Strukturwandel in den Osteuropawissenschaften? Internet und elektronische Medien im wissenschaftlichen Alltag

Ort
Zürich
Veranstalter
Mira Jovanović; Daniel Ursprung; Stefan Wiederkehr; Forum Ostmittel- und Südosteuropa (FOSE)
Datum
31.03.2007
Von
Jérôme Brugger, Bern

Das achte Arbeitstreffen des Forum Ostmittel- und Südosteuropa (FOSE) befasste sich mit den Folgen der Entwicklungen des Internets und der elektronischen Medien für die Osteuropawissenschaften. Praktische Probleme, unausgeschöpfte Potenziale sowie methodische Veränderungen wurden aus der Sicht von Forschenden, Lehrenden, Bibliotheken und Betreiberinnen und Betreibern von elektronischen Angeboten diskutiert. Klar wurde, dass die technischen und inhaltlichen Angebote sich rasch weiterentwickeln und sich im Umgang mit Online-Inhalten nach wie vor ungelöste methodische Fragen stellen. Das Arbeitstreffen zeigte dazu verschiedene Lösungsansätze in konkreten Projekten.

Stefan Wiederkehr eröffnete das Arbeitstreffen mit dem Hinweis, dass der Sammelband „Sport zwischen Ost und West“, welcher aus der FOSE Tagung von 2005 entstand, eben erschienen ist [1]. Die Eröffnungsdiskussion, welche Christiane Floyds [2] und Peter Habers [3] Überlegungen zur Bedeutung des Internets für wissenschaftliche Erkenntnis als Ausgangspunkt hatte, zeigte die Bandbreite der Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Sowohl der konkrete Umgang mit einzelnen Informations- und Publikationsangeboten als auch theoretische Fragen nach der Wirkung dieser laufenden Entwicklung wurden diskutiert. Sicher ist aber, dass die Methoden der Geschichtswissenschaft mit ihrer Privilegierung des gedruckten Wortes schlecht mit unstabilen, elektronischen Inhalten umgehen können. Nachvollziehbarkeit, auch in einer sehr langen Perspektive – vielleicht auch zugunsten einer späteren Historiografiegeschichte – kann für elektronische Inhalte nach wie vor schlecht sichergestellt werden.

Die Vorzüge des Mediums Internet werden von verschiedenen Diskutantinnen und Diskutanten aber auch hervorgehoben: Bilder können günstig publiziert werden, audiovisuelle Dokumente können über die Form der Transkription hinaus zugänglich gemacht werden und letztlich ist die Recherche einfacher geworden und erfordert im ersten Schritt meist keine Präsenz vor Ort. Was das Internet als Publikationsmedium betrifft, wurde das – zumindest bislang – fehlende Renommee dieser Möglichkeit erwähnt, es wurde aber darauf hingewiesen, dass bei Online-Publikationen die Visibilität größer ist. Diskutiert wurden auch Entwicklungen, welche das Internet für Publikationszwecke attraktiver machen: Urheberrechtsfragen werden reglementiert und die Prä- oder Post-Publikation von Projektergebnissen im Internet wird von Geldgebern zunehmend verlangt.

Olivia Griese (LMU München) erörterte in ihrem Referat die Konzeption des Portals virtuellen Fachbibliothek Osteuropa [4], an dem sie als Projektkoordinatorin beteiligt ist. Mit diesem Angebot, das seit 2003 online ist, sollen verschiedene Informationen über Osteuropa - verstanden als epochenübergreifender, historisch-struktureller Regionalbegriff - über Einheitlichkeit, Selektion und logische Ordnung zugänglich gemacht werden. Olivia Griese stellte dabei die Lösungsansätze des Portals im Umgang mit den Sonderzeichen der osteuropäischen Sprachen vor und ging auf die Probleme bei der Integration von verschiedenen Datenbanken in eine Metasuche ein. Daneben erläuterte sie das Dilemma, bei der Definition von Schlagwortkatalogen sowohl der größtmöglichen Kompatibilität mit anderen Datenbanken aber auch der zutreffenden Katalogisierung gerecht werden zu müssen. Ihr Referat zeigte, dass die ViFa Ost ein gutes Arbeitsmittel für die Informationsrecherche zu Osteuropa ist, aber je mehr Datenbanken ein Recherchetool umfasst, umso mehr Wissen über die Funktionsweise und technisch bedingten Einschränkungen müssen die Benutzerin und der Benutzer haben.

Heidi Hein-Kircher (Herder-Institut, Marburg) stellte mit der Internet-Quellenedition „Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte“ [5] ein Projekt vor, welches für die Hochschullehre konzipiert wurde. Die Referentin und Projektverantwortliche stellte dar, wie das Angebot die veränderten Bedürfnissen und das neu erwachsene Interesse an polnischer und böhmisch-tschechischer Geschichte im Zuge eines erweiterten Blicks der allgemeinen Geschichte bedient. Dieses Modellprojekt bietet einerseits Textquellen in Originalsprache, Übersetzung und Faksimile sowie weitere Quellenmaterialien und didaktische Hilfen, verzichtet aber auf längere Einführungen zu den Themen. Das gegenwärtig aufgeschaltete Pilotmodul zur Zweiten Polnischen Republik würde im Laufe des Jahres durch weitere thematische Module ergänzt, sodass auch die intendierte Verlinkung zwischen den nationalgeschichtlich ausgerichteten Themenblöcken umgesetzt werden könne. Die Qualität der Inhalte wurde durch die Erarbeitung als Forscher-Netzwerk und einem Peer-Review-Verfahren sichergestellt für die ein Herausgebergremium verantwortlich zeichnet. Copyrightfragen seien bei älteren Quellen leicht zu lösen, hingegen sind die Kosten für einige wünschenswerte audiovisuelle Inhalte zu hoch, um diese zugänglich machen zu können. Mit diesem Projekt soll, so Hein-Kircher, dank der Zugänglichkeit ohne spezialisierte Sprachkenntnisse auch der Marginalisierung der ostmitteleuropäischen Geschichte in der Hochschullehre vorgebeugt werden.

Am Nachmittag beleuchtete Stefan Wiederkehr (DHI Warschau) die Auswirkungen des tiefgreifenden Strukturwandels im Bibliothekswesen für die Spezialbibliotheken mit Schwerpunk Osteuropa. Ausgehend von der Frage, ob die Spezialbibliotheken der Osteuropawissenschaften zu den Gewinnerinnen oder Verliererinnen der aktuellen Entwicklungen gehörten, formulierte er Bedingungen und Strategien, welche die Bibliotheken zu einer Verbesserung ihrer Dienstleistung führen sollen. Als Erstes bilanzierte der Referent die Auswirkungen der digitalen Katalogisierung und den Zusammenschluss von Bibliotheken in Verbünden aus Sicht der Spezialbibliotheken. Bei dieser Optimierung der Anschaffungen profitierten die Osteuropa-Bibliotheken relativ wenig, da die Verbünde meist nach geografischen Kriterien geschaffen würden und der Schwerpunkt Osteuropa weiterhin nur von einer Bibliothek abgedeckt wird. Nachteilig wirke sich die vereinheitlichte Verschlagwortung nach Thesauren aus, welche zu grob sind, um die Spezialgebiete sinnvoll zu ordnen. Auch in der Frage der Lizenzen würden fachspezifische Wünsche in den großen Verbünden tendenziell schlechter berücksichtigt, insbesondere weil sich Lizenzkosten nicht aufteilen ließen. Die Konzentration auf einige Spezialbibliotheken wiederum schaffe für die Bibliotheksbenutzer Nachteile, da Fernleihgebühren auf sie umgelegt würden. In der Frage der Archivfunktion einer Bibliothek machte Wiederkehr klar, dass die Aussonderung älterer Bestände, gerade wenn sie mit Retrodigitalisierungen einhergingen, nicht im Sinne der Bibliotheksbenutzer sind, dieser Aufwand belaste das Budget für Neuanschaffungen. Weil aber eine Konzentration auf das traditionelle Medium Buch zu einem Image der Rückständigkeit führen könnte, ist für den Referenten das Zusammenführen von gedruckten und digitalen Informationen auch für die Spezialbibliotheken unverzichtbar. Deshalb sieht Wiederkehr wissenschaftspolitisches Lobbying für eine kostenlose und gute Versorgung der Benutzerinnen und Benutzer und eine stärkere kooperative Vernetzung zwischen den Fachbibliotheken als gebotenen Weg, um eine Hierarchisierung zu verhindern.

Peter Haber (Basel) gliederte sein Referat „Geschichte schreiben im digitalen Zeitalter“ in drei Arbeitsbereiche, die nacheinander in die Geschichtswissenschaft Einzug gehalten haben. Seit ungefähr 1996 sei das Internet zunehmend zum ersten Rechercheinstrument für Historikerinnen und Historiker geworden. Ab 2001 diente das Internet auch der Repräsentation von Wissen und ab circa 2006 seien Formen der kollaborativen Erarbeitung von Wissen im Internet wichtiger geworden. Zur Recherche zeichnete Haber die Geschichte von den Zettelkästen über telnet-Zugriffe auf Bibliothekskataloge zu den aktuellen Suchmaschinen und digitalen Bibliotheken nach. Spezifisch für die Osteuropawissenschaften erwähnte Haber das Projekt der Central and Eastern European Online Library [6], wobei die technische Umsetzung der Digitalisierungs- und Datenbankprojekte nicht in jedem Falle optimal sei. Als Beispiele für die Repräsentation von Wissen erwähnte der Referent H-Soz-u-Kult, wo die Inhalte in verschiedenen elektronischen Formen aufbereitet werden, Webauftritte von Instituten und Forschungseinrichtungen sowie beispielhaft für Projektseiten Kakanien Revisited [7]. Als weitere Form der Wissensrepräsentation machte Haber auf die von Historikern erst zögerlich genutzte Möglichkeit von Blogs aufmerksam, unter anderem den vom ihm mitbetreuten Blog [8] zu Geschichtswissenschaft und elektronischen Medien. Für kollaboratives Arbeiten betonte Haber vom bekanntesten Phänomen, der Online-Enzyklopädie Wikipedia, ausgehend, dass das Wiki-Prinzip und die dazugehörige Software auch in einem professionellen Kontext verwendet werden könne, und dass verschiedene, unter „Social Bookmarks“ zusammengefasste Dienste, auch ein einfaches Teilen von recherchierten Informationen über das Internet möglich machen. Für die Zukunft sieht der Referent vier Themenblöcke, mit welchen die Geschichtswissenschaft sich beschäftigen werden müsse. Erstens schreiten verschiedene Digitalisierungsprojekte voran, welche die Verfügbarkeit von gewissen Dokumenten auf Distanz möglich machen. Zweitens würden sich die „Gatekeeper-Funktionen“ von Bibliotheken, Enzyklopädien, Suchmaschinen, Zeitschriftenredaktionen und Verlagen verändern. Drittens müsse man einen Augenmerk auf die „opération historiographique“ richten, also die ganz konkrete Arbeitsweise, welche sich durch die neuen technischen Möglichkeiten weg vom Zettelkasten hin zu computergestützten Lösungen entwickelt. Als viertes Thema würde sich die Geschichtswissenschaft dem Thema von Original und Kopie zuwenden müssen. Vor allem in der akademischen Lehre stelle sich die Frage der wissenschaftlichen Redlichkeit, in welcher der Referent für Diskussion anstatt einer standardisierten technischen Überprüfung von Arbeiten plädierte, welche in seinen Augen eine Festschreibung der Betreuungsverhältnisse bedeuten würde.

Daniel Ursprung (Zürich) fasste die Ergebnisse des Tages zusammen und begründete die Aktualität des Arbeitstreffen-Themas mit den Diskrepanzen zwischen den technischen Möglichkeiten und den eingespielten Vorgängen in der Geschichtswissenschaft. Die Kernkompetenz der Historikerin und des Historikers sei aber nach wie vor die Strukturierung großer Informationsfluten. Um diese Kompetenz weiter wahrnehmen zu können, sei aber die Nutzung der neuen Dienste und die Verwendung der drei Möglichkeiten, welche Haber in seinem zu Beginn der Tagung diskutierten Aufsatz ausmacht, nötig: kollaboratives Arbeiten, Hypertextualität und Multimedialität. In der Schlussdiskussion wurde nochmal klar, dass konkrete Fragen einen wichtigen Teil des Themas ausmachen. Plattformen des Austauschs sowie die fachliche Beratung durch Bibliothekarinnen und Bibliothekare als „Wissensprofis“ machen es dem Einzelnen leichter, den Überblick über unterschiedlichste Angebote zu behalten. Im Zuge der raschen Entwicklungen der Angebote bleibt die Befürchtung, dass die Kosten für neue, elektronische Angebote auf die einzelnen Bibliotheksbenutzerinnen und –benutzer abgewälzt werden, gerade in den kleineren Fachgebieten, wie die Osteuropawissenschaften eines sind. Ziel soll dabei sein, dass die Dienstleistungen von Bibliotheken für die Forschenden weitgehend kostenlos bleiben.

Damit war das achte Arbeitstreffen sowohl von praktischem Nutzen als auch anregend was künftige methodische und wissenschaftspolitische Entwicklungen anbelangt. Es zeigte sich aber auch, dass in den Diskussionen der allgemeine Blick auf die Herausforderungen der Geschichtswissenschaft oft die spezifischen Fragen für die ostmittel- und südosteuropäische Geschichte in den Hintergrund rücken ließen. Beispielsweise zeigen sich gerade in der Umsetzung von Datenbank- und Digitalisierungsprojekten große Unterschiede zwischen den Ländern der Region: Das große elektronische Angebot der Ungarischen Nationalbibliothek [9] ist eine Ausnahme verglichen mit den bescheidenen Internetauftritten anderer Bibliotheken und Archive Südosteuropas. Die konkreten Hinweise auf Angebote und Lösungsansätze zeigten klar, dass Kenntnis von und Erfahrung mit elektronischen Angeboten Grundlage für methodische Diskussionen sind. Das Arbeitstreffen wurde so seiner Bezeichnung gerecht und zeigte Richtungen einer Entwicklung an, die es aufmerksam und kritisch weiter zu verfolgen gilt.

Anmerkungen:
[1] Malz, Arié; Rohdewald, Stefan (Hrsg.), Sport zwischen Ost und West. Beiträge zur Sportgeschichte Osteuropas im 19. und 20. Jahrhundert (Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau, Bd. 16), Osnabrück 2007.
[2] Floyd, Christiane, Esse est percipi? To Be is to Be Accessed!, in: Epple, Angelika; Haber, Peter (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil des Internets für die historische Erkenntnis. Version 1.0 (= Geschichte und Informatik 15), Zürich 2005, S. 57-71.
[3] Haber, Peter, Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter. Eine Zwischenbilanz, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 56 (2006), S. 168-183.
[4] <http://www.vifaost.de> (06.05.2007)
[5] <http://quellen.herder-institut.de/> (06.05.2007)
[6] <http://www.ceeol.com/> (06.05.2007)
[7] <http://www.kakanien.ac.at/home> (06.05.2007)
[8] <http://www.hist.net> (06.05.2007)
[9] <http://mek.oszk.hu> (06.05.2007)

Zitation
Tagungsbericht: Strukturwandel in den Osteuropawissenschaften? Internet und elektronische Medien im wissenschaftlichen Alltag, 31.03.2007 Zürich, in: H-Soz-Kult, 07.05.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1560>.
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Veröffentlicht am
07.05.2007
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