Adel und Moderne in Mittel- und Osteuropa. Perspektiven historischer Adelsforschung

Ort
Marburg
Veranstalter
Dr. Heidi Hein-Kircher, Herder-Institut, Marburg; Prof. Dr. Eckart Conze, Universität Marburg; Herder Institut, Marburg
Datum
10.09.2006 - 19.09.2006
Von
Simon Donig, Philosophische Fakultät, Universität Passau

War Adelsforschung lange Zeit vorrangig ein Thema für die Mediävistik und die frühe Neuzeit, ist seit einigen Jahren ein wachsendes Interesse auch der Neueren- und Zeitgeschichte für diesen Forschungsgegenstand zu beobachten.[1] Auch in anderen Disziplinen wie der Volkskunde hat sich eine Entdeckung des Adels vollzogen, während die Kunstgeschichte gerade für die frühe Neuzeit den Adel als Stifter und Mäzen nie aus dem Blick verloren hat.[2] Die von Heidi Hein-Kircher und Eckart Conze ausgerichtete Sommerakademie zum mittel- und osteuropäischen Adel in der Moderne machte das Herder-Institut wieder einmal zu einem Forum, das interdisziplinär und international Nachwuchswissenschaftler zusammenführte. Der dabei zugrunde gelegte Begriff der Moderne war ein durchaus pragmatischer. Statt eines einheitlichen Phänomens „Modernisierung“ wurde diese in viele Teilprozesse wie Säkularisierung, Industrialisierung, Individualisierung, Parlamentarisierung, Nationalisierung etc. zerlegt. So konnten je nach Zugang andere Ausgangspunkte für die Analysen gewählt werden, was der historischen Komplexität sicher besser Rechnung trug als eine willkürlich gewählte Epochenschwelle. Neben die Präsentationen der Promotions- und Habilitationsprojekte der 22 Teilnehmer traten Impulsreferate einzelner Gastreferenten und längere Abschnitte gemeinsamer Diskussion, in denen ausgesuchte Aspekte der gegenwärtigen Adelsforschung thematisiert wurden. Die Präsentationen gliederten sich in thematisch aufeinander bezogene Sektionen.

Das erste Impulsreferat hielt Monika Wienfort (TU Berlin), die über Adelsgeschichte als Perspektive einer europäischen Geschichtsschreibung sprach. Sie entwickelte drei mögliche Erkenntnisinteressen von Adelsgeschichte im europäischen Zusammenhang: 1) die Bedeutung des gesellschaftlichen Umbaus, d.h. die Entwicklung vom Stand zur Klasse, 2) die Frage nach Werten und Vorstellungen aus kultur- und mentalitätsgeschichtlicher Perspektive und 3) die Suche nach europäischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Zugleich mahnte sie jedoch auch an, sich nicht zu sehr auf große, meist nationale Analyseeinheiten zu konzentrieren, sondern vielmehr gerade auch in der regionalen Perspektive vergleichend zu arbeiten. Besondere Desiderate sah sie bei quantitativen Untersuchungen für sämtliche Gesellschaften Europas.

Die erste Sektion war den Dimensionen „Adel und Erinnerung“ gewidmet. In der Diskussion hoben die Teilnehmer den Nutzen hervor, den gerade der begriffliche Apparat des „cultural turn“ für den Gegenstand gebracht habe und betonten besonders die Selektivität von Erinnerung und die Konstruiertheit von Gedächtnis. Als weitere wichtige Analyseraster wurden Selbstbeschreibung und Fremdzuschreibung, das Potenzial zur Sinnstiftung für Familien, andere Gruppen oder ganze Sozialformationen sowie die wichtige Unterscheidung in Öffentlichkeit(en) und Privatheit genannt. Im Mittelpunkt der ersten beiden Vorträge standen Verlusterfahrungen und die Erinnerung an untergegangene Adelslandschaften. Julia Hildt (Bonn) fragte nach der Wahrnehmung der Zeit vor der Oktoberrevolution durch den exilierten russischen Adel, nämlich der Konstruktion einer „verlorenen Welt“ in Memoiren und Autobiografien. Michael Selig (Essen) beschäftigte sich mit Selbstverständnis und Deutungskultur des vertriebenen ostelbischen Adels in der Ära Adenauer. Methodisch hoben beide auf eine Kombination von Mentalitätsgeschichte und historischer Diskursanalyse ab. Seelig erklärte, dass die soziale Deklassierung des Adels diesen notwendigerweise dazu gezwungen habe, sich vorrangig als Gesinnungsgemeinschaft neu zu erfinden. Diese habe die Integration in eine Leistungselite ebenso erleichtert, wie der verbreitete Kulturpessimismus der Adenauer-Zeit. Die sinnstiftende Funktion adeliger Memorialkultur selbst außerhalb des ursprünglichen Kontexts hob Maximilian Eiden (Stuttgart) am Piastenmythos hervor. Am Beispiel der schlesischen Reichsgrafen Schaffgotsch, die mit der erloschenen Linie der letzten Piasten, den Herzögen von Liegnitz-Brieg verschwägert waren, zeigte er, wie die Schaffgotsch symbolische Praktiken (Stammbäume, Wappenvereinigung) gezielt als „Strategie des Obenbleibens“ (Rudolf Braun) einzusetzen wussten. Damit kontrastierte er die Instrumentalisierung derselben Artefakte durch die bürgerliche polnische Nationalbewegung im 19. Jahrhundert. Als weitere Dimension wurde die adelige Sepulkralkultur thematisiert. Am Beispiel der Visualisierung des neuzeitlichen Militäradels in der schlesischen Sepulkralkunst zeigte Antje Kempe (Berlin), wie diese aus den traditionellen Formenrepertoires der herrschaftlichen Grabbilder hervorging. Auch wenn es nicht „den“ Typus eines Grabmals gebe, deute dies doch klar auf ein entstehendes kollektives Bewusstsein, das sie auf die zunehmende Professionalisierung der Gruppe zurückführte. Der Vortrag ergab einen fruchtbringenden Perspektivenwechsel gegenüber den Ausführungen von Sascha Winter (Heidelberg), der Begräbnisse in Landschaftsgärten um die Epochenschwelle 1800 untersuchte. Er betonte den Bruch, den dieser Schritt mit den Begräbnisvorstellungen der vorausgehenden Zeit bedeutete, sowohl hinsichtlich der tradierten Formen herrschaftlicher Memoria als auch zu traditionellen christlichen Formen des Totengedenkens. Er brachte diesen Typus des Begräbnisses, der vor allem in protestantischen Räumen zu finden ist, mit der wachsenden Individualisierung in diesem Zeitraum in Verbindung.

Die Sektion „Adel und Staat“ thematisierte aus verschiedenen Perspektiven den Umgang des Adels mit politischen Veränderungen, vorrangig mit der Gefahr des Verlusts von Vorrechten sowie einer zunehmenden Egalisierung und Professionalisierung der Gesellschaft auch in diesem Bereich. In ihren Impulsreferaten analysierten Josef Matzerath und Luboš Velek die Entstehung von Parteien. Josef Matzerath (TU Dresden) beschäftigte sich mit Adelsopposition im Dritten Deutschland während des Vormärz. Während er eine konservative Adelsopposition als These zum Regelfall erklärte, galt seine Aufmerksamkeit im Folgenden der Erklärung des „Ausbrechens“ der liberalen bzw. demokratischen Adeligen. Dabei plädierte er vor allem für ein genaues Hinsehen, bei dem er in der liberalen Gruppe viele Personen aus dem adelig-bürgerlichen Grenzbereich (etwa Nobilitierte) entdeckte. Dennoch fänden sich auch ur- und hochadelige unter den Oppositionellen, ein Umstand, den Matzerath schließlich durch eine „Entkonkretisierung“ des Adels im 19. Jahrhundert erklärte. Luboš Velek (Praha) thematisierte demgegenüber gerade auch die konservativen Gruppen am Beispiel der Adelsparteien Böhmens im 19. und frühen 20. Jahrhundert und wies besonders auf den supranationalen Charakter des Milieus der Parteien der Großgrundbesitzer hin. Während beide Redner die allmähliche Entfächerung der Sozialformation Adel in den Mittelpunkt stellten, fragte Martin Faber (Freiburg) in seinem Vortrag über die polnische Szlachta der Adelsrepublik nach den Kohäsionskräften, die gerade auch Ideologien ausüben können. Am Beispiel des „Sarmatismus“ illustrierte er einerseits dessen gesellschaftsstabilisierende Funktion, besonders für die Szlachta als Sozialformation; andererseits verwies er auf seinen disfunktionalen Charakter, vor allem die Schwächung der Zentralgewalt, die das polnisch-litauische Reich schließlich für die Teilungen besonders anfällig gemacht habe. Ewelina Wanke (Berlin) nutzte ihre Redezeit für ein Werkstattgespräch zu der von ihr geplanten Qualifikationsarbeit, einer politischen Biografie von Ferdynand Prinz Radziwiłł (1834-1926), einem exponierten Vertreter polnischer Interessen im Kaiserreich. Die Dimension wachsender Professionalisierung nahmen schließlich Vera Doubina und Marion Wullschleger in den Blick. Vera Doubina (Göttingen) skizzierte ihr neues Buchprojekt über Adelsausbildung und Elitenwandel im Russland des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Petersburger „Kaiserlichen Lehranstalt für Rechtswesen”, einem 1835 gegründeten Eliteinternat, das adelige Zöglinge auf die veränderten Anforderungen des Staatsdienstes vorbereitete. Doubina deutete diese Entwicklung einerseits als Ausdruck des autokratischen Interesses, einen unkontrollierbaren Zuwachs des Adels zu minimieren, andererseits als geradezu erzwungene Herausbildung einer adeligen Dienstelite, die auch als Versorgungsinstanz jenseits der durch die Reformzeit aufbrechenden klassischen Einnahmequellen gedeutet werden kann. Marion Wullschleger (Bern) arbeitete in ihrem Vortrag über die österreichischen Statthalter und Landespräsidenten von 1868 bis 1918 sowohl Muster des sozialen Aufstiegs durch die Funktionsämter als auch bleibende Separation, etwa zwischen der „Ersten” und der „Zweiten Gesellschaft” heraus und zeigte so zugleich die Bedeutung wie die Grenzen der Professionalisierung auf.

Die Herausforderungen der ökonomischen Moderne und Aspekte der Nobilitierung standen im Mittelpunkt des Themenfeldes „Adel im Prozess der Modernisierung“. Der klassischen Frage, ob der Adel ein Verlierer der verschiedenen Modernisierungsprozesse gewesen sei, stellten die Teilnehmer die Frage nach der Entwicklung eines „sich modernisierenden Adels“, nach dem Wandel der klassisch als vormodern begriffenen Sozialformation an die Seite. Severin Gawlitta (Düsseldorf) eröffnete die Sektion mit einem Vortrag über die Modernisierung polnischer Adelsgüter vom Ausgang der Adelsrepublik bis zur Landreform in Russisch Polen 1864. Er schilderte die Anwerbung deutscher Kolonisten durch den polnischen Adel, einen Vorgang, den er vor allem als konservative Modernisierungsstrategie des Landadels, weniger der Magnaten deutete. Die Zuwanderer seien vor allem angeworben worden, um die Einführung der zinsgeldlichen Erbpacht zu ermöglichen. Dagegen habe man gegenüber den alteingesessenen Bauern die bestehenden Formen der Wirtschaft aufrechterhalten. Simon Donig (Passau) analysierte am Beispiel der Gruppe der schlesischen Magnaten im Zeitraum von 1770 bis 1918 strukturelle und mentalitätsgeschichtliche Voraussetzungen für die Entstehung von adeligem Unternehmertum. Er plädierte dafür, nicht nur den defensiven Charakter und die Hindernisse für adeliges Engagement im industriellen Kapitalismus, sondern gleichermaßen auch die ergriffenen Chancen und „Brücken“ in den Blick zu nehmen. Die Magnaten seien ein hervorragendes Beispiel für eine Gruppe innerhalb des Adels, der im langen 19. Jahrhundert ein konsequenter Aufstieg durch die Mehrung von sozialem, symbolischem und ökonomischem Kapital gelungen sei. Rudolf Kučera (Berlin/Praha) verglich in seinem Vortrag Neuadel in Böhmen und Schlesien für den Zeitraum von 1806-1871. Er unterstrich die neue Bedeutung der regionalen Ebene in der Debatte über Vergleich, Transfer und Verflechtung, die sich häufig besser für vergleichende Forschungen eigne als der Nationalstaat. Mit mehreren Zeitreihendiagrammen konnte er erste Hypothesen über eine unterschiedliche Nobilitierungskultur in Böhmen und (preußisch) Schlesien untermauern, die vor allem auf den deutlich größeren Anteil an Beamten, Militärs und Rittergutsbesitzern im preußischen Neuadel verwiesen. Daran anschließend gab Kai Drewes (Braunschweig) einen Einblick in die Nobilitierung von Juden im langen 19. Jahrhundert. Drewes untersuchte zum einen in vergleichender Perspektive die Nobilitierungspraktiken in verschiedenen Ländern Europas, vor allem in Preußen und Großbritannien (wobei die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und die Staaten des Dritten Deutschland als Vergleichsfolie dienten), zum anderen die Distinktion und Selbstwahrnehmung jüdischer Adeliger.

In einem Abendvortrag präsentierte Thomas Wünsch (Passau) das internationale Graduiertenkolleg „Adel in Schlesien/Szlachta na Śląsku“, von dem mehrere Mitglieder auch an der Sommerakademie teilnahmen. Er stellte besonders heraus, dass mit dem Projekt das Ziel realisiert worden sei, sowohl interdisziplinär als auch zwischen den verschiedenen nationalen Wissenschaftskulturen zu arbeiten.

Die nächste Sektion war ganz der Betrachtung adeliger Lebensform und Kultur gewidmet. Alle Referentinnen und Referenten hoben die Distinktionsmacht und Integrationskraft bestimmter sozialer Praktiken hervor. Auch wurde die Möglichkeit betont, durch einen Zugriff auf dieser Ebene, Adel nach dem Verlust politischer Herrschaft zu erfassen. Einleitend gab Julia-Katarzyna Pieper (Bremen) einen Einblick in Ausbreitung und Funktion der höfischen Tanzkultur in Europa, wobei sie besonders deren Rolle als Kommunikationsmittel und Herrschaftsinstrument hervorhob. Sie identifizierte verschiedene an der Entwicklung beteiligte Gruppen, darunter den Monarchen, die meist bürgerlichen Tanzmeister sowie die breitere Gruppe des höfischen Adels, und betonte die Distinktionskraft, die von der Beherrschung dieser Kulturtechniken ausgegangen sei. Ebenfalls von der Dimension des Hofes wurde der Vortrag von Joanna Rosik (Wrocław) geleitet, die sich mit der Darstellung des Höfischen in den Werken Joseph von Eichendorffs befasste. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt dem Spannungsverhältnis zwischen der Lebenswelt des verarmten Landadeligen einerseits und der häufig spitzzüngig karikierten Welt des Hofes andererseits. Rosik hob aber auch auf die bei aller Sympathie, etwa für die Figur des musizierenden Vagabunden, dennoch vorhandene konservatorische Grundtendenz ab, in der sich die Kritik an den erstarrten Formen des Hofes mit der Hoffnung auf einen erneuerten Adel verband. In ihrem Vortrag über das kulturelle Handeln der Friederike Gräfin von Reden beschäftigte sich Urszula Bończuk-Dawidziuk (Wrocław) mit der Frau und Witwe des preußischen Bergbauministers und geheimen Finanzrats Friedrich Wilhelm Graf von Reden, die ihren Sommersitz in Buchwald im Hirschberger Tal in ein kulturelles Zentrum Schlesiens in der Biedermeierzeit verwandelte. Bończuk-Dawidziuk nutzte die Gräfin als Prisma, in deren Handeln und Beobachterrolle sich die Veränderungen eines Lebens der Jahrhundertwende (1774-1854) widerspiegeln.

Mit Kulturwandel und gesellschaftlicher Modernisierung im Russischen Reich befasste sich Olga Kurilo (Berlin) am Beispiel des deutsch-baltischen Adels. Sie verwies auf die Veränderungen, die die Reformen Alexanders II. für den russischen Adel mit sich brachten und warf die Frage nach erfolgreicher Beharrung bzw. Anpassung dieser Gruppe auf. Im Einzelnen interessierte sie sich besonders für die Rolle des deutsch-baltischen Adels in Industrie und Handel sowie in der Politik, weiterhin für die Bedeutung des kulturellen Austauschs mit Westeuropa sowie die Frage nach der Herausbildung einer spezifischen Gruppenidentität und die soziale Integration innerhalb der Gruppe. Mit adeligen Lebensformen und Kultur als Mittel des Obenbleibens beschäftigte sich schließlich auch Konstantinos Raptis (Athen), der am Beispiel der Grafen Harrach die soziokulturelle Selbstbehauptung des böhmisch-niederösterreichischen Hochadels im frühen 20. Jahrhundert untersuchte. Raptis nahm damit eine der agrarkapitalistisch besonders erfolgreichen Familien in den Blick, die auch auf dem Höhepunkt von Krisen wie dem ersten Weltkrieg einen vergleichsweise standesgemäßen Lebensstil bewahren konnten. Anhand von drei Dimensionen – des standesgemäßen Lebensstils, der Wohltätigkeit und der Religiosität – thematisierte er adelige Lebenswelt und adeliges Selbstverständnis. Besonderes Interesse galt nicht nur denjenigen Mitgliedern, die sich erfolgreich diese Distinktionsmerkmale zu erhalten vermochten, sondern auch jenen, die sich diese Mittel nicht mehr leisten konnten. Durch die Thematisierung adeligen Besitzes und Reisens erschloss er zugleich die Dimension Adel und Raum für eine längere Diskussion.

Die Bedeutung der Familie für den Adel auch jenseits der evidenten Felder von Politik und Ökonomie war Gegenstand der fünften Sektion. Die Teilnehmer warfen eine Reihe von bislang kaum thematisierten Fragen auf, darunter etwa danach, wie sich seit 1800 die neue Rolle der Kernfamilie ausdrückt; ob es nicht nur Differenzen sondern auch Interaktionen zwischen adeliger und bürgerlicher Familienkultur gegeben hat oder ob Differenzen zwischen ur- bzw. alt- und neuadeligen Familien in dieser Hinsicht bestanden. Besonders betont wurde die Rolle der Familie als Kontroll- und Disziplinierungsinstrument. In den formalen Organisationen der Adelsfamilien könne man neue Disziplinierungsinstrumente sehen, wenn man Adelsgeschichte auch als eine Geschichte von Kontrollverlusten begreife, argumentierte Kathleen Jandausch (Greifswald), die die Sektion mit der Präsentation ihres Dissertationsprojekts zur sozialen Integration in adeligen Familienverbänden des Ostseeraums vom 16. bis ins 19. Jahrhundert eröffnete. Sie ging der Frage der langfristigen Veränderung von Integrationsstrategien in den Familienverband sowie möglichen Konflikten bei der Integration der einzelnen Familienmitglieder nach. Ebenfalls unter der Perspektive der Integration analysierte Stefanie Walther (Bremen) „Missheiraten“ und morganatische Ehen im mitteldeutschen Hochadel der Neuzeit. Sie führte aus, dass die Ehen, die grundlegenden dynastischen Strategien widersprachen, häufig aus Gründen der materiellen Statussicherung der Ehefrauen und Kinder zustande kamen. Sie verwies zugleich auf die gesellschaftliche und räumliche Exklusion von Ehefrau und Kindern durch große Teile der adeligen, mitunter auch der bürgerlichen Verwandtschaft. Im Vergleich zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert zeigte sie die veränderten soziopolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen auf, die jedoch nicht zwangsläufig zu einer steigenden Akzeptanz unstandesgemäßer Heiraten geführt hätten. Weniger mit der Inklusionskraft innerhalb der Sozialformation Adel als mit Anspruch und Grenzen gesellschaftlicher Integration durch den Hof Wilhelms II. beschäftigte sich das Impulsreferat von Martin Kohlrausch (Warszawa). Er arbeitete besonders die Öffnung des Hofes sowohl zur Stadtbevölkerung als auch zum Volk allgemein heraus. Der tendenziell vorhandenen Öffnung des Hofes, die in der Aushebelung der Geburtshierarchie innerhalb der Hofrangordnung zutage tritt, standen allerdings starke Interessen in der ersten Gesellschaft entgegen; auch versagte die Integrationsstrategie bei Teilen des Bürgertums oder in nationaler Hinsicht (Polen). Unter den neuen (potenziellen) Integrationsmomenten betonte Kohlrausch besonders die „mediale Erweiterung des Hofs“, die aber nicht zu der erhofften "win-win"-Situation geführt habe, da die Medien zugleich auch zu Foren der Kritik geworden seien – für die Sozialdemokratie an den Kosten des Hofes, wie für die Neue Rechte an seiner „Unechtheit“. Als Konfliktfelder identifizierte Kohlrausch den Gegensatz zwischen erhöhter Prachtentfaltung und karger preußischer Tradition, der durch den internationalen Wettbewerb auf diesem Gebiet und dessen mediale Replikation noch verstärkt worden sei. Die beiden abschließenden Vorträge der Sektion beschäftigten sich schließlich mit der Dimension der Generation. Das Generationen-Konzept sei besonders geeignet, um die zunehmende Dynamisierung gesellschaftlicher Verhältnisse nach 1800 zu erfassen. Olga Sommerfeld (Osnabrück) untersuchte das politische Selbstverständnis der Osnabrücker Adelsfamilie von Vincke um 1800 und machte vor allem das politische Engagement einzelner Familienmitglieder sowie die Heiratswünsche als mögliche Quellen intergenerationeller Spannungen aus. Sonja Temlitz (Münster) beschäftigte sich mit Familienbeziehungen im westfälischen Adel des 19. Jahrhunderts. Aus volkskundlich-ethnologischer Perspektive untersuchte sie zwei protestantische und zwei katholische Adelshäuser und thematisierte besonders das emotionale Verhältnis und die tägliche Interaktion der Familienmitglieder sowohl auf inter- als auch intragenerationeller Ebene.

Abschließend analysierte Eckart Conze (Marburg) in einem weiteren Impulsreferat die Beziehung zwischen Adel und der radikalen Rechten in der Zwischenkriegszeit. Er nutzte den Vortrag, um gleichermaßen auf bestehende Desiderate aus europäischer Perspektive hinzuweisen, und sprach sich für den Begriff der Krise als Leitvokabel zukünftiger Forschungsprogramme aus, ohne dabei aber für Deutschland den Nationalsozialismus zu einem neuen Fluchtpunkt adelshistorischer Forschung der Moderne zu machen. Als konzeptioneller Ansatz ermögliche dieser einen europäischen Vergleich, der auch zeitlich anschlussfähig bleibe. Für Deutschland beschrieb er das Neuartige der Situation nach 1918 mit veränderten „Verlust- und Störerfahrungen“ (Peter Sloterdijk), die Erfahrungsraum und Erwartungshorizont (Reinhart Koselleck) auseinander gebracht hätten. Momente für ein Zusammenkommen der alten und neuen Rechten sah er unter anderem im geteilten gesellschaftlichen und kulturellen Antimodernismus, einem wiederbelebten Neuadelsdiskurs, verbreitetem agrarromantischem Denken und einer Koinzidenz materieller Interessen.

Die Sommerakademie ist den selbstgesteckten Zielen mehr als gerecht geworden. Hervorgehoben wurde u.a. die Selbstverständlichkeit, mit der die jüngere Forschergeneration sozial- wie kulturgeschichtlichen Fragestellungen folgt und diese jenseits ideologischer Barrieren miteinander verbindet. Die Sommerakademie hat zugleich auch gezeigt, wie gerade die historische Adelsforschung von den Impulsen benachbarter, historisch orientierter Kulturwissenschaften profitieren kann. Begrüßt wurde zudem die an vielen Tagen eingeräumte freie Arbeitszeit, in der die Teilnehmer die hervorragende Bibliothek des Herder-Instituts nutzen konnten.

Anmerkungen:
[1] Beispielsweise Wienfort, Monika, Adel in der Moderne, Göttingen 2006; Conze, Eckart;Wienfort, Monika (Hgg.), Adel und Moderne – Deutschland im europäischen Vergleich im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 2004; Stekl, Hannes, Adel und Bürgertum in der Habsburgermonarchie. 18. - 20. Jahrhundert, München 2004; Reif, Heinz (Hg.), Adel und Bürgertum in Deutschland. Entwicklungslinien und Wendepunkte im 19. Jahrhundert, Berlin 2000 sowie Ders. (Hg.), Adel und Bürgertum in Deutschland. Entwicklungslinien und Wendepunkte im 20. Jahrhundert, Berlin 2001; vgl. weiter eine Vielzahl von seit 2003 erschienenen Einzelstudien in der Reihe „Elitenwandel in der Moderne. Adel und Bürgertum in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert“, hrsg. von Heinz Reif, außerdem Conze, Eckart, Von deutschem Adel: die Grafen von Bernstorff im zwanzigsten Jahrhundert, Stuttgart 2000.
[2] Vgl. etwa Müller, Matthias, Das Schloß als Bild des Fürsten. Herrschaftliche Metaphorik in der Residenzarchitektur des Alten Reichs (1470-1618), Göttingen 2004; Czech, Vinzenz, Legitimation und Repräsentation. Zum Selbstverständnis thüringisch-sächsischer Reichsgrafen in der Frühen Neuzeit, Berlin 2003; Heck, Kilian, Genealogie als Monument und Argument. Der Beitrag dynastischer Wappen zur politischen Raumbildung der Neuzeit, München 2002.

Zitation
Tagungsbericht: Adel und Moderne in Mittel- und Osteuropa. Perspektiven historischer Adelsforschung, 10.09.2006 – 19.09.2006 Marburg, in: H-Soz-Kult, 10.11.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1358>.