"Pseudo-Wissenschaft": Konzeptionen von Nicht-/Wissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte

Ort
Wien
Veranstalter
Veronika Lipphardt, Dirk Rupnow, Jens Thiel, Christina Wessely Institut für Geschichte und Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien in Verbindung mit dem DFG-Schwerpunktprogramm 1143 "Wissenschaft, Politik, Gesellschaft" Gefördert von der Fritz Thyssen-Stiftung, Köln
Datum
30.11.2006 - 02.12.2006
Von
Levke Harders (Humboldt-Universität zu Berlin) und Sebastian Markt (Universität Wien)

Bye-bye science, welcome pseudoscience?
Schon in den begrüßenden und einleitenden Worten des Vizerektors Arthur Mettinger und des Dekans der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Michael Viktor SCHWARZ, von Friedrich STADLER, Mitchell ASH (alle Universität Wien) und Rüdiger VOM BRUCH (Humboldt-Universität zu Berlin) wurde das Unbehagen über den Begriff „Pseudo-Wissenschaft“ deutlich. Was genau bezeichnet diese mit Anführungszeichen versehene Kategorie? Können wir sie heute (noch) in wissenschaftshistorischer Forschung verwenden? Das öffentliche Interesse war dementsprechend groß. Schon im Vorfeld veröffentlichte der Wiener „Standard“ ein „Dossier Pseudowissenschaften“ (http://derstandard.at/wissenschaft) und der Workshop war mit durchschnittlich 70 Gästen außergewöhnlich gut besucht. Das vollständige Programm ist unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=6247 einzusehen. Dieser Bericht beschränkt sich auf eine Auswahl der Beiträge.

Zunächst erklärten die Organisatorinnen und Organisatoren mit ihren einführenden Bemerkungen nochmals das Anliegen des Workshops. Veronika LIPPHARDT (Humboldt-Universität zu Berlin), Dirk RUPNOW (Universität Wien/Simon Dubnow-Institut, Leipzig), Jens THIEL (Humboldt-Universität zu Berlin) und Christina WESSELY (Max Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin) hatten zu diesem interdisziplinären Austausch eingeladen, um den Begriff „Pseudo-Wissenschaft“ einerseits zu theoretisieren, ihn andererseits an historischen Beispielen auf seinen forschungspraktischen Nutzen hin zu befragen. Pseudo-, Proto-, Anti-, Para- und andere unorthodoxe Wissenschaften fänden sich in unterschiedlichen Epochen, Nationen und institutionellen Kontexten – immer jedoch als „Abwehrrhetorik“ zur Markierung abweichender Theorien und Praktiken.

In seinem Einführungsvortrag „Bye-bye science, welcome pseudoscience?“ am Donnerstagabend fasste Michael HAGNER (ETH Zürich) die Überlegungen zu diesem Kampf- und Orientierungsbegriff zusammen. Er nannte das Workshop-Thema sonderbar, denn kein Nachschlagewerk verzeichnet den Begriff, aber jeder meine zu wissen, was „Pseudo-Wissenschaft“ sei. Die Vorstellung von „Pseudo-Wissenschaft“ habe die Wissenschaftstheorie verändert, da Karl Popper, Imre Lakatos und Thomas Kuhn Kriterien zu etablieren suchten, um „unechte“ von „echter“ Wissenschaft zu unterscheiden. Spätestens jedoch seit Paul Feyerabends These, dass Wissenschaft dem Mythos näher stehe, als die Wissenschaftstheorie zugeben möchte, werde „Pseudo-Wissenschaft“ als Kategorie in der Wissenschaftsgeschichte und -theorie nicht mehr verwendet. Überlegungen zu Nicht-/Wissenschaftlichkeit beschäftigen die Wissenschaftsforschung jedoch ungebrochen. Angesichts der politischen Veränderungen seit 1989 diagnostizierte Hagner eine Ökonomisierung der Wissenschaft, die die „zweckfreie“ Erkenntnis verdränge, sowie einen zunehmenden Fundamentalismus, der eher religiöser Offenbarung als Wissenschaft gleiche. In der anschließenden Diskussion betonte Mitchell Ash, dass Demarkationslinien in der Wissenschaft und ihrer Geschichte in Bezug auf moralisches Versagen weiterhin von Bedeutung seien.

Abgrenzungskriterien – Narrationen - Fiktionen
Mit den Themenschwerpunkten „Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie“, „Wissenschaft und Fiktion“, „Parawissenschaften und Esoterik“ sowie „Humanbiologie und Genetik“ wurde die angestoßene Diskussion am Freitag fortgesetzt. Der Tübinger Wissenschaftsphilosoph Matthias NEUBER verhandelte unter dem Titel „Rettung der Objektivität?“ den Sinn und Unsinn philosophischer Abgrenzungskriterien. Feyerabend hielt historisch sterile Abgrenzungskriterien, wie sie von Popper u. a. formuliert worden waren, für „Ratiofaschismus“. Daher plädierte Neuber für die notwendige Konfrontation mit „Alternativkosmologien“. Seine These, dass Objektivität über den Rechtfertigungszusammenhang definierbar und über den Entdeckungszusammenhang multipel realisierbar sei, löste eine kontroverse Debatte aus, da Erkenntnisprozesse der Wissenschaft vom Entdeckungszusammenhang kaum zu trennen seien, so Michael Hagner.

Christina WESSELY nutzte demgegenüber in ihrem Vortrag über Hanns Hörbigers Welteislehre den Begriff der „fiktionalen Objektivität“. Hiermit bezeichnete sie den wechselseitigen Prozess der An- und Aberkennung von Wissenschaftlichkeit: Vertreter der Glazialkosmogonie harmonisierten in ihrer Wissensnarration Fakt und Fiktion so erfolgreich, dass sie breite Popularität erlangte, obwohl sie von der scientific communitiy abgelehnt wurde. Die „Einspeisung des Phantastischen“ in das wissenschaftliche Wissen sowie die Inszenierung Hörbigers machten dabei die epistemische Wirksamkeit der Welteislehre aus.

Im anschließenden Beitrag „Von der Weisheit zur Wissenschaft?“ beschrieb Helmut ZANDER (Humboldt-Universität zu Berlin) die Ausgrenzung des hermetischen/esoterischen Denkens, das zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr nur als randständig, sondern als unseriös galt. Denn als „old science“ (wie u. a. von Brian Vickers so bezeichnet) geriet die Hermetik zunehmend unter den Druck der sich professionialisierenden öffentlichen Forschung, der „new science“. Diese Krise bewirkte, so Zander, zum einen die Differenzierung in unterschiedliche esoterische Schulen, zum anderen das Festhalten an einer Totalität beanspruchenden, ganzheitlichen Wissensordnung. Diese Differenz zur modernen „empirischen“ Wissenschaft manifestiere sich in unterschiedlichen narrativen Strategien: Während letztere vor allem textbasiert arbeite, werde die Hermetik stärker über Bilder plausibel gemacht. Diese Einschätzungen wurden heftig diskutiert. Helga Satzinger (London) zum Beispiel wandte ein, dass sich die Biologie immer stark über bildliche Repräsentationen legitimiert habe.

Ein weiteres Wissensgebiet, das gemeinhin für pseudowissenschaftlich gehalten wurde und wird, stellte Veronika LIPPHARDT vor: „Das ‚schwarze’ Schaf der Biowissenschaftler“. In ihren Ausführungen stellte sie anhand von drei Fallbeispielen die Ausgrenzungen und Rehabilitierungen der Rassenforschung dar. So versuchte die westdeutsche Anthropologie nach 1945 sich von der verbrecherischen NS-Rassenforschung zu distanzieren bei gleichzeitiger Sicherung eines „guten“ Kerns von Rassenbiologie. Lipphardt forderte, diese und andere Strategien der Demarkation konsequent zu historisieren, da eine normative Unterscheidung in Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaft nicht möglich sei. Sie stellte ein Modell vor, das den jeweiligen Standpunkt (der beteiligten zeitgenössischen Forscher/inn/en, aber auch der heutigen Historikerin, des heutigen Historikers) in das Zentrum rückt. Von diesem Ausgangspunkt aus könnten dann Positionierungen, Zuweisungen und Abgrenzungsprozesse sichtbar gemacht werden. Die Diskussionsbeiträge fragten insbesondere nach den Erklärungsmodellen und Zuschreibungen der Genetik seit den 1970er Jahren: Es wurde deutlich, dass sich das Konzept „Rasse“ im 20. Jahrhundert veränderte, aber noch bis in die jüngste Zeit für gültig gehalten wurde.

Ideologie und Politik
Den letzten Tag eröffnete ein Panel unter dem Titel „Ideologie und Politik“. Dirk RUPNOW untersuchte in seinem Beitrag den Bezug auf Wissenschaftlichkeit in der nationalsozialistischen „Judenforschung“ und in der Auseinandersatzung um das Verhältnis von Nationalsozialismus und Wissenschaft in der Nachkriegszeit. „Judenforschung“ verstand sich demnach als Ansinnen, eine Geschichtswissenschaft über Judentum zu schaffen, bei der Antisemitismus als erkenntnisleitendes Prinzip gesetzt wurde, wobei durchaus auftretende Relativismusprobleme über Weltanschauung als Ressource von Wissenschaftlichkeit erledigt wurden. Auseinandersetzungen, die „Judenforschung“ als wissenschaftliches Phänomen ernst nahmen, waren rar (und stammten meist von jüdischen Wissenschaftlern), dagegen überwog eine pathologisierende Ausgrenzung von „Judenforschung“ aus einer vermeintlich „sauberen“ wissenschaftlichen Tradition, die sich teilweise unhinterfragt mit Rezeptionsanleihen verband. Entgegen solcher exkulpierender Externalisierungen als Pseudowissenschaft plädierte Rupnow dafür, „Judenforschung“ im Sinne disziplinärer Selbstreflexion als Teil der Tradition deutschsprachiger Geschichtswissenschaft zu betrachten. Dass Wissenschaft und Verbrechen einander ausschließen, mag als normative Hoffnung gelten, der Realität entsprach diese Annahme nicht.

Die in der Diskussion debattierte Frage inwieweit ethische Momente als Dimensionen von Wissenschaftlichkeit gelten können, begleitete auch das nächste Panel, das sich mit medizinischen Experimenten im Nationalsozialismus auseinandersetzte. Udo SCHAGEN (Berlin) widmete seinen Beitrag zwei Fallstudien: den von Hermann Stieve durchgeführten Untersuchungen über Umwelteinflüsse auf die Menstruationszyklen von Frauen, die an zum Tode Verurteilten bzw. Hingerichteten Opfer der NS-Justiz durchgeführt wurden, sowie den Sulfonamidexperimenten im KZ Ravensbrück, bei denen KZ-Häftlingen gezielt Infektionen beigebracht wurden, um unterschiedliche Behandlungsmethoden zu vergleichen. Schagen suchte in seiner Analyse der Versuchsreihen unterschiedliche Ebenen der Einhaltung wissenschaftlicher bzw. moralischer Standards zu unterscheiden. Während die Sulfonamid- Versuche jenseits der den „Probanden“ zugefügten Gewalt auch zeitgenössischen Kriterien von Wissenschaftlichkeit widersprochen haben, läge die Problematik von Stieves Forschungen vor allem in den Umständen begründet, aus denen er seine Versuchspersonen bezog. Diese Einschätzung blieb in der Diskussion nicht unwidersprochen, ebenso erwies sich die Frage, wie weit eine derartige Trennung analytisch möglich sei, als kontrovers.

Ina HEUMANNs (Wien) Vortrag „‚Biologische Utopien’ und ‚Schaurige Visionen’“ untersuchte die Rezeption eines 1962 von der CIBA-Foundation in London veranstalteten Symposiums, das insbesondere in der deutschen Rezeption als pseudowissenschaftliche Züchtungsphantasie qualifiziert wurde. Heumanns Analyse der deutschen Ausgabe des Tagungsbandes bzw. deutschsprachiger Rezensionen ging in drei Schritten den im Text auftauchenden Subjekten und ihren rhetorischen Strategien, der materiellen Ebene dieses Diskurses und den rezipierenden Subjekten nach. In dieser Perspektive offenbart sich die ablehnende Rezeption als Effekt textueller Bedingungen. Diskursive Brüche wie die changierende Haltung der Referent/inn/en zwischen Expert/inn/en, Popularisier/inne/n und Intellektuellen, die hybride Textform zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, ironische Momente und spekulative Entwürfe resultierten in einer Überschreitung der Grenzen anerkannten wissenschaftlichen Diskurse. Die Kritik der deutschen Rezipient/inn/en wird so als abgrenzende Legitimation der jeweils eigenen Kompetenzen und Geltungsansprüche lesbar.

Der abschließende Vortrag von Richard DAWID (Wien) präsentierte einen zeitgenössischen Streit um die Grenzen von Wissenschaftlichkeit. Mit der (umstrittenen) Stringtheorie liegt in der Physik seit den 1970er Jahren der Versuch einer universalen, einheitlichen Beschreibung aller Wechselwirkungen vor. Zwar stellt sie als streng formalisierte Theorie eine konsistente Lösung wichtiger Probleme der Teilchenphysik dar, experimentelle Bestätigungen fehlen aber weitgehend. Die Besonderheit des Streits um den Status der Theorie zeigt sich nun darin, dass auch von Vertretern der Theorie die Möglichkeit der experimentellen Überprüfbarkeit selbst in Zweifel gezogen wird, was ihren Befürwortern entgegen einem tradierten Wissenschaftsverständnis nur bedingt als Problem erscheint. Verhandelt werden in der Auseinandersetzung um die Stringtheorie somit nicht nur die Gültigkeit einer Theorie, sondern auch die Bedingungen der Gültigkeit, mithin Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit. Eine Durchsetzung der Stringphysik könnte somit auch eine neue Gewichtung zwischen Theorie und Empirie bedeuten, in der die theoretische Analyse teilweise die Funktion des Experiments übernimmt.

Fazit
Zusammenfassende Kommentare von Carola SACHSE und Mitchell ASH beschlossen die Tagung. Die Beiträge und ihre Diskussion haben die Notwendigkeit eines historisierenden und differenzierenden Umgangs mit der Kategorie „Pseudowissenschaft“, bei der es sich – so Ash - vorwiegend um eine normative Fremdzuschreibung handle, eindrücklich aufgezeigt. Carola Sachse verwies auf den Befund, dass Pseudowissenschaft als Klassifikationskategorie spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges, wo sie, wie dem Beitrag von Jens THIEL und Peter Thomas WALTHER zu entnehmen war, noch einer Konjunktur unterlag, ausgedient. Ash differenzierte Pseudowissenschaft als Demarkationskategorie in drei Richtungen: in einer diachronen Dimension, einer synchronen der Abgrenzung konkurrierender Wissenschaftsentwürfe und einer moralisch-ethischen. Neben einer ebenso notwendigen Historisierung wissenschaftlicher Rationalitätskriterien regte Sachse an, dass „Pseudowissenschaft“ weitergehend nach Kodierungen über Geschlechterdifferenzen befragt werden sollte, ebenso wie der Zusammenhang zwischen Pseudowissenschaftszuschreibungen und den institutionellen Mechanismen des Wissenschaftsbetriebs einer genaueren Untersuchung bedarf.

Nicht nur in dieser Zusammenfassung wurde deutlich, dass das Thema noch viele spannende Fragestellungen verspricht. Es ist das große Verdienst der Organisator/inn/en, mit dieser Tagung das Feld ausgelotet und das der Vortragenden, die Produktivität des Themengebietes durch grundsätzliche Überlegungen oder Fallbeispiele verdeutlicht zu haben. Als fruchtbar erwies es sich dabei insbesondere, unter Bezugnahme auf Instrumentarien neuerer wissenschaftsgeschichtlicher Forschungen den Fokus auf Bereiche zu verschieben, die als „Pseudowissenschaften“ klassifiziert wurden und werden. Damit wird nicht nur ein weiterer Gegenstandsbereich erschlossen, sondern über den Blick auf derartige Demarkationen bzw. Wissensformationen fällt neues Licht auf die Etablierung von Wissenschaftlichkeit selbst. Leider – und dies wurde mehrfach vom Publikum angesprochen – gab es nur wenige Überlegungen zu den Geistes- bzw. Kulturwissenschaften. Ob und wie z. B. in den philosophisch-philologischen Fächern Konzeptionen von Nicht-/Wissenschaftlichkeit funktionierten und verwendet wurden, müsste noch geklärt werden.

Die explizite Workshop-Form war für die Tagung von erheblichem Vorteil, da die Beiträge eher kurz und die anschließenden Diskussionen dafür ausführlicher waren. So wurde jede These rege und oft kontrovers diskutiert, was einen beträchtlichen Erkenntnisgewinn für das Publikum wie für die Beiträger/inn/en mit sich brachte. Diese lebendige, dabei aber immer freundliche Atmosphäre und der Charakter als Nachwuchstagung machten den Workshop „Pseudo-Wissenschaft“ zu einem besonderen Ereignis in der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft. Der Tagungsband, der sich schon in Vorbereitung befindet, kann daher mit Spannung erwartet werden.

Zitation
Tagungsbericht: "Pseudo-Wissenschaft": Konzeptionen von Nicht-/Wissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte, 30.11.2006 – 02.12.2006 Wien, in: H-Soz-Kult, 14.01.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1446>.
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Veröffentlicht am
14.01.2007
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