Männlichkeit und Gesundheit 1500–1900 / Masculinity and Health 1500–1900

Ort
Prag
Veranstalter
Prof. Dr. Martin Dinges (Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart); Dr. Petr Maťa (Karls-Universität Prag/ Universität Wien); Lucie Storchová (Philosophisches Institut der Akademie der Wissenschaften, Prag); Institut für Gender Studies (Karls-Universität Prag)
Datum
22.09.2006
Von
Veronika Čapská, Schlesische Universität in Opava/Troppau

Am 22. September 2006 fand im Philosophischen Institut der Akademie der Wissenschaften in Prag ein ganztägiger Workshop zu Aspekten von Männlichkeit und Gesundheit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert statt. Den ursprünglichen Anlaß zu dieser Tagung gab der Vortrag von Martin Dinges im Rahmen des Prager Graduiertenkollegs Lebenswelten und Kommunikationsstrukturen in der mitteleuropäischen Gesellschaft vom 16. bis 19. Jahrhundert im Januar 2005. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren überwiegend Nachwuchswissenschaftler. Das Thema des Workshops verschob in Tschechien zum ersten Mal den Fokus von der traditionellen Frauengeschichte zur Geschlechtergeschichte, die stärker die relationale Dimension beachtet, sowie zur Konstruktion von Männlichkeit(en). Ein weiteres Novum in der tschechischen Forschung stellte die Fokussierung auf die soziokulturelle Gestaltung und Variabilität von Krankheit dar sowie die Einbeziehung von „neuen“ Quellen (neben den traditionell häufiger bearbeiteten wissenschaftlichen Diskursen der Eliten). Die Referenten sollten nach vorherigem allgemeinen Versand der Vortragsmanuskripte ihre Kernthesen in ca. 20 Minuten präsentieren; für die Diskussionen wurde die gleiche Zeitspanne reserviert.

Nach einer kurzen Einleitung von Martin Dinges (Stuttgart) analysierte Susanne Hoffmann (Mannheim/Stuttgart) in ihrem Beitrag das Beispiel einer autobiographischen Auseinandersetzung mit der Ehethematik aus der Feder eines belesenen Landmannes mit pietistischem Hintergrund. Ulrich Bräker, der arme Mann aus dem Toggenburg, entwarf sich selbst im späten 18. Jahrhundert in seinen Tagebüchern in Auseinandersetzung mit den widersprüchlichen Anforderungen eines weitgehend auf Gleichheit angelegten Eheverständnisses des Pietismus, traditionaler Hausväterlichkeit und – weniger – den neuen aufgeklärten Konzepten von Männlichkeit. Die eingehende Untersuchung subjektiver Gesundheits- und Geschlechtererfahrung aus der Perspektive eines Angehörigen der ländlichen Unterschicht bahnte einer intensiven Diskussion den Weg.

Im nächsten Vortrag konzentrierte sich Radmila Pavlícková (Olomouc/Olmütz) anhand von Leichenpredigten für Bischöfe auf deren Repräsentation und die Ausgestaltung des Bildes eines beispielhaft sterbenden „Seelenhirten“. Sie präsentierte die Topoi und die individualisierten Beschreibungen des Sterbens der Bischöfe besonders unter Bezugnahme auf ihre Funktionen. Ihre These, daß der kranke, sterbende und tote Körper des Bischofs in den Leichenpredigten nicht geschlechtspezifisch beschrieben wurde, stellten die Teilnehmer in der anschließenden Diskussion in Frage. Andere mögliche Interpretationen wurden anhand der Idee einer neutralen Gender-Markierung oder des Konzepts eines besonderen dritten Geschlechts der Kleriker (vgl. Renate Dürr) diskutiert. Es wurde ein Vergleich mit sozial ähnlich positionierten geistlichen Frauen (z. B. Äbtisinnen) vorgeschlagen.

Eine methodologisch anregende Untersuchung, warum die Gicht in den humanistischen Diskursen einen vorrangigen Platz besetzte und zu einer Modekrankheit wurde, präsentierte im folgenden Lucie Storchová (Prag). Zunächst analysierte sie böhmische Gelegenheitsgedichte, die Podagra thematisierten, auf den autobiographischen Inhalt hin und konnte die Funktion der Gicht als eine der wichtigen Komponenten des Gelehrtenstereotyps belegen. In einem weiteren Schritt präsentierte die Referentin längere literarische Texte (Interdiskurse im Sinne von Jürgen Link). Daran führte sie die verschiedenen Ebenen und Strategien der Gender-Markierung von Gicht vor. Außerdem zeigte sie die dabei angestrebte Konstruktion der Verstehbarkeit des so imaginierten Körpers auf. Schließlich arbeitete sie die Beziehung dieser Markierung zu anderen Diskursen der Differenz heraus. In der anschließenden Diskussion wurde die aufgrund der Podagra konstruierte soziale Distinktion im Vergleich zu anderen Krankheiten im 19 Jh. - wie z. B. der TBC - thematisiert.

Nachmittags griff Christian Kuhn (Bamberg) das Thema der Krankheiten und des männlichen Körpers in der brieflichen Kommunikation des Stadtbürgertums auf. Am Beispiel der Vater-Sohn-Korrespondenz der Nürnberger Familie Tucher im 16. Jahrhundert konzentrierte sich der Referent auf das Interpretationsproblem der stark formelhaften und für das Familienarchiv nachträglich selektierten Briefquellen. Er hob die Schlüsselrolle dieser Art von Scheinkommunikation für die Einübung einer „verordneten Männlichkeit“ und für die Familienerinnerungs- sowie Repräsentationskultur hervor.

Nicole Schweig (Stuttgart) verfolgte anhand edierter Briefwechsel von deutschen Auswanderern in die USA aus dem 19. Jahrhundert, wie die aus den alten sozialen Strukturen losgelösten Emigranten für den Fall ernsthafter Erkrankung ihre Gesundheitsvorsorge sicherten. Aufgrund des detaillierten Vergleichs von Mannern und Frauen konnte die Referentin zahlreiche geschlechtsspezifische Unterschiede herausarbeiten und ihre aus der aktuellen Gesundheitsforschung entwickelte Anfangsthese über die stärkere Verankerung der Frauen in den familiären sozialen Netzwerken bestätigen. Die Männer mußten schon aufgrund ihrer anderen Arbeitsplätze stärker finanzielle Vorsorge treffen.

Am späten Nachmittag kam das Thema der Gesundheit und Männlichkeit im adeligen Milieu zur Sprache. Claire Mádl (Prag) wandte sich der Auseinandersetzung eines aufgeklärten Gelehrten, des Grafen von Hartig (1758 – 1797), mit seiner chronischen Erkrankung zu. Die Herausbildung einer subjektiven Identität in der Beziehung zur Krankheit verfolgte sie auf den drei Ebenen des wissenschaftlichen, ästhetischen und moralischen Diskurses. Sie konnte dabei auf ganz unterschiedliche Quellen wie Briefwechsel, Tagebücher und Portraits dieses österreichischen Diplomaten zurückgreifen.

Petr Mata (Prag/Wien) widmete sich einem hoch interessanten Fall von Auseinandersetzungen um die Auflösung einer Ehe im Hochadel. Impotenz des Gatten wurde als Ursache diskutiert. Mat‘as detaillierte Analyse zeigte, daß die Frage der (Im-)Potenz in diesem Milieu um 1630 nicht als gesundheitliches Problem behandelt wurde. Das medizinische Wissen hatte nur eine nebensächliche, den kirchenrechtlichen Diskurs unterstützende Rolle. Die männliche (Im-)Potenz wurde nicht zuletzt im Rahmen des Ehrdiskurses abgehandelt, wobei der Vater des Angeklagten in der Korrespondenz mit seinem Sohn eine tröstende Umformulierung des Ehrcodes anstrebte. Weitere Möglichkeiten der Auswertung dieses Quellenkorpus wurde zur Diskussion gestellt.

Die Abschlußdebatte zielte auf eine Bilanz und einen Vergleich der einzelnen Beiträge. Während der Tagung wurde anhand eines breiten Spektrums von Quellentypen und einer Vielfalt von verschiedenen Akteuren demonstriert, daß Krankheit(en) in vielfältigen soziokulturellen Kontexten und mit diversen Funktionen auftrat: als verunsichernder Faktor, als Mittel der Glaubenspropaganda, der Selbstkontrolle, der geschlechtlichen und sozialen Distinktion, als Weg zum Heil oder kirchenrechtliches Argument. Die Wirkung der jeweiligen Textgattungen auf die Art der Thematisierung von Krankheit und Männlichkeit wurde ebenfalls vertieft. Zugleich wurde eine Reihe methodischer Möglichkeiten ausprobiert und insgesamt in einem sehr produktiven Arbeitsklima diskutiert.

Zitation
Tagungsbericht: Männlichkeit und Gesundheit 1500–1900 / Masculinity and Health 1500–1900, 22.09.2006 Prag, in: H-Soz-Kult, 25.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1346>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.10.2006