Kreditbeziehungen und Netzwerkbildungen. Die soziale Praxis des Kredits

Ort
Trier
Veranstalter
Gabriele B. Clemens; Lutz Raphael; Rheinland-pfälzischer Landesexzellenzcluster der Universitäten Trier und Mainz „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“
Datum
01.12.2006 - 02.12.2006
Von
Daniel Reupke, Universität Saarbrücken

Kredit – wer bekam wie viel von wem unter welchen Bedingungen? Eine Fragestellung, der sich nach dem europäischen Ausland nun auch die deutsche Geschichtsforschung vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert angenommen hat. Diese Thematik beleuchtete am 01./ 02.12. 2006 eine Tagung an der Universität Trier, die veranstaltet wurde von Gabriele B. Clemens und Lutz Raphael innerhalb des rheinland-pfälzischen Landesexzellenzclusters der Universitäten Trier und Mainz „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ [1]. Neben Vertretern des Teilprojektes I „Gläubiger und Schuldner. Kreditbeziehungen und Netzwerken im Zeichen monetärer Abhängigkeiten“ des Clusters waren Mitglieder der „Forschungsgruppe ländliches Westfalen“ sowie ausgewiesene Experten aus dem In- und Ausland anwesend.

Gilles Postel-Vinay (EHESS Paris) ist Autor zahlreicher Arbeiten zur sozialgeschichtlichen Betrachtung des Kreditwesens im ländlichen Raum des Frankreichs der Frühen Neuzeit und histoire contemporaine. Seine mikrohistorische Pilotstudie „La terre et l’argent“ von 1997 [2] hat auf einer breiten Quellenbasis gezeigt, wie die Kreditpraxis in der französischen Provinz im 19. Jahrhundert aussah. Daraus präsentierte er einen eindrucksvollen Ausschnitt.

Die „Forschungsgruppe ländliches Westfalen“ der Universität Münster [3] war mit Christine Fertig, Georg Fertig, Johannes Bracht und Ulrich Pfister vertreten. Markenzeichen der deutschen Forschungspioniere dieses Arbeitsbereichs aus gleich mehreren DFG-Projekten ist die computerprogrammgestützte Verknüpfung und Auswertung von Personendaten mit Kredit- und Bodentransaktionen aus ausgewählten westfälischen Gemeinden des 19. Jahrhunderts, um persönliche Beziehungen und soziale Netzwerke darzustellen, sowie Handlungsmuster und Finanzflüsse aufzuzeigen.
Georg Fertig und Johannes Bracht untersuchten anhand des Ortes Borgel auf Grundlage von Grundbuchakten, Kredit- und Sparkontounterlagen die Handlungsmuster von Geld sparen und leihen sowie von Transaktionen des Grund und Bodens und bezogen die Ergebnisse auf den Lebenszyklus der Bewohner. Auf die Titelfrage ihres Vortrages "Wann sich verschulden, wann Kredite vergeben?" gaben sie danach die Antwort: In der Jugend verschulden, im Alter Kredite vergeben!

Christine Fertig zeichnete am Beispiel der wohlhabenden Gemeinde Borgel und dem ärmeren Löhne auf Basis von grundamtlichen Unterlagen die Geldströme nach, die in den Gemeinden und zwischen dem Umland flossen und berücksichtigte auch soziale Beziehungen. Vorläufige Ergebnisse: Geld bewegte sich meist in engen personalen Beziehungen, es floss dorthin, wo der durch äußere Umstände (Agrarreform, Produktionsweise) hervorgerufene Bedarf auch einen guten Ertrag versprach, auch von der Stadt ins Umland!

Alfred Bauer (Universität Trier) berichtete von dem Bauern-„bankier“ Peter Schmidt-Franz aus dem Hunsrück. Dieser hatte seine privaten Geldgeschäfte in einem Wirtschaftsbuch dargelegt. Zusammen mit familienkundlichen und grundamtlichen Quellen ließen sich Wirtschaftslogik und Personalbeziehungen eines den lokalen Kreditmarkt beherrschenden Großbauern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert nachvollziehen.

Die Mitinitiatorin Gabriele B. Clemens (Teilprojekt I.05 Kreditvergabe im 19. Jahrhundert: zwischen privaten Netzwerken und institutionalisierter Geldleihe) stellte erste Ergebnisse ihrer Arbeit vor: Auf Grundlage einer Untersuchung von Notariatsakten des bäuerlich-kleinindustriellen Saarortes Merzig soll unter computergestützter Verknüpfung mit Daten aus Familienbüchern die soziale Praxis des Kredites über das ganze 19. Jahrhundert beschrieben werden. Es zeigen sich Ähnlichkeiten zu den Ergebnissen Postel-Vinays: Der Einzugsbereich der Kreditgeber und -nehmer liegt bei maximal 20 Kilometern, Kreditgeber und auch -nehmer sind die ortsansässigen Honoratioren, signifikante äußere Umstände (z. B. Hungerjahr 1817) lassen sich am Kreditvolumen nachvollziehen. Im weiteren Verlauf des Projekts soll noch zum Vergleich die pfälzische Weinbaustadt Bernkastel-Kues erfasst werden.

Martin Stark (Teilprojekt I.04 Verwandtschafts- und Klientelbeziehungen im ländlichen Schuldenwesen in Württemberg im 18. und 19. Jahrhundert) sprach über Quellen der historischen Kreditforschung, Franz Irsigler (Teilprojekt I.02) gab einleitend einen quellenkundlichen Forschungsüberblick über die Sicherung von Handelskrediten im Mittelalter.

Die Mittelalterabteilung wurde ferner bestritten von Philipp Schofield (Universität von Wales-Aberystwyth) und Peter Schuster (Universität Saarbrücken). Philipp Schofield untersuchte Kreditgeschäfte in englischen Dörfern um 1300: Anhand von in den Urkundenrollen des „manor court“ dokumentierten Kreditgeschäften zeichnet Schofield das Netzwerk und die Handlungsmuster nach, in denen die Kreditgeschäfte abgewickelt wurden: Mündliche Verträge werden verschriftlicht; Gläubiger sind die Honoratioren reicher Ortschaften, Schuldner die Einwohner armer Dörfer. Steuerakten sollen die bisherigen Ergebnisse zukünftig ergänzen.

Anders Peter Schuster: Seine rechtsgeschichtliche Herangehensweise fokussierte sich auf das „Schulden haben“ und dessen Folgen. Im „age of debts“ waren Schulden allgegenwärtig: auf dem Steuersektor, im Handwerk, in der Halbwelt der Kriminellen – überall entstanden massive Abhängigkeiten, die Einblick in Sozialstrukturen und Handlungsmuster ermöglichen können. Schuster beleuchtete die harten Folgen des Nichtbedienens eines Kredites; Quellen aus deutschen Reichsstädten zeigen, dass kein Vorgang öfter Gegenstand von Gerichtsverhandlungen war als Schuldverhältnisse. Er zeigte ein fragiles System, das dennoch funktioniert zu haben scheint. Und er wies nach, dass es hier ein Forschungsdesiderat gibt.

An der Schwelle zur Frühen Neuzeit untersucht Gerald Grommes (Teilprojekt I.02, Universität Trier) die Netzwerke und Geschäftspraktiken ausgewählter „cambios“, die die Finanztransaktionen der Kaufleute an den kastillischen Messeorten (u. a. Medina del Campo) zu Beginn des 16. Jahrhunderts abwickelten. Anhand von Urkunden (Bürgschaften) und Gerichtsakten (meist zu Bankrotten) lassen sich sowohl ihre Geschäftspraktiken als auch die Netzwerke der Kunden und der „cambios“ selber aufzeichnen. Auch Akten der königlichen Kanzlei sollen im Fortgang des Projektes noch stärkere Berücksichtigung erfahren.

Den Bogen zum 19. Jahrhundert schlug Laurence Fontaine (EHESS/CNRS Paris), die sich mit dem Kreditwesen im chronisch verschuldeten Frankreich des Ancien Regime beschäftigte. Von den Akteuren ausgehend zeichnete sie den Prozess des Zustandekommens eines Kreditvertrages nach und erläuterte die wirtschaftliche Logik des Vorganges. Kredite klassifizierte sie nach deren Form: Die Anforderungen an die Form (Vertragsform, Sicherheiten, Rückzahlung) stiegen je weiter sich der Schuldner von seiner Familie entfernte und zu fremderen Gläubigern wechselte. Deren Motive der Kreditvergabe waren Kontrolle und Macht – ein gleichermaßen dynamisches wie fragiles System, wie die Geschichte zeigte.

Die Kommentatoren Stefan Brakensiek (Universität Bielefeld), Christof Dipper (TU Darmstadt), Ulrich Pfister (Universität Münster) und Jürgen Schlombohm (MPI Göttingen) arbeiteten die Ergebnisse der Tagung heraus: Die Verknüpfung von Rechtsgeschäften mit Personendaten unter Benutzung von geeigneten Computerprogrammen wird zum Schlüssel, um Handlungsmuster und Netzwerkbeziehungen im Kreditwesen darzustellen und zu erklären. Quellen, Vorgehensweisen und Ergebnisse gleichen sich über die Jahrhunderte. Wirtschaftsgeschichtliche Aspekte werden weniger berührt, Rechtsgeschichte wird wieder wichtiger, der Sozialgeschichte werden durch die Übernahme von Arbeitsweisen aus anderen Disziplinen neue Perspektiven geöffnet. Und das Forschungspotenzial der Thematik in Deutschland ist noch lange nicht erschöpft.

Anmerkungen:
[1] <http://www.netzwerk-exzellenz.uni-trier.de/> (13.02.2007) dort Tagungsprogramm, Personal und Teilprojekte.
[2] Postel-Vinay, Gilles, La terre et l’argent. L'Agriculture et le crédit en France du XVIIIe au début du XXe siècle (L’Évolution de l’humanité), Paris 1997.
[3] <http://www.uni-muenster.de/Geschichte/hist-sem/SW-G/forschung/laendl_westfalen.html> (13.02.2007) dort Personal und Teilprojekte.

Zitation
Tagungsbericht: Kreditbeziehungen und Netzwerkbildungen. Die soziale Praxis des Kredits, 01.12.2006 – 02.12.2006 Trier, in: H-Soz-Kult, 14.02.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1489>.
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Veröffentlicht am
14.02.2007
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