„Massen oder Menschen?“ Militärische Biographien im Zeitalter der Weltkriege

Ort
München
Veranstalter
Das Deutsche Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und dem Militärgeschichtlichem Forschungsamt, Potsdam
Datum
06.10.2006 - 07.10.2006
Von
Nicole Kramer, München

Krieg und Gewalt prägten die Geschichte der erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Viele Menschen in und außerhalb Europas erlebten mehr als einen militärischen Konflikt in ihrem Leben. Der Versuch, sich dem „Zeitalter der Weltkriege“ biographisch zu nähern, erscheint daher sehr vielversprechend. Aus der Sicht eines Individuums lassen sich politische, soziale und ideologische Zäsuren überwinden und historische Verbindungslinien herausarbeiten. Mit dem Ziel, das Erkenntnispotential der historischen Biographieforschung für die Militärgeschichte auszuloten, luden das Deutsche Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin, und dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Potsdam, am 6. und 7. Oktober nach München ein.

Rolf-Dieter Müller (Potsdam) und Christian Hartmann (München), die Organisatoren der Tagung, formulierten gleich zu Beginn das Hauptanliegen: Individuen – seien sie Heerführer oder gemeine Soldaten – in der Masse sichtbar zu machen. Welche Rolle spielten einzelne Wehrmachtsangehörige? Über welche Optionen verfügten sie? Wie veränderten sie sich durch ihre Kriegserfahrungen? Welchen Einfluss hatten militärische Institutionen auf die Biographie eines Einzelnen? Was erfährt der Historiker aus einer Biographie über den Krieg?

Welche Schwierigkeiten sich bei der Erforschung solcher Fragen stellen, führte Bernhard R. Kroener (Potsdam) in seinem Abendvortrag aus. Leicht begibt man sich in die Gefahr, an der Spitze des „biographischen Eisbergs“ zu verweilen oder das Leben als lineare, zielgerichtete Entwicklung zu betrachten. Kroener verglich die Biographie mit einem Netz – veranschaulicht durch das weit verzweigte Streckennetz der Pariser Metro – mit all seinen Weichen, Umsteige- und Sackbahnhöfen sowie Ausweichgleisen. Alle Linien, auch wenn sie in unterschiedliche Richtungen gehen, gehören doch zum selben Netz. Die Ansprüche, die damit an die Biographieforschung herangetragen werden, sind nicht gering. Denn um das Handeln einer Person in einer bestimmten historischen Situation zu interpretieren, müssen nicht nur die strukturellen Bedingungen rekonstruiert, sondern ebenso die individuellen Dispositionen, die das Produkt eines ganzen Lebens sind, in die Untersuchung einbezogen werden. Dies allein genügt noch nicht. Nach der Krise der Biographieforschung in den 1960er und 70er Jahren ist diese zwar wieder neu belebt worden, steht aber unter gesteigertem Begründungszwang. Über die bloße Lebensbeschreibung einer Person oder Personengruppe hinaus sollte sie individuelle Handlungs- und Gestaltungsräume in einer bestimmten Situation oder aber ein historisches Feld beleuchten. Wie sehr die Auffassungen, was überhaupt biographische Forschung ist, auseinander gehen und welch unterschiedliche Erkenntnisziele mit einer Biographie demnach verbunden sein können, zeigten die Beiträge der Tagung.

Die erste Sektion widmete sich entsprechend der hierarchischen Struktur des Militärs den Generälen. Johannes Hürter (München) referierte, basierend auf seinem vor kurzem erschienenem Buch „Hitlers Heerführer“, [1] über das Verhalten der deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion. An einzelnen Beispielen führte er aus, dass die in der Nachkriegszeit vorgenommene Einteilung der Oberbefehlshaber in Nationalsozialisten, Nationalkonservative und Widerstandskämpfer der historischen Überlieferung nicht standhält. Manches in den Quellen Dokumentierte will einfach nicht in das Bild des „politischen Generals“ Walter von Reichenau passen oder aber des „Widerstandskämpfers“ Carl Heinrich von Stülpnagel. Im Gegensatz zu Hürter beschränkte sich Amedeo Osti Guerazzi (Rom) auf eine Biographie, nämlich die des Feldmarschalls Rodolfo Graziani, den er als genuines Produkt des italienischen Faschismus bezeichnete. Seit dem Herbst 1943 kämpfte Graziani für Mussolinis Republica Sociale Italiana, wobei diese Entscheidung ebenso durch seine persönliche Antipathie zum neuen italienischen Regierungschef Pietro Badoglio wie durch seine enge Bindung an das faschistische Regime motiviert war.

In beiden Vorträgen deuteten sich bereits zwei Grundschwierigkeiten an, mit denen biographisch argumentierende Studien zu kämpfen haben: Erstens ist die Quellenbasis oft schmal, und in der Regel fehlen Selbstzeugnisse, aus denen sich Prägungen durch Elternhaus, Militärdienst und politische Ereignisse bzw. Entwicklungen herausdestillieren lassen. Zweitens scheinen längerfristige persönliche Dispositionen für das situative Verhalten einer Person nur bedingt von Bedeutung gewesen zu sein, das hat auch die Täterforschung – zuletzt Harald Welzer [2] – gezeigt. Die national-konservativen Wehrmachts-Generäle beteiligten sich, Hürters Interpretation zufolge ebenso wie die „Generation des Unbedingten“ [3] an den Verbrechen in der Sowjetunion. Im Falle Italiens war Rodolfo Graziani laut Guerazzi nicht der einzige italienische General, der auf den Kriegsschauplätzen Jugoslawien oder Afrika zur Entgrenzung der Gewalt beitrug. Die Analyse biographischer Prägungen führt hier nur teilweise weiter, situative Faktoren müssen stärker in die Erklärungsversuche einbezogen werden.

Sehr hohe Erwartungen an die Darstellungsform der Biographie verknüpften sich mit der Frage nach den „Troupiers“, die Thema der zweiten Sektion waren. Diese gerieten bislang weit weniger als die Oberbefehlshaber in den Blick der Forschung, waren sie doch nicht an den großen strategischen Entscheidungen beteiligt. Der biographische Ansatz kann einen Weg eröffnen, den Einzelnen in seiner Division greifbar zu machen und dadurch eine Binnenperspektive des gesamten Verbandes zu erschließen. Peter Lieb (Sandhurst) führte dies sehr anschaulich am Beispiel des Generalleutnants Harald von Hirschfeld aus, dem der Zweite Weltkrieg die Chance für eine rasante Karriere in der Wehrmacht eröffnete. Lieb rekonstruierte, wie von Hirschfeld als Prototyp eines nationalsozialistischen Offiziers – so die Darstellung in der NS-Presse –, die ihm unterstellte Kampftruppe formte, die unter anderem beim Massaker im griechischen Kephallonia 1943 traurige Berühmtheit erlangte. An diesem Punkt deutete sich an, wie leicht Biographien auch dazu neigen können, die Wirkmächtigkeit der untersuchten Person zu überschätzen. Im Plenum regten sich mahnende Stimmen, neben der Schlüsselstellung Hirschfelds andere Faktoren, wie etwa den besonderen Korpsgeist der Gebirgsjäger bei der Analyse von Kriegsverbrechen zu berücksichtigen. Diese jedoch auch nachzuweisen und nicht nur zu unterstellen, dafür fehlen häufig die entsprechenden Quellen.

Welch interessante Einsichten möglich sind, wenn verschiedene historische Wissensspeicher aufeinander treffen, zeigte der Beitrag Hermann Gramls (München) „Am Beispiel meines Bruders“. Auf der Grundlage von Feldpostbriefen an die Eltern und retrospektiven Aufzeichnungen seines älteren Bruders über den Krieg war eine beeindruckende Nahsicht auf die Person des Oberleutnants Bernhard Graml möglich, die durch persönliche Erinnerungen an den eigenen Bruder ergänzt wurden. Der biographische Ansatz öffnete hier ein Tor in die Denkwelt eines Einzelnen und zeigte beispielsweise wie die einseitige Lektüre der Schriften Friedrich Nietzsches unter den Angehörigen der so genannten Kriegsjugendgeneration den Boden für die NS-Ideologie bereitete. Deutlich wurde aber auch, wie sich die Weltsicht angesichts neuer und fremder Eindrücke durch den Einsatz in Frankreich verändern konnte. Oberleutnant Bernhard Graml lernte im Krieg die englische und französische Literatur kennen und schätzen, was noch keinen Umsteigebahnhof markierte, aber Weichen stellte, die über die politische Zäsur 1945 hinausführten.

In der dritten Sektion „Täter und Opfer“ wurde die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Biographie und Tat in den Mittelpunkt gerückt, nachdem sie bereits in den ersten Vorträgen immer wieder angeklungen war. Der Lebensweg des Major Günther Georg Drange bot einige Erklärungsansätze für seine spätere Beteiligung an den Kriegsverbrechen der Wehrmacht an der Ostfront. Und dennoch lässt sich keine direkte Linie etwa von seinen Kriegserlebnissen 1914 bis 1918 oder der Stahlhelm-Mitgliedschaft in der Weimarer Republik bis zu jenem 25. Juli 1941 ziehen, als Drange nach einem Gefecht anordnete, einen gefangen genommenen Politkommissar der Roten Armee zu erschießen und diese Erschießung sogar selbst durchführte. Felix Römer (Freiburg i.Br.) warnte davor, angesichts Dranges Lebensweg auf allzu teleologische Deutungen zu verfallen und verwies auf die besondere Situation des Vernichtungskrieges in der Sowjetunion. Die Analyse der situativen Faktoren war in seinem Vortrag jedoch noch etwas zurückhaltend, wurde dann aber in der lebhaften Diskussion nachgeholt.

Die Kriegsverbrechen der Wehrmacht nur aus der Perspektive der Täter zu beschreiben, erfasst nur die Hälfte des Geschehens. Der zweite Vortrag der Sektion befasste sich folglich mit der Opferseite in Gestalt der sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Quellenlage erlaubte lange Zeit kaum eine biographische Annäherung und doch sind die sowjetischen Kriegsgefangenen keine namenlose Masse, wie Reinhard Otto (Lemgo) ausführte. Per Verordnung galt es, Kriegsgefangene, auch die sowjetischen, einzeln zu erfassen und mit Erkennungsmarken zu versehen, so dass die Namen ebenso wie die Aufenthaltsorte, derjenigen die nicht erschossen worden oder verhungert waren, sondern zum Zwangsarbeitereinsatz ins Deutsche Reich kamen, ohne Weiteres ermittelt werden können. Solche Informationen allein bilden aber noch keine Individualbiographie, sondern liefern eher ein Gerüst, in das Aussagen anderer Quellen eingebaut werden können.

Nicht nur für die sowjetischen Kriegsgefangenen fehlen jedoch häufig qualitative Quellen, und die historische Erkenntnissuche bleibt zwangsläufig auf quantitatives Material beschränkt. Wie viel darin für die Erforschung des „Gefreiten Jedermann“ steckt, demonstrierte Christoph Rass (Aachen) mit seinem Erschließungsprojekt personenbezogener Quellen zu Angehörigen von Wehrmacht und Waffen-SS in der vierten Sektion „Ordinary Men and Women“. Massendaten aus Wehrstammbüchern, Erkennungsmarkenverzeichnissen, Vermisstenbildlisten und der Heimkehrerkartei werden dabei miteinander korreliert. Auf diese Weise lassen sich Strukturbiographien von Personen und Personengruppen nachzeichnen, über die wenig bekannt ist. Antworten finden sich damit auf viele Frage, etwa wie Schicht und Schicksal im Krieg zusammenhängen oder wie sich die Mobilisierung für die Wehrmacht in einer Stadt auswirkte, wobei letzteres nicht mehr Teil der Biographieforschung ist. Auch bei dem von Rass vorgestellten Projekt bieten sich Anknüpfungspunkte für die Verbindung statistischer Daten mit Selbstzeugnissen, deren Zahl durch Archivsammlungen und Zeitzeugenprojekte beständig anwächst. Die Autobiographie nimmt darunter für den militärischen Bereich einen besonderen Platz ein. Der Krieg als erlebter Ausnahmezustand förderte die Produktion autobiographischer Aufzeichnungen, dies gilt nicht nur für die Männer im Militär, sondern im besonderen Maße auch für die Frauen, denen sich Birgit Beck-Heppner (Bern) in ihrem Vortrag über Wehrmachthelferinnen zuwandte. Am Beispiel zweier Autobiographien beleuchtete sie diese Gruppe, die Ende 1944 etwa 500.000 Personen umfasste. Die anschließende Diskussion zeigte, dass die Faszination an der Rolle von Frauen im Militär ungebrochen, das Wissen über sie jedoch immer noch dürftig ist. Studien über Wehrmachthelferinnen – entgegen der sonstigen fachlichen Gewohnheiten – konzentrieren sich bisher fast ausschließlich auf Egodokumente, unter anderem Zeitzeugeninterviews, während die Auswertung der Personalunterlagen im Bundesarchiv ebenso selten erfolgt, wie die Suche nach Quellen in der Wehrmachtsverwaltung.

Die letzten beiden Vorträge führten nochmals die Bandbreite des biographischen Arbeitens vor Augen, was die Tagung im Ganzen charakterisierte: die Kollektiv- und Einzelbiographie, die Biographie als Lebensbeschreibung oder historische Methode, die Strukturbiographie und die Analyse von Autobiographien beschreiben die Vielfalt der Möglichkeiten, Individuen in der Geschichte zu greifen. Dieses Nebeneinander von Ansätzen war gewinnbringend und hatte als Folge verschiedener Erkenntnisinteressen sowie Quellenüberlieferungen auch seine Berechtigung. Dennoch besteht die Gefahr, dass bei dem Versuch, eine solche Vielfalt unter dem Begriff der Biographie zu subsumieren, dieser seine analytische Schärfe einbüßt.

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass sich für die Militärgeschichte durch die Darstellungsform der Biographie zahlreiche interessante Perspektiven eröffnen, wenngleich sich eine der wichtigsten Fragen der letzten Jahre, nämlich wie aus Soldaten Täter wurden, allein durch die Analyse biographischer Faktoren nicht zufrieden stellend beantworten lässt. Dafür weist sie aber den Weg, die analytische und thematische Engführung der Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg aufzubrechen. Denn im Gesamtnetz des Lebens waren die Jahre zwischen 1939 und 1945 Station oder Wendepunkt, wenn sie nicht das Ende bedeuteten.

Eine Publikation der Beiträge wird derzeit vorbereitet. Sie sollen im folgenden Jahr in der neuen Reihe des IfZ „Zeitgeschichte im Gespräch“ erscheinen.

Anmerkungen:
[1] Hürter, Johannes, Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. München 2006.
[2] Welzer, Harald, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt am Main 2005.
[3] Wildt, Michael, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherungshauptamtes. Hamburg 2002.

Zitation
Tagungsbericht: „Massen oder Menschen?“ Militärische Biographien im Zeitalter der Weltkriege, 06.10.2006 – 07.10.2006 München, in: H-Soz-Kult, 12.11.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1360>.
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Veröffentlicht am
12.11.2006
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