Religiöse Semantik des Friedens. Diskurse und Netzwerke im 20. Jahrhundert

Ort
Bochum
Veranstalter
Arbeitskreis Historische Friedensforschung und die DFG-Forschergruppe „Transformation der Religion in der Moderne“
Datum
03.11.2006 - 04.11.2006
Von
Beate von Miquel, Bochum

„Frieden zu wahren, zu fördern und zu erneuern ist das Gebot, dem jede politische Verantwortung zu folgen hat. (…) In der Zielrichtung christlicher Ethik liegt nur der Frieden, nicht der Krieg.“ [1]
Obgleich das enge Zusammenwirken von Religion und Frieden in einer der bedeutsamsten evangelischen Verlautbarungen zur Friedensfrage mit scheinbarer Selbstverständlichkeit postuliert wird, ist dieses in der Theologie, der Religions- und Konfessionsforschung wie auch der Geschichtswissenschaft lange Zeit kein vordringlicher Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses gewesen. Im Gegenteil beschäftigten sich die genannten Disziplinen eher mit dem Zusammenhang von Krieg, Gewalt und Religion. Dieser Trend hat sich besonders im Gefolge des 11. September 2001 verschärft. Darstellungen über die Themenfelder Terrorismus, Krieg und Religion füllen seither ganze Bibliotheken und bestimmen auch die Debatten in den Feuilletons.

Vor diesem Hintergrund bildete die Erforschung einer „religiösen Semantik des Friedens“ auf der diesjährigen Jahrestagung des Arbeitskreises Historische Friedensforschung, die erstmals in Zusammenarbeit mit der jüngst installierten DFG-Forschergruppe „Transformation der Religion in der Moderne“ an der Ruhr-Universität Bochum und mit finanzieller Unterstützung der Bremer Stiftung „die schwelle“ ausgerichtet wurde, eine besondere Herausforderung. Dabei verfolgte die Tagungsleiterin, die Bochumer Historikerin Helke Stadtland, keineswegs das apologetische Interesse, zur allenthalben diskutierten Verstrickung von Religion und Gewalt ein moralisches Gegengewicht zu setzen, etwa mit dem Ziel, einen „guten Kern“ der Religion herauszuarbeiten. Vielmehr betonte sie, dass es völlig offen sei, welche Folgen eine Verbindung von Religion und Friedensdenken jeweils gezeitigt habe. In ihrer Einführung hob Stadtland hervor, dass die in der Friedensforschung klassische Unterscheidung von christlich geprägten Friedensbewegungen und ‚säkularen’, der Aufklärung verpflichteten Friedensinitiativen der Komplexität des Verhältnisses von Friedensdenken und Religion im 20. Jahrhundert kaum gerecht würde. Vielmehr sei es, angestoßen durch Prozesse der Entkirchlichung wie die gleichermaßen zu beobachtende Sakralisierung politischer Diskurse, zu einer Annäherung wenn nicht gar Vermischung von christlichem und säkular begründetem Friedensdenken gekommen. Als Beispiele führte Stadtland etwa die „Spiritualität“ der mehrheitlich nicht-religiös oder kirchlich gebundenen Neuen Sozialen Bewegungen an. Im Gegenzug schritten etwa christliche Friedensgruppen nicht nur mit dem Symbol des Kreuzes sondern auch mit roten Nelken und Rosen gegen die Nutzung von Atomwaffen ein. [2]

In ihrer instruktiven Einleitung legte Stadtland drei Entwicklungslinien als Hypothesen zugrunde: Zum einen seien Friedensinitiativen, die ihr Selbstverständnis aus einer Emanzipation von Religion bezogen, aber dennoch Symbole und Begriffe religiöser Herkunft verwendeten, kennzeichnend für das 20. Jahrhundert gewesen. Zum zweiten habe religiöses Friedensdenken selbst Auftrieb erhalten; es wurde nun zunehmend, wenn auch phasenweise und regional unterschiedlich, politisiert. Drittens kooperierten Anhänger beider Richtungen allen Abgrenzungsdiskursen zum Trotz mehr und mehr miteinander. Zusammenfassend wies Stadtland darauf hin, dass es zwar deutliche Indizien für solche religiösen Diffundierungs- und Sakralisierungsprozesse gebe, genaue Kenntnisse über Verbindungslinien, Übersetzungsleistungen und Auswirkungen im Verhältnis von Religion und Politik aber weitgehend fehlten.

Dem Problemaufriss Stadtlands entsprachen vier Panels, in denen exemplarisch religiöse Semantiken in Friedensdiskursen untersucht wurden. Dabei kamen auf der mit Historikern, Politikwissenschaftlern, evangelischen wie katholischen Kirchenhistorikern, Theologen, Juristen und Religionssoziologen interdisziplinär besetzten Tagung in lebhafter und anregender Diskussion grundlegende Problemstellungen einer Semantik des Friedens zur Sprache.

Einen ersten Schwerpunkt der Tagung bildete die religiöse Semantik in politischen Neuordnungsvorstellungen nach 1945. Angelika Dörfler-Dierken (Hamburg) legte ein Papier vor, in dem sie Bezüge zwischen dem Friedensdenken der Reformationszeit – insbesondere bei Erasmus von Rotterdam und Martin Luther – und den Konzeptionen Wolf Stefan Traugott Graf von Baudissins zur „Inneren Führung“ der Bundeswehr herzustellen suchte. Dabei blieb allerdings unklar, inwiefern direkte Traditionslinien von Erasmus zu Baudissin führten, ob es sich um eine Wiederentdeckung reformatorischen Gedankenguts in der Nachkriegszeit handelte oder womöglich um eine „invention of tradition“. Der folgende Beitrag von Detlef Bald (München) beschäftigte sich mit dem Friedensdenken Gustav Heinemanns und legte den Fokus stark auf dessen Rücktritt als Innenminister im Zuge der Frage über die Remilitarisierung im Jahre 1950. Indes ist die Figur Heinemann auch deshalb so interessant, weil er in seiner Doppelfunktion als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und als Innenminister im ersten Kabinett Adenauers zugleich politisch und religiös sprach und handelte. Um jedoch abschließend beurteilen zu können, an welche religiösen Traditionen sowohl Heinemann als auch Baudissin anknüpften, sei es notwendig – so regte das Plenum an – deren religiöse Sozialisation und Verortung in Diskursgemeinschaften und Netzwerken genauer herauszuarbeiten. Zuletzt wurden Barbara Stambolis’ (Paderborn) Thesen zur Bedeutung des Topos vom „Christlichen Abendland“ für Europadiskussionen nach 1945 erörtert. Hier verdeutlichte die Diskussion, dass eine Einordnung der Nachkriegsdebatten in bereits länger bestehende Abendlanddiskurse dringend geboten sei.

Das zweite Panel behandelte Friedensdiskurse in der Theologie und religiösen Institutionen. Dabei stellte zunächst Jörg Seiler (Koblenz) auf der Grundlage päpstlicher Marienenzykliken zwischen 1854 und 1954 in ausgesprochen anregender Weise begriffsgeschichtliche Beobachtungen zum Topos „Maria und der Friede“ an. Es folgte Alf Christophersen (München), der anhand der Gedanken Emanuel Hirschs über die Kampfmetaphorik der Lutherrenaissance in der Weimarer Republik referierte. Dabei machte er in der Diskussion geltend, dass die kriegerischen Thesen Hirschs durchaus denselben Gedankenhintergrund wie etwa der religiöse Sozialismus besäßen. Auch in dem Beitrag Till Kösslers (München) über die Friedenssemantik im spanischen Katholizismus während des Bürgerkriegs wurde die enge Verzahnung, die Friedensdenken mit bellizistischem Gedankengut in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einnehmen konnte, deutlich. Überzeugend stellte Kössler den Zusammenhang von Kreuzzugsvorstellungen, in denen die Vernichtung der Feinde als notwendiges Übel angesehen werden konnte, um die Herrschaft Christi herbeizuführen, und einem Friedensdenken dar, dass Frieden in erster Linie als persönlichen inneren Frieden betrachtete. Erst aus der Unterwerfung individueller Begierden wie etwa Hass und Neid unter das göttliche Gesetz konnte diesen Vorstellungen zufolge auch ein überindividueller Frieden erwachsen. Mit Hilfe solcher Begründungsfiguren ließen sich schließlich auch die franquistischen Konzentrationslager religiös legitimieren: Hier sollten Republikaner von ihren negativen Emotionen „gesäubert“ werden, um – nach Auffassung von Vertretern der katholischen Kirche – die Voraussetzung für einen dauerhaften sozialen Frieden zu schaffen. Zuletzt referierte Marie-Emmanuelle Reytier (Mainz) über die Begegnungen französischer und deutscher Katholiken auf den deutschen Katholikentagen 1921 und 1922. Dabei wurde deutlich, wie sehr die Wahrnehmung auf beiden Seiten noch von den Feindbildern des Ersten Weltkrieges geprägt war. Anders als angenommen werden könnte, überbrückte kein katholischer Universalismus die jeweiligen katholischen Nationalismen. In der Diskussion wurde unter anderem die enge Verbindung, die religiöses Friedensdenken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Nachdenken über Gewalt einging, reflektiert und beraten, ob es sich hierbei um einen im christlichen Denken elementar verankerten Konnex handelte oder vielmehr um einen für das Zeitalter der Weltkriege typischen Zusammenhang.

Das dritte Panel thematisierte die Semantik religiöser Friedensbewegungen und schaffte dabei zugleich den Sprung in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Katharina Kunter (Karlsruhe) sprach über protestantische Kontroversen zur europäischen Friedenspolitik in beiden deutschen Staaten, den Niederlanden und der Ökumene und zeigte dabei, dass sich selbst für den begrenzten Zeitraum der 1980er Jahre und trotz vielfacher Vernetzungen keine einheitliche, protestantische Leitidee vom Frieden als einer gemeinsamen christlichen Zukunftsvision ausmachen lässt. Auch wiesen die Strategien, mit deren Hilfe der jeweils unterschiedlich verstandene Frieden durchgesetzt beziehungsweise bewahrt werden sollte, große Unterschiede auf. Anke Silomon (Berlin) richtete im Anschluss den Blick auf die kirchliche Friedensbewegung in der DDR der 1980er Jahre. Besonders interessant war dabei zu sehen, wie sich die – von einer Politisierung durch die SED bedrohten – christlichen Friedensaktivisten der DDR das Symbol der „Schwerter zu Pflugscharen“ auch deshalb zu eigen machen konnten, weil der russische Regierungschef Nikita S. Chruschtschow im Jahre 1959 eine gleichnamige Plastik den Vereinten Nationen in New York geschenkt hatte. Es kommt einer Ironie der Geschichte gleich, dass die – unter Verwendung christlicher Symbolik erfolgte – starke Vereinnahmung der Friedensthematik durch die Sowjetunion in den 1950er und 1960er Jahren etwa drei Jahrzehnte darauf die Verwendung ebendieser Symbolik durch religiöse Dissidenten im Ostblock politisch zu legitimieren half. Ergänzend wies Stadtland darauf hin, wie sehr das Verständnis des Schwerter-zu-Pflugscharen-Symbols seit der ersten Jahrhunderthälfte einem grundlegenden Wandel unterworfen war. Während es zu Beginn des Jahrhunderts üblich war, den biblischen Referenztext in Micha 4,3 vollständig zu zitieren [3] und damit den Zusammenhang von Gericht beziehungsweise Gewalt und Frieden zu thematisieren, fehlte in den Friedens-Diskussionen der 1980er Jahre dieser Aspekt vollständig. Im Anschluss daran wurde erörtert, ob religiöse Symbole in dieser Phase vor allem als Speicher für „Wohlfühlslogans“ dienten, die ihrer religiösen Inhalte weitgehend entleert waren, oder ob Religion in ihrer Eigenlogik auch in solchen Fällen ernst zu nehmen bleibt. Zusätzlich wurde auf einen weiteren fundamentalen Wandel im christlichen Friedensdenken hingewiesen. Während dieser noch bis in die 1960er Jahre hinein eng mit der Verarbeitung von Gewalterfahrungen verknüpft war, findet das beschriebene kirchliche Friedensdenken der 1980er zu einem Begriff des positiven Friedens, in dem Gewalt – selbst in der Frage, wie mit Aggressoren umzugehen sei – kaum noch eine Rolle spielte. Als letzter Referent des dritten Panels war Ulrich Wenner (Kassel) eingeladen worden, um als Zeitzeuge über die pazifistischen Aktivitäten der katholischen Initiative „Kirche von Unten“ zu berichten. Dies gelang ihm nicht nur in ausgesprochen plastischer Weise; er regte zudem erfolgreich ein Gespräch zu der Frage an, inwiefern religiöse Gruppierungen in den 1980er Jahren die Friedensthematik verwendeten, um die damit erzielte öffentliche Aufmerksamkeit als Katalysator für innerkirchliche Reformprozesse zu nutzen.

Das vierte Panel beschäftigte sich schließlich mit der religiösen Semantik in Friedensbewegungen. Nun ging es schwerpunktmäßig um die Rolle von Religion in Friedensbewegungen, die gemeinhin eher dem säkularen Sektor zugeordnet werden. Zunächst stellte Christian Scharnefsky (Berlin) die Beziehungen zwischen der War Resisters International (WRI) und dem International Fellowship of Reconciliation (IFOR) zwischen 1920 und 1950 dar. Dabei habe der WIR – obgleich vor allem aus sozialistisch-anarchistischen Quellen gespeist – nicht auf religiöse Semantik verzichten können. Außerdem seien für die Entstehung und Etablierung des WRI die bereits vorhandenen Netzwerke der Quäker und des IFOR zentral gewesen. Holger Nehring (Sheffield) thematisierte die religiösen Semantiken in den britischen und westdeutschen Protesten gegen Atomwaffen zwischen 1957 und 1964. Dabei konzentrierte er sich in methodisch überzeugender Weise auf die Funktionen, die religiöse Semantiken für die sozialen Bewegungen besitzen können. Er zeigte etwa, wie religiöse Semantiken ein Gefühl der Sicherheit zu erzeugen halfen, Ordnungsentwürfe zum Ausdruck brachten und gemeinschaftsbildend waren. Seinem Hinweis, dass der Friedensbegriff in den 1950er und 1960er Jahren aufgrund seiner Majorisierung durch die Sowjetunion im Westen weitgehend durch „Sicherheit“ ersetzt worden sei, schloss sich noch einmal eine ausführlichere Diskussion an, die letzteren Begriff in seiner möglichen Bedeutung eines säkularen Heilsversprechens auszuloten suchte.

Sämtliche Panels wurden durch anregende Einführungen eröffnet: Jürgen Mittag (Bochum) gab Hinweise darauf, wie die Nachkriegszeit historisch stärker kontextualisiert werden könnte; Wilhelm Damberg (Bochum) ging auf Fragen der longue durée religiösen Friedensdenkens ein; Lucian Hölscher (Bochum) lieferte methodische Impulse zur Erschließung religiöser Semantiken; Helke Stadtland thematisierte, wie Religiosität entweder begriffsgeschichtlich, als relationale Größe in Diskursen oder über ihre Funktionen zu identifizieren sei. Volkhard Krech (Bochum) machte in seinem Abschlussvortrag übergreifende Systematisierungsvorschläge in religionssoziologischer Perspektive.

Zu den Vorzügen der Tagung gehörte, dass die vertretenen, unterschiedlichen disziplinären Perspektiven sich weder unverbunden nebeneinander noch konfrontativ gegenüber standen. Der breite Raum, den die Tagungsleitung Diskussionen einräumte, wurde indes überwiegend produktiv dafür genutzt, in gemeinsamer Anstrengung ein sich gerade erst abzeichnendes Forschungsgebiet zu erschließen und genauer zu konturieren. Auf die Veröffentlichung der Ergebnisse in der Reihe des Arbeitskreises Historische Friedensforschung dürfen wir zu Recht gespannt sein.

Anmerkungen:
[1] Frieden wahren, fördern und erneuern. Eine Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland 1981 (S. 60) in: Die Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland 1962-2002, hrsg. vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, bearb. von Petra-Angela Ahrens und Beate v. Miquel, Hannover 2004.
[2] Wolfgang Lienemann, Frieden, Göttingen 2000, S. 34.
[3] Micha 4,3: Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Zitation
Tagungsbericht: Religiöse Semantik des Friedens. Diskurse und Netzwerke im 20. Jahrhundert, 03.11.2006 – 04.11.2006 Bochum, in: H-Soz-Kult, 24.11.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1385>.
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Veröffentlicht am
24.11.2006
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