Heimat. Zwischen Lebenswelt und Inszenierung

Ort
Dresden
Veranstalter
Kulturverein „riesa efau“
Datum
22.11.2006 - 26.11.2006
Von
Miriam Kanne, Paderborn


„Charakteristisch für die Verwendung des Heimatbegriffs ist gerade die Gemengelage, das (gar nicht immer bemerkte) Zusammentreffen ganz verschiedener Vorstellungen“, schreibt Hermann Bausinger und erfasst damit 1986, was zwei Jahrzehnte später mehr denn je für den Ausdruck und sein ihm inhärentes individuell-emotionales Potenzial zu gelten scheint: Die einzige Konstante des Heimatbegriffs – so zeigten auch die Beiträge zur diesjährigen Veranstaltung des Kulturvereins „riesa efau“ einmal mehr - liegt in seiner permanenten Bedeutungsveränderung, die vor allem aus der Unerschöpflichkeit an kulturellen wie subjektiven Konnotationen, Assoziationen und Deutungen hervorgebracht wird.

Diesem Gedanken verpflichtet, hatte der Kulturverein vom 23. bis zum 25. November 2006 zu einer themenbezogenen Vortragsreihe in die Dresdener Motorenhalle eingeladen, wo das breite Spektrum an facettenreich und wissenschaftlich interdisziplinär befragten ‚Heimat’-Lesarten der Originalität des Veranstaltungsorts gerecht wurde und einem interessierten Publikum die Möglichkeit zu einer anschließenden Diskussion nicht verwährt blieb. So hörten die Besucher neun wissenschaftliche Überlegungen zu ‚Heimat(en)’, die als Lebenswelten gedeutet, (narrativ) dargestellt und angedacht werden und ‚Heimat(en)’, die sich als literarische, filmische oder historisch-politische Inszenierungen verstehen lassen.

Den Auftakt der Vortragsreihe bildete Bernd Hüppauf (New York) mit seiner Eröffnungsrede Heimat – die Wiederkehr eines verpönten Wortes. Das Vernacular im Zeitalter der Globalisierung. Als Metonym der englischen Vokabel ‚vernacular’ verwendete Bernd Hüppauf den ‚Heimatbegriff’ einerseits, als sprachliche und gedankliche Kontrastierung andererseits: ‚Vernacular’ – wie ‚Heimat’ ein Wort, für das es in anderen Sprachen keine präzisen oder sinngerechten Entsprechungen und daher viele Übersetzungen gibt (dt. Heimatsprache, Mundart oder volkstümliche Sprache, auch: örtlich, einheimisch) – diente der Akzentuierung des ambivalenten Charakters von ‚Heimat’. Mit Blick auf und über die psychologischen und psychoanalytischen Überlegungen Parins und Freuds arbeitete Bernd Hüppauf heraus, dass die Korrespondenz zu einer ‚Fremde’ (dem ‚Unheimlichen’, the ‚uncanny’) ‚Heimat’ nicht nur konstitutiv eingeschrieben ist; vielmehr, so der Tenor des Beitrages, sollte dem Begriff diese Ambivalenz – gegen alle Versuche beispielsweise politischer Instrumentalisierung, diese Unbestimmtheit abzuschneiden – auch erhalten bleiben.

Die Verschmelzung des ‚Eigenen’ mit dem ‚Fremden’ thematisierte auch Eric Piltz (Dresden) in seinem historisch-raumdiskursiven Vortrag „Heimat ist, wo meine Nabelschnur beerdigt ist.“ Die Bedeutung der Nähe in der Ferne, der explizit auf die Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts referierte. Anhand zeitgenössischer autobiografischer Texte arbeitete Eric Piltz heraus, inwiefern Raum jenseits von Globalisierung, Massenmedien und beschleunigter Fortbewegung wahrgenommen wurde. Ein besonders Augenmerk richtete der Redner dabei auf die verschiedenen Möglichkeiten der Aneignung fremder Räume als eigene Lebenswelt – die ‚Fremde’ und das ‚Eigene’ bezog sich jedoch nicht allein auf die Gegenpole von Ausgangs- und Ankunftsort, sondern vor allem auf das Reiseerlebnis als Ganzes. Der Weg an sich – so erörterte Eric Piltz – war ausschlaggebend für die Bildung von Orientierung, Markierung und Erinnerung, die die Überlagerungen unbekannter Räume mit Implikationen des Eigenen ermöglichte.

In ihrem Beitrag „Die Fremde ist nicht Heimat geworden. Aber die Heimat Fremde.“ Virtuelle Heimaten bei Joseph Roth, Hugo von Hofmannsthal und Robert Musil ging Katja Lehmann (Dresden) auf die politische Situation Österreichs nach dem Ersten Weltkrieg ein und zeigte am Beispiel dreier österreichischer Schriftsteller auf, inwiefern sich die Wahrnehmung der Befindlichkeit ‚Heimat’ im Zuge der historischen Umbrüche veränderte: Österreich als ‚Heimat’, so erörterte Katja Lehmann mit Blick auf die Werke Robert Musils, Hugo von Hofmannsthals und Joseph Roths, spaltet sich mit den beiden Weltkriegen zu einer Ambivalenz aus verlorenem Kollektiv- und Identifikationsraum und politisch indoktrinierter Institution, und öffnet damit eine Sichtweise auf das Vorkriegsreich, das sowohl in ehemaliger Staatsform als auch als ‚Heimat’ – im Sinne eines bedingungslosen Aufgehens innerhalb einer Gesellschaft – nicht mehr zu haben ist.

Doreen Eschinger (Budapest) leistete mit ihrem Vortrag Deportiert – zwangsverpflichtet – „displaced“: Der Heimatbegriff in den Erinnerungen weiblicher Holocaustüberlebender aus Ungarn einen gesellschaftlich wie historisch relevanten Beitrag, indem sie ‚Heimat’ nach ihrem (auch) faschistischen Kontext und dessen Auswirkung auf überlebende Opfer des Nationalsozialismus befragte. Anhand ihrer Sichtung und Sicherung individueller Zeitzeugenberichte zeigte Doreen Eschinger die tiefgreifenden Grenzerfahrungen auf, denen sich die Überlebenden – als Frauen, Jüdinnen und Ungarinnen; als Teil oder als exilierter Teil eines (Zwangs-)Kollektivs – einst ausgeliefert sahen und noch heute ausgesetzt sehen: Die rassische Klassifizierung und ethnische Stigmatisierung, die Auslieferung durch die eigenen Landsleute, die Lagererfahrung, das Erleben der Shoah an sich, die Rückkehr nach Ungarn oder die Emigration, die Hinterfragung der eigenen Identität sowie das (Weiter-)Leben mit der Erinnerung waren (und sind) nicht nur Ereignisse, mit denen sich der Vortrag auseinander setzte, sondern auch die Interessenimpulse, die Doreen Eschinger zu Interviews nach Ungarn, Israel und in die USA führten.

Die literarisch oftmals beschriebene Vorstellung, dass ‚Heimat’ nur über die Wege des Reisens zur notwendigen Korrelation mit einer ‚Fremde’ und damit zur Konturierung ihrer selbst führen könne, hinterfragte Steffen Hendel (Halle) in seinem literaturwissenschaftlichen Vortrag „Ich lebe am liebsten am Bahnhof!“ – Reise und Identität in der fiktionalen Gegenwartsliteratur. Anhand von Erzählungen Christian Krachts (1979, Faserland) und Angela Krauß’ (Der Dienst, Die Überfliegerin) wurde überprüft, ob, inwiefern oder von welcher Relevanz das Reisen in der deutschen Gegenwart bzw. im Zeitalter globaler Veränderungen für den Erkenntnisprozess, die Wahrnehmung und das Verständnis von ‚Heimat(lichkeit)’ sein kann. So lieferte Steffen Hendel einen vielschichtigen Einblick darüber, ob ‚Heimat’ (in den untersuchten Texten) nur als Folie des Reisens, das Reisen nur als Vergewisserung und Erklärungsversuch von ‚Heimat’ oder beides gar unabhängig voneinander denkbar ist.

Einer ähnlichen Thematik ging Anke von Geldern (Freiburg) in ihrem Vortrag Heimat-Kunde – deutsche Reise in deutsches Land nach. Mit Roger Willemsens Deutschlandreise, Ralph Giordanos Deutschlandreise. Aufzeichnungen aus einer schwierigen Heimat, Axel Hackes Deutschlandalbum und Tobias Zicks Heimatkunde analysierte die Rednerin Reisetexte, die die Auseinandersetzung mit der deutschen ‚Heimat’ suchen und auf unterschiedlichste Weise Zugang zu diesem Thema finden: Sei es der Versuch Giordanos und Zicks, der eigenen verräumlichten Identität nachzugehen, sei es die Frage Willemsens nach der ‚Substanz’ Deutschlands oder die Hackes nach dem Wesen der Deutschen – allen Reisen und Reiseberichten gemein ist, so betonte Anke von Geldern, dass sie zu Prozessen bzw. zu Dokumenten der Selbsterfahrung arrivieren. So zeigte auch dieser Vortrag, dass nicht die Reise an sich, sondern die Reiseerfahrung zum Ziel einer Befragung von ‚Heimat’ und Identität wird.

Über die Die Natur der Heimat referierte Anne Haß (Berlin/München) und verknüpfte in ihrem Vortrag philosophische, historische und naturwissenschaftliche Aspekte zu einer ‚Heimat’-Thematik, die sich auf die Frage nach der Homogenität von Lebensraum und Kultur bezog. Ausgehend von der Kantschen Ideengeschichte der Natur führte die Rednerin das Publikum durch zwei Jahrhunderte zeitgenössisch variabler ‚Heimatnaturen’: Die konservativen, antiglobalen und antiindustriellen Vorstellungen von ‚Heimat’ als sozialem und naturlandschaftlichem Einheits- und Idealzustand des 19. Jahrhunderts wurden dabei ebenso erörtert wie auch die Neubesetzungen des ‚Heimat’- und Naturbegriffs, der Gebrauch ökologischer Theorien als Folie bestimmter gesellschaftsorientierter ‚Heimat’- und Lebensweltmodelle und die Klagen über unangemessene Beeinflussung der Landschaft im 20. Jahrhundert. Diesen Beobachtungen stellte Anne Haß die Frage voran, ob und inwiefern es etwas Verbindendes zwischen Pflanzengesellschaften, Ökosystemen, Kulturlandschaften und dem so stilisierten 'deutschen Wald' gibt.

Einen interaktiven Vortrag steuerte Alexandra Ludewig (Perth) der Veranstaltung bei, indem sie ihre Überlegungen zu „Ostalgie“ und „Westalgie“ als Ausdruck von Heimatsehnsüchten. Eine Reise in die Traumfabriken deutscher Filme mit filmischen Elementen unterlegte und mit unmittelbaren Reaktionen aus dem Publikum verband. So wurde die Hörerschaft von einer herzlichen Rednerin dazu eingeladen, sich auf Ost- bzw. Westseite der Motorenhalle und des eigenen Dazugehörigkeitsgefühls zu schlagen. Gut gelaunt folgte das Publikum auch der Aufforderung, sich in kleinen Gruppen zusammenzufinden und jeweils ein Mitglied des gegenüberliegenden Hallenflügels zu ‚adoptieren’. Neben den zahlreichen Hallos und neuen Bekanntschaften, die ausgesprochen bzw. geschlossen wurden, sahen die Zuhörer nun Szenen aus solchen Filmen, die einen ‚ostalgischen’ Akzent setzten (wie Peter Timms Der Zimmerspringbrunnen und Leander Haussmanns Sonnenallee) und solchen, die sich einer ‚Westalgie’ thematisch verschrieben hatten (wie Hans Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei und Oskar Roehlers Die Unberührbare). Anhand dieser Sequenzen zeigte Alexandra Ludewig die feinen Unterschiede filmisch inszenierter Nostalgie zwischen Ost und West auf, die schließlich zu Diskussionen innerhalb der einzelnen Gruppen führten.

Die Vortragsreihe komplettierte Christian Luckscheiter (Berlin) mit seinem literaturwissenschaftlichen Beitrag „Und gab es das Wort noch, ‚mein Zuhause’?“ Peter Handkes Protagonisten auf der Suche nach Heimat im globalisierten Raum. Darin wurden verschiedene Erzählungen Handkes (v.a. Mein Jahr in der Niemandsbucht und Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos) nach einer im Zuge der Globalisierung veränderten Verbindung von ‚Selbst’ und Ort und möglichen Alternativen zu Heimatkonzepten von „Sesshaften“ in einer globalisierten Welt befragt. Als Flüchtlinge und ‚Heimatlose’, so Christian Luckscheiter, versuchen die Protagonisten Handkes, z.B. über erinnerte Orte, eine Art Denk-‚Heimat’ in der permanenten Heimatlosigkeit und somit ein von Territorien relativ unabhängiges temporäres Zuhause zu schaffen.

Die verschiedensten ‚Heimat’-Thematiken, Problematiken, Debatten, Dialoge und Nachfragen wurden jedoch nicht nur im Rahmen der Soireen ent- und aufgeworfen, sondern ergaben sich auch in den Workshoprunden, die den abendlichen Vorträgen, das Thema ‚Heimat’ erweiternd und detaillierend, nach- oder vorausgingen. Dieser intern gehaltene Gedankenaustausch bot die Gelegenheit, anstehende oder aktuelle Projekte der referierenden Teilnehmer näher zu erörtern, sich untereinander kreativ zu verständigen, auf Problematiken, Ambivalenzen und Unschärfen im Umgang mit dem Begriff einzugehen und den thematischen ‚Heimat-Horizont’ zu erweitern.

Als zusätzlichen Beitrag stellte hier Ute Esch (Bonn) ihr Projekt Die Wüstung Wollseifen. Eine empirische Untersuchung zu Heimatverständnis und Heimatverlust der ehemaligen Besucher eines geräumten Eifeldorfes vor. Sie ging von dem Ereignis der Zwangsräumung des Eifeldorfes Wollseifen aus, dessen Bewohner 1946 den Ort verlassen mussten, um einem britischen Truppenübungsgelände Platz zu machen. Trotzdem lässt sich verzeichnen, dass die (noch lebenden) ehemaligen Bewohner nach wie vor (bis heute) Wollseifen als „ihre Heimat“ bezeichnen. Die Grundfrage der Untersuchung, die Ute Esch im Workshop vorstellte, war entsprechend, warum die ehemaligen Bewohner Wollseifen und nicht den Wohnort, den sie seit sechzig Jahren bewohnen, als Heimat bezeichnen. Die Untersuchung war für die Diskussion insbesondere deswegen eine Bereicherung, weil hier einerseits versucht wurde, den Begriff ‚Heimat’ einer Operationalisierung zu unterziehen und entsprechend entlang der Dimensionen der Ortsbezogenheit, der Geborgenheit, der Familie, der Kindheit, der Institutionalisierung von Erinnerung u.a. einen Interviewleitfaden zu entwickeln, mit dem die Heimatbefindlichkeit der ehemaligen Wollseifener eruiert werden soll. Ute Esch stellte damit ein gegenüber den anderen Beiträgen differentes methodisches Vorgehen vor. Interessant für die Diskussion war andererseits die Zentralität von Institutionen der Erinnerung für die Bezogenheit des Heimatgefühls der Befragten auf Wollseifen; im Fall des Eifeldorfes der Traditionsverein Wollseifen.

[Der folgende Absatz wurde am 05.02.2007 auf Vorschlag der Autorin geändert. K.B.]
Gerade die thematische wie disziplinäre Multiperspektivität des forums junge wissenschaft ermöglichte es, den Facettenreichtum der ‚Heimat’-Thematik(en) anhand verschiedenster Forschungskonzepte aufzuzeigen, wobei zumeist ‚Identität’ der Schlüsselbegriff war, um den sich die Bezüge zu Ort und Raum (Nähe/ Ferne, die Reise, das Haus, Globalisierung, Migration oder Nomadentum etc.), zu Zeit (Vergangenheit/ Zukunft, Kindheit, historische Ereignisse etc.), zur Sprache (Kommunikationsraum, Erzählgemeinschaft) und die Dimension von ‚Besitz’/ ‚Verlust’ auf je differenten Bedeutungs- und Ausdeutungsebenen anlagerten.

Als die Veranstaltung am 26. November mit einem Abschlusstreffen zwischen Vortragenden, Workshopteilnehmern und Organisatoren schließlich endete, blieb der Eindruck, an den vorangegangenen Tagen ein breites Spektrum an ‚Heimat’-Thematiken aufgegriffen und die Vieldeutigkeit des Begriffs einmal mehr anhand wissenschaftlicher Diskurse veranschaulicht zu haben.

Zitation
Tagungsbericht: Heimat. Zwischen Lebenswelt und Inszenierung, 22.11.2006 – 26.11.2006 Dresden, in: H-Soz-Kult, 04.02.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1477>.