Literarische Zentrenbildung in Südosteuropa. Hermannstadt/ Sibiu als Fallbeispiel

Ort
Sibiu/Hermannstadt
Veranstalter
Stefan Sienerth; Maria Sass; Institut für deutsche Kultur und Geschichte Süsosteuropas (IKGS); Lehrstuhl für Germanistik an der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt
Datum
19.10.2006 - 21.10.2006
Von
Juliane Brandt

Vom 19.-21. Oktober 2006 fand in Sibiu/ Hermannstadt ein Symposion zum Thema „Literarische Zentrenbildung in Südosteuropa. Hermannstadt/ Sibiu als Fallbeispiel“ statt. Die Tagung wurde von Dr. Stefan Sienerth (Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München) und Dr. Maria Sass (Lehrstuhl für Germanistik an der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt) organisiert und vom IKGS sowie dem Hermannstädter Germanistik-Lehrstuhl gemeinsam ausgerichtet.

Ein Empfang für die Gäste durch den Dekan der Philologischen Fakultät sowie Grußworte seitens des Rektors, des Dekans und der Organisatoren in der Aula der Universität leiteten die Tagung ein und eröffneten die Plenarsitzung. Es folgte ein Vortrag des Romanisten Pamfil Matei über die in Hermannstadt ansässige rumänische Kulturvereinigung „Astra“ und ihr Wirken 1861-1950 „zwischen nationalen Prioritäten und europäischen Perspektiven“.

Jürgen Lehmann (Univ. Erlangen-Nürnberg) reflektierte in seinem Vortrag über „Metropole und Stadtkultur. Anmerkungen zu Bedingungen und Voraussetzungen der Zentrenbildung“ theoretische Prolegomena zu den Diskussionen der folgenden Tage.

Im Anschluss daran wurde die Arbeit in mehreren, teils parallel verlaufenden Sektionen fortgesetzt. Die erste Sektion mit Beiträgen von Harald Heppner (Graz), Juliane Brandt (IKGS), Konrad Gündisch (Oldenburg) und Stefan Sienerth (IKGS) lieferte einen Überblick über die Bildung kultureller Zentren in Südosteuropa in historischer Perspektive. Zwei weitere Sektionen in deutscher und zwei in rumänischer Sprache konzentrierten sich auf Hermannstadt als Beispiel solcher Zentrenbildung in literarischer Hinsicht. Hier referierten Bianca Bican (Klausenburg), Maria Sass, Horst Schuller und Joachim Wittstock (alle Hermannstadt), bzw. Sunhild Galter, Susanna Lulé, Laura Balomiri (alle Hermannstadt) und Delia Cotârlea (Kronstadt); Ilie Guţan, Gheorghe Manolache, Vasile Ciobanu und Vasile Ursan (alle Hermannstadt), sowie Ilie Moise, Ioan Mariş und Doina Constantinescu (alle Hermannstadt). Zwei weitere Blöcke mit Referaten von Anton Schwob (Graz), Monika Rössing-Hager (Marburg), Dana Dogaru und Johanna Bottesch (beide Hermannstadt); bzw. von Sigrid Haldenwang, Doris Sava (beide Hermannstadt) und Hermine Fierbinţeanu (Bukarest) waren der Sprache in Hermannstadt und der Sprache der Hermannstädter Literatur gewidmet. Zwei andere Sitzungen thematisierten „Hermannstadt als Ort (in) der Literatur“ bzw. Literatur aus Hermannstadt anhand einzelner Werke und Lebenswerke. Hier stellten Walter Engel (Düsseldorf), Rodica Miclea (Hermannstadt) und Raluca Rădulescu (Bukarest) sowie Udo-Peter Wagner, Gudrun Liane Ittu, Nora Căpăţâna (alle Hermannstadt) sowie András Balogh (Klausenburg) Forschungsergebnisse vor. Autorenlesungen von Ana Blandiana (Bukarest) und Franz Hodjak (Frankfurt a.M.) in der Evangelischen Akademie bzw. von Dumitru Chioaru und Joachim Wittstock (beide Hermannstadt) im Senatssaal der Universität rundeten das wissenschaftliche Programm literarisch ab.

Angesichts der Verpflichtungen der Referenten in dem bereits begonnenen Vorlesungsbetrieb und auch aus technischen Gründen konnten nicht alle Beiträge in den thematisch ideal passenden Sektionen vorgestellt werden. Zudem zollten etliche Referate dem Projekt einer deutsch-rumänischen Zusammenarbeit und der Hinwendung zum Problem von Zentren in multiethnischen Regionen überhaupt Tribut und illustrierten das Wirken Hermannstadts und anderer kultureller Zentren Siebenbürgens eher am Rande durch – fraglos interessante und anspruchsvolle - Analysen einzelner literarischer Werke. Da vom IKGS geplant ist, ein Tagungsband herauszugeben und andere vorgestellte Ergebnisse in einschlägigen Zeitschriften veröffentlicht werden sollen, wird im Folgenden aus Platzgründen vorrangig auf Ergebnisse der Diskussionen zur Zentrenbildung und zur Zentrumsfunktion Hermannstadts eingegangen.

Literarische Zentren wurden im Anschluss an die Arbeiten von Wolfgang Stellmacher und Klaus Hermsdorf [1] als Orte der Konzentration von Autoren und literaturverbreitenden Institutionen, vor allem aber als Orte dichten literarischen Lebens und literarisch produktiv werdenden Austauschs betrachtet. Als solche sind sie nicht nur Orte der Herkunft und des Werdens von Autoren, sondern auch Orte, die Schriftsteller und Organisatoren von außen anziehen. In diesen Punkten bestand grundsätzlich wie auch in den Analysen zu einzelnen Orten und Epochen Einmütigkeit. Eine offene Frage blieb dagegen, wieweit derartige literarische Zentren epochengebundene Eigenarten aufweisen oder in ihrer Formierung überhaupt ein epochengebundenes Phänomen darstellen. Lässt sich jede Zusammenballung von Autoren bzw. Künstlern und Gelehrten bereits als kulturelles Zentrum betrachten? Da sich einschlägige Einzelbeiträge weitgehend auf Hermannstadt ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert konzentrierten gab es auf dem Symposion wenig Anhaltpunkte für derartige Überlegungen. Jürgen Lehmann hatte allerdings in seinem einleitenden Referat auch auf die besondere Konfiguration jener musterbildenden literarischen Zentren im deutschen Raum hingewiesen, auf jene enge Verflechtung von politischem Leben und ästhetischem Schaffen unter Bedingungen einer schichtenübergreifenden Geselligkeit, einer „gemischten Gesellschaft“ im Sinne Kants. Dies hieße streng genommen zu fragen, ob Zentren in diesem Sinne überhaupt erst Phänomene einer bürgerlichen Gesellschaft (oder von Gesellschaften in ihrer Nachfolge) sind. Von mittelalterlichen oder Renaissance-Mäzenen an Höfen versammelte Gruppen von Künstlern wären dann als strukturell anderes Gebilde zu betrachten, mittelalterliche und frühneuzeitliche städtische Kulturkonzentration dagegen tendenziell als Entwicklung auf diese Zentren hin. Diesem Problem gilt es weiter nachzugehen.

Als besonders für Südosteuropa wichtiges Charakteristikum in der Verortung von Zentren einzelner Kulturen erweist sich zum einen das Verhältnis von Zentren imperialen Ranges zu anderen regionalen Zentren. Zum anderen stellt die große Rolle von Außenzentren, d.h. von Konzentrationspunkten geistigen und literarischen Lebens von Nationalitäten bzw. Nationen in spe außerhalb der Grenzen des Staates ein wichtiges Moment in der südosteuropäischen Entwicklung dar. Die erstere Beziehung prägte auch das Wirken regionaler bzw. im Kontext einzelner Kulturen eines Imperiums entstandener Zentren wie Hermannstadt als Vermittler – aber auch Verweigerer – gegenüber Ideen und Entwicklungen aus den Zentren des Imperiums und aus Kontaktpunkten in den umgebenden Staaten. Letzteres, nämlich die Rolle der Außenzentren, ist grundsätzlich z.B. auch für die geistige wie politische Entwicklung der Serben und Kroaten gut dokumentiert. Im Falle Siebenbürgens stellten die Diskussionen immer wieder den Einfluss von Zentren in den Donaufürstentümern bzw. im rumänischen Königreich, wie Iaşi und Bukarest, aber auch von Wien und Rom und in begrenztem Umfang von Budapest auf die Entwicklung rumänischer Zentren in Siebenbürgen, und von Entwicklungen in Siebenbürgen auf die rumänische Kultur von Moldau und Walachei heraus. Ähnliche Wechselwirkungen sind daran anknüpfend in anderen Relationen, z.B. in der Beziehung der magyarischen und sächsischen Kultur, noch eingehender zu untersuchen.

In mehreren Vorträgen wurde die Frage aufgeworfen, welche Voraussetzungen und Umstände dem Entstehen von Zentren – nämlich jener produktiven Verdichtung literarischen Lebens an einzelnen Orten – förderlich sind. Woher stammt der Energieüberschuss, der dazu nötig ist, was sind die Katalysatoren, die aus einer gewissen Anzahl von Schriftstellern ein Zentrum machen? Etliche Vorträge, so die von Konrad Gündisch und Stefan Sienerth zu Hermannstadt, von András Balogh zu Klausenburg und von Laura Balomiri zu Hermannstadt und Wien im Vergleich, verwiesen diesbezüglich auf die „lange Tradition“, auf Voraussetzungen und Anknüpfungspunkte in gewachsenen Institutionen der Zivilgesellschaft, der Kirche, des Bildungswesens, auf ältere Gesellschaften kultureller und literarischer Ausrichtung, aber auch auf das Förderliche der Anwesenheit staatlicher Institutionen, u.v.a.m., und natürlich die Konzentration eines hinreichend großen und interessierten Publikums vor Ort. Dies erwies sich vor allem als geeignet, um die Rolle und die Blüte literarischer Zentren mit langer Tradition wie Hermannstadt oder auch Kronstadt und Klausenburg zu erklären. Innerhalb der sich langsam wandelnden Verhältnisse Siebenbürgens waren auch keine abweichenden Beispiele in dieses Bild zu integrieren.

Juliane Brandt versuchte demgegenüber, in ihrer Betrachtung von Zentren in multiethnischen Gebieten und im Randgebiet von Nationalstaaten auch den Fall der späten, relativ kurzfristigen Entstehung kultureller Zentren wie des literarisch um 1900 in der ungarischen Kultur wichtigen Grosswardeins oder der Künstlerkolonie Nagybánya/ Baia Mare zu berücksichtigen. Das vorgestellte Modell suchte nach „Überschüssen“ und Voraussetzungen aus anderen Bereichen sozialen Lebens, die sich als förderlich erwiesen – z.B. in neuen Wirtschaftszweigen erworbenes Geld, das in „kulturelles Kapital“ im Bourdieuschen Sinne konvertiert wurde, in Stipendien und Arbeitsmöglichkeiten für Autoren, in der Förderung von Zeitschriften und kulturellen Projekten. Die Neigung bestimmter lokaler Gruppen, in besonderem Maße kunstfördernd oder im Dienste einer entstehenden „Nationalkultur“ zu agieren und weitere förderliche Bedingungen nicht-literarischer Art, die als günstige Arbeitsmöglichkeiten und Rekrutierungsbedingungen für Akteure des Literaturbetriebs ins Gewicht fielen wurden untersucht. Besonders deutlich wurde am Beispiel Wardeins die Erfahrung des sozial Neuen, zugänglich und zu verarbeiten in einem Kontext, der zudem andere Anknüpfungspunkte für literarische Produktivität und schichtenübergreifenden Austausch bot.

Am Beispiel der Funktion einzelner Städte als Zentren zweier Kulturen zu gleicher Zeit oder in Folge wäre dieses Modell weiter zu testen. Beispiele dafür bieten das von László Tarnói in einer Studie bei Stellmacher thematisierte deutsche Pest-Buda – und das daran anknüpfende ungarische literarische Zentrum Budapest –, oder auf der Tagung das von András Balogh miteinbezogene Klausenburg und insbesondere das zum Ende des 19. Jahrhunderts auch zu einem Zentrum der rumänischen Kultur werdende Hermannstadt.

Besonders ergiebig war diesbezüglich die von Maria Sass vorgestellte Analyse des Prozesses, in dem Hermannstadt durch die Gruppe um die Zeitschrift Tribuna, anknüpfend an ältere, Voraussetzungen sowie in geistiger Rückbindung an deutsches literarisches und kulturpolitisches Gedankengut auch zu einem Zentrum der rumänischen Kultur wurde. Durch vertiefende Betrachtungen zu einzelnen Entwicklungen und namentlich zu den Wechselwirkungen von Vorgängen in beiden Kulturen wäre dies weiter zu untersuchen.

Vorträge, die Hermannstadt auch in der Zwischenkriegszeit und der Zeit des Staatssozialismus betrachteten, so u.a. die von Stefan Sienerth und Joachim Wittstock, betonten vorrangig die Kontinuität der Funktion als sächsisches oder daneben auch rumänisches kulturelles Zentrum. Baloghs Bild von Klausenburg, das in der Zwischenkriegszeit auch zu einem Zentrum rumänischen geistigen Lebens und zum Ausgangspunkt wichtiger künstlerischer und politischer Karrieren wurde, verdeutlichte freilich auch die Umbrüche und die politische Machbarkeit der Schaffung neuer Zentren. Wenig diskutiert blieb, wie sich oktoyierte Strukturen und radikale politische, insbesondere gesellschaftspolitische Umbrüche auf das Funktionieren alter Zentren in ihrer Relation zu anderen Orten auswirkten. Da in Hermannstadt Funktionen (im Sinne der zentrale-Orte-Theorie) konzentriert blieben, und da aufgrund der Eigenart menschlicher Gesellschaftlichkeit Traditionen lange nachwirkten, konnte Hermmannstadt auch nach 1945 zumindest literarisches Leben verdichtet fortführen. Wie das, was rückblickend dem Funktionieren als literarisches Zentrum zugerechnet wird, teilweise gerade gegen die herrschende Kultur und von in Gesellschaft wie Literatur randständigen Figuren organisiert wurde, beleuchtete der Beitrag Rodica Micleas über den „Salon“ Dora Frölichs.

Die sprachwissenschaftlichen Sektionen erbrachten neben einzelwissenschaftlichen Details vor allem die nicht nur von Anton Schwob und Monika Rössing-Hager nachdrückliche Aufforderung, den Quellen in Hermannstadt, welche sich im Archiv, in der Handschriftensammlung des Brukenthal-Museums sowie auf Gemeindeebene im Teutsch-Haus befänden, mehr Aufmerksamkeit zu widmen und sie vor allem auch zu edieren und so der Forschung effektiver zugänglich zu machen. Die Dank der Arbeit von Dana Dogaru demnächst in Druck gehende Edition der Predigten des Damasus Dürr (eine ältere Ausgabe blieb unabgeschlossen und umfasst nur einen Bruchteil der Handschrift) ist ein wichtiger erster Schritt in diese Richtung. Das interdisziplinäre Gespräch in Zusammenfassung der Ergebnisse verdeutlichte, wie produktiv derartige Editionen aus sprachwissenschaftlicher, literatur-, sozial- und kulturhistorischer Sicht wirken könnten.

Anmerkungen:
[1] Hermsdorf, Klaus, Regionalität und Zentrenbildung: Kulturgeographische Untersuchungen zur deutschen Literatur 1870-1945, Frankfurt am Main 1999; ders., Literaturzentren und literarische Regionen, in: Stellmacher, Wolfgang (Hg.), Stätten deutscher Literatur. Studien zur literarischen Zentrenbildung 1750-1815, Frankfurt am Main 1998, S. 11-30; Stellmacher, Wolfgang, Literarische Zentrenbildung in der Endphase des Heiligen Römischen Reiches und im Zeitalter der Napoleonischen Kriege (1750-1815), in: ebd., S. 31-72. Als „Anwendungsfall“ zur Genese eines „neuen“ Zentrums: Almai, Frank, Expressionismus in Dresden. Zentrenbildung der literarischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland, Dresden 2005.

Zitation
Tagungsbericht: Literarische Zentrenbildung in Südosteuropa. Hermannstadt/ Sibiu als Fallbeispiel, 19.10.2006 – 21.10.2006 Sibiu/Hermannstadt, in: H-Soz-Kult, 20.12.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1426>.
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Veröffentlicht am
20.12.2006
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