Charta 77 und der Kampf um Menschen- und Bürgerrechte

Ort
Prag
Veranstalter
Tschechisches Nationalmuseum; Fakultät für Kunst der Karlsuniversität Prag; Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften; Tschechoslowakisches Dokumentationszentrum Kooperationspartner: Hannah Arendt Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der Technischen Universität Dresden; Abteilung Archiv der Sicherheitsorgane des Ministerium des Innern der Tschechischen Republik Finanzielle Unterstützung: Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur; Konrad-Adenauer-Stiftung; Ministerium für Kultur der Tschechischen Republik
Datum
21.03.2007 - 23.03.2007
Von
Gert Röhrborn, Hannah-Arendt-Institut Dresden

30 Jahre nach der Erstunterzeichnung der Charta 77 widmete sich die Konferenz der Erforschung dieser historischen Handlung, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 und der Periode der „Normalisierung“ nicht nur für die Tschechoslowakei, sondern für den gesamten sowjetischen Herrschaftsbereich und letztlich auch für ganz Europa eine bedeutende Wegmarkierung darstellen sollte. Die Unterzeichnung war ein individueller Akt der Verteidigung der persönlichen Integrität gegen das vom Regime aufgezwungene „Leben in Lüge“, und brachte in erster Linie eine Gemeinschaft der Signatare hervor. Im Fahrwasser des unerwartet dynamischen Helsinki-Prozesses mit seinen Folgetreffen in Belgrad, Madrid und Wien entstanden überall östlich des Eisernen Vorhanges vom Regime unabhängige Vereinigungen, die zunehmend über Ländergrenzen hinweg Kontakt aufnahmen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten zusammenarbeiteten. In kleinen Schritten schufen sie den Nährboden für die Umwälzungsprozesse der Jahre 1988 bis 1991 und bildeten die ersten, zunehmend vernetzten Inseln einer noch heute im Wachsen begriffenen transnationalen europäischen Zivilgesellschaft. Der Beitrag des Ideenaustausches zwischen Charta 77, KOR und Solidarność für die Wiederannäherung zwischen Polen und der Tschechoslowakei nach dem Einmarsch im August 1968 sollte im Verlauf der Tagung gebührende Achtung finden. Gegen die historische Konjunktur der Politik der Détente zwischen den Blöcken wurde die unermüdliche Unterstützung der Arbeit der Charta durch das Netzwerk von im westlichen Ausland lebenden Exiltschechen sowie der unschätzbare Vorteil des Vertrauens der westlichen Medien in den Mittelpunkt des Interesses gestellt.

In einer großen einführenden Podiumsdiskussion unter Leitung von VILÉM PREČAN (Prag) wurde von führenden Protagonisten das historische Panorama entworfen, das für den Ablauf der Konferenz prägende Kraft entwickeln sollte. LUDMILLA ALEXEEVA (Moskau) verwies auf die in den 1970er-Jahren parallel verlaufenden Entwicklungen in den Ostblockstaaten, deren Verbindung zur lebenswichtigen Verteilung von Informationen über internationale und inner-sozialistische Entwicklungen beigetragen und so das Niveau oppositioneller Aufmerksamkeit und Aktivität entscheidend erhöht habe. JAN LITYŃSKI (Warschau) und MIKLÓS HARASZTI (Wien) hoben in ihren Beiträgen ebenfalls die Verfestigung der bereits seit dem Vorfeld des Prager Frühlings bestehenden Kontakte hervor. Wenn sich für die Regimekritik in der VR Polen mit der Verteidigung der Arbeiter und in der ČSSR mit der Verteidigung der Künstler auch recht unterschiedliche Ausgangspunkte identifizieren ließen, so sei damit doch der gemeinsame Albtraum der sozialistischen Staatssicherheitsdienste wahr geworden: das Unterlaufen der blockintern abgesprochenen Herrschaftspraxis gegenläufiger Wellen von Repression und Liberalisierung. Beide betonten auch die hohe Wirkung von Václav Havels Texten, die mit dem Aufzeigen sinnvoller und sinnstiftender Möglichkeiten des Widerstehens gegen die Mehrheits-Mentalität der „lustigsten Baracke des Camps“ einen individuell nicht zu unterschätzenden Katalysatoreffekt gehabt hätten. Wie schwierig sich die alltägliche Arbeit von Oppositionellen dennoch gestaltete, zeigten die Beiträge von GERD POPPE (Berlin) und MIROSLAV KUSÝ (Bratislava). Poppe betonte die Vorbildwirkung der Charta im Bereich von Menschenrechtsarbeit und Samisdat in der DDR, die – trotz persönlicher grenz¬überschreitender Kontakte wegen der verschärften Reisebeschränkungen in den 1980er-Jahren weitgehend auf sich allein gestellt – ihre „Verspätung“ kaum aufholen konnten. Kusý ging der Frage der fehlenden Ausstrahlung der Charta in den slowakischen Teil der ČSSR nach und bezeugte so den bis Ende der 1980er-Jahre begrenzten Aktionsradius der Chartisten. Zum Abschluss betonte VÁCLAV HAVEL (Prag) den existentialistischen Geist der „Solidarität der Bedrohten“, der die Unterzeichner über ideologische Grenzen hinweg als Individuen zusammengeschweißt und so die Internationale der osteuropäischen Regimekritik erst ermöglicht habe. Von entscheidender Bedeutung sei aber die verschärfte Wahrnehmung durch Vertreter der westlichen Politik seit dem Treffen zwischen MAX VON DER STOEL (Den Haag) und Jan Patočka gewesen. Ersterer hatte schon zu Beginn der Diskussion betont, die Fähigkeit der Charta zum Ausdruck einfacher menschlicher Wahrheiten habe diesen Brückenschlag ermöglicht.

Zur Eröffnung der Konferenz befasste sich das erste Panel zunächst mit den politischen Implikationen. JACQUES RUPNIK (Paris) entwickelte anhand der Menschenrechtsarbeit von Charta 77 die Dimension einer im Status nascendi befindlichen Sphäre europäischer Öffentlichkeit. MICHAEL KILBURN (Beverly, MA) gab den Konferenzteilnehmern die Ironien und Antinomien des Konzeptes der „Antipolitik“ zu bedenken, die stets Gefahr läuft, als nicht eigenständig lebensfähige Negation der Politik des Regimes mit eben jenem unterzugehen. BARBARA FALK (Toronto) und JAROSLAV CUHRA (Prag) widmeten sich in ihren Beiträgen der widersprüchlichen Beziehung zwischen Chartisten und Mehrheitsbevölkerung. Falk betonte dabei stärker die bewahrungswürdigen Potentiale regimekritischen Denkens und Handelns, während Cuhra die Begrenztheit dissidentischer Kommunikation mit breiteren Bevölkerungsschichten hervorhob. JAMES F. PONTUSO (Hampden-Sydney, VA) unterstrich die internationale Bedeutung der Charta-Aktivitäten durch seine Betrachtung der Rezeption von Charta 77 in den Vereinigten Staaten. Diese Perspektive sollte auf dem dritten Panel noch erheblich ausgeweitet werden.

Zunächst jedoch stand der Nachmittag ganz im Zeichen der Augenzeugen, ganz besonders der ersten Signatare. Dabei stand der Entstehungsprozess des Charta-Dokuments im Vordergrund. Es sei bereits ein erster Erfolg gewesen, dass man bis zur Veröffentlichung die Entstehung vor dem Staatssicherheitsdienst habe verschleiern können, so DANA NĚMCOVA. PETR UHL beschrieb hingegen die vorausgehende Beeinflussung durch das polnische KOR. Man habe aber trotz kontroverser Positionen dem Netzwerkmodell gegenüber einem Menschenrechtsausschuss den Vorzug gegeben, um das Potential eines jeden Unterzeichners als moralisch integerer Aktivist und Multiplikator zu nutzen. Gerade deswegen hätten die zur Teilnahme aufgeforderten Personen politisch ein großes Meinungsspektrum widergespiegelt. Auffällig war die Thematisierung von Fehlern und Fehlstellen: eine große Debatte entspann sich um das Für und Wider der gescheiterten Einbindung Dubčeks (PETR UHL, PAVEL KOHOUT, VILEM PREČAN), die politischen und soziokulturellen Gründe für die völlige Unterrepräsentanz slowakischer Aktivisten (JAN ČARNOGURSKÝ) und die Bewertung des Phänomens der so genannten „Anti-Charta“, die der Charta nicht nur inner-tschechoslowakische Aufmerksamkeit bescherte, sondern durchaus auch nützliche, aber verzagte Kräfte gebunden habe (JAROSLAV ŠABATA). Übereinstimmend wurde gefordert, nun auch die Rolle bereits verstorbener, sonst weniger beachteter Chartisten stärker zu beleuchten. Die als Begleitprogramm zur Konferenz im Erdgeschoss des Tagungsgebäudes (Fakultät für Kunst der Karlsuniversität) aufgebaute Ausstellung leistete hierzu einen ersten Beitrag.

Das dritte Panel erforschte unter Leitung von WOLFGANG EICHWEDE (Bremen) die Rezeption der Charta im Ausland und wurde mit einem Beitrag des Havemann-Spezialisten MANFRED WILKE (Berlin) eröffnet. Wilke verfolgte die frühe Berichterstattung des deutschen Nachrichten¬magazins DER SPIEGEL zur Charta und strich die solidarische Haltung führender Journalisten des Blattes heraus. BERND GEHRKE (Potsdam) ging der „Internationalisierung“ auf dem Niveau der politisch-oppositionellen Zirkel der späten 1970er-Jahre nach. Die Charta war nach den Erfahrungen von „Normalisierung“ und der „Biermann-Affäre“ für viele Regimekritiker in der DDR eine große Ermutigung, wenn sie auch von der per definitionem unpolitischen Form von Opposition enttäuscht bzw. verwirrt gewesen seien. Während der Atomphysiker und Vorsitzende der Stiftung Charta 77 FRANTIŠEK JANOUCH (Prag) einen begeisternden Einblick in die Welt des tschechischen Exils und seiner Bemühungen um die Beschaffung dringend benötigter technischer Geräte bot, gingen JAROSLAV PAŽOUT (Prag) und MILAN HAUNER (Madison, WI) auf die Solidaritäts¬bemühungen der Kultur- und Medienszene (Pažout) sowie die Beziehungen zu den Friedensbewegungen der westlichen Länder (Hauner) ein.

Der letzte Konferenztag widmete sich verstärkt inner-sozialistischen Themen¬stellungen. Das vierte Panel ging dabei ausschließlich auf die Bedingungen in der ČSSR ein. MARTIN MACHOVEC (Prag) wies sachkundig auf die Bedeutung des Underground als Nährboden und Rückzugsraum der Regimekritik hin und suchte dem Publikum die ambivalenten Rollen verschiedener Akteure verständlich zu machen; schließlich konnte es sich die Charta nicht leisten, alle Aktivisten gleichermaßen gegenüber der Staatssicherheit zu exponieren. Der Referent sparte aber auch nicht mit Kritik an Personen wie dem Rockguru Fischer-Bondý, der offensichtlich stark auf seine persönliche Ausstrahlung bedacht war und auch vor zwielichtigen Kontakten mit dem Geheimdienst nicht zurückschreckte. Dieser war jedoch von vorneherein in einer nachteiligen Position, würde doch jede Art von Repressionen gegenüber Chartisten deren Vorwürfe und Forderungen nur desto glaubwürdiger erscheinen lassen, so JIŘI GRUNTORAD (Prag). Deswegen konzentrierten sich die Organe auf die exemplarische Verfolgung weniger Symbolfiguren wie Vaclav Havel und Zdenek Mlenař und beschränkten sich ansonsten auf relativ formale Verhöre. Allerdings zeigten sie sich auch überrascht von der hohen Zahl von Offizieren aus Armee und Staatssicherheitsdienst, die zu den Erst¬unterzeichnern zählten (ca. 10%). Die tragische Rolle Jan Patočkas beruhte nach Ein¬schätzung PETR BLAŽEKs (Prag) offenbar auf dem Versuch des Philosophen, sich als Haupt¬verantwortlichen auszugeben, um möglichst große Aufmerksamkeit für die inhaltlichen Positionen der Charta zu erzeugen. PETR CAJTHAML (Prag) befasste sich anschließend mit der Propaganda in der regimetreuen Presse und dem Phänomen der Anti-Charta.

SVETLANA SAVRANSKAYA (Washington, D.C.) eröffnete das fünfte Panel zur Zusammenarbeit der Dissidenten im Ostblock. In ihrem Vortrag beschrieb sie das Dilemma, in das sich Gorbatschow manövriert hatte: Um den Westen für ein Ende des für die Sowjetunion desaströsen Wettrüstens zu gewinnen, musste er Fortschritte hinsichtlich der Einhaltung der Menschenrechte vorweisen. Es dürfe aber auch nicht aus den Augen verloren werden, dass die maßgeblichen Berater des neuen Generalsekretärs der KPdSU stark vom Prager Frühling beeindruckt gewesen seien und eine Öffnung des verkrusteten politbüro¬kratischen Systems befürwortet hätten. Angesichts der Lähmung der ansonsten so ver¬schiedenen mittelosteuropäischen Gesellschaften, die alle „eingeschlossen im gleichen bleiernen Sarg“ gewesen seien, so WOLFGANG TEMPLIN (Berlin), habe das selbstbewusste Auftreten der Chartisten Mut für das eigene regimekritische Engagement gemacht. ŁUKASZ KAMINSKI (Wrocław) ging demgegenüber detailliert auf die Annäherungsversuche zwischen polnischen und tschechischen Dissidenten ein, die bald auch zur gegenseitigen Wahrnehmung in den jeweiligen Zeitschriften des Samisdat führte. Das wechselseitige Interesse aneinander sei ebenso hoch gewesen wie später die durch die Verhängung des Kriegsrechts künstlich errichteten Kommunikationsbarrieren. JÁNOS M. RAINER (Budapest) beschrieb die Bedeutung der Charta vor dem Hintergrund großer dissidentischer Schriften wie des „Neuen Evolutionismus“ von Adam Michnik. Die Rezeption der Charta habe zur Klärung politischer Alternativmodelle (Marxismus, Liberalismus, Populismus) in Ungarn entscheidend beige¬tragen. Auf der Grundlage neuer Aktenfunde ging TOMÁSZ VILIMEK (Prag) nochmals näher auf die DDR und den „cauchemare des coalitions“ der Staatssicherheit ein. Das Misstrauen des MfS gegenüber der Entwicklung im südlichen „Bruderstaat“ sei so weit gegangen, dass es ohne Wissen des tschechoslowakischen StB eigene operative Gruppen in der ČSSR unterhielt.

In der Abschlussdiskussion zwischen den Historikern VILÉM PREČAN (Prag), OLDŘICH TŮMA
(Prag), JAMES PONTUSO (Hampden-Sidney, VA), THOMAS BLANTON (Washington, D.C.), MIROSLAV VANĚK (Prag) sowie den Charta 77 - Unterzeichnern ALENA HROMÁDKOVÁ, LIBUŠE ŠILHÁNOVÁ and JIŘINA ŠIKLOVÁ wurde die Notwendigkeit betont, das Gedächtnis der Zeitzeugen mit der historischen Forschung zu verbinden. Es wurde als eine einzigartige Chance bewertet, dass Augenzeugen und Historiker zugleich an der Erschaffung eines Geschichtsbewusstseins teilhaben könnten, das dem Handeln der historischen Akteure gerecht wird. THOMAS BLANTON wies mit Nachdruck darauf hin, dass die Archive in allen betroffenen Ländern, also sowohl jenen des ehemaligen Ostblocks wie auch der westlichen Welt, systematisch erschlossen werden müssten. Nur so könnten gemeinsame Forschungs¬aktivitäten mit belastbaren Ergebnissen zustande kommen. Es müsse endlich allen zu Bewusstsein kommen, dass der Kalte Krieg die ganze Welt betroffen habe.

Der Konferenz ist es durch ihre breite Anlage gelungen, Aufmerksamkeit für die Mitte der 1970er-Jahre zum Teil augenfällig parallelen Entwicklungen in den mittelosteuropäischen Ländern zu erzeugen. Die Entstehung des KOR in Polen, die sich in der Selbstverbrennung des Pfarrers Brüsewitz und der Biermann-Affäre manifestierende Krise in der DDR sowie die langsame, aber stetige Entstehungs- und Erfolgsgeschichte der Charta 77 rund um die Erinnerung an Jan Palach und das Engagement für „Plastic People of the Universe“ müssen stärker als bisher international vergleichend betrachtet werden. Auch die Möglichkeiten und Grenzen gegenseitiger inhaltlicher Beeinflussung harren weiter der Klärung. Der Berliner Appell von 1982 (Havemann/Eppelmann) und der Prager Appell der Charta von 1985 könnten als Ausgangspunkte einer solchen Betrachtung dienen. Als ungewöhnlich und positiv zugleich muss zudem der breite Raum hervorgehoben werden, der den historischen Akteuren einge¬räumt wurde. Nicht zuletzt das Konzert von „Plastic People of the Universe“ nach der Auftaktdebatte am Mittwochabend und die Vorführung des Filmes „Ženy Charty 77“ (Die Frauen von Charta 77) boten reichlich Anschauungsmaterial. Allerdings konnte im Verlauf der Konferenz, die im Gegensatz zum politischen Alltag ein großes tschechisches Medien¬interesse auslöste, nicht verborgen bleiben, dass auch heute noch eine zu große Nähe und Affinität zwischen Akteuren aus Politik, Wissenschaft und dem Umfeld der Charta vor¬herrscht. Zukünftige Tagungen und Forschungsprojekte sollten daher verstärkt auf kritische Distanz zwischen Wissenschaftlern und Zeitzeugen achten, wie sie sich auf dem Gebiet der DDR-Forschung nach Jahren scharfer geschichtspolitischer Auseinandersetzungen nun weitgehend etabliert hat.

Zitation
Tagungsbericht: Charta 77 und der Kampf um Menschen- und Bürgerrechte, 21.03.2007 – 23.03.2007 Prag, in: H-Soz-Kult, 24.04.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1546>.
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24.04.2007
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