History - Migration - Anthropology: New Perspectives on European Migration and Migration History (Third Workshop on Contemporary European Migration History)

Ort
Erfurt
Veranstalter
Netzwerk Migration e.V., Arbeitsstelle Historische Anthropologie an der Universität Erfurt, Centre Marc Bloch und University of Massachusetts, Dartmouth
Datum
07.11.2002 - 09.11.2002
Von
Ohliger Rainer; Michael G. Esch, Centre Marc Bloch, Berlin

Die Debatte um Kultur- und Sozialgeschichte sowie die zunehmende Komplexität und der disziplinübergreifende Charakter sozial- und geisteswissenschaftlicher Fragestellungen macht die Suche nach Kontaktfeldern und Brücken zwischen den Disziplinen zu einer neuen Herausforderung der Forschung. Diese Herausforderung anzunehmen, diente eine internationale und multidisziplinär zusammengesetzte Tagung vom 7. bis zum 9. Dezember 2002 in Erfurt, die vom Netzwerk Migration e.V. (Jan Motte, Rainer Ohliger, Ulrich Raiser) in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Historische Anthropologie an der Universität Erfurt (Alf Lüdtke), dem Centre Marc Bloch (Michael G. Esch) und der University of Massachusetts, Dartmouth (Andrea Klimt) organisiert und ausgerichtet wurde. Die Robert Bosch Stiftung und das Centre Marc Bloch ermöglichten das Unternehmen durch ihr finanzielles Engagement. Die Tagung markierte vor allem den Versuch, Schnittstellen und Berührungspunkte zwischen der Geschichtswissenschaft und der Kultur- bzw. Sozialanthropologie im Bereich Migrationsforschung auszuloten und einen Dialog über das konzeptionelle, analytische und theoretische Instrumentarium der beiden Disziplinen einzuleiten.

Die Tagungsteilnehmer/innen wurden in einem kompetitiven Verfahren über einen Call for Papers rekrutiert, eine für den deutschsprachigen Raum ja oftmals noch eher unübliche Art der Ausschreibung. Aus ca. 50 Bewerbungen wurden 8 Teilnehmer und 13 Teilnehmerinnen ausgewählt, die aus neun verschiedenen Ländern kamen (BG, D, F, GB, GR, ISR, NL, TK, USA). Die Mehrzahl sowohl der Bewerber/innen als auch der Teilnehmer/innen waren Personen am Beginn ihrer akademischen Karriere (Doktoranden, Post-Doktoranden, jüngere Professoren). Hinzu kamen allerdings einige alte akademische Hasen, was in der Summe eine gute Mischung ergab, die für ein hierarchiefreies und offenes Diskussionsklima bürgte. Von Beginn an war genuines gegenseitiges Interesse an den Themen der Tagungsteilnehmer/innen zu verspüren, was sich nicht zuletzt an lebhaften und konstruktiven Debatten zeigte.

I. Migranten/innen und Ökonomie

Eine Reihe von Vorträgen präsentierte in Arbeit befindliche Forschungen und stellte Probleme zur Diskussion, die sich während des Arbeitsprozesses ergaben. Dies führte zusammen mit der eher theoretisch-paradigmatischen Ausrichtung des Workshops dazu, dass die Beiträge eine große thematische Bandbreite aufwiesen. Die Themen rangierten von Zwangsmigrationen in den 1920er Jahren über gegenwärtige staatliche Interessenpolitik im Bereich Migration bis hin zu den changierenden Praktiken und Strategien von Migrantenkollektiven und einzelnen Akteuren. Es zeigte sich, dass der thematische Zusammenhang trotz der inhaltlichen und zeitlichen Spannbreite unterhalb des rein empirischen Zuschnittes häufig dennoch weitaus enger war, als auf den ersten Blick vermutet. So behandelten z.B. Ayse Caglar (Kulturanthopologin, Hochschulinstitut Florenz/FU Berlin) mit der Entstehung einer spezifisch auf türkische Migranten/innen ausgerichteten Medien- und Werbelandschaft und Robert P. Stephens (Historiker, Virginia Tech University) mit der Rolle von Migranten/innen im Drogenhandel anscheinend völlig unterschiedliche Bereiche. Sie erwiesen sich aber als komplementäre Beispiele für das Themenfeld "Migranten/innen und Ökonomie".

Auf der einen Seite wurde untersucht, wie einheimische Unternehmen versuchen, ein durch Migration entstandenes Marktsegment zu erschließen, auf der anderen Seite, wie ein aus Einheimischen und Einwanderern gemischter Markt großenteils durch Migranten/innen bedient wird, die durch die politisch-juristischen Rahmenbedingungen, aber auch durch soziokulturelle Kodierungen in diesen illegalen Wirtschaftsbereich abgedrängt werden. - Eine ökonomische Nische von Migranten/innen, den Bereich der immer häufiger auch männlichen häuslichen Bediensteten in Sizilien, stellte das Papier von Jeffrey Cole und Sally S. Booth (Kulturanthropologen, Dowling College) vor. Sie zeigten, wie im untersuchten Fall die Nische besonders durch das Unvermögen staatlicher Akteure entstanden war, bestimmte Dienstleistungen (insbesondere Alten- und Kinderbetreuung) zu gewährleisten. - Antoine Pécoud (Sozialanthropologe, University of Oxford) analysierte die unterschiedlichen Theorien zur ökonomischen Selbständigkeit von Migranten/innen und wirtschaftliches Handeln innerhalb ethnischer Enklaven am Beispiel türkischer Migranten/innen in Deutschland. Neben sozialen Faktoren (sozialer Aufstieg lässt sich innerhalb der Enklave weitaus leichter und rascher erzielen als nach einer Assimilation an die "Aufnahmegesellschaft") verspricht dieses als "ethnische Ökonomie" diskutierte Themenfeld weitere Einsichten in Strukturen und Wirkungen ethnischer Enklaven sowie über die Wechselwirkungen zwischen ökonomischer Rationalität und sozialkulturellen Bindungen (Paternalismus, Ansätze oder Reste moralischer Ökonomie). Freilich ist hier vor überzogenen Erwartungen zu warnen: Es wurde angemerkt, dass die begriffliche Bestimmung dieser "ethnischen Ökonomie" (was etwa hat ein erfolgreicher türkisch-deutscher Touristik-Unternehmer mit dem Inhaber eines Döner-Ladens gemeinsam?) gewisse Schwierigkeiten bereitet, da Markt- und Austauschbeziehungen (etwa bei Einzelhändlern) sich eben nicht unbedingt nur innerhalb der community abspielen. Hinzu kommt, dass der Charakter des jeweiligen Staates bzw. der jeweiligen auf Integration abzielenden Politik bzw. Wirtschafts- und Sozialpolitik zu berücksichtigen ist.

II. Organisationen und Vergemeinschaftungen

Floris Vermeulen (Historiker, Universiteit Amsterdam) verglich türkische und surinamesische Organisationen von Einwanderern/innen in Amsterdam miteinander. Er zeigte, welchen Einfluss der staatliche Akteur für die Handlungsdispositionen von Migranten/innen hat. Bei den Surinamesen/innen handelte es sich im Gegensatz zu den Türken/innen um postkoloniale Migranten/innen, die wenigstens hinsichtlich der rechtlichen Rahmenbedingungen sowie der staatlichen Förderungsangebote faktisch privilegiert waren. Eine im Integrationsprozess privilegierte Gruppe von Migranten behandelte auch Ségolène Plyer (Historikerin, Université de Paris) mit den deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Sudetenland. Sie beschrieb, mit welchen Mitteln und welchem Ergebnis die beiden deutschen Staaten nach 1945 versuchten, diese Zwangsmigranten/innen in die jeweils eigene Nationalökonomie einzufügen, und zwar in der DDR im Rahmen der Agrarreform, in der Bundesrepublik über den Lastenausgleich und Eigentumsrestitution. Es wurde in beiden Vorträgen deutlich, dass die nationale "Integrationspolitik" in Deutschland und den Niederlanden in hohem Maße eine Funktion des jeweiligen Gesellschaftsbildes und des nationalen Gedächtnisses (koloniale Vergangenheit; Folgen des Zweiten Weltkrieges) war.

Die Rolle von Migration für nationale und transnationale ökonomische Sektoren und Strukturen bildete aber nur eines der Themenfelder, die auf der Tagung diskutiert wurden. Ein zentrales Thema der Konferenz und der Debatte bildete die Rolle von Gruppenbildungsprozessen, Vergemeinschaftungsstrategien und die Konstruktion kollektiver Identitäten innerhalb von Migranten-communities bzw. in Gesellschaften, die durch Migration geprägt sind. Dabei lag ein Schwerpunkt auf den in jüngster Zeit stärker diskutierten Differenzdiskursen.

III. Kollektive Gruppen: Praxis und Konstruktion

Tamar Rapoport und Edna Lomsky-Feder (beide Soziologinnen, The Hebrew University at Jerusalem) untersuchten, wie eingewanderte russische Juden die "Normalisierung" der antisemitischen Erfahrung im Herkunftsland nutzten, um einerseits diese Erfahrung zu enttraumatisieren, andererseits die Dankbarkeitserwartungen auf Seiten der israelischen Gesellschaft abweisen zu können. Die Betonung der Eigenart der "Russen" (kulturelle Superiorität, stärker ausgeprägte Form von Maskulinität) im Unterschied zu den "Israelis" erweist sich dabei als kulturelles Kapital, das mehr oder minder bewusst zur eigenen Positionierung innerhalb der Aufnahmegesellschaft eingesetzt wird. So wird das hegemoniale national-israelische Narrativ in Frage gestellt bzw. herausgefordert.

Victoria Hegner (Kulturanthropologin, Humboldt Universität Berlin), betonte in ihrem Vortrag über die jüdischen Gemeinschaften in Chicago und Berlin die Bedeutung der Einwanderungspolitik, aber auch der lokalen Unterschiede bei der Ausbildung von Selbstbildern, Zugehörigkeit und Abgrenzungslinien. Für die aus Russland eingewanderten Juden in Berlin stellte auch sie fest, dass "die Russen" sich selbst eine höhere Kultur zuschrieben als deutschen Juden. Während es aber in Berlin (wie bereits in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts) trotz einheitlicher Organisation (Einheitsgemeinde) und matrilinear bestimmter Zugehörigkeit zahlreiche Konflikte zwischen Eingewanderten und Etablierten gebe, sei das Verhältnis zwischen den beiden Gruppen in Chicago, wo verschiedene Muster von jidiškejt nebeneinander akzeptiert würden, weitaus entspannter. Es wurde einmal mehr deutlich, dass Konstruktionen individueller und kollektiver Identität nicht unveränderlich sind, sondern situativ changieren und in der sozialen Interaktion mit konkreten Bezugsgruppen je neu interpretiert, ausgehandelt und zusammengesetzt werden. Dies öffnete die Debatte für die immer noch lebhaft diskutierte Frage nach der Existenz und Bedeutung nationaler und ethnischer Identität.

Am Beispiel der Reaktionen auf den Bevölkerungstausch zwischen Bulgarien und Griechenland etwa machte Theodora Dragostinova (Historikerin, University of Illinois at Urbana Champaign) deutlich, dass die eigene Zuordnung zu einer Nation insbesondere in Krisensituationen als "emergency identity" fungiert und eine stark strategische bzw. taktisch-instrumentelle Bedeutung hat, z.B. um dem Militärdienst oder der Umsiedlung zu entgehen. - Ähnliches berichtete Ségolène Plyer (Historikerin, Université de Paris) über die Zwangsaussiedlung der Sudetendeutschen. Dimitrina Mihaylova (Kulturanthropologin, Oxford) erläuterte am Beispiel der südbulgarischen Pomaken, dass deren Selbstverständnis mit den Kategorien ‚ethnisch' oder ‚national' nur sehr unzureichend beschrieben werden könne. Sie zeigte auf dass ihre Untersuchungsgruppe kollektive Identitätszuschreibungen staatlicher Provenienz in der Regel ablehnen.

IV. Repräsentationen

Die sich daraus ergebende Frage der Repräsentation von Migration bzw. Migranten/innen und deren Wirkung auf Handlungsspielräume und Verhaltensstrategien wurde in mehreren Vorträgen angesprochen. So diskutierte der Beitrag Rachel Greenwalds (Historikerin, University of Wyoming) auf der Ebene des öffentlichen Diskurses die Frage der Xenophobie in der (alten) Bundesrepublik Deutschland innerhalb eines analytischen Rahmens, bei dem das Konzept des Orientalismus Edward Saids Pate stand. Im Gegensatz zu Greenwald, die sich auf die zweifellos vorhandenen rassistischen Elemente im bundesrepublikanischen Diskurs über muslimische Einwanderung konzentrierte, wandte sich Ari Sammartino (Historikerin, University of Michigan) der Weimarer Zeit zu. Sie führte aus, wie die öffentliche Wahrnehmung der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sowjet-Russland bzw. der Sowjetunion zwar stark vom Überfremdungs-Topos geprägt, dieser aber wesentlich stärker politisch (zaristisch vs. sowjetisch) als rassistisch kodiert gewesen sei. Onur Yildirim (Middle East Technical University, Ankara) schließlich zeigte, in welch unterschiedlicher Weise der Bevölkerungstausch zwischen Griechenland und der Türkei nach dem Vertrag von Lausanne im Jahr 1923 in das jeweilige nationale Gedächtnis eingeschrieben worden war. Während der Bevölkerungstausch in Griechenland bis heute als nationale Tragödie dargestellt wird, gilt er in der Türkei als Triumph erfolgreicher Nationsbildung.

V. Methodologie

Ein großer Teil der Diskussionen konzentrierte sich auf die letztendlich allen Beiträgen gemeinsamen Fragen der Methodologie und Epistemologie. Hierbei standen historische und kulturanthropologische Konzepte, das jeweilige analytische und theoretische Instrumentarium, die Eingrenzung von Begriffen und ihre Verwendbarkeit im Mittelpunkt. Die konzeptuell-epistemologische Diskussion wurde durch eine intensive Vorbereitung der Konferenz und die Distribution und Kommentierung aller Papers im Vorfeld befördert: die Textfassungen der Beiträge waren zwei Wochen vor der Konferenz allen Teilnehmern/innen im Netz zugänglich gemacht worden, jeder Beitrag war darüber hinaus vorab schriftlich gegenseitig von Tagungsteilnehmer/innen kommentiert worden. Insbesondere diese virtuelle Vorab-Konferenz hatte den Vorteil, dass die mündlichen Präsentationen relativ kurz gehalten und auf langatmige Kommentare verzichtet werden konnte, so dass mehr Zeit für Diskussionen zur Verfügung stand.

Der zumeist empirische Charakter der vorgestellten Forschungsarbeiten verhinderte zugleich das Abgleiten in rein meta-theoretische Gefilde. In exemplarischer und ironisch gebrochener Weise machte der Vortrag von Dimitrina Mihaylova (Kulturanthropologin, University of Oxford) das Wechselverhältnis von Theorie und Empirie deutlich: Sie berichtete, wie sie, ausgestattet mit dem theoretischen Rüstzeug der modernen Transnationalitätsforschung, am heimischen Schreibtisch ihre Feldforschung zur grenzüberschreitenden Mobilität der Pomaken Bulgariens konzipierte, um die Ausbildung transnationaler Netzwerke zu untersuchen. Leider, so stellte sie im Feld fest, überschritten die Gruppenangehörigen die (bulgarisch-griechische) Grenze gar nicht regelmäßig. Deutlich wurde hier, in welchem Verhältnis theoretisch-analytisches Konzept und empirische Forschung zueinander stehen und wie flexibel die Forschungsparadigmen mitunter sein müssen, wenn sie dem Anspruch genügen wollen, soziale Realität angemessen abzubilden.

VI. Strukturen - soziale Praktiken - Akteure: Wechselverhältnisse und Wechselbeziehungen

Als zentrales Problem kristallisierte sich im Verlauf der Diskussionen das Wechselverhältnis von Strukturen, sozialen Praktiken und Handlungen der Akteure heraus, also das Zusammenspiel von staatlichen Politiken, administrativen, gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen sowie den Handlungsmöglichkeiten von Migranten/innen. Erst auf dieser Basis lassen sich Identitätsstrategien und Interaktionsformen sowohl innerhalb von Einwanderergruppen als auch zwischen diesen und ihrer Umgebung angemessen analysieren und beschreiben.

Es bestand Konsens, dass die Handlungsstrategien und die Muster kollektiver Identität und individuellen Selbstverständnisses mit dem üblichen begrifflichen Instrumentarium nicht angemessen gefasst werden können. Dies gilt insbesondere für die konzeptionellen Ladenhüter von Assimilation und Integration, und zwar nicht zuletzt, weil diese Begriffe normativ aufgeladen sind: sie stellen Forderungen meist staatlicher Akteure hinsichtlich des Verhaltens von Migranten/innen dar. - Rita Chin (Historikerin, Oberlin College) skizzierte diese normative Begleitmusik der Begrifflichkeiten anhand des Münchener Instituts für Deutsch als Fremdsprache, dessen Gründung auch als Versuch staatlich intendierter sprachlicher Integration und als ein Deutungsangebot an die intellektuellen Sprecher der Migranten-communities interpretiert werden kann. - In den Referaten Rapoports/Lomsky-Feders, Mihaylovas und Anastasia Christous (Historikerin, University of Sussex und University of the Aegean) über griechische Remigration aus den USA wurde das komplexe Verhältnis zwischen situativen und emotionalen Faktoren für die jeweiligen subjektiven Zuordnungsentscheidungen thematisiert. In mehreren Vorträgen wurde gezeigt, dass Migranten/innen staatliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Erwartungen durchaus erfüllen, sie aber häufig reinterpretieren, mitunter sogar - wie die russischen Juden in Israel - das nationale Selbstverständnis der Aufnahmegesellschaft in Frage stellen. Es blieb offen, ob dies eine universale Herausforderung an Einwanderungsländer ist oder auf die Gruppe rechtlich oder von ihrer Repräsentation und Inkorporation her privilegierte Migranten/innen beschränkt bleibt.

Im Kontext staatlicher und gesellschaftlicher Erwartungen suchen sich Migranten/innen ihren je eigenen Weg: Dieser Pfad - darüber herrschte Einigkeit - verläuft über einen Aneignungsprozess, dessen konkrete Formen zwischen Assimilation und Differenz außerordentlich vielfältig sind. Auch deshalb ist davor zu warnen, Migranten/innen lediglich als Objekte staatlicher Integrations- und/oder Segregationspolitik zu sehen, sondern als handelnde Subjekte, die im Rahmen der juristisch-administrativen, soziokulturellen und ökonomischen Bedingungen oftmals eigene und kreative Strategien und Entwürfe für das individuelle Leben und die Ausgestaltung ihrer Sozialbeziehungen in der Gruppe entwickeln. Daher wurde von einigen Tagungsteilnehmer/innen angeregt, die bislang üblichen Begriffe mit Vorsicht zu gebrauchen oder gar auf sie zu verzichten, einschließlich der nach wie vor für unentbehrlich gehaltenen Kategorien Nation und Ethnie sowie ihrer Derivate. Zwar sei ihr Konstruktionscharakter bekannt; in der Vermittlung an ein nicht fachwissenschaftliches Publikum würden sie jedoch fast notwendigerweise essentialisiert. Auch neuere Konzepte - etwa Hybridität und Transnationalität - sind in sich historisierbar und enthielten ein gerüttelt Maß an Ideologieproduktion.

Tatsächlich nämlich, so betonte Alf Lüdtke (Historiker, Universität Erfurt/Max-Planck-Institut für Geschichte Göttingen) in der Abschlussdiskussion, erweise sich durchaus nicht alles als so fließend, wie es nach der Dekonstruktion überkommener Begrifflichkeiten scheinen mag. Neue Terminologien und Kategorien gelte es aber erst zu entwickeln. Eine große Erzählung ("master narrative") über Migration und die ihr folgenden sozialen und kulturellen Prozesse wurde ausdrücklich abgelehnt, methodisch wurde eine Anlehnung an Anthony Giddens' Strukturationstheorie angeregt. Vor allem aber müsse vor einer erneuten Kategorien- und Begriffsbildung versucht werden, Lebenswelten und soziale Praktiken soweit irgend möglich zu rekonstruieren, und zwar mit besonderer Aufmerksamkeit für a.) soziale Praktiken und Strategien b.) mitunter sehr unterschiedliche Temporalität der untersuchten Phänomene und c.) die Rolle von Emotionen in der (Migrations-)Geschichte.

Solch ein Versuch stellt aber - auch dies wurde eingehend diskutiert - besonders die Historiographie vor ein Quellen- und Methodenproblem. Zwar ist sofort einsichtig, dass sich kulturanthropologische Methoden im Bereich der Zeitgeschichte einsetzen lassen. Frühere Epochen, etwa die besonders interessante Periode der Nationalisierung der europäischen Gesellschaften vom letzten Viertel des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, sind aber auf diese Weise nicht oder kaum mehr greifbar. Hier stehen aber nach Einschätzung der Vertreter/innen der Geschichtswissenschaften eine Reihe bislang weniger beachtete Quellengattungen - etwa Polizeiberichte, Gerichtsakten und Belletristik - zur Verfügung, auf die ein "kulturanthropologischer Blick" möglich ist. Deren Vielfalt und Umfang erfordert allerdings eine sorgfältige Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes, um nicht vom Umfang des Materials und der Fragen erschlagen zu werden. Insgesamt zeigte sich, dass ein Dialog zwischen Sozial- bzw. Kulturanthropologie und Historiographie, insbesondere im Bereich der historischen Migrationsforschung außerordentlich fruchtbar sein kann und voran getrieben werden sollte.

VII. Vermittlung und Praxisfelder

Die konstatierte methodische und analytische Komplexität warf die Frage nach der Vermittlung wissenschaftlicher Überlegungen und Ergebnisse in die außerwissenschaftliche Welt auf. Auf der Konferenz selbst wurde diese Frage am Beispiel der Rezeption von Migration im nationalen Gedächtnis unter anderem von Rainer Ohliger und Jan Motte (Historiker, beide Netzwerk Migration in Europa) angesprochen: Sie stellten - als Gegenmodell zum notorischen millionsten Gastarbeiter Antonio Sá Rodriguez, dessen Gastgeschenk, ein Moped, heute im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn eingelagert bzw. ausgestellt ist - verschiedene andere Beispiele für die Repräsentation von Migranten/innen im nationalen Gedächtnis vor. Zur Diskussion standen museale Ausstellungen und Internet-Präsentationen, die teilweise unter Mitwirkung von Migranten/innen entstanden. Sie sollten Migranten/innen Partizipationschancen im historischen Raum ermöglichen und die Möglichkeit eines eigenen Blickes bieten. Freilich zeigte sich, dass auch ein solch hehres Ziel auf eine Reihe von Schwierigkeiten stößt: Eine exemplarisch dargestellte Fotoausstellung, deren Exponate u.a. von Migranten/innen hergestellt worden waren, zeigte nur sehr eingeschränkt Migrationsspezifisches; es wurde angemerkt, dass es Gruppen und Menschen gibt, die zwar selbst eingewandert sind, aber eben nicht als Migranten/innen identifiziert werden möchten. Schließlich wurde deutlich, dass sich das Spannungsfeld von Persistenz und Wandel in klassischer musealer Präsentation kaum erschließen lässt; hier ist womöglich ein Brückenschlag zur Kunst im weitesten Sinne erforderlich.

Darüber hinaus, so ein Fazit, bleibt der Migrationsforschung zunächst nur die Kommentierung von Themen, Entscheidungen und Diskursen, sowie - aber dann nicht mehr unbedingt als Wissenschaft - die praktische Einfluss- und auch Parteinahme.

Ein Tagungsband, der die wichtigsten Fragestellungen und Ergebnisse dokumentiert, ist in Vorbereitung und wird von Michael Esch (Centre Marc Bloch, Berlin), Andrea Klimt (University of Massachusetts, Dartmouth) und Ulrich Raiser (Humboldt-Universität Berlin) herausgegeben. Die Beiträge der Tagung sowie die Kommentare zu den Papieren sind unter http://www.network-migration.org/workshop2002 (erstere durch Password geschützt) einsehbar. Die Adressliste der Teilnehmer/innen ist frei zugänglich, so dass die Papiere gegebenenfalls direkt bei den Autoren angefordert werden können.

Michael G. Esch, Centre Marc Bloch, Berlin

Zitation
Tagungsbericht: History - Migration - Anthropology: New Perspectives on European Migration and Migration History (Third Workshop on Contemporary European Migration History), 07.11.2002 – 09.11.2002 Erfurt, in: H-Soz-Kult, 13.12.2002, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-143>.