Aktuelle Forschungen zur Zeitgeschichte

Ort
Buchenbach (bei Freiburg)
Veranstalter
Prof. Dr. Anselm Doering-Manteuffel, Eberhard Karls Universität Tübingen; Prof. Dr. Ulrich Herbert, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg; Prof. Dr. Hans Günter Hockerts, Ludwig-Maximilians-Universität München; Prof. Dr. Lutz Raphael, Universität Trier gefördert von der DFG
Datum
25.05.2006 - 27.05.2006
Von
Catharina Hofmann / Stefanie Middendorf / Thomas Zimmer, Universität Freiburg

Vom 25. bis 27. Mai 2006 fand in Buchenbach bei Freiburg eine von der DFG geförderte Sommerschule statt, die neueren Tendenzen der Zeitgeschichte in nationaler und internationaler Perspektive gewidmet war und in dieser Form zum fünften Mal veranstaltet wurde. Im Rahmen der
Sommerschule wurden laufende Projekte von Nachwuchswissenschaftlern aus vier an den Universitäten Freiburg, München, Trier und Tübingen angesiedelten zeithistorischen Forschungsgruppen vorgestellt. Die Sommerschule wurde thematisch offen gestaltet, um eine Plattform für die Diskussion grundlegender methodischer und konzeptioneller Probleme zeithistorischer Forschung jenseits spezialisierter Themen- oder Projektzusammenhänge zu bieten.

Fernando Esposito (Tübingen) eröffnete das erste Forum mit einem Vortrag zu den Selbst- und Fremdrepräsentationen der Fliegerhelden in Deutschland und Italien zwischen 1914 und 1939. Unter dem Titel „Schwerter zu Flugscharen“ widmete sich dieser Beitrag der Mythologisierung der Moderne und den Entwürfen eines ‚Neuen Menschen‘ in faschistischen Gesellschaften. Die Semantiken und Narrative dieses „mythischen Modernismus“ repräsentierten, so Esposito, das Unbehagen an der – mit Zygmunt Bauman als Bewältigung des Chaos definierten – Moderne. Die anschließende Diskussion machte die methodischen Herausforderungen international vergleichender Forschung deutlich und warf die Frage auf, welche Aufschlüsse ein sich nicht auf faschistische Regime beschränkender Vergleich im Hinblick auf die Perzeption der Moderne in demokratischen Gesellschaften versprechen könnte. Im daran anschließenden Beitrag von Frank Reichherzer (Tübingen) zur Rolle der Wehrwissenschaften in Deutschland von der Zwischenkriegszeit bis in den Kalten Krieg rückte eine schwer einzugrenzende wissenschaftliche Disziplin in den Blickpunkt, deren Denkstil und Konzepte dem Anspruch entstammten, eine Gesellschaft umfassend auf einen entgrenzten Krieg vorzubereiten. Im Zentrum der Untersuchung standen Sinnstiftungsprozesse und deren Konkretisierung in einer bellifizierten issenschaftslandschaft. Beide Vorträge machten die in der Zwischenkriegszeit wurzelnden Ambivalenzen der Moderne zwischen Kritik und Mitgestaltung gesellschaftlichen Fortschritts deutlich.

Das zweite Forum beschäftigte sich mit Themenfeldern der Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Jaromír Balcar (München) verortete seine Forschungen zur Wirtschaftslenkung in Böhmen und Mähren 1938 bis 1951 im Rahmen einer „politischen Wirtschaftsgeschichte“
(Broszat), die unter Rückgriff auf das Konzept der /corporate governance/ die Frage nach Handlungsspielräumen in gelenkten Systemen sowie nach der Bedeutung des Faktors Kontingenz für die Gestaltung von Unternehmenspolitik und staatlichen Interventionen stellt. Unternehmen
werden so als Subjekte in gelenkten Wirtschaften fassbar, die Wirtschaftspolitik des Staates ihrerseits als Handlungsumfeld von Unternehmen gedeutet. Christian Marx (Trier) untersuchte in seinem Vortrag ebenfalls Handlungsspielräume im wirtschaftlichen Feld und interpretierte das „egozentrierte Netzwerk“ des Wirtschaftsbürgers Paul Reusch als fluide Sozialstruktur, die durch Verbandsaktivitäten, Verwandtschaftsbeziehungen und Beteiligungen wirtschaftliches Handeln in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche ermöglichte. In der anschließenden Debatte wurde der hier vorgestellte Ansatz vor allem im Hinblick auf die Definition und Praktikabilität des „Netzwerk“-Begriffs befragt. Im nachfolgenden Beitrag analysierte Markus Nöhl (Trier) die wahrnehmungsgeschichtliche Dimension ökonomischer und technischer Entwicklungen am Beispiel des Automobilismus in der Bundesrepublik Deutschland und in Großbritannien. Mit Bezug auf die /actors-network-theory/ betonte er die Bedeutung der Individuen bzw. Konsumenten. Die anschließende Diskussion konzentrierte sich auf
Aneignung der damit jeweils verbundenen Wertkomplexe. Zudem wurde die Frage diskutiert, inwiefern sich Zäsuren und Periodisierungskonzepte der bundesdeutschen Geschichte im Vergleich übertragen lassen.

Das dritte Forum widmete sich Fragen der gesellschaftlichen Inklusion und Exklusion unter Einbeziehung transnationaler Prozesse. Elsbeth Bösl (München) stellte ihre Forschungen zur bundesdeutschen Behindertenpolitik seit 1945 vor, die bis in die 1960er Jahre unter dem Primat der Erwerbsarbeit stand und soziale Integration als Ergebnis der Integration Behinderter in das Arbeitsfeld definierte. Diese Konzeption
wandelte sich erst in den 1960er Jahren, wobei der Contergan-Skandal als Katalysator begrifflicher und politischer Veränderungen wirkte. Die sich an den Vortrag anschließende Debatte nahm die Parallelen zwischen Neuansätzen in der Behindertenpolitik und dem allgemeinen
gesellschaftlichen Wertewandel in den Blick. Die Formen politischer Partizipation von Migrantinnen und Migranten in
Deutschland sowie in Belgien seit dem Zweiten Weltkrieg waren Gegenstand des Vortrags von Jenny Pleinen (Trier). In vergleichender Perspektive und in der Nahsicht auf die Migranten als politische Akteure wurde nach Strategien und Wegen der Beteiligung gefragt. Partizipation wurde als
Teilhabe an der Macht, aber auch als Element der Selbstverwirklichung verstanden. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass im Begriff der Partizipation ein Schlüssel zu den divergierenden Vorstellungen der Aufnahmegesellschaften einerseits und der Migranten
andererseits von einer erfolgreichen Integration liegt. Gesellschaftliche Selbstdeutungen und die Reglementierung von Öffentlichkeit durch Zensur bildeten die Fragestellung des Beitrags von Jürgen Kniep (Freiburg) zur Geschichte der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK). In dem als „Dispositiv“ verstandenen Netzwerk der Filmproduktion und Filmkontrolle in der Bundesrepublik nach dem
Zweiten Weltkrieg wurde die FSK als Instanz der Aushandlung von Werten und Normen sowie als Zugang zum gesellschaftlichen Selbstverständnis der Westdeutschen verstanden und analysiert. Die Diskussion kreiste um die grundsätzliche Frage nach der Bedeutung der Bildproduktion für die Selbstsicht und Selbstverständigung einer Gesellschaft.

Soziale und kulturelle Wandlungsprozesse waren auch Gegenstand des vierten Forums. Isabel Heinemann (Freiburg) stellte ihre Forschungen zu Familienleitbildern in den USA im 20. Jahrhundert vor. Anhand exemplarischer Debatten um u.a. Scheidung, weibliche Erwerbstätigkeit
und die /negro family/ ging sie der Frage nach der Ausgestaltung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft sowie nach dem Wandel normativer Familienkonzepte nach. Im Anschluss an den Vortrag wurde die Übertragbarkeit von anhand europäischer Gesellschaften gewonnener Interpretationsmodelle auf die USA diskutiert.

Die vorgestellten Projekte zeigten die thematische und methodische Vielfalt der gegenwärtigen zeitgeschichtlichen Forschungen. In der Schlussdebatte der Tagung wurden zugleich aber grundsätzliche Problemstellungen deutlich, die die Einzelprojekte überwölbten und diese jenseits thematischer Unterschiede konzeptionell zueinander in Beziehung setzten. Im Zentrum stand dabei erstens die Frage nach der Periodisierung der Zeitgeschichte und insbesondere nach der Bedeutung der Dekade zwischen der Mitte der 1960er und der Mitte der 1970er Jahre,
in der die in vielen Vorträgen diskutierte „Moderne“ ihre endgültige Durchsetzung erfuhr und zugleich fragwürdig wurde. Eine fundierte Reflexion der Konzepte und Begrifflichkeiten von „Moderne“ und „Postmoderne“ erscheint vor diesem Hintergrund für weitere Forschungen
zu dieser Phase unerlässlich. Offenkundig wurde zudem in der Diskussion um den Zäsurcharakter des Jahres 1973 die grundsätzliche Variabilität von Kontinuitäten und Brüchen in der Zeitgeschichte, die weniger auf glatte Zäsuren denn auf sich überlagernde Umgruppierungen von Mischungsverhältnissen schließen lässt. Zweitens bedarf, so der Tenor der Debatte, das Konzept des soziokulturellen Wandels der Schärfung. Die vorgestellten Projekte bewegten sich in ihrer Analyse gesellschaftlichen Wandels zwischen Modellen einer aus Verständigungs- und
Aushandlungsprozessen resultierenden Klärung und Neuformierung einerseits und Konzepten der Veränderung durch die konflikthafte Konfrontation machtbesetzter Dispositive andererseits, divergierten also grundlegend in ihrer Vorstellung von Gestalt und Dynamik sozialer und
kultureller Wandlungsprozesse. Drittens wurde die Konzeptualisierung zeitgeschichtlicher Forschung zwischen Diachronie und Synchronie problematisiert. Chancen und mögliche Nachteile einerseits synchroner Studien, die Konstellationen der jeweiligen Gegenwart in der
Mikroperspektive analysieren, und andererseits diachroner Untersuchungen, die makrohistorische Problemstellungen aus einer längeren Chronologie herleiten, bleiben hier weiterhin abzuwägen. Viertens wurde deutlich, dass die internationale Perspektive zeithistorischer Forschung trotz breiter Debatten um Transnationalität und Gesellschaftsvergleich noch keineswegs selbstverständlich ist und nationalkulturelle Horizonte weiterhin für die meisten Fragestellungen leitend erscheinen.

Die mit der Sommerschule angestrebte Verständigung über den spezialisierten Kontext des jeweils eigenen Themengebiets oder Projektzusammenhangs hinaus erwies sich als fruchtbar. Sie ermöglichte den Austausch zwischen wirtschafts-, sozial-, politik- und kulturhistorischen Ansätzen, zwischen diskursanalytischer, systemtheoretischer und mikrohistorischer Methodik. Praktische Probleme
einzelner Forschungsprojekte wie auch grundlegende konzeptionelle Tendenzen der Zeitgeschichtsforschung konnten gleichermaßen in diesem Rahmen diskutiert werden. Für das Jahr 2007 ist daher eine weitere derartige Veranstaltung geplant.

Zitation
Tagungsbericht: Aktuelle Forschungen zur Zeitgeschichte, 25.05.2006 – 27.05.2006 Buchenbach (bei Freiburg), in: H-Soz-Kult, 16.11.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1371>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.11.2006
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