Rationalisierungen des Gefühls. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Emotionalität 1880-1930

Ort
Berlin
Veranstalter
Uffa Jensen (Brighton) und Daniel Morat (Göttingen) für den Arbeitskreis Geschichte + Theorie (AG+T)
Datum
26.10.2006 - 28.10.2006
Von
Uffa Jensen, University of Sussex (Brighton, GB); Daniel Morat, Georg-August-Universität Göttingen

In seinem wissenssoziologischen Hauptwerk „Die Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ (1935) stellte Ludwik Fleck kategorisch fest: „Der Begriff eines überhaupt gefühlsfreien Denkens hat keinen Sinn.“ Demgemäß beschrieb er den naturwissenschaftlichen Forschungsprozess als emotionsgeleitet: Eine neue Beobachtung, die mit den bisherigen Interpretationsmustern des vorherrschenden Denkstils nicht konform gehe, löse ein „Gefühlschaos“ aus: „Staunen, Suchen nach Ähnlichkeiten, Probieren, Zurückziehen; Hoffnung und Enttäuschung“. Daraufhin setze eine verzweifelte Suche nach einer Erklärung für die Abweichung ein, welche eine erneute emotionale Beruhigung verspreche. Dieses emotionale Bedürfnis im Forschungsprozess erkläre denn auch, wieso revolutionäre Neuerungen in der Wissenschaftsgeschichte von ihren Entdeckern zumeist noch dem überkommenen Denkstil angepasst würden. Die Fleckschen Überlegungen sind – spätestens seit Thomas Kuhn’s Arbeiten – zumeist als eine erste soziologische Begründung der (Natur-)Wissenschaftsgeschichte gelesen worden. Zugleich ist in ihnen jedoch der Abschluss einer ganz anderen Suchbewegung in der Wissenschaftsgeschichte zu sehen: Mit Fleck wurde eine breite Debatte über die Bedeutung von Emotionalität in der Wissenschaft, die seit dem späten 19. Jahrhundert in den Geisteswissenschaften geführt wurde, für eine Untersuchung des naturwissenschaftlichen Forschungsprozesses fruchtbar gemacht.

Diese wissenschaftshistorische Linie nachzuzeichnen, war das Ziel der 18. Tagung des Arbeitskreises Geschichte + Theorie (AG+T), die vom 26.-28. Oktober an der Humboldt-Universität Berlin stattfand, von Uffa Jensen (Brighton) und Daniel Morat (Göttingen) organisiert und von der Fritz Thyssen Stiftung finanziert wurde. Die Ausgangsüberlegung der Tagung folgte dabei der Beobachtung, dass sich die Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften in der langen Jahrhundertwende von 1880 bis 1930 durch eine vielgestaltige Thematisierung von Emotionalität auszeichneten. In so unterschiedlichen Feldern wie Psychologie, Philosophie, Geschichtswissenschaft, Soziologie, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Pädagogik u.a. bemühten sich Wissenschaftler um die Analyse von Gefühlen und reflektierten dabei zugleich die Bedeutung dieser Gefühle im wissenschaftlichen Prozess – eine Tatsache, die auch Rückschlüsse auf die Emotionskultur der Jahrhundertwende erlaubt, wie die Konferenz in einem weiteren Themenkomplex behandelte. Damit ergaben sich unterschiedliche Fragenkomplexe: Welches Verhältnis ließ sich zwischen der individuellen Gefühlswelt von Wissenschaftlern und ihren wissenschaftlichen Bearbeitung- und Thematisierungsversuchen beobachten? Wie konzeptionalisierten unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen verschiedene Emotionen? Wie beeinflussten solche Konzeptionen ihre wissenschaftliche Arbeit? In welcher Form wurde Emotionalität als Teil des wissenschaftlichen Forschungsprozesses selbst betrachtet oder diesem gerade entgegengesetzt? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus solchen Zusammenhängen von Forschungsarbeit und Gefühlswelt für die Emotionskultur der langen Jahrhundertwende? Lässt sich an der Häufigkeit und der Art dieser wissenschaftlichen Thematisierungen von Emotionalität eine Unterminierung oder gar Auflösung des bürgerlichen Emotionsregimes des 19. Jahrhunderts ablesen?

Die Tagung wurde durch einen Abendvortrag von Joachim Radkau (Bielefeld) eröffnet, der sich im Rückgriff auf seine Studien zur Neurasthenie und seine gerade erschienene Weber-Biographie mit dem Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und Emotionskultur in der deutschen Gesellschaft der Jahrhundertwende auseinandersetzte. Er plädierte dabei mit Blick auf das 19. Jahrhundert dafür, keineswegs von einem einheitlichen bürgerlichen Emotionsregime auszugehen, das sich dann um die Jahrhundertwende allmählich auflöse. Wie die Therapiedebatten im Falle der Neurasthenie verdeutlichen würden, werde die Phase bürgerlicher Empfindsamkeit seit der Romantik eigentlich erst um 1910 durch eine „kältere Emotionalität“ abgelöst, wobei hierbei vor allem der Erste Weltkrieg verstärkend gewirkt habe. Anhand von Webers Biographie und Wissenschaftsverständnis diskutierte Radkau zudem den Zusammenhang von werturteilsfreier Forschungsprogrammatik und individueller Gefühlsbewältigung. Damit lieferte er der Tagung ein idealtypisches Muster für den Zusammenhang von Biographie, Wissenschaft und Emotionalität, das im weiteren Verlauf um ein diametral entgegen gesetztes Muster ergänzt werden sollte.

Die erste Sektion der Tagung „Gedächtniskultur und Geschichtswissenschaft“ eröffnete Daniela Saxer (Zürich) mit einem Vortrag über Emotionsstile und wissenschaftlichen Geltungsanspruch in der Geschichtswissenschaft um 1900. Verschiedene Historikerbiographien vergleichend, betrachtete sie unterschiedliche emotional geprägte Elemente der geschichtswissenschaftlichen Praxis, wie etwa die Berufswahl, in der die Geschichte häufig als mütterlich imaginiert werde, oder die affektive Kommunikation zwischen jüngeren Historikern und ihren professoralen Mentoren. Auf besonderes Interesse stieß dabei Saxers These, dass die wissensgenerierende Funktion von Emotionalität – eine Praxis der Einfühlung – im Zuge der Professionalisierung der Geschichtswissenschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend zurücktrete, weil die zunehmende Erfassung nicht-narrativer Quellen eine technizistischere Vorgehensweise beförderte. Im zweiten Vortrag der Sektion stellte Isabel Richter (Bochum) ihre Überlegungen über die Verwendung von Totenmasken im 19. Jahrhundert vor. Sie griff damit ebenfalls auf Entwicklungen des ganzen 19. Jahrhunderts zurück, vor allem indem sie sich für unterschiedliche wissenschaftliche Stränge (Physiologie, Kriminologie) interessierte, deren Ansätze den Umgang mit Totenmasken beeinflussten. Darüber hinaus zeigte sie Bereiche auf, in denen die bürgerliche Trauerkultur wissenschaftsfördernde Effekte zeitigte, etwa in den anthropologischen Sammlungen des Arztes Carl Gustav Carus oder in der Phrenologie Franz Josef Galls.

In der darauf folgenden Sektion „Philosophie der Gefühle“ präsentierte Daniel Morat (Göttingen) die Hermeneutik Wilhelm Diltheys als Gefühlsmethode. Im Trennungsstreit von Natur- und Geisteswissenschaften, an dem Dilthey maßgeblich beteiligt war, habe dieser die Gefühle nicht nur als Gegenstand der Geisteswissenschaften reklamiert. Vielmehr stelle das hermeneutische Verstehen als Methode der Geisteswissenschaften selbst eine Gefühlsleistung dar, die auf der Gemeinsamkeit aller Menschen als Gefühlswesen beruhe und diesem Wesen als einzige gerecht werde. Ausgehend von der These, dass es auch für andere Disziplinen, etwa der Geschichtswissenschaft, notwendig sei, den Gefühlsbegriff zu klären, stellte Matthias Schloßberger (Potsdam) die phänomenologische Gefühlstheorie Max Schelers vor. Dessen Annahme einer psychophysischen Indifferenz der Wahrnehmung ermöglichte eine neue Beschreibung des Verhältnisses von Selbst- und Fremdwahrnehmung, die für die Analyse von Gefühlen zentral war. Zugleich bietet sich Scheler laut Schloßberger für weiterführende Überlegungen zur Ordnung von Gefühlen an. Hierbei stießen insbesondere Schelers Annahme einer kommunikativen Übertragung von Gefühlen und einer entsprechenden Kollektivierbarkeit von Gefühlszuständen auf Interesse.

Die folgende Sektion über „Psychophysik und Emotionspoetik“ wurde mit einem Vortrag von Gesine Lenore Schiewer (Bern) über „Gestalttheorie, Poetik und Kybernetik der Emotionen“ eröffnete. Am Beispiel der Arbeiten von Carl Stumpf verdeutlichte Schiewer die zentrale Rolle, welche die Gestalttheorie den Gefühlen im Wahrnehmungsprozess zuschrieb. In einem zweiten Schritt zeigte sie dann, dass die Gestalttheorie auch in die Entwicklung der Kybernetik und die Idee der Gefühlssteuerung des Menschen bei Karl Bühler einfloss. Der zweite Vortrag von Michael Neumann (Dresden) über die „Physik der Moral“ stellte anschließend den Völkerpsychologen Wilhelm Wundt ins Zentrum. Neumann rekonstruierte nicht nur den wissenschaftlichen Führungsanspruch der von Wundt und Gustav Fechner als Vermittlerin zwischen Geistes- und Naturwissenschaften vorangetriebenen experimentellen Psychologie. Am Beispiel von Wundts Kriegspropaganda 1914 verdeutlichte er auch das politische Mobilisierungspotential der in eine kollektivistische Ethik umschlagenden Gefühlswissenschaft.

Unter dem Oberthema „Rationalisierungen des Kunsterlebens“ präsentierte Hansjacob Ziemer (Berlin) seine Thesen zur musikwissenschaftlichen Analyse des Konzertgeschehens. Eine emphatische Betonung des Hörerlebnisses im Konzertsaal, dessen Niederschlag besonders in einem tiefen emotionalen Empfinden gesehen wurde, machte in der musikwissenschaftlichen Beschreibung im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts zunehmend einem sachlicheren Verständnis Platz. Von zentraler Bedeutung für die dafür verantwortliche Entpsychologisierung des musikalischen Hörens waren neue technische Reproduktionsformen wie das Radio oder die Schallplattenaufnahme, die insbesondere die emotionalen Effekte des Musikhörens zu kontrollieren und zu versachlichen versprachen. An solche Überlegungen zum Einfluss moderner Technik auf das Wissenschaftsverständnis schloss Anja Schürmann (Düsseldorf) ihre Überlegungen zur Beschreibbarkeit von Kunst in der Kunstgeschichte an, wobei sie sich insbesondere auf Jacob Burckhardt und Heinrich Wölfflin bezog. Ihr Interesse galt vor allem den bei beiden sichtbaren Effekten, welche sich aus der Verwendung neuer technischer und medialer Hilfsmittel (insbesondere der Kunstphotographie und des Diaprojektors) für die Theoriebildung über Kunst ergaben. In ähnlicher Weise wie in der Musikwissenschaft veränderte der Einsatz dieser medialen Techniken die Position des Kunsthistorikers: Sie schufen rationale Distanz zum Kunstwerk, wodurch es zugleich dringender wurde, die emotionale Dimension des Werkes in dessen Beschreibung nacherlebbar und zugänglich zu machen.

In der Sektion „Gefühlszuschreibungen und Affektübertragung“ stellte zunächst Pascal Eitler (Bielefeld) seine Überlegungen zum „Vivisectionsstreit“ um 1900 vor. In dem Streit zwischen Tierschützern und Forschern, die Tierversuche befürworteten, ging es um die Frage, inwieweit Tiere über Emotionen verfügen. Während die Tierschützer und Versuchsgegner die grundsätzliche Ähnlichkeit von Mensch und Tier im Bezug auf ihre Emotionalität behaupteten, sahen die Vertreter der Wissenschaft dies als unerlaubte Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Tiere. Zugleich stellte sich dabei aber auch das Problem des Gefühlshaushaltes von Wissenschaftlern, die sich in der Frontstellung gegenüber den Tierschützern auf eine streng rationale und rein wissenschaftliche Position beriefen. In solcher Gefühllosigkeit wiederum sahen die Tierschützer eine größere Gefahr, eine generelle Tendenz zur Verrohung, der man eine emotionalisierte Ausrichtung der Lebenswissenschaften entgegenzustellen habe. Der Historiker Till Kössler (München) diskutierte in seinem Beitrag zu dieser Sektion das sich seit 1880 steigernde Interesse an kindlichen Gefühlen im Rahmen der Kinderseelenkunde – einer Vorform der modernen Kinderpsychologie – und der Pädagogik. Er betonte insbesondere, wie kindliche Emotionen erst allmählich zu einem eigenständigen Forschungsgegenstand werden konnten, der nicht mehr auf eine bloße Entwicklungsstufe hin zum Erwachsenen reduziert wurde. Verbunden waren solche Untersuchungen mit Forderungen nach einer ästhetisch, sittlich oder gar religiös ausgerichteten Gefühlserziehung des Kindes.

Die letzte Sektion „Zeichen der Gefühle“ wurde von Per Leo (Berlin) bestritten, der die deutsche Ausdruckswissenschaft im frühen 20. Jahrhundert am Beispiel von Ludwig Klages vorstellte. In Klages’ Charakterologie kamen nicht nur verschiedene der auf der Tagung besprochenen Stränge der wissenschaftlichen Thematisierung der Gefühle zusammen. Sie stellte auch eine exemplarische „Fusion von Grundlagenforschung und Weltanschauung“ dar, die zum einen an Wundt erinnerte, zum anderen aber durch Klages’ außeruniversitäre Position eine eigene Ausprägung erlangte. An Klages ließ sich zudem ein dem Weberschen Modell entgegen gesetztes Muster studieren: Hier kombinierte sich ein extrem emotional aufgeladenes Wissenschaftsverständnis, das Irrationalität und Intuition bewusst ins Zentrum stellte, mit einem auffällig sachlichen und entemotionalisierten Lebens- und Persönlichkeitsstil.

Die Tagung wurde durch einen Abschlusskommentar von Martina Kessel (Bielefeld) zusammengefasst, indem sie zunächst auf die erstaunliche Bandbreite wissenschaftlicher Thematisierungen von Emotionalität in der langen Jahrhundertwende hinwies. Darin sah sie eine These aus ihren emotionshistorischen Überlegungen bestätigt, dass es sich bei der verstärkten Debatte über Emotionen vor allem um ein deutsches Phänomen zu handeln scheint – ein Argument, dass ebenfalls mit Radkaus Erkenntnisse zum deutschen Neurasthenie-Diskurs übereinstimmte. Was machte Gefühle zu so einem zentralen Diskussionsgegenstand in der deutschen Gesellschaft im Allgemeinen und für deutsche Wissenschaftler im Besonderen? Kessel verwies auf zwei unterschiedliche Erklärungsmodelle: Besondere wissenschaftshistorische und universitäre Bedingungen in Deutschland in dieser Phase – die Tendenz zum Forschungsgroßbetrieb, die disziplinäre Abschottung der Wissenschaft gegenüber außeruniversitärer intellektueller Tätigkeit, die besonders ausgeprägte Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften – könnten diese Gefühlsdebatten stärker befeuert haben. Zugleich erschien ihr in solchen Debatten die Subjektkonstruktion sowohl des individuellen Forschers als auch des bürgerlichen Ideals insgesamt von zentraler Bedeutung zu sein. In diesem Sinne erweist sich die verstärkte wissenschaftliche Diskussion über Emotionen als an die zeitgenössische Krise des bürgerlichen Individuums gebunden. Wissenschaft fungiert hier zum einen als eine männliche Ermächtigungsstrategie in Zeiten des unsicher werdenden bürgerlichen Projektes – ein besonderer Fall von Geschlechter- durch Wissenschaftskonstruktionen. Zugleich bot dieses Wissenschaftsverständnis eine Art individuelle Bewältigungsstrategie, indem es zugleich die Versachlichung und Beruhigung einer emotionshistorisch problematischen Krisenkonstellation versprach.

Naturgemäß konnten nicht alle auf der Tagung aufgeworfenen Fragen abschließend geklärt werden. Zum einen blieb die Periodisierung einer gefühlstheoretischen „Sattelzeit“ zwischen 1880 und 1930 umstrittenen. Zum anderen wurde wiederholt auf das andere Andere der Wissenschaft, die Religion, sowie auf die andere Rationalität der Ökonomie hingewiesen, die bei einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema stärker berücksichtigt werden müssten. Dass die Tagung das Themenfeld in produktiver Weise geöffnet und zur notwendigen Historisierung des aktuellen „emotional turn“ in den Wissenschaften beigetragen hat, war am Ende der zweitätigen Veranstaltung aber einhellige Meinung. Eine Publikation der Tagungsergebnisse ist geplant.

Kontakt

Uffa Jensen
History Department
School of Humanities
University of Sussex
GB-Falmer, BN1 9QN

Daniel Morat
DFG-Graduiertenkolleg Generationengeschichte
Humboldtallee 3
37073 Göttingen

Zitation
Tagungsbericht: Rationalisierungen des Gefühls. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Emotionalität 1880-1930, 26.10.2006 – 28.10.2006 Berlin, in: H-Soz-Kult, 20.12.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1422>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.12.2006
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