Weder Ost noch West – Europa. Intellektuelle in Europa im Zeitalter der Blockkonfrontation (1945-1989)

Ort
Ksiaz
Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam); Europäisches Zentrum (Ksiaz); Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (Dresden); Masaryk-Universität (Brno)
Datum
10.04.2007 - 12.04.2007
Von
Enrico Sperfeld; Katja Hoyer

In der Zeit zwischen 1945 und 1989 stellte Europa in den Diktaturen Ost- und Ostmitteleuropas ein kaum öffentlich verhandeltes Thema dar. Dennoch existierte in diesen Ländern auch während des Kalten Kriegs ein Europa-Diskurs, der vor allem von Intellektuellen getragen wurde, die sich in eine gesamteuropäische Geistestradition stellten und aus ihr heraus argumentierten. Dabei stand das blockübergreifende Denken in deutlicher Spannung zur realpolitischen Lage, schuf damit aber auch Raum für neue Sichtweisen der gegebenen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Situation.

Einen Beitrag zum besseren Verständnis und zur näheren Erforschung derartig verhandelter Europa-Visionen wollte die Doktoranden-Tagung „Weder Ost noch West – Europa. Intellektuelle in Europa im Zeitalter der Blockkonfrontation (1945-1989)“ im niederschlesischen Schloss Fürstenstein vom 10. bis 12. April 2007 leisten. An der vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam) und dem Europäischen Zentrum im Schloss Fürstenstein unter Zusammenarbeit mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (Dresden) und der Masaryk-Universität (Brno) organisierten Konferenz beteiligten sich Doktoranden aus Polen, Deutschland, der Tschechischen Republik und der Ukraine.

In seinen einleitenden Begrüßungsworten betonte Dr. Jerzy Tutaj (Walbrzych) die Bedeutung des Einflusses von Religion und Politik auf die europäische Identitätsbildung. Beide Faktoren hätten kontinuierlich gewirkt und seien daher auch wesentlich für die europäische Einigung. Im Anschluss daran wurde im ersten Panel Porträts der Intellektuellen versucht ein Verständnis davon zu vermitteln, was das Wesen eines Intellektuellen und seine Perspektive auf Europa in den Zeiten der Blockkonfrontation ausmachen könnte. Dabei wurden sowohl osteuropäische als auch westeuropäische Protagonisten in den Blick genommen. Als deutliche Chance eines solchen individuell-personalisierten Vorgehens zeigte sich im Rahmen der Vorträge die Möglichkeit, spezifische Wissenstransfers zwischen Ost und West nachzuzeichnen und in ihrer intellektuellen Wirkung näher zu bestimmen.
Marcin Czyz (Lublin) behandelte in seinem Beitrag Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Mitteleuropa-Ideen in literarischen Essays. Im Mittelpunkt standen dabei drei auf Mitteleuropa bezogene zeitgenössische Werke des Tschechen Josef Kroutvor, des Italieners Claudio Magris und des Ukrainers Juri Andruchowitsch. Deren unterschiedliche Europa-Perspektiven bezog Czyz auf „apriorische Ideen“ über die Herausbildung einer mitteleuropäischen Identität, die er zuvor aus der europäischen Kulturgeschichte abgeleitet hatte.
Enrico Sperfeld (Dresden) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem polnischen Philosophen Jozef Tischner. Dieser habe seinen Zugang zum gesamteuropäischen Diskurs und seine Vertrautheit mit dem phänomenologischen Gedankengut deutscher und französischer Philosophen zur Ausarbeitung von Ideen genutzt, die erst im historischen Kontext und in der nationalen Debatte – beispielsweise in der Debatte um den Arbeitsbegriff im Zuge der Solidarnosc-Proteste – ihre originelle Form und besondere Wirkungskraft hätten entfalten können.
Leszek Iwulski (Wroclaw) referierte schließlich über den französischen Philosophen und Soziologen Raymond Aron. Liberale Intellektuelle wie Aron hätten in Frankreich im Ereignisumfeld des Jahres 1968 ihre Ideen sowohl gegen marxistische als auch gegen gaullistische Kritik verteidigen müssen. Diese besondere Stellung Arons zwischen den ideologischen Blöcken habe ihm seinen unkonventionellen Blick auf die Entwicklungsperspektiven Europas ermöglicht.

Das zweite Panel befasste sich mit den Intellektuellen im Exil und führte damit vor Augen, dass eine Reihe von Publizisten und Denkern aus dem Osten nicht nur von Zuhause aus Europavisionen erdachten, sondern in der Emigration innereuropäische Begegnungen auch praktisch erfuhren. Die unterschiedlichen Schicksale ihrer Heimat beschäftigten sie auch dort. Sie diskutierten gesamteuropäische, ostmitteleuropäische und nationale Themen, die zumeist auf die Schaffung zwischenstaatlicher Kontakte und Kooperationen und langfristig auf eine Überwindung der starren militärischen Blockbindungen abzielten. Die Dialogpartner der Akteure entstammten dabei ganz unterschiedlichen Gruppen, wie die drei Beiträge innerhalb des Panels zeigten.
Anna Arndt (Berlin) beschäftigte sich in ihrem Beitrag mit den sich wandelnden Europavorstellungen Juliusz Mieroszewskis in der polnischen Exilzeitschrift Kultura. Im Jahr 1968 hätten sich seine Visionen von einem neutralen, vermittelnden Europa hin zu einer aufgerüsteten europäischen Großmacht verschoben. Mieroszewski habe dabei sowohl zu Verhandlungen unter den Regierungen als auch zu einer Zusammenarbeit ostmitteleuropäischer Oppositionen aufgerufen.
Olha Voznyuk (Lwiw) konzentrierte sich mit der Betrachtung des polnisch-ukrainischen Verhältnisses auf eine andere Form internationaler Zusammenarbeit im Kalten Krieg. Ebenfalls unter Bezugnahme auf die Kultura zeigte sie am Beispiel der persönlichen Beziehungen zwischen derem Hauptredakteur Jerzy Giedroyc und dem ukrainischen Exilanten Bohdan Osadczuk, wie durch den Dialog nicht nur der politische Spielraum einzelner Nationen erweitert, sondern auch für die Zukunft ein friedliches Miteinander in einer europäischen Region vorbereitet werden sollte.
Im Anschluss widmete sich Katja Hoyer (Jena) in einem dritten Beitrag den Protagonisten des Prager Frühlings im Exil und ihrem ambivalenten Verhältnis zum Eurokommunismus. Sie verdeutlichte die in diesem Zusammenhang geäußerten Hoffnungen der Exilanten auf eine Wiedervereinigung der europäischen Arbeiterbewegung. Letztlich habe jedoch die Skepsis der Emigranten überwogen und sie verstärkt nach anderen Kooperationspartnern in der westlichen Linken suchen lassen.

Die Betrachtung vorwiegend tschechoslowakischer Intellektueller bildete einen Schwerpunkt des dritten Panels. Vorgestellt wurden hier verschiedene Sichtweisen auf die Teilung Europas, die daraus hervorgehenden Effekte auf den Kontinent und einzelne Nationalstaaten sowie Ansätze zur Überwindung der Bipolarität. Dabei zeigte sich auch stärker als in den anderen Tagungssektionen, dass Intellektuelle oft durch die Generation geprägt werden, der sie angehören. Zugleich wurde hier einmal mehr deutlich, dass Vorstellungen von Europa nicht statisch sein müssen, sondern sich im Zuge politischer und individuell persönlicher Entwicklungen und Veränderungen entscheidend wandeln können.
Zu Beginn stellte Dirk Mathias Dalberg (Dresden) in seinem Vortrag Gedanken Vaclav Havels und György Konrads zu einer Überwindung der Blocksituation innerhalb Europas zur Diskussion. Die von den beiden Akteuren als unhaltbar empfundene Teilung des Kontinents sei von ihnen auf ein technisch-entpersonalisiertes Politik- und Machtverständnis der Großmächte zurückgeführt worden. Als Ausweg hätten sie deshalb ein Politikverständnis vorgeschlagen, welches das Individuum und sein moralisch-freiheitliches Handeln wieder stärker in den Blick rückte und damit auch eine Grundlage für ein unabhängiges, einiges Europa sein sollte.
Der Beitrag von Christian Domnitz (Berlin) verdeutlichte am Beispiel Jiri Hajeks die Wandlungsfähigkeit von Europavorstellungen im Rahmen allgemeiner politischer Positionen. Der antiwestliche, geopolitische Europabegriff des Stalinisten Hajek sei nach und nach von einer dialogorientierten, blockübergreifenden Europapolitik des Menschenrechtlers Hajek abgelöst worden. Domnitz machte auf die hohe Bedeutung derartig zwischen den Blöcken vermittelnder Intellektueller vor 1989 aufmerksam, wies aber auch auf das Schwinden ihres Stellenwerts nach dem Ende des Kalten Krieges hin.
In einem dritten Beitrag stellte Jan Mervart (Hradec Kralove) mit Ivan Svitak einen kritischen ostmitteleuropäischen Denker vor, der – auch geprägt von den eigenen Geschichtserfahrungen – das Schicksal seines Heimatlandes stark vom Charakter einer zukünftigen europäischen Politik abhängig machte. Nur in einem einheitlichen und von den Großmächten unabhängigen Europa sei ein Ausweg für die Probleme kleiner Staaten auf dem Kontinent zu sehen.

Das Panel Kunst und Kultur verdeutlichte im Anschluss, dass Intellektuelle mit einer Tendenz zum blockübergreifenden Denken und Handeln als Unterstützer oder auch als Opponenten der nationalen und internationalen Kulturpolitik ihrer Länder auftreten konnten. Das Bestreben der diktatorischen Regime in Ostmitteleuropa und der DDR, die kulturelle Sphäre zu lenken und in ihren Dienst zu nehmen, wurde dabei genauso herausgestellt wie die Tatsache, dass Publizisten, Musiker und Künstler trotzdem Freiräume für sich zu nutzen wussten und z.T. sogar aus der Frontstellung gegenüber den kulturellen Vorgaben ihre spezifische (europäische) Identität bezogen.
Martin Hromek (Brno) beschäftigte sich in seinem Beitrag mit dem Zustandekommen des staatlichen französisch-tschechoslowakischen Kulturabkommens (1967), das die nach dem 2. Weltkrieg nahezu abgerissenen Kulturbeziehungen zwischen den Ländern wiederbeleben sollte. Er stellte dabei die Rolle, welche intellektuelle Mitglieder der KPTsch in diesem Prozess einnahmen, deutlich heraus. Zugleich betonte er die Wirkung, welche die Besuche französischer Intellektueller in der Tschechoslowakei gehabt hätten.
Michal F. Runowski (Berlin) sprach über Orgelmusik in der DDR und der Volksrepublik Polen. Staatliche Vereinnahmungsversuche in Form einer Verweltlichung des Instruments hätten zunächst verstärkt zu einer bewussten Verwendung sakraler Musikelemente auf Seiten der Künstler geführt. Dies habe wiederum insbesondere seine Wirkung auf die Jugendlichen in der DDR nicht verfehlt, welche durch ihre Musikrezeption den somit durch die Orgel geschaffenen Raum der Freiheit als eine stille Protestform zu nutzen gewusst hätten.
Patryk Wasiak (Warszawa) vertrat schließlich die These, dass die schönen Künste des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg als Hauptbezugspunkt für die ostmitteleuropäische Kunst gedient hätten. Die Besetzung nationaler Kulturtraditionen durch die Regime habe zu einer bewussten Hinwendung zu übergreifenden europäischen Traditionsbeständen geführt und damit die kulturelle Identität der ganzen ostmitteleuropäischen Region geprägt.

Im Verlauf der Tagung war bereits in verschiedenen Beiträgen deutlich geworden, dass die jeweilige nationale Zeitschriftenlandschaft eine entscheidende Rolle für die Betätigung vieler Intellektueller spielte. Dieser Aspekt wurde schließlich mit dem fünften Panel Intellektuelle und die Presse noch einmal gezielt in den Blick genommen. Nachdem die wichtige Rolle von Exilzeitschriften – wie z.B. der Kultura – bereits in den vorangegangenen Panels ein Thema gewesen war, wurden nunmehr polnische Publizisten vorgestellt, die in offiziellen Zeitschriften ihres Heimatlandes veröffentlichten.
Katarzyna Barton (Lublin) berichtete über Mieczyslaw F. Rakowski, der als Chefredakteur der Polityka öffentlich immer innerhalb der vom System vorgegeben Grenzen des Erlaubten agierte. Seine politische Karriere verlief geradlinig und gipfelte 1988 in der Berufung zum Ministerpräsidenten, obwohl er beispielsweise nach 1968 auch antisowjetische Tendenzen in der Polityka verantwortete. Eindeutig systemkritische Gedanken fänden sich jedoch nur in Rakowskis Tagebüchern.
Im Gegensatz zu Rakowski geriet Stefan Kisielewski, über den Paulina Gulinska-Jurgiel (Potsdam) referierte, mit seinen provokanten Beiträgen für die oppositionelle liberal-katholische Wochenzeitung Tygodnik Powszechny immer wieder ins Blickfeld der Zensur. Bezogen auf Europa habe er eine vermittelnde Position zwischen den Blöcken einnehmen wollen, wobei er oft – wie gezeigt wurde – aus einer polnischen Identität heraus argumentierte und sich auch kritisch ihr gegenüber verhielt.

Die Teilnehmer der abschließenden Podiumsdiskussion debattierten unter Leitung von Christian Domnitz zunächst über den Stellenwert, den der europäische Föderalismusgedanke in der zeithistorischen Forschung im allgemeinen und auf der Suche nach dem Typus eines europäischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert im besonderen einnehmen sollte. Jose Maria Faraldo (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) und Gert Röhrborn (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden) sprachen sich dabei gegen eine Überbewertung des Föderalen und für eine Berücksichtigung des Nationalen und Regionalen aus. Eine teleologisch vereinheitlichende Betrachtung europäischer Geschichte im 20. Jahrhundert führe mehr und mehr zur Erforschung einer Idee, verschließe aber die Augen vor der Wirklichkeit mit all ihrer Pluralität, so Faraldo. Die Tatsache, dass sich viele Tagungsbeiträge auf Europagedanken aus einem nationalstaatlichen Rahmen heraus bezogen hätten, zeige jedoch die Bedeutung dieser Wirklichkeit. Zudem seien die Intellektuellen nicht nur an ihren Gedanken, sondern auch an ihrem konkreten Handeln zu messen. Vladimir Gonec (Masaryk-Universität, Brno) plädierte dagegen deutlich für die Erforschung föderalistischer Tendenzen. Bei der Untersuchung grenzüberschreitender Regionen ließe sich über Kulturräume wie beispielsweise Brno-Wien, die über eine historisch begründete Kulturidentität verfügten, weit weniger in Erfahrung bringen, wenn man sich allein auf das Einnehmen nationaler Perspektiven beschränke.
In der Frage der Perspektive forderte Röhrborn zudem einen verstärkten Blick auf den konkreten Menschen. Im Falle der Intellektuellen gewähre ein solcher Zugang auch Antworten auf die Frage, ob die Akteure innerhalb der ihnen vorgegebenen europäischen Systeme agierten oder ob sie außerhalb derselben Position bezögen. Bereits bestehende Typisierungen von Intellektuellen als funktional-konstruktiv, individuell-destruktiv oder auch als aktiv eingreifende Individuen könnten somit vielleicht auch für die Bestimmung eines europäischen Intellektuellen genutzt werden, für welche sie bisher nur in sehr geringem Maße anwendbar gewesen seien.
Die Fragen, wie das Denken und Handeln der Intellektuellen zwischen nationalen Traditionen und europaweitem Wissenstransfer zu verorten sei und welcher Erkenntnisgewinn sich aus einem solchen Zugang ergeben könnte, bestimmten dann auch noch einmal die mit dem Plenum geführte Diskussion. Der Austausch über die Forschungsperspektiven ergab, dass der historische Blick auf Intellektuelle im Zeitalter der Blockkonfrontation immer die (nationale oder regionale) Kontextualisierung von Ideen zu berücksichtigen habe. Außer auf das Agieren im Spannungsfeld zwischen nationalem und europäischem Diskurs sollte das Augenmerk der Forschung jedoch auch auf Kategorien intellektueller Reflexion und Verarbeitung wie z.B. Ironie, Vorsicht, Humor, Zusammenarbeit, Verantwortung oder Grenzenbewusstsein gelenkt werden, wie Leszek Iwulski abschließend betonte.

Insgesamt zeigte die Tagung eine Vielfalt möglicher Themen auf, die sich mit der Erforschung von Intellektuellen im Europa der militärischen Blöcke verbinden kann. Sie problematisierte vor allem auch die Wahl der Forschungsperspektiven und die aus ihr hervorgehenden Chancen und Risiken. Bezugnehmend auf das Rahmenthema hätte man sich jedoch das noch stärkere Einbeziehen von Betrachtungen über westliche Intellektuelle aus dieser Zeit gewünscht. Dies hätte die geführten Diskussionen vermutlich um weitere wichtige Perspektiven bereichern können.

Kontakt

Paulina Gulinska-Jurgiel

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+49/331/6208034
+49/331/28991-40
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Zitation
Tagungsbericht: Weder Ost noch West – Europa. Intellektuelle in Europa im Zeitalter der Blockkonfrontation (1945-1989), 10.04.2007 – 12.04.2007 Ksiaz, in: H-Soz-Kult, 14.05.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1555>.
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14.05.2007
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