50 Jahre danach: 1956 in Ostmitteleuropa (Jahrestagung des GWZO Leipzig)

Ort
Leipzig
Veranstalter
GWZO Leipzig, in Verbindung mit dem Polnischen Institut Leipzig
Datum
26.10.2006 - 27.10.2006
Von
Zornitza Kazalarska, Berlin

Das Jahr 1956 kennzeichnet einen Wendepunkt in der Geschichte des Kommunismus in Ostmitteleuropa. Nach der Aufdeckung des Stalinschen Verbrechen auf dem 20. Parteitag der KPdSU und dem Versuch zur „Überwindung des Personenkults“ musste der Mythos von der Erschaffung der sozialistischen Welt von neuem erfunden und wieder gefestigt werden. Während die politischen Machthaber den Versuch unternahmen, durch Reformierung des sozialistischen Systems und durch Entstalinisierung die „Entsatellisierung“ der ostmitteleuropäischen Länder zu vermeiden, sorgte die neu im kollektiven Gedächtnis verankerte Gulagerinnerung sowie die parallelen Aufbaukrisen für soziale Unruhen, die in Ungarn und Polen in politischen Aufständen eskalierten.

Die diesjährige große Intensität der wissenschaftlichen Reflexionen über das Jahr 1956 im ostmitteleuropäischen und internationalen Kontext ist nicht allein mit dem 50. Jahrestag der ungarischen Revolution oder mit dem ungarischen Kulturjahr in Deutschland zu erklären. Das Jahr 1956 ist zwar seit 50 Jahren im kollektiven Gedächtnis Ostmitteleuropas gespeichert, aber dieser Erinnerungsprozess ist noch nicht abgeschlossen und wird immer wieder durch aktuelle Auseinandersetzungen in der Region rückblickend vergegenwärtigt, neu interpretiert und in gewissem Maße politisch funktionalisiert.

Bei der zweitägigen Jahrestagung des GWZO (Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropa) an der Universität Leipzig, die in Verbindung mit dem Polnischen Institut Leipzig veranstaltet wurde, nahmen die Tagungsveranstalter Frank Hadler und Stefan Troebst den 50. Jahrestag der ungarischen Revolution zum Anlass, sich den Auswirkungen des Jahres 1956 auf die ostmitteleuropäische Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur zuzuwenden [1]. Eine internationale Rekonstruktionsarbeit der Vergangenheit einerseits sowie eine vergleichende ostmitteleuropäische Perspektive andererseits sollten dazu beitragen, die ganze Tragweite der Ereignisse im Jahr 1956 zu erfassen. Wiederholt wurde der Versuch unternommen, das Jahr 1956 in die kausale Kette seiner ungleichzeitigen Äquivalente im Kampf der Gesellschaft gegen das kommunistische Regime in Ostmitteleuropa einzubetten. Der Hauptakzent lag auf der Nebeneinanderstellung des Posener und Budapester Aufstandes von 1956 mit dem 17. Juni 1953 in der DDR, dem 20. Parteitag des KPdSU in Moskau, dem Prager Frühling 1968 und schließlich mit dem Untergang des Kommunismus 1989.

Im Auftaktvortrag der Jahrestagung „50 Jahre danach: 1956 in Ostmitteleuropa“ über „Ungarn 1956: Geschichte, Erinnerungspolitik und Erinnerungsstrategien“ verdeutlichte der Germanist und Skandinavist András Masát (Direktor des Collegium Hungaricum, Berlin) am Beispiel der aktuellsten Ereignisse in September 2006 den Mangel eines nationalen Konsens über das Jahr 1956 in Ungarn. Er wies auf die doppelte Rekonstruktion des ungarischen Oktobers hin, die das Geschichtsbild verzerrt habe. Der natürliche Erinnerungsprozess wurde zunächst unmittelbar nach dem Jahr 1956 durch die Wirkung von offizieller, staatlich gesteuerter Erinnerungspolitik und privaten Erinnerungsstrategien zugleich „unterbrochen, verdrängt, verboten, verleumdet“. Erst nach dem Jahr 1989 konnte dieser unterbrochene Prozess „aus der Phase des verdrängten kollektiven Erinnerns in die Phase des individuell ausgesprochenen Erinnerns“ übergehen und damit neu erörtert, aber auch im Dienste heutiger politischer Zielen genutzt werden. Ein allgemeines nationalhistorisches Identifikationsangebot stehe, so Masát, noch nicht fest. Zudem thematisierte er in seinem Vortrag die konkrete Ereignisgeschichte des Jahres 1956 und bot ein breites Panorama der Geschehnisse an, das durch Bilder aus der Ausstellung „Versteckt, beschlagnahmt, als Beweismaterial beigefügt…“ - Bilder der Revolution 1956 (Ungarisches Nationalmuseum, Budapest) und durch die Vorführung des Films „Ein heißer Herbst im kalten Krieg: Ungarn 1956“ (©Institut 1956, Budapest, 2006) erweitert wurde.

Der zweite Tag der Jahrestagung wurde mit einer Begrüßung von Winfried Eberhard (Direktor des GWZO Leipzig) eröffnet. An die von András Masát betonte Frage nach der gespaltenen Erinnerung an das Jahr 1956, die völlig verschiedene Gesichter im Westen und Osten, innerhalb des ehemaligen Ostblocks, sowie in den heutigen politischen Lagern der Rechten und Linken zeigt, knüpfte Stefan Troebst (Stellv. Direktor des GWZO Leipzig) in seiner Einführung an. Er diskutierte die doppelt gespaltene Erinnerungskultur Europas, indem er einerseits das Holocaustgedächtnis als Trennlinie zwischen Ost und West bezeichnete, und andererseits die Gulagerinnerung als Spaltung zwischen dem postsowjetischen Russland und dem formal sowjetischen Hegemonialbereich charakterisierte. Vor diesem Hintergrund spiele das Jahr 1956 eine äußerst entscheidende Rolle, da auf diesem Zeitpunkt „an dem es kein Zurück mehr gibt“ die öffentlich gewordene Gulagerinnerung basiere.

Im darauf folgenden Einleitungsvortrag stellte Frank Hadler (Fachkoordinator am GWZO Leipzig) die Geheimrede Chruschtschows an den Anfang der 1956er Ereignisse in Ostmitteleuropa. Sich auf Eric Hobsbawm berufend, bezeichnete er die zehn Tage des 20. Parteitags der KPdSU in Anspielung auf die Oktoberrevolution 1917 als „die zehn Tage, die die Welt erschütterten“. Die Oktoberrevolution habe, so Hobsbawm, eine weltkommunistische Bewegung geschaffen, der 20. Parteitag habe sie zerstört.[2] Hadler konzentrierte sich auf die neu belebten geschichtspolitischen Debatten über das Jahr 1956 und nahm u.a. Bezug auf die zentrale Konferenz der Ungarischen Akademie der Wissenschaften „1956 – 50 Years After“. Als Mitherausgeber des gerade erschienenen Buchs „1956: European and Global Perspectives“ [3] betonte er, dass das ostmitteleuropäische Jahr 1956, in das er neben Ungarn und Polen auch das „Nicht-Event Tschechoslowakei“ einbezog, stärker in den internationalen Kontexts eingeordnet werden müsse.

Im ersten Themenblock “Wirtschaft und Gesellschaft”, den Hannes Siegrist (Universität Leipzig) moderierte, wurde der Versuch unternommen, das Jahr 1956 nicht nur als politischen Ereignisort zu verstehen, sondern auch als einen wirtschaft- und konsumgeschichtlich interessanten Ort zu interpretieren. Christoph Boyer (Universität Salzburg) gab einen Überblick über die langfristigen Auswirkungen der Ereignisse 1956 auf die ostmitteleuropäischen Wirtschaften und Gesellschaften, indem er insbesondere die Pfadabhängigkeiten aller Satellitenstaaten hervorhob. Das Jahr 1956 sei zwar ein traumatisches Schlüsselereignis am Anfang des spezifisch ungarischen Weges gewesen, zugleich aber seien die ungarischen Ereignisse mit Blick auf die anderen staatsozialistischen Länder in Ostmitteleuropa als Wegscheide zu bezeichnen. Boyer nahm den zyklischen polnischen Entwicklungspfad und den linearen ungarischen Entwicklungspfad als Beispiele für zwei unterschiedliche Wege aus der industriellen Aufbaukrise heraus, die schließlich für den Rückzug aus dem Staatsozialismus entscheidend waren. Die Plausibilität des Arguments, dass spezifische sozialökonomische Strukturen und nationale Mentalitäten als Voraussetzung unterschiedlicher Pfadverläufe zu verstehen sind, verstärkte Boyer durch eine erweiterte vergleichende Perspektive auf die funktionellen Äquivalente der großen Ereignisse 1956 in der DDR und der Tschechoslowakei. Er erkannte Zusammenhänge zwischen dem ostdeutschen und ungarischen Fall einerseits und dem tschechoslowakischen und polnischen Fall andererseits, die weitere Pfadabhängigkeiten begründen. Abschließend betonte Boyer die Bedeutung des Transfers zwischen den staatsozialistischen Ländern und behauptete, dass angesichts der Abgeschlossenheit der Satellitenstaaten gegeneinander eine Abschreckungswirkung von 1956 eher unwahrscheinlich gewesen sei.

Die schwache Rezeption der Aufstände wurde auch von Philipp Ther (Europa Universität Viardrina Frankfurt/Oder) in seinem Kommentar akzentuiert. Er stellte eine stärkere Rezeption in Österreich und generell im Westen fest, die bis heute in den Reflexionen über das Jahr 1956 nachzuvollziehen sei. Ther schlug vor, Transfer nicht nur im Sinne von Grenzüberschreitung zu verstehen, sondern auch als Transfer zwischen Regime und Gesellschaft zu denken. In dieser Hinsicht verwies er auf den nach 1956 entstandenen diskursiven Raum als eine manifeste Folge von 1956. Unter den anderen Auswirkungen der Revolution seien zudem die Rücknahme der Kollektivierung in Polen, der Nationalkommunismus in Polen und Rumänien, der bürgerliche Wertewandel sowie die Lernprozesse nicht nur auf Seiten der Gesellschaft, sondern auch seitens der Machthaber zu erwähnen. Auf die Ursachen des Aufstands zurückkommend, diskutierte er neben der ostmitteleuropäischen Aufbaukrise in der Industrie die Transformationskrise in der Landwirtschaft sowie die außenpolitischen Konstellationen, vor allem die Hoffnung auf eine auswärtige Intervention.

Im Hauptreferat des zweiten Themenblocks „Politik und Internationale Beziehungen“ veranschaulichte Krzysztof Ruchniewicz (Direktor des Willy-Brandt-Zentrums, Wroclaw) am Beispiel eines Vergleichs zwischen den polnischen Ereignissen im Juni und im Oktober 1956 die feste Verbindung zwischen den beiden erinnerungskulturellen Elementen des polnischen Jahres 1956, die im kollektiven Gedächtnis der Polen gemeinsam auftreten. Im Anschluss an den Warschauer Historiker Pawel Machcewicz betonte Ruchniewicz, dass das Jahr 1956 zwar aus zwei untrennbaren Elementen besteht, nämlich den stürmischen aufstandsartigen Formen von Ende Juni und den weiterhin stürmischen aber stärker von Diskussionen geprägten vom Oktober, dass zugleich jedoch die Erinnerung an den Posener Aufstand anscheinend die dominierende Rolle gespielt habe. In diesem Jahr setze sich eine daran anknüpfende Sichtweise durch, womit die vergeblichen Bemühungen zur Reformierung des sozialistischen Systems im Oktober in den Hintergrund gestellt worden seien. Zwar gebe es heutzutage den Versuch, beide Daten auseinander zu bringen, aber in der polnischen Historiographie der 1990er Jahre seien beide Ereignisse fest verbunden untersucht worden.

Darauf nahm Michal Maliszewski (Direktor des Polnischen Instituts Leipzig) Bezug, indem er in seinem Kommentar die kommunistische Geschichtsschreibung als Grund für die Unterschätzung des polnischen Jahres 1956 angab. Außerdem sei das Jahr 1956 durch die ungarischen Oktoberereignisse und zusätzlich durch das Jahr 1989 überschattet worden, das alle vorherigen Versuche, das kommunistische Regime zu stürzen, überstrahlt habe. Maliszewski konzentrierte sich auf die facettenreiche Terminologie zu den Ereignissen 1956, die von „Volksaufstand“ und „Wunder eines geistigen Tauwetters“ über „Revolution“ hinaus bis zu „Konterrevolution“ reicht. An die These von Wieslaw Wladyka erinnernd, entschied er sich für den Begriff der Revolution, weil das Jahr 1956 Forderungen nach Arbeiterrechten und radikalen Veränderungen innerhalb der Parteimacht bedeutete.

In die Diskussion über den internationalen Kontext des ungarischen Aufstands brachte der Historiker Dušan Kovác (Vizepräsident der Slowakischen Akademie der Wissenschaften, Bratislava) tschechoslowakische Aspekte ein und hob die minimale Rolle des Jahres 1956 im kollektiven Gedächtnis der Tschechoslowakei hervor. Im Vergleich zum Prager Frühling von 1968 sei das Jahr 1956 ganz in Vergessenheit geraten, wobei der ungarische Aufstand und der Prager Frühling als Variationen eines Ereignisses hauptsächlich missverstanden worden seien. Anhand von Quellen aus der Zeit, d.h. der kontrollierten Presse sowie der Protokolle von Sitzungen führender Parteigremien, verwies Kovác auf die relativ geringe Rezeption des polnischen und ungarischen Aufstands in der Tschechoslowakei, und zählte zu den Auswirkungen des Jahres 1956 insbesondere die Angst und die daraus resultierende Propaganda der tschechoslowakischen Kommunisten. Als Ursachen für die gebremste Entwicklung des tschechoslowakischen Protests, die die Evolution von sozialen Ansprüchen zu nationalen und politischen Forderungen unmöglich machten, nannte Kovác den akzeptablen Lebensstandard, das nicht vorhandene antirussische Sentiment, sowie die Tatsache, dass die Tschechoslowakei ein Verbündeter der Alliierten war.

Der dritte Themenblock war den Auswirkungen des Jahres 1956 in der Kultur und Kunst Ostmitteleuropas gewidmet. Der Beitrag von Peter Zajac (Humboldt-Universität zu Berlin) zeigte anhand einer Reihe von Beispielen aus den Bereichen der Alltagskultur, wie das kommunistische Regime nach 1956 mit einer Doppelstrategie vorging, die einerseits das Pflichtexerzieren der kommunistischen Normen in der öffentlichen Sphäre und andererseits die Konsumorientierung in der Privatsphäre bedeutete. In Bezug auf Charles Gati, fasste Zajac die Ergebnisse dieser Doppelstrategie mit dem Begriff einer doppelten „Kultur der Illusion“ zusammen. In der Alltagssphäre nach 1956 bildeten sich Illusionen eines möglichen kulturellen Wandels heraus, die die grundlegende Behauptung, dass das System von innen heraus zu reformieren gewesen wäre, äußerlich bestätigten. Trotz der Veränderungen, die den Eindruck eines kulturellen Normalzustands erzeugen sollten, sei es immer um ein „Führen an der langen Leine“ gegangen, ein Begriff, den Peter Zajac ebenso dem Buch „Failed Illusions“ von Charles Gati entnahm.[4]

Die einzige Sphäre, die die Kultur der Illusion nicht unbedingt übernommen hatte, sei die „authentische“ Kunst gewesen. Zajac beschäftigte sich in dem zweiten Teil seines Beitrags mit drei Hauptlinien der Kunst nach 1956, wo Wiederholung und Innovation eine wichtige Rolle gespielt hatten. Er verwies erstens auf Versuche, den Begriff des sozialistischen Realismus noch einmal zu definieren und zu erweitern. Die zweite Linie sei durch das Anknüpfen an die alte Patenschaft der klassischen Avantgarde bestimmt. Der Anknüpfungspunkt der dritten Linie, die als politisch fremd und feindlich abgelehnt worden sei, sei die Spätmoderne gewesen. Abschließend stellte Zajac die Hypothese auf, dass die dritte Linie, die nicht mehr aus dem Humus des sozialistischen Realismus oder der Polemik damit hervorging, die künstlerische Entwicklung bis zum Jahr 1989 bestimmte, weil sie die Kultur der Illusion ablehnte.

Im Anschluss daran gab Bernd Karwen (Polnisches Institut, Leipzig) einen Überblick über die polnische Literatur und Kunst nach 1956. Er bezog sich auf das „parabolische Schreiben“ der polnischen Schriftsteller, um die Frage nach der Rolle der Kunst in kommunistischen Systemen ins Zentrum seines Referats zu rücken. Karwen stützte sich einerseits auf den polnischen Dichter Zbigniew Herbert, der die Behauptung, die Intellektuellen hätten den Oktober 1956 gemacht, als Selbstrechtfertigung und Mythos ablehnte. Andererseits schlug er vor, die Kunst als einen Teil der Macht der Machtlosen zu definieren. Man könne, so Karwen, die Kunst der Illusion doch als Teil einer Vision verstehen.

Siegfried Lokatis (ZZF, Potsdam) betrachtete die kulturellen Entwicklungen nach 1956 aus dem Blickwinkel der DDR. Sich auf die politischen Traumata mit dem Theoretiker des sozialistischen Realismus Georg Lukács und die Verhaftung seines Verlegers Walter Janka beziehend, fasste er die kulturellen Folgen des ungarischen Aufstands für die DDR zusammen, indem er am Beispiel des Verlags „Volk und Welt“ für internationale Belletristik in der DDR insbesondere die Veränderungen im Zensursystem hervorhob. In der abschließenden Diskussion wurde die Frage der Zensur und Selbstzensur in Zusammenhang mit der Verfügbarkeit von Archiven und Akten diskutiert, die für die textkritische Bewertung des Literaturentstehens eine wichtige methodische Rolle spielen sollte.

In Anlehnung an Peter Bender, der das Jahr 1956 „eine große Diskrepanz zwischen Realität und Erwartungen“ nannte, brachte der Moderator Stefan Troebst die politischen Entwicklungen nach dem Jahr 1956 mit dem Bereich der Kultur zusammen. Damit wurde die Brücke zu der immer wieder während der Jahrestagung vorkommenden Forderung geschlagen, die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Folgen des Jahres 1956 in allen ostmitteleuropäischen Ländern zusammen zu sehen, miteinander zu vergleichen, und in internationalen historischen Kontext zu positionieren. Neben dem vergleichenden und interdisziplinären Blick wurde auch die Forderung erörtert, die Perspektive „was wäre wenn“ mit einzubeziehen, da mögliche Welten in der Geschichte immer gewisse reale Alternativen seien, vor deren Hintergrund man jene bewerten kann, die sich verwirklicht habe, so Peter Zajac. In dieser Hinsicht wäre es sinnvoll, wie die Jahrestagung zeigte, auch die Nicht-Events des Jahres 1956 stärker in Betracht zu ziehen.

Die Erinnerungsaura des Jahres 1956 bewegt sich zwischen historischer Kontinuität und Wandel, zwischen Wiederholung und Innovation, zwischen den extremen Polaritäten Wahrheit und Illusion, die nur durch heutige Erkenntnis der historischen Wirklichkeit ausgeglichen werden können. Die gute Organisation der Veranstalter, die hohe Qualität der präsentierten Referate und die lebhaften Diskussionen reihen die Jahrestagung des GWZO „50 Jahre danach: 1956 in Ostmitteleuropa“ in die Reihe jener internationalen Veranstaltungen ein, die dazu beitragen.

Anmerkungen:
[1] Tagungsprogramm bei H-Soz-u-Kult siehe http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=6100
[2] Eric Hobsbawm, Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert, Carl Hanser Verlag, München, Wien 2003, S. 234.
[3] Carole Fink / Frank Hadler / Tomasz Schramm (Eds.), 1956: European and Global Perspectives, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2006.
[4] Charles Gati, Failed Illusions: Moscow, Washington, Budapest, and the 1956 Hungarian Revolt, Stanford University Press 2006.

Zitation
Tagungsbericht: 50 Jahre danach: 1956 in Ostmitteleuropa (Jahrestagung des GWZO Leipzig), 26.10.2006 – 27.10.2006 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 22.11.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1380>.
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Veröffentlicht am
22.11.2006
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