Das Internet als Raum "Historischen Lernens"

Ort
Schleswig
Veranstalter
Landesarchiv Schleswig-Holstein
Datum
08.02.2007 - 10.02.2007
Von
Hilke Schwardt, Flensburg

Zwischen dem 8. und 10. Februar fand im Landesarchiv Schleswig-Holstein in Schleswig die Konferenz „Das Internet als Raum Historischen Lernens“ statt, die von Uwe Danker und Astrid Schwabe vom Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte an der Universität Flensburg veranstaltet wurde. Die Konferenz versuchte von ihrer Konzeption her unterschiedliche Fachleute ins Gespräch zu bringen, die sich mit der Geschichtsvermittlung in den digitalen Medien beschäftigen. In drei Sektionen „Geschichtsdidaktik und neue Medien“, „Geschichte multimedial – Die Anbieterseite“ und „Historische Narrationen im Hypertext“ referierten Vertreterinnen und Vertreter aus der Geschichtsdidaktik, aus dem Referenzbereich Museologie, den Medienwissenschaften, dem Verlagswesen und der Medienproduktion. Neben normativen geschichtsdidaktischen Ansprüchen an virtuelle Geschichtspräsentationen und analytischen Betrachtungen vorliegender Angebote standen Berichte aus der Produktionspraxis von digitalen Geschichtspräsentationen im Mittelpunkt der Veranstaltung.

Waldemar Groschs (PH Weingarten) Eröffnungsvortrag bot eine umfassende Bestandsaufnahme zum Historischen Lernen im und durch das Internet und die Neuen Medien in neun Thesen. Er befasste sich unter anderem mit den Nutzungsmöglichkeiten des Internets im Geschichtsunterricht und dessen tatsächlicher Einsatzpraxis. Während sich bis dato eine durch Projekte wie „Schulen ans Netz“ relativ gute Ausstattung der Schulen mit Gerätschaften feststellen lässt, herrsche ein Mangel an kompetenter Fortbildung für Lehrkräfte, um eine Sensibilisierung gegen blindes Vertrauen in die Informationsangebote und chaotischen Umgang mit den Medien zu leisten. An bekannten Beispielen wie Google, Wikipedia oder PastPerfect und unterschiedlichen Formen von Lernsoftware verdeutlichte Grosch, dass allein eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema E-Learning nicht mehr ausreiche. Er forderte dagegen eine aktivere Teilnahme am Entstehungsprozess der Räume Historischen Lernens – sowohl von fachdidaktischer als auch von fachwissenschaftlicher Seite, um Angebote zu schaffen, die einen wirklichen Mehrwert gegenüber herkömmlichen Unterrichtsmedien und -methoden erbringen.

In ihrer Konferenzeröffnung am Freitagmorgen wiesen die Veranstalter darauf hin, die Fachdidaktik Geschichte müsse die Tatsache akzeptieren, dass vor allem das Internet sich als Raum Historischen Lernens etabliert habe. Sie plädierten für eine Einmischung der Geschichtsdidaktik im Bereich der Geschichtsvermittlung in den und durch die Neuen Medien. Die Fachdidaktik solle sowohl analytische Aufgaben formulieren als auch eine normative Rolle wahrnehmen und selbst bei der Produktion seriöser Angebote mitwirken.[1]

Sektion I: „Geschichtsdidaktik und die neuen Medien“

In der von Gerhard Henke-Bockschatz von der Universität Kassel geleiteten Sektion I setzte sich zunächst Oliver Näpel von der Universität Münster kritisch mit bekannten historischen Angeboten im Internet auseinander – wie dem „Lebendigen Museum online“ (LeMO). Die bestehenden Angebote böten oft ein recht konventionelles, geschlossenes Geschichtsbild „wie es damals war“, reflektierten ihren Konstruktionsplan zu selten und beachteten die Heterogenität ihrer Zielgruppe nicht genug. Weiterhin förderten sie das historisch-kritische Denken ihrer User zu selten und trügen somit wenig zur Ausbildung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins, dem Lernziel der Geschichtsdidaktik, bei.

Normative fachdidaktische Ansprüche an virtuelle Geschichtspräsentationen in Form eines umfassenden Kriterienkatalogs präsentierten Uwe Danker und Astrid Schwabe (Universität Flensburg), die sie mit den Charakteristika des Internets einschließlich ihrer Chancen und Risiken für das historische Lernen kontrastierten. Sie leiteten daraus zwei Zielkonflikte ab: die Frage der Platzbudgets und die die Gefahr des Desorientierung beinhaltende Hypertext-Struktur. Danker und Schwabe fragten in diesem Zusammenhang, ob die hypertextuelle historische Narration denn wirklich die Möglichkeit einer hierarchiefreien, unlinearen Darstellung böte. Als eine erste Lösung der angesprochenen Zielkonflikte boten sie bewusste (medienuntypische) Selbstbeschränkung in der Nutzung vorhandener Optionen, bei Platzbudgets und bei der Verlinkung an; sie plädierten für ein kompaktes, selbstreferentielles System mit bewusst eingesetzten Links und einer „Rückkehraufforderung“ an den User nach wenigen Links.

Vadim Oswalt von der Universität Gießen versuchte eine Brücke zwischen Medien, Didaktik und Inhalt zu schlagen und zu verdeutlichen, dass unterrichtsorientierte multimediale Lernangebote einer eigenständigen Medienerziehung bedürften, einer neuen Kultur des „Lesens der Visualisierung“. Sei es durch virtuelle Gedenkstätten, hypertextuelle Lernwelten oder enzyklopädische Wissensspeicher: Die Grenzen zwischen einer Quelle und ihrer Darstellung verschwämmen oftmals. Historische Lernräume, sei es der Klassenraum oder der Virtuelle, seien gekennzeichnet durch Multicodalität; eine De- oder Neukonstruktion durch den User müsse ermöglicht werden.

Seine Erwartungen an und Erfahrungen mit der Methode des WebQuest in Schule und universitärer Lehre beschrieb Thomas Hilmer von der Universität Frankfurt. Die WebQuest-Methode eigne sich besonders bei „kritischen Themen“ und diene vor allem dem Erlernen von Medienkompetenz in den Bereichen Technik, Recherche, Analyse und Präsentation. Um Überforderung mit dem reichen Informationsangebot entgegenzuwirken und um zu verhindern, dass Informationen aus Webseiten unreflektiert übernommen werden, evoziere WebQuest das Erlernen eines bewussten Umgangs mit virtuellen und „herkömmlichen“ historischen Materialien, um Fachmethodik und Mediennutzung im Einklang zu schulen.

Theoretische Reflexionen über die Rolle der Bilder im wissenschaftlichen Diskurs und in der Wissenschaftsvermittlung nach dem iconic turn in den 1990er Jahren bettete Christoph Schäfer von der Universität Hamburg in die Präsentation einer didaktischen DVD „Römer und Germanen – Konfrontation und Integration“ für den Einsatz in Schulen ein. Die DVD versuche, über das Prinzip der Visualisierung den Konstruktionscharakter von Geschichte offen zu legen und einem geschlossenen Geschichtsbild durch das Bausteinprinzip entgegenzuwirken: User könnten die Inhalte individuell zusammenstellen und rezipieren.

Sektion II: „Geschichte multimedial – Die Anbieterseite“

In der von Torsten Schilling von der „Bundeszentrale für politische Bildung“ geleiteten Sektion stellten Museologen, Gedenkstätten, Verlage und Multiplikatoren konkrete multimediale Geschichtsangebote vor.

Julia Hornig von der „Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung“ aus Berlin stellte die Chancen der Einbindung multimedialer Elemente in eine historische Ausstellung vor; sie böten die Möglichkeit die politische Biografie Willy Brandts in den historischen Kontext einzuordnen und die Heterogenität der Besucherinnen und Besucher zu berücksichtigen. In der „aufmerksamen Ausstellung“ könnten über Computer je nach Besuchergruppe Ausstellungsobjekte freigeschaltet oder in den Fokus gerückt werden; über eine Webpräsenz des Hauses sei es möglich, einen individuellen Museumsbesuch vorzubereiten und zu planen.

Aus der Perspektive des Informatikers gab Uwe Seemann von der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ aus Berlin Einsicht in die Umsetzungsphase des Projekts „Memorial Museums - Interactive and Online“. Besucheranfragen waren der Anlass, eine Plattform zu schaffen, die in Form von Datenbankzugriffen Rechercheangebote auf Zeitzeugenberichte und weitere Museen, Gedenkstätten und Denkmäler im Kontext des Holocaust ermögliche.

Henry Bräutigam von der „Bundeszentrale für politische Bildung“ aus Berlin stellte das Projekt „Jugendoppositionen in der DDR“ vor. Vier Hauptthemen von der Ausbürgerung Biermanns 1973 bis zur Wende 1989 sollten dazu dienen, jugendliche Lebenswelten anzudeuten und Erklärungen bieten, warum sich politisches Engagement lohne. Die umfangreiche Präsentation, die Schätze des Archivs der Opposition enthüllt, und viele Zeitzeugeninterviews enthält, sei ein „Steinbruch“, der es ermögliche, sich über Multimediaangebote eigene Deutungen zu meißeln; ein ausgesprochenes didaktisches Konzept fehle jedoch.

Zwei je staatlich geförderte, also nicht kommerziell kalkulierte Pilot-Projekte aus renommierten Schulbuch-Verlagen bildeten den Abschluss der Sektion: Ralf Kasper vom Cornelsen Verlag in Berlin mit dem Projekt „Erlebte Geschichte Nationalsozialismus“ und Karl Wilschky vom Ernst Klett Schulbuch Verlag in Leipzig mit „Geschichte und Geschehen 4. Das 20. Jahrhundert Teil 1, Die Jahre 1914-1949“ gaben den Teilnehmern einen Einblick in die Welt der Lern-Software für den Schuleinsatz. Beide Modelle ermöglichen neben der Präsentation von Darstellungstexten und zahlreichen Quellen (Text, Bild, Audio, Video) die aktive, lerngruppenspezifische Arbeit der Schülerinnen und Schüler in Arbeitstools zur Schulung von historischer Methodik und Medienkompetenz. Bei beiden DVDs sind eine Schulung in der Anwendung und eine ausführliche Begleitung durch die Lehrkräfte oder „Coaches“ jedoch unvermeidbar.

Innerhalb des nicht-öffentlichen Abendprogramms stellten Astrid Schwabe (Universität Flensburg), Mogens Nissen (Syddansk Universitet Odense), Carl-Henrik Nielsen, Jonas Granlie (beide Syddanks Universitet Sønderborg) und Bernd Vesper (Fachhochschule Kiel) das von der Europäischen Union im Rahmen des Interreg-Programms geförderte, interkulturelle und interdisziplinäre Projekt „www.vimu.info - dansk.deutsche regionalhistorie“ vor: eine zweisprachige datenbankbasierte Internetpräsentation der Geschichte der deutsch-dänischen Grenzregion im Zeitraum zwischen 1830 und 2000 aus grenzüberschreitender Perspektive.

Sektion III: „Historischen Narrationen im Hypertext“

In der von Karl Heinrich Pohl von der Universität Kiel geleiteten Sektion forderte zum Auftakt Andreas Körber von der Universität Hamburg kompetenz- statt primär wissensorientiertes Lernen im virtuellen Raum und präsentierte das mit Kollegen ausgearbeitete Kompetenz-Struktur-Modell „FUER Geschichtsbewusstsein“. Das Klassenzimmer sei der eigentliche virtuelle Raum, da die Vergangenheit nicht wirklich vorhanden sei, sondern nur gefiltert einflösse; dagegen sei das Internet „realer“, weil die Schülerinnen und Schüler direkt mit historischen Darstellungen konfrontiert würden und aktiv Narrationen erstellen könnten. Körber förderte eine Offenlegung des Konstruktionscharakters und der „didaktischen Folie“ im virtuellen Lernraum des Klassenzimmers.

Das Internet als Erfahrungsraum für Multiperspektivität betrachtete Jakob Krameritsch aus Wien (beteiligt am Projekt www.pastperfect.at). Er konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die didaktischen Potenziale zu Erstellung von hypertextuellen Geschichtspräsentationen für die beteiligten Autorinnen und Autoren, die sich während der Projektarbeit vernetzten und im Kollektiv arbeiteten und so gezwungen seien, kohärente Textbausteine zu schaffen; dies zeige die Prozesshaftigkeit von Wissenschaft und den (Re)Konstruktionscharakter von Geschichte und führe zu mehr „face-to-face“-Kommunikation.

In einem gemeinsamen Vortrag setzten sich Peter Haber von der Universität Basel und Jan Hodel von der Fachhochschule Nordwestschweiz mit dem möglichen Wandel (historischer) Narrationen durch digitale Medien auseinander – beispielsweise weblogs im Web 2.0. Sie beobachteten eine Veränderung im Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, von individueller versus öffentlicher Narration und konstatierten einen Prozess der Modularisierung bei gleichzeitiger Vernetzung. In Verbindung zwischen Medien- und historischer Kompetenz sei eine Historische Online-Kompetenz gefragt.

In seinem Vortag über das virtuelle Museum im Internet als Lernort machte Werner Schweibenz aus Saarbrücken deutlich, dass mit Hilfe des so genannten „Flow“, also durch das Erwecken von Neugier und andauernder Spannung, ein selbstständiges und freiwilliges Lernen erreicht werden könne. Er wies auf die Bedeutung einer zwar offenen, aber doch geführten Navigationsstruktur hin (guided tour) und eines hohen Maßes an Interaktion – wie beim dem Prinzip des digital-story-telling – um dem Museum seine „autoritäre Macht“ zu nehmen.

Eine Zusammenfassung der Gesamtkonferenz in Form eines Konferenz-Kommentars aus persönlicher Perspektive bot der Vorsitzende des „Verbands der Geschichtslehrer Deutschlands“ Peter Lautzas aus Mainz. Lautzas machte vier Bereiche aus, die während der Tagung angesprochen wurden:
1. Die Auswirkungen der neuen Medien auf die Didaktik (beispielsweise durch die Struktur und Systematik der Neuen Medien, ihre Sprache, andere Textformen und -längen). Deutlich wurde, dass rezipientenorientierte empirische Analysen zur Mediennutzung und ihrer Veränderung fehlten.
2. Die Auswirkungen der Neuen Medien auf die Fachwissenschaft (etwa in Hinblick auf einen Verlust der Deutungsmacht, den Objektivitätsanspruch, die Authentizität, den Quellenbegriff).
3. Die Auswirkungen der Neuen Medien auf die Gesellschaft, wobei es vor allem um den Demokratisierungsanspruch gehe, der mit der kollektiven Nutzung des Internets verbunden sei.
4. Praktische Beispiele Neuer Medien als Experimentier- oder besser Forschungsfelder, die weitere Analyse und Normsetzung bedürften.

Nach Lautzas wurde die Forderung an die Geschichtsdidaktik, sich aktiv in diese Analyse- und Gestaltungsprozesse einzuschalten, mehrfach deutlich. Die Fachdidaktik Geschichte müsse sich einmischen, statt nur zu klagen. Dabei solle sie erste Erfahrungen im Umgang mit den Neuen Medien berücksichtigen, die eventuell zu einer Veränderung der Methodik führen könnten (zum Beispiel auch eine Veränderung der Lehrerrolle beinhalten).

Die ausnahmslos anregenden Vorträge wurden von teilweise recht kontroversen gewinnbringenden Diskussionen begleitet, so dass der Eindruck bleibt, dass hier die unterschiedlichen Fachleute wirklich miteinander ins Gespräch kamen und dass die entstandene gemeinsame Diskussion auch über das Ende der Konferenz hinaus weitergehen wird. Die Veranstalter kündigten die zeitnahe Veröffentlichung der Konferenzbeiträge in einem Tagungsband an.

Anmerkung:
[1] Vgl. <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=6358> (26.03.2007)

Zitation
Tagungsbericht: Das Internet als Raum "Historischen Lernens", 08.02.2007 – 10.02.2007 Schleswig, in: H-Soz-Kult, 09.04.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1527>.
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Veröffentlicht am
09.04.2007
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