Vom Wasser. Umweltgeschichtliche Perspektiven auf Konflikte, Risiken und Nutzungsformen

Ort
Göttingen
Veranstalter
Graduiertenkolleg "Interdisziplinäre Umweltgeschichte", Georg-August-Universität Göttingen
Datum
06.12.2006 - 07.12.2006
Von
Dominik Hünniger, Max-Planck-Institut für Geschichte, Göttingen

Im Rahmen des Göttinger Graduiertenkollegs „Interdisziplinäre Umweltgeschichte“[1] spielen Forschungen zum Umweltmedium Wasser eine tragende Rolle. Zu diesem Thema fand am 6. und 7. Dezember 2006 der Workshop „Vom Wasser. Umweltgeschichtliche Perspektiven auf Konflikte, Risiken und Nutzungsformen“ statt. Entsprechend der interdisziplinären Ausrichtung des Kollegs wurden dafür Referenten aus unterschiedlichsten Forschungsrichtungen gewonnen, um sich aus verschiedenen Perspektiven dem Thema zu widmen und sich gemeinsam mit den TeilnehmerInnen aus ebenfalls unterschiedlichen fachlichen Hintergründen über forschungsrelevante Einsichten und Anregungen auszutauschen. Schwerpunkte lagen dabei unter anderem auf Aspekten des Wasserbaus und der Wassernutzung sowie der Hygiene, wobei wasserbauliche, umwelthygienische, medizinisch-parasitologische, aber auch umweltpsychologische Sichtweisen eingebunden wurden. Der Blick richtete sich aber nicht nur auf die Rekonstruktion historischer Nutzungsformen, Gefährdungen und Wahrnehmungsweisen. Gleichzeitig fragten die Referenten auch nach gegenwärtigen Trends wasserbaulicher Maßnahmen sowie Möglichkeiten, zukünftige Umgangs- und Nutzungsformen mit der Ressource Wasser zu modellieren

Einen ersten Einstieg in die Thematik bot der Vortrag von Christoph Bernhardt (Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, Erkner). In seinem Referat „Wasser in der modernen Stadtgeschichte: Forschungsstand und Perspektiven“ machte Bernhardt deutlich, welche Schwerpunkte sich bisher in der historischen Städteforschung mit dem Thema Wasser verknüpften. Er schilderte vier Perspektiven, die bisher dominierten und die er mit den Begriffen technikgeschichtlich, sozialgeschichtlich, kulturgeschichtlich und stadtökologisch kennzeichnete. Ausgehend von den bisherigen Forschungsleistungen und –ergebnissen plädierte Bernhardt schließlich für eine Verknüpfung dieser Ansätze in einer „Kulturgeschichte der Stadtlandschaft“. Für ein solches Forschungsprogramm stellte Bernhardt vier Forderungen auf: Zunächst gelte es, den zu erforschenden Raum genauer zu konzeptualisieren. Zweitens sollten die historischen Nutzungsmuster und die disziplinären Zugriffe verdeutlicht werden. Drittens und viertens solle eine Orientierung an der internationalen Forschung, genauso wie eine Reflexion über aktuelle Tendenzen im Feld stattfinden.

In seinem Vortrag „Interessenvielfalt am Wasser – Konflikte und Lösungsmuster im Industrialisierungsprozess“ verfolgte Jürgen Büschenfeld (Bielefeld) die Geschichte der Abwasserproblematik im 19. Jahrhundert anhand der beteiligten Interessengruppen und Institutionen. Die erste Interessengruppe, welche Büschenfeld beleuchtete, waren die Hauptverursacher der Gewässerverschmutzung - Kommunen und Industrie – welche jeweils spezifische Institutionen hervorbrachten, die sich der Problematik widmeten. Aus den in den Kommunen entstandenen lokalen und regionalen Vereinen für Gesundheitspflege bildete sich der „Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege“. In der Industrie waren es v.a. branchenspezifische Interessen der Chemie-, Papier-, Kali-, und Textilindustrie und die Spitzenverbände (RdI, CDI), welche sich verstärkt mit Problemen der Verschmutzung auseinander setzen (mussten). Die Interessenverbände der Land-, und Fischereiwirtschaft, sowie die Heimat- und Naturschutzverbände sind nach Büschenfeld die zweite wichtige Interessengruppe. Diese bezeichnete er als „Anwälte des Gewässerschutzes“. Daneben gab es die wissenschaftlich-staatliche Bewertungsebene des Abwasserproblems, welche sich in der Gründung akademischen Forschungsinstituten und staatlichen wissenschaftlichen Anstalten, sowie in kommunalen Untersuchungsämtern niederschlug. Hierbei spielten besonders die Wissenschaften Hygiene/Bakteriologie und Chemie/Biologie eine tragende Rolle. Daneben diskutierte Büschenfeld auch die politisch-administrative Bewertung und die Regulierung des Abwasserproblems, in dem er die Gesetzgebung und die Entstehung des Reichsgesundheitsamtes beleuchtete. Am Beispiel Preußens machte er diesen Prozess deutlich und beschrieb die überregionale und lokale Verwaltungsstruktur, sowie die Gesetzgebung. Diesen Prozess verfolge er schließlich bis auf die Ebene der Kommunen.

Erik Pasche (Institut für Wasserbau, Technische Universität Hamburg) sprach in seinem öffentlichen Abendvortrag über „Wertewandel im Wasserbau - Kanalbau, Gewässerschutz und Kulturerhaltung – die Hinwendung zu einem holistischen Gewässermanagement.“ Pasche begann mit der Darstellung des ingenieurwissenschaftlichen Interesses am Wasser und betonte die starke Ausprägung des Naturbeherrschungsgedankens im modernen Wasserbau. Am Beispiel der Rheinregulierung seit dem 19. Jahrhundert verdeutlichte er diese Positionen eindrücklich. Sein Fazit des modernen Wasserbaus fiel dementsprechend negativ aus: Flüssen wurde der Raum genommen, sie wurden zu Entwässerungsrinnen degradiert, Feuchtgebiete wurden trockengelegt und tote Baustoffe bestimmten das Flussbett. Am Beispiel der EU Wasserrahmenrichtlinie erläuterte Pasche die veränderte Sicht auf den Wasserbau der letzten Jahre, welche das Gesamtökosystem Fluss stärker in Betracht zieht. Im Anschluss präsentierte Pasche aktuelle Programme und Methoden der Gewässerrenaturierung, wie sie derzeit sowohl in der freien Landschaft als auch im Siedlungswasserbau Anwendung finden. Der Vortrag endete mit der Forderung, dass Gewässerrenaturierung nicht nur als dogmatischer Naturschutz betrieben werden solle, sondern auch dem Menschen Erlebnisräume eröffnen müsse.

Werner Konold (Institut für Landespflege, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) sprach über „Wasserbau, Kulturlandschaft, Naturschutz – zur Zeitgebundenheit von Bewertungen“. Auch Konold stellte die anthropogenen Veränderungen an Fließgewässern noch einmal eindrücklich dar, in dem er die Entwicklungen vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert verfolgte und zusätzlich detaillierter auf die Geschehnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte einging. Aus den historischen Erfahrungen heraus, plädierte Konold schließlich dafür, dass der „kompromisslosen Renaturierungsphase“, eine Phase des geschichtlich bewussten und differenzierten Umgangs mit Gewässern folgen müsse. Diese solle ökologische, aber auch sozio-kulturelle, technische und ästhetische Aspekte mit in die Wasserbaumaßnahmen einbeziehen. Die Bewertung von Gewässern solle nicht nur nach ihrem Maß an Natürlichkeit erfolgen, sondern dieser Beurteilung sollten weitere Kriterien (u.a. der bauliche Zustand des Gewässers und dessen historische Funktion) hinzugefügt werden. Um diese Bewertungen vornehmen zu können, wäre es notwendig, die Diskussionen über Normen weiterzuführen, sowie beispielhafte Erhebungen an Gewässern, Beobachtungen über den Gebrauch und die Rezeption von Gewässern zu fördern.

Mathias Deutsch (Geographisches Institut, Georg-August-Universität Göttingen) berichtete in seinem Vortrag „Anmerkungen zu Hochwasserschutzmaßnahmen im Einzugsgebiet der Elbe (1750-1920)“ über seine Forschungen zu historischen Hochwasserereignissen in Mitteldeutschland. Ausgehend von einem aktuellen Modell zum Hochwasserrisikomanagement als einer Querschnittsaufgabe zwischen Vorsorge und Bewältigung, erläuterte er historische Maßnahmen des Technischen Hochwasserschutzes, der Informationsvorsorge und der Flächen- und Bauvorsorge. Seine Ausführungen zu ausgewählten Beispielen des Hochwasserschutzes im Einzugsgebiet der Elbe verdeutlichten, dass durch wasserwirtschaftlich bzw. wasserbaulich orientierte Forschungen umfangreiche Informationen zur Geschichte des Hochwasserschutzes erhoben werden können. Hochwasserschutzmaßnahmen waren und sind mit einem Erfahrungs- und Lernprozess verknüpft. Dieser Prozess wird durch herausragende, katastrophale Ereignisse beeinflusst. Viele aktuelle Maßgaben des Hochwasserschutzes[2] besitzen deshalb eine historische Dimension. Das heißt, sie sind schon seit dem 18. bzw. 19. Jahrhundert fester Bestandteil staatlicher und kommunaler Maßnahmen des Hochwasserschutzes. Hierzu gehört beispielsweise die Einrichtung von Warn- und Meldediensten. Die interdisziplinäre Auswertung von Quellenbeständen in mitteldeutschen Archiven und Bibliotheken ermöglicht vielfach Aussagen zu konkreten Hochwasserschutzmaßnahmen. Dadurch lassen sich historische Entwicklungsetappen und aktuelle Relevanz von Teilbereichen (u. a. zum Technischen Hochwasserschutz) nachvollziehen.

Walter A. Maier (Institut für Medizinische Parasitologie, Universitätsklinikum Bonn) widmete sich in seinem Vortrag mit dem Titel „Das Verschwinden des Sumpffiebers in Europa: Zufall oder Notwendigkeit?“ den historischen Dimensionen der aktuellen Frage, ob beim derzeitigen Klimawandel, die Malaria nach Mitteleuropa zurückkehren könnte. Um diese Frage zu beantworten, rekonstruierte Maier die vielfältigen Ursachen für den Rückgang der Krankheit seit etwa 1900. Er ging dabei vor allem auf die großflächig erfolgte Trockenlegung von Feuchtgebieten seit dem beginnenden 19. Jahrhundert ein. Zusätzlich dazu spielten die künstliche Senkung des Wasserspiegels und die Bepflanzung von Wiesen und Auen eine tragende Rolle dabei, dass die Lebensräume der Anopheles-Mücken immer kleiner wurden. Aber auch die Verbesserung der Wohnverhältnisse und der Einsatz von Chinin trugen schließlich dazu bei, dass die Malaria aus Mitteleuropa verschwand. Schließlich ging Maier noch auf verschiedene Thesen ein, welche davon ausgehen, dass es einerseits zu einer stärkeren Verbreitung „misanthroper“, d.h. zoophiler Anophelen gekommen sein muss. Anderseits scheinen sich zusätzlich dazu auch ehemals hochvirulente Stämme in schwachvirulente verwandelt zu haben. Maiers Fazit lautete schließlich, dass es wahrscheinlich nur zu einer Rückkehr der Malaria kommen könnte, wenn alle diese Prozesse rückgängig gemacht würden.

Andreas Ernst (Wissenschaftliches Zentrum für Umweltsystemforschung, Universität Kassel) stellte in seinem Vortrag „Die integrierte Modellierung von Wassernutzung – eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive“ mit „GLOWA-Danube“[3] ein Entscheidungsunterstützungssystem im Wasserbereich vor. Das Ziel von GLOWA-Danube ist es, die natürlichen und sozialen Prozesse des Wasserkreislaufs im Oberen Donaugebiet in dem computerbasierten Simulationsmodell DANUBIA (ein integratives Werkzeug zur Untersuchung nachhaltiger Wassermanagementstrategien) abzubilden. Das Team Umweltpsychologie am Zentrum für Umweltsystemforschung der Universität Kassel hat ein agentenbasiertes Modell der Wassernutzung privater Haushalte sowie des öffentlichen Dienstleistungssektors entwickelt. Ziel dieses sog. Household-Modells ist die Modellierung des Trinkwasserverbrauchs unter sich ändernden klimatischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dabei werden alle Haushalte im betrachteten Einzugsgebiet flächendeckend in Bezug auf ihre Nutzungsentscheidungen, ihre subjektive Bewertung von Wasserqualitätsrisiken und ihre Akzeptanz des politischen und wasserbezogenen Status quo abgebildet. Auf diese Weise können sozialwissenschaftliche Szenarien unter Bedingungen globalen Klimawandels erstellt werden, um Konfliktpotenziale und Akzeptanzrisiken abzuschätzen.

Neben den auswärtigen Referenten stellten auch mehrere StipendiatInnen des Göttinger Graduiertenkollegs ihre Dissertationsvorhaben in Kurzvorträgen vor. Mit Arbeiten zur Semantik des Wortfeldes Wasser in mittelalterlichen Quellen (Jens Potschka), zu historischen Wasserbaumaßnahmen (Wiebke Bebermeier), zur Umweltgeschichte der Papierindustrie (Mathias Mutz) und zur Umweltwahrnehmung in medizinischen Topographien (Anna-Sarah Hennig) zeigten sie weitere Zugänge zum Thema Wasser auf. Dabei wurde nicht nur deutlich, wie sich die Göttinger Projekte in die vorhandenen Forschungsansätze einfügen. Es verstärkte sich auch der Eindruck, dass gerade die große Bandbreite der auf dem Workshop diskutierten Aspekte des Themas „Wasser“ Anknüpfungspunkte für weitere konzeptionelle Überlegungen sowie Fallstudien bieten, von denen alle beteiligten Disziplinen profitieren dürften.

Anmerkungen:
[1] Genauere Informationen zum Graduiertenkolleg können unter <http://www.anthro.uni-goettingen.de/gk/ (21.02.2007) abgerufen werden.
[2] Vgl. u.a. Deutsches Komitee für Katastrophenvorsorge e.V. (DKKV) (Hg.), Hochwasservorsorge in Deutschland. Lernen aus der Katastrophe 2002 im Elbegebiet (Schriftenreihe des DKKV 29), Bonn 2003
[3] GLOWA steht für das Forschungsprojekt: Globaler Wandel des Wasserkreislaufs.

Zitation
Tagungsbericht: Vom Wasser. Umweltgeschichtliche Perspektiven auf Konflikte, Risiken und Nutzungsformen, 06.12.2006 – 07.12.2006 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 26.02.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1494>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.02.2007
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