen Bericht aus dem Off, zeitgenössisches propagandistisches Filmmaterial sowie alte Photographien des Interviewten. Salgado und Koller hoben die Vorzüge filmischer Erfassung von Erinnerung hervor; sie argumentierten, dass ein Film dem menschlichen Gedächtnis auf Grund der Beweglichkeit, Mehrdimensionalität und Fragmentierung besser entspräche als textliche Darstellungen. In der Diskussion des Films wurde aber zugleich deutlich, dass das Medium Dokumentarfilm in Bezug auf die Vermittlung historischer Erfahrung durchaus zweischneidig ist, da es gilt, eine Balance zwischen respektvollem Umgang mit persönlicher Erinnerung, filmisch-emotionaler Darstellung und nüchternem historiographischen Kommentar zu finden. Auch ein weiteres Projekt setzte sich mit visuellen Medien als Quelle auseinander; Martina Stühlinger (Zürich) präsentierte erste Ergebnisse ihrer Lizenziatsarbeit, in der sie republikanische wie auch franquistische Plakate aus dem Bürgerkrieg im Hinblick auf das dargestellte Frauen- und Männerbild analysiert.

In Anbetracht der in Kochel vorgestellten methodischen Ansätze und der den Projekten beider Epochen innewohnenden Tendenz, spanische Geschichte nicht als isolierte Nationalgeschichte zu schreiben, scheint es, dass die deutschsprachige Spanienforschung ein integraler Bestandteil des hiesigen historiographischen Diskurses ist. Die spanische Geschichte wird heute als Teil einer gesamteuropäischen und/ oder transatlantischen Geschichte erforscht. Das diesjährige Treffen in Kochel zeigte wie schon der erste Workshop 2005 die große Vielfalt der historischen Untersuchungen zu Spanien. Im Falle des 20. Jahrhunderts stellt sich allerdings die Frage, ob angesichts der Heterogenität der Projekte, nicht eine stärkere Bündelung von Fragestellungen zu wünschen wäre, zu der gerade Veranstaltungen wie dieser Workshop beitragen könnten. Deshalb und auf Grund der positiven Resonanz der Teilnehmer ist es äußerst begrüßenswert, dass die Veranstaltung in den kommenden Jahren wahrscheinlich eine festere Grundlage bekommen wird und die Organisatoren den Aufbau einer Internetplattform planen. [1]

[1.] Siehe Call for Papers vom 21.09.2006 http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=5990&sort=datum&order=down&search=Historische+Spanienforschungienforschung.

Zitation
Tagungsbericht: 2. Workshop Historische Spanienforschung, 08.09.2006 – 10.09.2006 Kochel am See, in: H-Soz-Kult, 27.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1344>.
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Veröffentlicht am
27.10.2006
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