Bauernkrieg und Revolution. 200 Jahre Wilhelm Zimmermann – Ein Radikaler aus Stuttgart

Ort
Stuttgart
Veranstalter
Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg; Kulturamt-Stadtarchiv der Stadt Stuttgart; Verein der Freunde des Historischen Instituts der Universität Stuttgart
Datum
02.03.2007
Von
Martin Furtwängler, Komission für geschichtliche Landeskunde Baden-Württemberg

Am 02. März veranstalteten die Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, das Kulturamt-Stadtarchiv der Stadt Stuttgart sowie der Verein der Freunde des Historischen Instituts der Universität Stuttgart ein wissenschaftliches Symposium über den in der baden-württembergischen Landeshauptstadt vor 200 Jahren geborenen Politiker, Historiker, Schriftsteller und Theologen Wilhelm Zimmermann (1807-1878). Die Veranstaltung fand im Großen Sitzungssaal des Rathauses der Stadt Stuttgart statt und war außerordentlich gut besucht. Im Blickpunkt standen dabei Leben und Wirken, aber besonders auch das Nachwirken Wilhelm Zimmermanns, als einer sehr vielschichtigen Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts.

In seiner Begrüßungs- und Einführungsrede ging der Vorsitzende der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Anton Schindling (Tübingen), vor allem auf Zimmermanns Bedeutung als Historiker ein. Er charakterisierte ihn als einen wirkungsstarken Vertreter der Geschichtswissenschaft, der sich durch einen ungewöhnlichen Lebensweg auszeichnete. Sein Hauptwerk, die Geschichte des Bauernkrieges von 1525, sei lange Zeit die gründlichste Monographie über dieses Geschehen gewesen und habe eine außergewöhnliche Rezeptionsgeschichte erfahren, die Zimmermann allerdings im 20. Jahrhundert die Fehleinschätzung eintrug, ein sozialistischer Arbeiterschriftsteller gewesen zu sein. Diesen Ausführungen schloss sich ein kurzes Grußwort der Stuttgarter Bürgermeisterin Susanne Eisenmann an, die Zimmermann als einen Teil der demokratischen und wissenschaftlichen Traditionen der Stadt Stuttgart herausstellte. Schließlich skizzierte Eckart Olshausen (Stuttgart), der Vorsitzende des Vereins der Freunde des Historischen Instituts der Universität Stuttgart, in seiner kurzen Begrüßungsansprache u.a. die akademische Laufbahn Zimmermanns in Stuttgart.

In der von Roland Müller (Stuttgart) moderierten ersten Sitzung der Tagung beschäftigte sich zunächst Peter Blickle (Saarbrücken) mit Zimmermanns wissenschaftlichem Hauptwerk, der Geschichte des Bauernkrieges von 1525, die in erster Auflage in den Jahren 1840 bis 1843 erschienen ist. Das Werk war die erste Gesamtdarstellung des Bauernkrieges, die den „methodischen Standards der Geschichtswissenschaft entspricht“, wie Blickle betonte. Stark beeinflusst von Diskussionen aus der eigenen Gegenwart des Vormärz begriff Zimmermann den Bauernkrieg als einen Kampf des „teutschen Mannes“ um seine Freiheit und gegen die Verknechtung von Seiten des Adels und des Klerus. Dabei speiste sich sein Freiheitsbegriff aus religiös-protestantischen Wurzeln; im Gegensatz zu Luther war dieser jedoch im Diesseits konkretisiert. Da Zimmermann als Ziel der Menschheit die Freiheit ausmachte, ja einer zeitgenössischen Freiheitsbegeisterung frönte, wurde damit erstmals der Erhebung der Bauern am Beginn der Neuzeit Legitimität zugesprochen, wurde sie zu einem „positiv zu bewertenden Ereignis der deutschen Geschichte“. Gleichzeitig verankerte Zimmermann auf diese Weise den Bauernkrieg in der deutschen Geschichtsschreibung. Dass Zimmermanns „Bauernkrieg“ zu den meistgelesenen und meistverkauften Bauernkriegsdarstellungen auch noch im 20. Jahrhundert gehörte, war nicht zuletzt Ausfluss der starken Rezeption, die das Buch in der Arbeiterschaft und in der sozialistischen Bewegung gefunden hat. Dies ist auch durch die Würdigung von Seiten Friedrich Engels hervorgerufen worden. Denn bei seiner Erprobung des marxistischen Konzepts des Historischen Materialismus anhand des Bauernkrieges griff Engels nicht nur auf Teile der Darstellung, sondern in erheblichem Umfang auch auf die Interpretation Zimmermanns zurück. Blickle hob jedoch hervor, dass Zimmermanns Werk nicht nur die marxistische, sondern auch die westliche Sicht auf den Bauernkrieg maßgeblich geprägt habe. Wenngleich er heute durch mannigfaltige neue Quellenfunde, durch neue, strukturorientierte Methoden überholt ist, bleibe sein Wissenschaftsverständnis, theoriegeleitete Forschung zu betreiben, weiterhin gültig.

In der sich anschließenden Diskussion wurde u.a. auch die Frage angerissen, ob Zimmermann wirklich überholt sei. Größeren Raum nahmen jedoch die Verbindungen und Bezüge zwischen Zimmermann und Engels ein, so etwa die Frage, ob Zimmermann die Bauernkriegsinterpretation von Engels gekannt bzw. darauf reagiert habe. Schließlich wurde noch über die Verortung des Werks im Spannungsfeld Wissenschaft-Dichtung diskutiert.

Im anschließenden Vortrag behandelte Ulrich Gaier (Konstanz) den Lyriker, Erzähler und Dramatiker Wilhelm Zimmermann, der von der klassizistisch wertenden Kritik des 19. Jahrhunderts verkannt und geringgeschätzt worden sei. Blieb seine Lyrik den Vorbildern Goethe, Uhland und Schwab noch epigonenhaft verpflichtet, so sind seine Erzählungen wie die Sammlung „Amor’s und Satyr’s“ und auch sein Drama „Masaniello, der Mann des Volkes“ von eigenem literarischem Rang und verdienen literaturgeschichtliche Beachtung. Der Referent rechnete Zimmermann dem Umkreis des Jungen Deutschland zu, wobei dieser intensiver als viele seiner Bekannten und Dichterkollegen in seinen literarischen Arbeiten die Freiheit und die „politischen Rechte des Volkes, insbesondere der Arbeiter, Bauern und Kleinbürger“ propagierte. Vor allem aber habe er versucht, die „politische Mündigkeit, Engagiertheit [...] dieser gesellschaftlichen Klasse zu demonstrieren“, ohne dabei deren vielfach auf Dauer problematische Disziplin bei der Umsetzung ihrer Ziele aus den Augen zu verlieren. Eigentümlich an Zimmermanns literarischen Werken sei, dass sie ihre politische und theologisch-philosophische Bedeutung unter einer Oberfläche von scheinbar bloß um der Unterhaltung willen aufgeführter Begebenheiten verbergen und sich in ihrer Subtilität nur dem aufmerksamen Leser offenbarten. Allerdings, so vermutete Gaier, scheint Zimmermann insgesamt recht wenig aufmerksame Leser in seiner Zeit gefunden zu haben, was ihn nicht zuletzt dazu bewogen haben dürfte, der Dichtkunst zu entsagen und sich ausschließlich der Geschichtsschreibung zuzuwenden, um dort seinen Ruf nach Freiheit ertönen zu lassen.

Die anschließende Diskussion kreiste um die Frage nach Zimmermanns Haltung gegenüber Napoleon, dessen Politik er in seiner historischen Arbeit über die Befreiungskriege ablehnte, den er jedoch z.B. in der Erzählung „Der verliebte Philosoph“ positiv literarisierte.

Nach der Mittagspause wurde die Tagung in der von Eckart Olshausen (Stuttgart) moderierten zweiten Sitzung mit einem Vortrag von Friedrich Winterhager (Hildesheim) über den Lebensweg von Wilhelm Zimmermann fortgesetzt. Dabei zeigte der Referent dessen verschiedene Lebensstationen auf: von seinen Anfängen als Gymnasiast aus einfachen Verhältnissen, über seine schriftstellerischen und parlamentarischen Tätigkeiten bis hin zu den Amtsstellungen als Pfarrer in Württemberg. Winterhagen verwies in seinen Ausführungen aber auch auf die unterschiedlichen sozialen Kreise, in denen sich das politische, künstlerische und private Leben Zimmermanns vollzog. Außerdem beleuchtete er dessen geistige und intellektuelle Wurzeln, betonte einerseits die große Bedeutung der Romantik für das Kunstverständnis Zimmermanns bzw. für sein literarisches Schaffen, unterstrich andererseits aber auch den fortdauernden Einfluss der Religion, der Zimmermann immer eng verbunden blieb. Nicht erklärt wurde hingegen der eigentümliche Wandel Zimmermanns von einem Radikalliberalen bzw. Demokraten bis über die Revolution von 1848 hinaus zu einem Anhänger Bismarcks nach der Gründung des Kaiserreiches. In der sich anschließenden Diskussion spielte vor allem die Frage eine Rolle, wie es Zimmermann gelingen konnte, trotz seiner einfachen Herkunft - der Vater war ursprünglich Winzer, später Küchenbediensteter am königlichen Hof - eine gute Schulbildung zu erhalten und aufs Gymnasium zu gelangen.

Im zweiten Beitrag der Sitzung ging Günter Vogler (Erkner) dem Thomas-Müntzer-Bild Zimmermanns und der Rezeption von dessen Bauernkriegsbuch im Allgemeinen, wie von dessen Einschätzung Müntzers im Besonderen nach. Thomas Müntzer war für Zimmermann in seiner Geschichte des Bauernkrieges von zentraler Bedeutung, ihm widmete er so viel Raum wie keiner anderen Figur. Wenngleich er, nach Voglers Auffassung, die historische Bedeutung Müntzers für den Bauernkrieg überschätze, so sei es doch Zimmermanns Verdienst, als erster zu einer positiven Würdigung Müntzers gekommen zu sein. Dessen Ziel sei es gewesen, „dem Volke die Freiheit, dem Reiche Gottes die Herrschaft auf Erden zu erkämpfen“. Aus dieser Einschätzung resultierte letztlich aber auch die Schwäche von Zimmermanns Müntzer-Interpretation. Denn in ihr wird das theologische Denken des Reformators von den eigenen politischen Überlegungen und Zielen Zimmermanns überlagert, wie Vogler betonte. Letztlich entdeckte dieser bei Müntzer Ideen, von denen er meinte, „dass sie seit dem 16. Jahrhundert in Europa fortwirkten und noch in seiner Zeit aktuell waren“. Wie seine Bauernkriegsgeschichte insgesamt, erfreute sich auch Zimmermanns Müntzer-Bild lange Zeit einer großen Akzeptanz im sozialistischen Milieu. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts sei man dort zu einer eigenen Sicht gelangt.

Die anschließende Diskussion behandelte die Frage, ob Zimmermann bei der zweiten Ausgabe seiner Bauernkriegsgeschichte 1856 der Zensur gegenüber Konzessionen machte, da er an manchen Stellen sein Werk im Urteil abgemildert habe. Darüber hinaus wurde das Verhältnis Zimmermanns zum theologischen Gehalt von Müntzers Denken diskutiert, sowie die Gründe für die Rezeption von Zimmermanns Werk durch Friedrich Engels behandelt.

Die von Volker Rödel (Karlsruhe) geleitete dritte Sitzung war dem Politiker Wilhelm Zimmermann bzw. den politischen Verhältnissen seiner Zeit gewidmet. Im ersten Referat sprach Franz Quarthal (Stuttgart) über das Phänomen der aus politischen Gründen erfolgten Entlassung von Professoren im Württemberg des 19. Jahrhunderts. Dies war ein Schicksal, das auch Wilhelm Zimmermann zuteil wurde. Seit 1847 war er aufgrund der persönlichen Intervention des württembergischen Königs als Lehrer für Deutsch und Geschichte an der Polytechnischen Schule in Stuttgart tätig, der Vorläuferin der heutigen Universität. Schon bald wurde jedoch seine „parteiische“ Geschichtsauffassung gerügt. Ausschlaggebend für seine Entlassung war letztlich allerdings sein politisches Engagement auf Seiten der demokratischen Linken in der Paulskirche wie auch ab 1849 im Landtag von Württemberg. Zwar war er nach dem Ende der Revolution zunächst unbehelligt geblieben, doch von Seiten des Ministeriums wurde Material gegen ihn gesammelt, dessen Nutzung dann schließlich 1851 zu seiner Entlassung führte. Härtere Sanktionen, wie etwa Festungshaft musste er allerdings nicht erdulden. Nach Quarthal scheiterte Zimmermann als Lehrer letztendlich an seiner liberal-republikanischen Haltung und war für die württembergische Regierung nach 1848 nicht mehr tragbar. Prinzipiell gestand die Regierung die Lehrfreiheit an den Hochschulen zwar zu, jedoch fand diese ihre Grenzen in den Interessen des Staates, der die Ausbildung der Jugend zu guten Staatsbürgern gesichert sehen wollte. Derartige Disziplinierungsmaßnahmen, wie sie Zimmermann erfuhr, waren jedoch in Deutschland insgesamt wie auch in Württemberg im 19. Jahrhundert kein Einzelfall. Anhand von acht weiteren Beispielen der Landesuniversität Tübingen zeigte Quarthal die Umstände und Bedingungen auf, die zum einen zur Nichteinstellung suspekter, wenngleich fachlich qualifizierter Professoren führten, zum anderen aber Entlassungen und Bestrafungen von Hochschullehrern nach sich zogen. Dabei spielten nicht nur politische Vergehen eine Rolle, mindestens gleichbedeutend war religiös-konfessionelle Nonkonformität. Den so gemaßregelten Professoren bot allerdings die föderale Struktur des Deutschen Bundes vielfältige Gelegenheit andernorts unterzukommen.

Im zweiten Referat der Sitzung trug Eike Wolgast (Heidelberg) über Wilhelm Zimmermann als Abgeordneten der deutschen Nationalversammlung und im württembergischen Landtag vor. Zunächst richtete Wolgast sein Augenmerk auf Zimmermanns Aktivitäten in der Paulskirche. Dort gehörte er der Fraktion der Linken, dem „Donnersberg“, an. Seine Reden zeichneten sich dadurch aus, dass er „die jeweils zur Diskussion stehende Frage mit prinzipiellen Erwägungen und Feststellungen verband“. Ein Wesenszug, der noch seine späteren Auftritte im württembergischen Landtag charakterisierte. Wie schon in seinen schriftstellerischen Werken, war auch im politischen Bereich Zimmermanns Schlüsselbegriff die „Freiheit“. In der politischen Auseinandersetzung der Revolutionszeit stellte er dabei die Erlangung der politischen Freiheit vor die Verwirklichung der staatlichen Einheit Deutschlands und folgte hierin dem Credo der Demokraten. Wenngleich Zimmermann nicht zur politischen Spitzengruppe der Abgeordneten in der Paulskirche gehörte, hielt er doch Reden zu wichtigen Themen. In der Verfassungsfrage z.B. warb er offen für eine republikanische Lösung und plädierte später auch für die Anwendung von Gewalt als ultima ratio, um die Reichsverfassung zu retten. Zimmermann, der bis zur letzten Sitzung des Rumpfparlamentes dem Haus angehörte, konnte seine parlamentarische Tätigkeit bereits Ende 1849 als Abgeordneter des württembergischen Landtages fortsetzen. Dort war der Rahmen des politischen Wirkungsraumes zwar enger, doch, wie Wolgast hervorhob, zeigte sich Zimmermann nach dem Scheitern der Revolution keineswegs resigniert, sondern beteiligte sich an vielen Debatten, von Fragen des Wahlrechts und der Kirche, über Wirtschafts- und Steuerangelegenheiten, bis hin zu Fragen der Volksgesundheit. Wolgast charakterisierte ihn dabei als einen „bedeutenden Parlamentarier des zweiten Gliedes im württembergischen Landtag der Reaktionszeit“.

Die abschließende Diskussion bezog sich auf beide Vorträge der dritten Sitzung und wurde mit der Frage eröffnet, von wem die Ausschlüsse und Verweisungen der Professoren ausgegangen seien. Den Schwerpunkt der Diskussion bildeten jedoch die parlamentarischen Aktivitäten Zimmermanns. Hier wurde insbesondere die Frage aufgegriffen, was dieser unter der Freiheit der Kirche verstand, die er insbesondere in der Nationalversammlung verteidigt hatte.

Zum Abschluß der Tagung stellte Günter Randecker (Dettingen) den Wilhelm-und-Louise-Zimmermann-Geschichtsverein aus Dettingen an der Erms vor, einem Ort, an dem Zimmermann einige Jahre als Diakon gewirkt hatte. Der Verein widmet sich der Aufgabe, die Erinnerung an Zimmermann wach zu halten und betreibt dazu u.a. seit 1984 eine Gedächtnisstätte.
Schließlich schloss Anton Schindling (Tübingen) diese sehr anregende Tagung, deren Beiträge in einem Sammelband in der Publikationsreihe des Stadtarchivs Stuttgart erscheinen werden.

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Zitation
Tagungsbericht: Bauernkrieg und Revolution. 200 Jahre Wilhelm Zimmermann – Ein Radikaler aus Stuttgart, 02.03.2007 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 11.04.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1532>.
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Veröffentlicht am
11.04.2007
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